Der Tagestourist

Er hat eine Stunde fürs Filzen am Übergang eingeplant und ist entschieden zu früh dran, nachdem die Grenzer ihn ohne längeres Warten reingelassen haben. So steht er unverhofft zügig auf der zugigen Friedrichstraße, unter der Gedenkplakette für den Deserteur, der hier in den letzten Kriegstagen aufgehängt worden ist, und riecht verbranntes Ölgemisch, das blau aus den Auspuffen hell rotzender Zweitakter quillt.

Der Buchladen im Bahnhof, wo er normalerweise die fünfundzwanzig Mark Eintrittsgeld anzulegen pflegt, bleckt geschlossene Rollläden. Es ist kurz nach fünf. Seine Schwester hat gesagt, sie sei gegen sechs bei ihrer Freundin. Die Freundin wohnt im Prenzlauer Berg. Für einen Abstecher ins Pergamon ist es zu spät. Also beschließt er, zu Fuß zu gehen.

Es ist ein regnerischer Herbstnachmittag. Er latscht Richtung Rosenthaler Platz, durch die Oranienburger Straße, vorbei an der Ruine des Kaufhauses und der Synagoge, nimmt die Krausnick zur Großen Hamburger, geht über den Koppenplatz bis zur Wilhelm-Pieck, biegt in den Weinbergweg ein. Dann immer geradeaus.

Es dämmert. Kaum Menschen unterwegs. Links und rechts vom Krieg vernarbte Fassaden, verwitterter Putz, getränkt mit Braunkohleruß und schwefelhaltiger Nieselluft. Jahrzehntealte Beschriftungen über verrammelten Kellerläden, wenige Geschäfte, ganze Straßenzüge ohne Werbung. Die unregelmäßigen Granitrechtecke der alten Berliner Trottoirs im Jodgelb der Laternen, dazwischen nackt glänzendes Kopfsteinpflaster und die glitzernden Bänder der Tramgleise. Weit weniger Autoblech als im goldenen Westen. Viel Raum für gemischte Gefühle.

Ein Spaziergang durch Ostberlin, Hauptstadt der DDR, als Ausflug ins Zeitloch zwischen befremdlich bekanntem Vorgestern und sozialistischem Übermorgen. Nicht bloß der frostige Sandkasten, wo sich andere real mit der existierenden Utopie plagen dürfen, während man selber im Warmen sitzt und ihnen dabei mehr oder minder neugierig zuschaut, sondern immer auch das Zerrbild der eigenen Alternative: Die zweite, deutsche Nachkriegsheimat, das Unland hinter Ghettomauer und Todesstreifen.

1968 ist er hier zum ersten Mal zu Besuch gewesen. Im Frühjahr vor dem Einmarsch in Prag. Da hatten ihn seine Eltern nach Jena mitgenommen. Auf Verwandtenbesuch. Die Verwandten waren keine echten Verwandten und die angeblichen Blutsbande bloß konstruiert, um die Einreiseerlaubnis zu ergattern, weil sein Vater ihnen die Wartburg hatte zeigen wollen. Er war damals zehn und beeindruckt von den roten Bannern, die ewige Freundschaft mit der Sowjetunion beschworen, um im gleichen Atemzug das imperialistische Westdeutschland zu verdammen. Ansonsten erinnert er nicht viel. Bloß die alten Autos, die noch frei stehende Lampen und Kotflügel hatten, und dass sein Vater ganz komisch guckte, als ein Mädchen in FDJ-Bluse vor einem Eisstand beiläufig erklärte, das labberige Zeug schmecke wie Hirn aus Buchenwald.

