Alles Opfer oder was?

Der badenwürtemgergische Ministerpräsident Oettinger hat seinem kürzlich verstorbenen Vorgänger Filbinger unlängst bescheinigt, Nazigegner gewesen zu sein. Die Leiden der Deutschen durch Krieg, Flucht und Vertreibung stehen hoch im Kurs.   

Meine Schwester schrieb mir dazu nachstehenden Text. Und ich ihr eine Art Antwort. Da die Texte nicht nur sie und mich betreffen, finden sie sich jetzt hier.

Nachgetragen ist die Reaktion meiner Freundin Ulli Jensen auf diesen Austausch. 

Berlin, 5.5.07

Neulich blätterte mein Mann, ohne etwas Böses zu ahnen, in einem Bücherkatalog. Er las mir die Titel zweier Bücher vor: 1. gegen das Vergessen -  Die Vertreibung der Deutschen. 2. Der Holocaust und die Folgen.In dieser Reihenfolge und in diesem Zusammenhang.

Offensichtlich wird die Geschichte in der letzten Zeit anders geschrieben. Flucht und Vertreibung der Deutschen beherrschen zunehmend die Medien. Sind die Deutschen doch die Opfer? Filbinger soll laut Oettinger ein Widerstandskämpfer gewesen sein, also fast selbst ein Opfer. Oettinger wurde zwar zurückgepfiffen, aber wer waren denn nun die Täter?

Unbestreitbar haben die Deutschen an dem Krieg und an den Folgen des Krieges gelitten. Ich bestreite auch nicht, dass mehr als 12 Millionen Deutsche vertrieben wurden.Aber da bleibt die entscheidende Frage nach Ursache und Wirkung.

Was wäre, wenn die Deutschen Polen und  die anderen europäischen Länder nicht überfallen hätten, wenn sie diesen Krieg nicht angezettelt hätten, nicht Millionen Menschen in ihrem Namen vertrieben, verschleppt, ermordet, zur Zwangsarbeit gezwungen worden wären? Dann gäbe die Filme über die Vertreibung der Deutschen gar nicht, weil es keine Vertreibung gegeben hätte.

Aber die Verbrechen der Deutschen hat es gegeben. Die ehemaligen Häftlinge und Zwangsarbeiter, Überlebende des Genozids, sind bis heute traumatisiert, ihnen wurden nicht nur Jahre ihres Lebens, sondern ihr Lebensglück geraubt.

Welcher deutsche Nicht-Jude hat nach der Befreiung zu seinen in der Emigration oder den Lagern überlebenden jüdischen Mitdeutschen gesagt: Ihr ehemaligen Nachbarn, Mitschüler, Freunde, Arbeitskollegen, die wir vertrieben haben, wir bitten euch: Kommt zurück, wir möchten mindestens versuchen, einen kleinen Teil wieder gut zu machen an dem Grauenhaften und Schrecklichem, was wir Euch und Euren Verwandten angetan haben. 

Leider hat niemand diese Worte gesagt. Es dauerte auch noch Jahrzehnte, bis ehemalige Deserteure eine Rehabilitation erfuhren. Und heute wagt es ein konservativer Politiker, einen Naziblutrichter zum Widerstandskämpfer zu stilisieren, einen, der bis nach Kriegsende Todesurteile verhängte und hinterher sagte: Was gestern Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.

Die meisten Deutschen wollen heute nicht mehr an Auschwitz erinnert werden, es ist ihnen eine Last.

Aber diese  Last ist noch nicht einmal der millionste Bruchteil der Last, den die Opfer zu tragen haben und hatten.Was war also der Anfang? Was war die Ursache? Die Vertreibung der Deutschen?

Sie war das Ende, das nicht hätte sein müssen, wenn der Anfang nicht gewesen wäre.

Klein Zecher, 06.05.:  

 

Goldrichtig. Allerdings sind überwiegend die Falschen vertrieben worden, darunter Millionen, die nie für Hitler gestimmt haben.

Klar muss man Ursache und Wirkung denken, das ist die Voraussetzung. Aber was danach?

