Araberschlachten

Daß die ‘Juden wohl nur noch am Araberschlachten’ seien, erfuhr ich unlängst, bei einer Familienfeier im verträumten Lüneburg. Der Satz purzelte einem ehemaligen Diplomaten aus dem Mund, der am anderen Ende des Tisches saß und mit einer älteren Dame sprach. Der Mann war um die siebzig und hatte längere Zeit in Nahost verbracht. Was mir aufstieß, mal abgesehen von der Formulierung, war der lustvolle Unterton, der moralische Empörung mit unverhohlenem Entzücken paarte.
Die Sorte Entzücken kenne ich. Es kommt bei vielen meiner Landsleute auf, wenn sie über israelische Menschenrechtsverletzungen reden. Jedes erschossene Palästinenserkind ist ein Beleg mehr dafür, daß ‘die Juden’ aus der historischen Lektion, die wir ihnen erteilt haben, eben doch nichts gelernt haben. Denn wer ‘selber so schrecklich gelitten hat’, hat jedes Anrecht darauf verwirkt, Leiden zu verbreiten. Als sei Auschwitz eine Nachhilfestunde für ethische Krüppel gewesen und das Krematorium eine Kaderschmiede für Lichtgestalten. Verhalten sich Juden genauso dumm, kurzsichtig, paranoid und brutal wie die übrigen Mitglieder der Spezies, beweisen sie damit eigentlich nur, daß sie nicht lange und ausgiebig genug an ‘Zyklon B’ geschnuppert haben. Sonst hätten sie die einmalige Chance, die Himmler, Heydrich, Eichmann und Consorten ihnen da boten, nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Daß das Trauma der Vernichtung und fünfzig Jahre mehr oder minder blutiger Bedrohung eventuell wirklich an den Nerven zehren, und keine perfide Inszenierung sind, um bei den dummen Deutschen Opferbonus zu kassieren, scheint absolut abwegig. Auch die Bitte, sich spaßeshalber mal vorzustellen, wie gelassen Bevölkerung und Staat hierzulande auf Selbstmordattentäter reagieren würden, etwa vor dem Hintergrund, wie entspannt man seinerzeit auf die Handvoll Hanseln von der ‘Rote Armee Fraktion’ reagierte, erntet bloß Kopfschütteln. Gestehe ich dann obendrein, daß mich die ‘stolze Trauer’ palästinensischer ‘Märtyrereltern’ abstößt, weil sie mich an fatal großdeutsche Spielformen dieses Trauergenres erinnert, ohne Sharon im gleichen Atemzug als mörderischen Faschisten zu verurteilen, bin ich ruckzuck ein propagandaumnebelter Philosemit und Araberhasser.
Dabei bin ich nur gegen Doppelstandards. Oder für der Recht aller Nacktaffen, sich wie Vollidioten zu benehmen, unabhängig von Herkunft, Glauben und Geschlecht, höflicher ausgedrückt, etwas Mitgefühl für Menschen in einer heillos scheinenden Lage, die im Käfig von Feindbildern eingesperrt sind. Denn es bereitet mir keine Genugtuung, mit anzusehen, wie Israel sich gerade selber zerstört. Nicht zuletzt, weil ich mir angesichts der heutigen Häme lebhaft vorstellen kann, mit welchem Großmut man den Flüchtlingen hierzulande begegnen wird, wenn der Judenstaat erst wieder Geschichte ist.
Die Deutschen, sagte mal ein Überlebender, könnten den Juden alles verzeihen, außer Auschwitz. Ich fürchte, er hat sich getäuscht. Schließlich sind wir nebenbei noch Christen. Und die nehmen den Juden nun mal grundsätzlich übel, daß Pesach vor Ostern liegt.
 
Der Text entstand Ende der Neunziger, aus aktuellem Anlass nun auch hier.