Jahre später war er wieder hingefahren, mit der Bahn, zusammen mit seiner Schwester, die Russisch studierte. In ihrem Abteil hatte ein Offizier der Roten Armee gesessen, ein Mann von Mitte vierzig, der Zigaretten mit langem Pappmundstück rauchte. Der erzählte, er sei als Sechzehnjähriger zur Luftwaffe gekommen und bei Stalingrad als Flieger eingesetzt gewesen. Das machte ihn neugierig. Er wollte mehr darüber wissen, doch da wurde der Russe ganz einsilbig, und seine Schwester hatte auf einmal keine Lust mehr, die Fragen ihres kleinen Bruders zu übersetzen. Immerhin hatte der Mann ihm zum Abschied seine Zigaretten geschenkt und gesagt, es sei gut, dass der Krieg nun vorbei sei und Russen und Deutsche nicht mehr auf einander zu schießen bräuchten.

Danach ist er hier noch rund ein Dutzend Mal zu Besuch gewesen. In Jena oder Potsdam oder zu Tagestreffen in Berlin. Die Welt hinter dem Zaun ist exotisch fremd und zugleich erschreckend vertraut. Man spricht dieselbe Sprache, doch die Worte haben eine andere Färbung. Im Subtext dümpeln Zwischentöne, die bloß Ältere verstehen, und auch nur solche, die noch den deutschen Blick kennen. Es gibt viel Stoff zum stillen Gruseln, seltener zum Staunen. Es ist trister, schaler, langweiliger. Möglicherweise auch gerechter. Jedenfalls traditioneller. Der alte Uniformschnitt unter neuen Helmen, das stramme Grüßen, der zackige Stechschritt, die gewichsten Knobelbecher, die Paraden, Parolen und Flaggenflut, das miefige Ersatz-Design, der Brei der Propagandalosungen und das verräterische Falange-Blau der FDJ-Hemden, die ständige Präsenz von Staat und Partei in fleischgewordenen Wortungetümen wie Genosse Hausgemeinschaftsleiter.

Das bessere Deutschland? Der ehrlichere Alptraum davon vielleicht.

Näher dran. So wie die Freunde seiner Schwester reden. Nicht erst nach den fünf bis acht Gläsern bulgarischen Weins, mit denen er es sich beim letzten Besuch dort gemütlich gesoffen hat. Zugleich irre verkrampft. Sie und die. Trotz des Weins.

Der Zaun im Kopf, das ewige, heillose Abgleichen. West versus Ost, Schein gegen Sein, kalte Glitzerwelten und sichere Käfige. Das nutzlose, bemühte Zusammengekrame, Künsteln, Schönreden, Beschwichtigen. Sätze wie „Auf die Schnauze kriegst du überall, fühlen sich die Bonzen angepisst. Denkt an die Terroristenhatz“ oder „Bei euch sitzen die Nazis wenigstens nicht im Aufsichtsrat, sondern stehen vor Gericht.“ Jugendarbeitslosigkeit und Berufsverbote. Mängel des Westens, Vorzüge des Ostens. Oberflächliche Genugtuung und resigniertes Nicken. Klar, wir kochen alle bloß mit Wasser, aber manchmal willst du eben wissen, wie das Wasser auf der anderen Seite schmeckt.

Was macht dich schön, wenn nicht dieser Durst?

Später war man auf Spanien ausgewichen, stritt über den katalanischen Frühling der Freiheit, die Kugeln der Stalinisten und Europas Selbstverrat, weil man Angst hatte, über den antifaschistischen Schutzwall zu reden und es leichter fiel, um die verratene Republik zu trauern, als darüber, dass man sich selber gerade verriet. Der abgeschlachtete Traum lag weit weg, im sonnigen Barcelona, begraben unter den Toten des Weltkriegs. Weit genug weg für besinnlichen Schmerz und tapfere Konjunktive. Bis der besoffene Gastgeber gegen halb zwölf ausrastete, sie Arschlöcher nannte, weil sie sich alle in die Tasche lögen und die eine Hälfte jetzt gleich ‘rüber führe, während die andere hübsch artig dableiben dürfe, obwohl sie doch angeblich in der besseren beider Welten lebe, fragte, warum sie denn nicht mal tauschten, zur deutsch-deutschen Abwechslung, vom Mauerspringer sprach, der eines Nachts in den Wedding gehüpft sei, keinen halben Kilometer von hier, durch die Kugeln der Grenzer, nur um den Vergleich zu haben, schließlich ganz weinerlich wurde und den Typen aus Kreuzberg anhaute, ob nicht doch Platz in seinem Kofferraum sei. Der Kreuzberger druckste so lau, dass ihm der bulgarische Rote den Schlund hoch turnte und beinahe aus dem Gesicht gepurzelt wäre.