Es gibt keine Hierarchie des Leidens. Im Leiden sind alle Opfer gleich, zumindest alle, die zuvor nicht Täter waren. Es ist völlig legitim, sie zu beklagen. Und verständlicherweise stehen für die Betroffenen die eigenen Opfer im Zentrum. Pervers wird es erst, wenn du sie auch politisch ins Zentrum rückst, sie instrumentalisierst, um dich historisch zu entlasten, das Leiden der anderen beiseite schiebst, Ursache und Wirkung verkehrst, so wie in der flotten Buchankündigung gegen das Vergessen, das eine Demonstration des Vergessens ist.

Ich glaube an Läuterung. Um den Groll zu überwinden, ist es nötig, die eigenen Verluste zu betrauern. Nur dann entwickelst du Empathie für andere, gewinnst eine leise Ahnung von der Dimension des Leids, das in deinem Namen über sie gebracht worden ist. Du musst dich und deine Gefühle achten, sonst kannst du nie Mitgefühl entwickeln, und alles, was du sagst, bleibt ein Lippenbekenntnis. Wie bei Adenauer. Oder dem offiziellen Antifaschismus in der DDR.

1985, anlässlich der Ausstellung zum 40. Jahrestag des Kriegsendes im Zeughaus, war dort von den Deutschen immer nur als den faschistischen Truppen die Rede, während die Bilder Opa und Papi vor Stalingrad erfroren im Schnee zeigten. Das fand ich problematisch.

Auch wenn Opa und Papi Teil der größten Terroristenbande des 20. Jahrhunderts gewesen sind, ist meine persönliche Beziehung zu ihnen zunächst vermutlich stärker als zum im Hologramm gezeigten Aschenbecher von Marschall Schukow. Darf ich mich nicht mit ihnen identifizieren, sondern muss sie als faschistische Bestien sehen, mit denen mich Dank der Roten Armee, die alle guten Deutschen auf dem Territorium der DDR befreit hat, nichts verbindet, kann ich die Versuchungen und die Korrumpierungen, denen diese Menschen ausgesetzt waren, nie nachvollziehen.

Der Weg aus ihren Fehlern zu lernen bleibt mir verstellt, aber da ich mich ihnen weiterhin verbunden fühle, das aber nicht zeigen darf, werden sie zu stummen Opfern, leise Verehrten, Tabu-Idealen, die in einer heillos verlogenen Propagandakultur, die mir vorschreibt, die Rotarmisten, die meine Großmutter geschändet haben, als Befreier zu feiern, sehr bald als die wahren Helden erscheinen.

 

Das ist vielleicht auch einer der Gründe dafür, warum es im Osten so viele Nazis gibt.

 

Zugleich gab es im Westen stets die Ewiggestrigen, und Vertriebenenvertreter wie Czarja und Hupka, die ich auch das sehr gemischte Vergnügen zu erleben hatte. Die beschworen eben immer nur das deutsche Leid, was wegen der Auslassung widerwärtig war. Aber diese Leute repräsentierten wirklich nur einen Bruchteil derer, die fliehen mussten und vertrieben wurden. Da gab es auch andere, die ganz anders redeten.

Und immerhin durften sie darüber reden.

Nur bei den „Linken“ nicht. Die machten sofort die Schotten dicht, entweder, weil sie die Aufrechnungsarie befürchteten oder sich selber dafür hassten, Teil des Tätervolks zu sein und mit dem Leid derer, die zufällig deutsch waren, nichts zu tun haben wollten.

Ich habe lange „links“ gedacht, bis ich begriff, dass niemand von meinem Selbsthass profitierte, er mich nicht besser machte, sondern im Zweifelsfall nur zum seitenverkehrten Abbild der Nazis.

Man kann sich nicht nachträglich auf die Seite der Opfer schlagen, um im Heute moralisch sauber dazustehen. Die Schande bleibt. Die Zerstörung bleibt.

Aber Hitler siegt weiter, wenn ich mich durch die Verbrechen der Nazis dazu zwingen lasse, meine Herkunft zu hassen. Damit räume ich Adolf Arschloch die Macht ein, meine kulturelle, historische und persönliche Identität zu bestimmen. Ich erlaube ihm mir vorzuschreiben, wie ich mich als Deutscher zu fühlen habe.

