Sterling Hayden, 1916 - 1986 

Manche handeln ihn als den "Härtesten von allen", andere sehen in ihm den begnadeten Schauspieler, der nie einer sein wollte, wieder andere den globetrottenden Schriftsteller, der die See mehr liebte als alles andere. Zweifellos war er von all dem etwas und mehr, ein rastlos Getriebener, der sein Leben lang auf der Suche blieb und nirgendwo richtig ankam.


Das Enfant Terrible des Film Noir - ein Versuch über Sterling Hayden und die Reize der Schwarzen Serie

"Was braucht ein Mann - was braucht er wirklich? Ein paar Pfund Essen jeden Tag, Wärme, ein Dach, sechs Fuß zum Hinlegen - und irgendeine Art von Arbeit, die ihm das Gefühl gibt, etwas zu erreichen. Das ist alles, im materiellen Sinne. Wir wissen das. Aber wir lassen uns hirnwaschen von unserem wirtschaftlichen System, bis wir in einem Sarg landen unter einer Pyramide von Ratenzahlungen, Zinsabtrag, albernem Schnickschnack, Spielsachen, die uns von der blanken Idiotie dieser Scharade ablenken..."

"Die Jahre donnern vorbei, die Träume der Jugend werden schummriger, liegen staubüberzogen auf den Regalen unserer Geduld. Bevor wir es merken, ist der Sarg versiegelt."

"Wo also liegt die Antwort? In der Wahl. Was soll es sein: der Bankrott der Geldbörse oder des Lebens?"

Sterling Hayden, Zitate aus "Wanderer".

Auch Krimis haben ihre Klassiker, und wie kein anderes literarisches Genre korrespondieren der Kriminalroman und das Medium Film. Die ersten Perlen dieser Symbiose stammen aus dem Deutschland der Zwanziger. Doch der wirkliche Einbruch der Moderne, das Bloßlegen gesellschaftlicher Widersprüche und Vordringen in Grauzonen, soziale Tristesse und finstere seelische Abgründe, findet in den depressionsgebeutelten USA statt. 1941 bringt John Huston die Adaption eines Dashiell Hammett Romans auf die Leinwand. "Die Spur des Falken" mit Peter Lorre, Sidney Greenstreet, Mary Astor und Humphrey Bogart ist der erste "echte" Film-Noir. Nun marschieren plötzlich moralisch höchst ambivalente Helden über die Leinwand, zynische, abgebrühte, desolate Typen, melancholische Rebellen, entfremdet, allein, in einer düsteren Welt aus Korruption, Raffgier und blanker Not.

Sterling Hayden ist der Prototyp eines solchen Antihelden, und ironischerweise spiegelt seine Biografie viele Charakterzüge eine seiner ersten großen Rollen, die des Dix Handley in John Hustons "Asphalt Jungle". Handley ist ein Killer, aber einer wider Willen, ein Junge vom Land, hart geworden in der Stadt, der die Schnauze vom Hartsein voll hat, weil er die Gewalt, die ihn prägt und gefangen hält, genauso hasst wie sich selbst. Am Ende, gejagt und tödlich verwundet, will er nur noch einmal die Pferdekoppel seiner Jugend sehen.

Hayden als Dix Handley neben Jean Hagen als Doll Conovan in "Asphalt Jungle"

Auch Haydens wirkliches Leben war nicht ohne. Er wuchs an der Ostküste der USA auf. Mit siebzehn lief er weg zur See. Bis zwanzig hatte er bereits die Welt umsegelt. Kurz darauf galt er als schönster Mann Hollywoods. Im Zweiten Weltkrieg wurde er Fallschirmspringer, schmuggelte Waffen durch deutsche Linien und kämpfte mit serbischen Partisanen gegen kroatische Faschisten. Er war Mitglied der Kommunistischen Partei, legte sich in der McCarthy-Ära mit dem Komitee gegen unamerikanische Umtriebe an, kippte um, verriet seine Genossen, und distanzierte sich von seiner Denunziation.

Ansonsten war er ständig pleite und hatte oft Ärger mit Frauen. Als er mal wieder in Geldnöten war, brannte er trotz Gerichtsbeschluss' mit seinen vier Kindern auf einem Segler nach Tahiti durch. Später schrieb er zwei Bestseller, die bei Publikum und Literaturkritik gleichermaßen gut ankamen. Er sagte, er wolle mehr schreiben, dafür allerdings trank er zu viel. Zwischen ihm und dem Skript stand immer die Flasche. Die Flasche siegte. Irgendwann ergänzte er Whisky mit Grass. Obwohl das seinen Durst nicht drosselte, war er bald notorischer Kiffer. In den Siebzigern wurde er wiederentdeckt und genoss späten Ruhm als alternder Schauspieler.