Eigentlich hat er da nie wieder hin wollen. Jetzt geht er trotzdem.

Irgendwo hinter der Dimitroffstraße, wo die abgeholzte Kastanien- zur baumlosen Pappelallee wird, kommt ein Mann aus einer Hofeinfahrt. Mittelalt, in Hut und Mantel, die Hand um den Kragen geschlungen.

Inzwischen regnet es Bindfäden. Letzte Farben zerfließen in Gelb und Grau. Hinter abweisenden Gardinen schimmert elektrisches Licht. Entfernt kreischt eine U-Bahn. Ansonsten bloß das Murmeln der Stadt. Die Straße liegt in Dämmerlicht getaucht und wirkt wie ausgestorben. Nur er und der Mann, gut hundert Meter vor ihm. Der andere schreitet rasch aus, geht auf eine Kreuzung zu. Es ist keine sonderlich große Kreuzung, und der Asphalt, den er zu überqueren hat, nicht breit. Doch da ist eine Ampel. Gerade als der Mann sie erreicht, springt sie auf Rot. Er bremst abrupt ab und bleibt stehen.

Mitunter, an milden Tagen, längs befahrener Straßen, bieten Ampeln den Raum zu träumen. Ein rotes Piktogramm spreizt die Arme. Man wippt auf dem Kantstein, guckt in den Himmel, genießt Licht und Wolken und nackte Frauenbeine, und erinnert sich, dass es mehr gibt als Hektik und Alltag. Bis jemand wütend hupt und einem fast über den Fuß fährt.

Hier lädt wenig zum Träumen ein. Es ist frisch und regnet ihm in den Nacken. Außerdem scheint der Mann in Eile. Wieso bleibt er stehen? Was hält ihn? Er kann keinen entdecken, von dem er sich kontrolliert fühlen könnte.

Doch der andere rührt sich nicht, steht wie festgenagelt mitten in der nassen Ödnis, wartet, dass das Leuchtzeichen ihm erlaubt, sich weiter zu bewegen.

Er sieht das amüsiert an. Wann kommt der Mann endlich auf die Idee, weiter zu gehen? Doch das tut er nicht. Er steht bloß so da, in der frostigen Stille des zerfließenden Tages. Gehorsam, ergeben, fraglos. Da wird ihm ganz anders.

Etwas rumpelt in seinem Kopf, wird lauter, härter, schneller, gerinnt zu rhythmischem Rollen. Zahllose Züge, die alle dasselbe Ziel haben, abgefertigt von Tausenden braver Reichsbahnbeamten, die sich nie darüber wundern, weshalb kein einziger der Fahrgäste, die sie in die neue Millionenstadt bei Krakau befördern, je die Rückreise antritt.

Ihm ist nach Schreien. Aber er bleibt stumm. Schließlich ist es bloß eine Ampel. Irgendwo in einer fremden, unwirtlichen Stadt.

In ungefähr sechs Stunden wird er wieder durch die Sperre treten und die S-Bahn Richtung Zoologischer Garten besteigen. Sobald der Waggon über die Spree rattert und die fahlen Lichthöfe der Grenzleuchten passiert, darf er aufatmen und sich sagen, dass die Gespenster, die ihn hier anspringen, nur hinter dem Grau des Asbestbetons lauern, im bleiernen Limbo zwischen Vorgestern und Übermorgen.