Entweder empfinde ich Mitgefühl für andere Menschen, oder ich empfinde nur Mitgefühl für bestimmte Menschen. Damit kopiere ich genau die innere Haltung, die Deutsche eine Generation vor meiner zu mörderisch selbstmitleidigen Seelenkrüppeln gemacht hat.

Obwohl es eine politische Kollektivschuld gibt, greift sie im Einzelfall nicht, jedenfalls bei nicht bei denen, die persönlich keine Täter sind und die Verantwortung für ihre Kollektivhaftung als Deutsche nicht ausschlagen.

 

Ich kenne zwei Reaktionen auf Auschwitz, beide schlüssig und nachvollziehbar, aber von der Konsequenz her entgegengesetzt: „Das darf nie wieder geschehen!“ und „Das darf meinen Volk nie wieder geschehen.“

Ich bin Deutscher. Wenn, kann ich sowieso nur für erste Variante optieren. Aber die beinhaltet auch Mitgefühl für Täter wie meinen Vater, der sich im Alter von neunzehn von der deutschen Militärjustiz zum Henker seiner eigenen Kumpels hat machen lassen. Verurteilt von Richtern wie Karl Filbinger, die später Karriere machten, während er sich diese Erschießung sein Lebtag lang nicht verzeihen konnte.

Drei Mal darfst Du raten, was ich über Grabredner wie Oettinger denke.

 

Ich war vor zwei Jahren wieder in Polen, auch im Südosten, in Lublin, Zamosc und Przemyszl, bin die Parameter der geschleiften Ghettos abgelaufen, habe mir in Maidanek angesehen, wo der Vater meines früheren Nachbarn als „Todesengel“ gewütet hat, und habe an dem Ort, wo das Vernichtungslager Belzec war, am Gedenkstein der Transporte vom August 1942 aus Lemberg gestanden. Auf einem dieser Transporte befanden sich die beiden Töchter von Jacob F., dem Zaddik, der mir damals in New York die Jacke schenkte, als es draußen fror und schneite.

„Eine Lungenentzündung ist kein Spaß“ meinte er zu mir, während ich nur raten konnte, wie oft die deutschen Herrenmenschen ihn beim Appell hatten in der Kälte hatten stehen lassen.

 

Von Jacob habe ich eine Menge über Menschlichkeit gelernt. Der hat mich Schamlosen wirklich beschämt. Durch seine Großzügigkeit und Liebe. Er war der Einzige in der gesamten Familie, meine Frau eingeschlossen, der in mir nicht nur den Mördererben sah.

Was betrauere ich wirklich? Und weshalb? Ich habe mich stellvertretend schuldig für meinen Vater gefühlt, habe versucht gut zu machen, was nicht gut zu machen ist, habe um Gnade und Verzeihung gebuhlt bei Menschen, die sich selber nicht verzeihen konnten, dass sie dem Tod entronnen waren und ihre Familie umkam und Gott oder die Hölle allein sie verschonte.

 

Ich habe ziemlich viel veranstaltet, um mich von der Last der Vergangenheit zu befreien, und ich entsinne noch, wie ich einmal aus einem Laden rausflog, weil ich die Frau, die mir gerade von den Luftangriffen auf Hamburg erzählte, auf Ursache und Wirkung hinwies, und sagte, dass keine einzige Bombe auf Hamburg gefallen wäre, wenn die Deutschen nicht zuvor Guernica, Warschau, Rotterdam und Conventry in Schutt und Asche gelegt hätten, und dass in dem Sommer, in dem meine wunderschöne Vaterstadt verbrannte, die Schlote von Birkenau Glut spuckten. Sie heulte vor Wut und sagte, sie habe drei Tage verschüttet zwischen Leichen bis an den Bauchnabel im Wasser in einem Keller gestanden, und ich solle den Mund halten, was wisse ich schon von der Zeit?

„Raus hier! Verschwinden Sie gefälligst und kommen Sie nie wieder!“

Die Begegnung ist mindestens fünfundzwanzig Jahre her. Vielleicht auch länger. Damals begriff ich bloß, dass das eigene Erleiden für die meisten Menschen der entscheidende Gradmesser ist. Alles andere bleibt geringer oder ist unwichtig. Ansonsten war die Frau für mich eine Nazisse und typisch in ihrer Reaktion: Erst den Horror über andere bringen, und hinterher, wenn’s einen selber trifft, jammern.