Auf den ersten Blick scheint Hayden die Sorte Kerl, aus der man Klischees strickt, einer wie Hemingway es im echten Leben vermutlich gern gewesen wäre, und über die Chandler mal eine Figur sagen lässt: „I didn’t know they still made guys like that…“

1954 neben Joan Crawford in "Johnny Guitar", einem der bizarrsten Western, die je produziert wurden.

Hayden konnte nicht nur am Set austeilen. Er liebte Dramen. Wurde das Fahrwasser ihm zu milde, zettelte er eben eines an. Doch unter der trotzigen Fassade verbarg sich ein kleiner, ängstlicher Junge. Einer, der aus Furcht, den kostbaren Augenblick zu verlieren, immer wieder vor den Früchten des eigenen Erfolgs weglief, von der See nach Hollywood, aus Hollywood in die Wirren des Kriegs. Nur damit die Frau, die er liebte, sich nach ihm sehnte. Deshalb trat er auch in die kommunistische Partei ein: Um SIE zu beeindrucken. Dann kam er auf die schwarze Liste, knickte ein, widerrief und gab die Namen von anderen preis, wofür er sich sein Leben lang hasste.

Er war ein Baum von einem Kerl, 195 lang und blond und höllisch talentiert, aber sich selber nie genug. Das Schicksal meinte es gut mit ihm, doch wenn es zu nett war, rotzte er ihm so lange ins Gesicht, bis es ihm endlich wieder einen Tritt gab. Er verabscheute Hollywood und verkaufte ihm seine Seele. Trotzdem gelangen ihm herausragende Charakterdarstellungen, und einige der Filme, in denen er mitspielte, bleiben zeitlos. Die Regisseure, für die er arbeitete, seien es Huston, Kubrick, Bertolucci oder Coppola, waren begeistert. Dabei wusste er noch nicht einmal, wie er richtig hieß. Mal nannte er sich Stirling Hayden, mal Sterling Hayden, dann wieder Montaignu, Sterling oder Buzzy Walter.

Als  durchgeknallter Kommunistenfresser General Ripper in Stanley Kubricks "Dr. Strangelove - or how I learned to love the bomb" 

                                                                                      Wirklich treu war er vermutlich nur dem Alkohol. Vielleicht, weil er ihn mit der See, seiner anderen großen Leidenschaft, verwechselte. Am Ende, als nichts mehr ging, zog er auf ein Hausboot in Frankreich. Da trug er eine weiße Löwenmähne und einen langen, wallenden Kinnbart, der ihn wie einen biblischen Erzvater im Gewand von Zeus aussehen ließen. Ein grandioser Typ, mit allem inneren Elend, das grandiose Typen nun mal auszukosten haben, zumal die Götter die, die sie lieben, auch fürchterlich zu strafen pflegen.

Wie so viele Trinker suchte er ein Leben lang nach dem Sinn, und weil er das Leben todernst nahm und sich davor fürchtete, lebte er es so, als ob es nichts koste. Ein mutiger Feigling, ich-besessen, borniert und brillant, monomanisch und zugleich entsetzlich durchschnittlich in seiner Sucht. Ob er je den Frieden fand, von dem alle Säufer träumen, auch und gerade die, die das stets vehement abstreiten, ist fraglich.

Haydens erster Roman, seine Autobiografie

Doch bei all dem wurde er unter anderem zu dem, was er nie hatte sein wollen, einer Ikone der Schwarzen Serie, deren melancholisch-energiegeladene, erotische prickelnde Präsenz einen heute noch packt, obwohl das Zelluloid darunter längst brüchig ist. So wie Jim Morrison, ein anderer verkorkster Engel, der eigentlich Dichterruhm anstrebte und als Blues-Wrack starb, und unterwegs die ergreifendsten Versionen von „Back Door Man“ ablieferte, die je in Venyl gepresst wurden.

Ein echtes Missverständnis eben. Man mag das tragisch finden. Oder schön. Oder beides und darüber lachen. Kalt lässt es nur die, die ohnehin nicht wissen, wie sich Feuer anfühlt.

Ein pralles Leben jedenfalls, und ein schillerndes Ticket in die Ära, die die ewig aktuellen, archetypischen Dämonen des Thrillers auf Leinwand zu bannen sucht.