Das findet er tröstlich.

Eine Weile danach, auf der Transitstrecke zwischen Hamburg und Berlin, lernt er Micha kennen.

Er ist gerade auf dem Rückweg nach Berlin und macht auf dem Rasthof Stolpe Halt, um seinen alten Lada aufzutanken und im Intershop zwei Stangen Prince abzugreifen.

Beim Losfahren sieht er einen blonden Typen an der Ausfahrt stehen, der den Daumen raus hält und demonstrativ fröstelt. Normalerweise würde er bloß bedauernd die Achseln zucken, aber der andere trägt nur eine kurze Jacke. Außerdem hat der Typ ein sympathisches Gesicht und es fängt gerade an zu regnen.

Verdammt, denkt er. Du bist kreuz und quer durch Europa getrampt, vom Nordkap bis Griechenland und Polen bis Portugal. In jedem anderen Land hieltest du an und nähmst den mit. Nur hier, in deiner beschissenen Heimat geht das nicht, nur weil die Knalltüten im Politbüro befürchten, ihr Stacheldrahtsozialismus geht baden, wenn ihr zwei miteinander plauscht.

Er stoppt und kurbelt das Seitenfenster runter: Tut mir leid. Ich bin der Klassenfeind. Nur der Lada ist aus Togliatti.

Der Blonde kuckt kurz hinter sich, prüft die Optik.

Macht nüscht. Setzte mich eben am Ring ab.

Der Ring ist der Berliner Autobahnring und hat nichts mit Wagner oder Tolkien zu tun. Er überschlägt das Risiko. Es ist zwar verboten, auf der Transitstrecke Anhalter mitzunehmen, aber der Wahnsinn der Normalität lebt bekanntlich nur vom Mitmachen.

Was kann ihm schlimmstenfalls passieren, wenn er heute damit aufhört? Dass sie ihm ein Verfahren wegen versuchter Fluchthilfe rein würgen, ist eher unwahrscheinlich. Maximal Transitsperre und ein paar Tage Knast. Vielleicht konfiszieren sie auch den Lada. Egal. An der Mühle werden sie nicht viel Freude haben. Wartet er länger, ist der Bursche nass.

Wenn wir platzen, kriegst du mehr Ärger als ich, sagt er noch, bevor er die Wagentür aufstößt.

Ick heiße Micha, grinst der andere, sobald er sitzt. Er berlinert, als sei er bei Zille entlaufen.

Henner, erwidert er. Angenehm.

Eben hat er hoch geschaltet und ist wieder bei den vorschriftsmäßigen einhundert Km/h Maximalgeschwindigkeit, als ihn ein Wartburg mit dem Emblem der Volkspolizei einholt und direkt neben ihm auf der Überholspur auspendelt. Die beiden uniformierten Herren mustern ihn und seinen Begleiter mit steinernem Ausdruck.

Verflucht, denkt er. Sie haben ihn beim Einsteigen beobachtet. Noch fünf Sekunden Katz und Maus, dann zücken sie die Kelle.

Er spürt, wie sein Nacken unter einem Schwall Adrenalin glüht. So bald hat er sich denn doch nicht von dem Lada trennen wollen. Auch Michas Grinsen ist vereist.

Aber die zwei Beamten zögern. Er sieht, wie sie beratschlagen, als seien sie sich nicht ganz sicher. Klar, rein theoretisch könnte sein Beifahrer auch zum Fahrzeug gehören und nur kurz pinkeln gewesen sein, während er im Internepp Valuta parkte. Stoppen sie den Wagen grundlos, machen sie sich nicht nur lächerlich, sondern verletzten möglicherweise das Transitabkommen.

Eine der goldenen Regeln in New York war immer, sich natürlich zu verhalten. Ganz selbstverständlich, als ob man da hin gehörte.

Act as if you belong, pflegte Karen zu sagen.