Heute sage ich mir, dass ich keine Ahnung habe, ob sie wirklich eine Nazisse war. Vielleicht wollte ich mich einfach auch nicht auf ihr Trauma einlassen, weil es meine inneren Fronten zu sehr aufweichte, und ich keine Lust hatte, sie, die hässliche Deutsche, als Opfer zu sehen. Bei Lichte betrachtet war ich bloß ein feiges, fürchterlich selbstgerechtes Arschloch.

 

Also: Was schmerzt mich wirklich? Den Verlust der Unschuld. Die Zerstörung von Welten, die ich nie kennen lernen durfte, aber deren Schönheit ich mir wahrscheinlich auch erst durch ihre Abwesenheit vorstellen kann. Gäbe es sie noch, wären sie für mich normal und entsprechend selbstverständlich. Wer weiß?

Gehst du auf türkischen Friedhöfen spazieren, suchst nach Hinterhofmoscheen, interessierst dich für die Migrationschicksale Einzelner?

 

Mit Verlusten ist es oft so wie mit dem Glück. Spüren, was es wert war, tust du erst, wenn es nicht mehr ist.

 

Ich setze auf Katharsis und glaube an eine Art zweiter Unschuld. Die liegt im Verstehen anderer und im Sich-Selber-Verzeihen. Sonst hätte Jacob mir nie die Jacke schenken können, denn das er tat er letztendlich aus dem gleichen Grund, warum ich mir nicht von denen, die nicht nur alles Jüdische, sondern auch alles Deutsche beschmutzt und geschändet haben, vorschreiben lasse, wen ich zu lieben und zu hassen habe und mit wem ich wie empfinde.

 

Erst mal bin ich ein Mensch. Dann erst bin ich Deutscher.

 

Und eben darum finde ich es ganz in Ordnung, wenn die Deutschen sich endlich mal trauen zu trauern. Sie haben allen Grund dazu. Vielleicht dämmert einigen von ihnen unterwegs, was da alles zerstört worden ist, und wie viele es betraf. Außer ihnen.

 

Auch wenn es nur eine Handvoll sind. Eine Handvoll ist mehr als nichts.

 

 Meine Freundin Ulli Jensen, Mitautorin von "Als letztes starb die Hoffnung", ärgerte sich über meine Replik.

Hamburg, 21.3.08:

Ich unterschreibe jedes Wort Deiner Schwester, wirklich jedes. Mich kotzt es an, dass Leid scheinbar nur Leid ist in diesem Land, wenn es deutsch ist. Mich kotzt es an, dass wenn von den nationalsozialistischen Verbrechen die Rede ist, immer jemand auf „aber die anderen haben doch auch“ verweist, als ob das die eigenen Verbrechen besser machen würde. Ja, „die anderen“ haben auch, aber was sagt das über die deutschen Verbrechen aus? Macht es sie besser oder schlechter? Und es waren deutsche Verbrechen, von Deutschen begangen. Henning Voscherau, dem man nun wirklich nicht nachsagen kann, besonders links zu sein, sagte kürzlich in seiner Rede zum 90. Geburtstag eines KZ-Überlebenden folgende – wie ich finde sehr bedenkenswerte – Worte: „Man hört so oft in einer Art offizieller Schamhaftigkeit von den 'Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden.' Ja, das wurden sie auch. Aber von wem eigentlich? Von Deutschen wurden sie begangen, angeordnet und organisiert durch den deutschen Staat und seine diktatorischen Staatsorgane. Mit unmenschlichen Mitteln wurden die Opfer ihrer Würde, ihrer Identität, ihres Lebens beraubt.“ Ich persönlich würde hier noch hinzufügen: deutsche Menschen, nicht nur „der Staat“ oder „die Staatsorgane“. Natürlich ist das kein Grund, alles Deutsche von vornherein abzulehnen, aber ein Grund, sehr genau hinzusehen. Es gab nicht nur die braunen Männchen, die hätten überhaupt nichts ausgerichtet, wären nicht Millionen und Abermillionen mitgelaufen, hätten nicht Millionen und Abermillionen die Atmosphäre geschaffen, innerhalb derer die Verbrechen erst möglich waren: Eine Atmosphäre des Wegschauens, eine Atmosphäre des orgiastischen Bejubelns der Verbrecher, eine Atmosphäre des Denunzierens von Menschen, die anders aussahen, dachten, glaubten, rochen, ... . Was mich richtig ärgert an Deinem Statement ist die Gleichsetzung – antideutsch = täterähnlich. Auch hier funktioniert sie nicht. Selbst Deiner Meinung nach übertriebene Kritik an den Deutschen bedeutet sicher nicht, sich auf eine Ebene mit den damaligen Tätern zu stellen! Das ist zu platt, zu plakativ, zu einfach und schlicht falsch. Und wenn Du schon so häufig auf die DDR anspielst – die war auch deutsch. Unter politisch angeblich so unterschiedlichen Vorzeichen – und doch in vielem leider ähnlich – Denunziation, Bespitzelung, Ausgrenzung anderer – zum Kotzen. Nur bespitzelten andere, litten andere – aber auch hier waren die Täter Deutsche. Von meinem Vater stammt der wunderbare Satz „95% der Menschheit sind nahezu bewußtlos“, weil sie nicht lernen, weil sie nicht begreifen, weil sie immer und immer wieder dieselben Fehler machen. Arrogant? Ja – aber auch wahr. Niemand, auch Deine Schwester nicht, negiert, dass es auch deutsche Opfer gegeben hat. In meinem Job hab ich eine ganze Menge mit ihnen zu tun. Aber die Verve, mit der „wir“ jetzt wieder Opfer sein dürfen, wo endlich, endlich (als wäre das in Deutschland bereits nach dem Krieg überhaupt Thema gewesen und nicht erst ab Ende der 70er Jahre) mal nicht mehr von den KZ-Opfern gesprochen werden muss, wir uns nicht mehr immer rechtfertigen müssen für unsere Geschichte, sondern, wir, wir, wir endlich sagen dürfen, welch schreckliches Unrecht UNS geschehen ist damals, als die Nazis die Macht „ergriffen“, ohne Hilfe als das Elend anrichtete, völlig allein den Krieg nicht nur begannen sondern auch führten, als dann die Bomber kamen, aus dem Nichts, einfach so ... . Und die Deutschen – ja, durchaus auch Unschuldige, das negiert niemand - frecherweise auch noch die Konsequenzen ihres Tuns ausbaden mussten ... Nee, so funktioniert es nicht! Ursache und Wirkung – ich könnte es nicht besser ausdrücken. Und wenn ich Mist baue, muss ich mit den Konsequenzen leben – so einfach ist das. In einer Veranstaltung anläßlich des 55. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager sprach ein Amerikaner, der bei der Befreiung Wöbbelins dabei war; einem Lager, in dem ähnliche Zustände herrschten wir in den letzten Wochen in Bergen-Belsen. Er sei Soldat gewesen, habe die Deutschen als Kriegsgegner gesehen, leidenschaftslos, ein Job halt. Bis er durchs Lagertor von Wöbbelin schritt – in dem Moment habe er einen so unglaublichen Hass verspürt wie nie zuvor und nie danach in seinem Leben. Er habe Dinge getan, auf die er nicht stolz sei – den Menschen angetan, die dieses Leid verursacht hatten. Menschlich – und das ist doch die Eigenschaft, auf die Du pochst in Deinem Statement. Ich mochte den Mann. Er war ehrlich mit sich selbst und sehr, sehr reflektiert. Mehr als man von vielen, vielen Deutschen sagen kann, die sich kritiklos – wieder einmal kritiklos! – den schönen neuen deutschen Opfermythos hingeben. Endlich wieder Opfer sein dürfen – herrlich! Blut ist nicht dicker als Wasser. Auch ich bin in diesem Land geboren, ich liebe unsere gemeinsame Vaterstadt, möchte nicht woanders leben. Aber ich verzweifle, auch und gerade in meinem Job, sehr häufig an deutschen „Tugenden“, an Mentalitäten, an der fulminanten Dummheit so vieler. Dumme, gibt’s auch woanders? Ja – aber eben auch hier. Und hier lebe ich. Trotz allem.