Wenn du als Weißer durch Harlem gehst, bist du ungefähr so unauffällig wie ein Neon beleuchteter Albino. Also beweg’ dich, als ob wüsstest, was du tust. Kein falsches Zögern, unnötiger Blickkontakt, auf gar keinen Fall stehen bleiben und in den Stadtplan gucken. Halt nach Kindern und Alten Ausschau. Wo die sind, ist es okay. Siehst du nur noch junge Männer, kratz die Kurve. Dann wird der Boden zu heiß.

Im Handschuhfach ist ne Sonnenbrille, zischt er. Setz das Teil auf und mach’s dir gemütlich. . Die müssen denken, wir gehören zusammen.

Micha fischt nach der Brille, stülpt sie über und bleckt die Zähne. Er sieht aus wie ein kalifornischer Strandjunge auf Abwegen. Die Brille ist ein abgedrehtes Retro-Modell mit doppeltem Steg und Tropfenform, schrill gelbes Plastik, die Gläser giftgrün, ein Accessoire, das sogar im Westen wirkt. Micha schiebt seine Füße auf die Ablage und greift sich eine Prince.

Die zwei Herren im Wartburg beäugen sie weiterhin, aber mittlerweile eher verwirrt und unschlüssig. Sie bleiben noch einige Minuten lang an ihnen kleben, dann fallen sie schließlich zurück. Micha setzt die Brille wieder ab und lacht erleichtert auf.

Manno Keule, sagt er, det war uust knapp.

Das ist das erste Mal, dass Henner das Wort „uust“ hört.

Micha ist Schauspielschüler gewesen. Er redet schnell und viel, aber da er innerlich noch immer mit den zwei Vopos beschäftigt ist, hört er ihm erst wieder richtig zu, als Micha erzählt, er habe nach der Kommunalwahl in Berlin auch den Protest gegen die Wahlfälschung unterschrieben.

Wenn sie sich nur ein paar Prozent weniger gegeben hätten, wär’ alles glatt für sie gegangen. Doch das war so offensichtlich, das ging nicht mehr.

Und?

Dafür haben sie mich relegiert. Micha lacht. Keine Sorge, ich bin in guter Gesellschaft. Erst war’s schwierig. Von wegen antisozialistisches Element und so. Nu mach ich Krankentransporte an der Charité.

Micha ist frech, anarchisch und unverklemmt. Anders als die meisten Ostler, die Henner bisher so getroffen hat. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Weder muss er die Vorzüge des eigenen Systems loben, um seine Minderwertigkeitsgefühle zu verbergen, noch versucht er, bei ihm zu punkten, indem er die DDR schlecht macht. Das verlogene Hin und Her, das die meisten Ost-West Gespräche prägt, entfällt. Ihr Kontakt ist eins zu eins, auf Augenhöhe.

Überhaupt passt Micha nicht ins Schema. Er ist nicht brav und schüchtern und vorsichtig kalkulierend, sondern schnell, spontan und sorglos. Einen wie ihn kann er sich auch blendend woanders vorstellen, allerdings kaum in Deutschland. Mit siebzehn, als Austauschschüler in Oklahoma, hat er solche Typen getroffen. Zugvögel, die als Wanderarbeiter, Rodeo Reiter oder Cowboys unterwegs waren.

Jim, der Vormann der Abbruchcrew, bei der er jobbte, war auch so einer. Jim nahm das Leben leicht. Vor Schichtbeginn schmiss er erst mal einen Joint, hinterher lud er ihn gelegentlich auf ein Bier in irgendwelche dürftig besuchten Strip-Schuppen ein, wo verängstigte Landmädchen fröstelnd auf schlecht beleuchteten Podesten hin und her schoben. In solche Läden kam man leichter rein als in normale Bars, wo man Ausweise vorlegen musste. Legal gab es Alkohol erst ab einundzwanzig. Montags erschien Jim häufiger mal mit blauem Auge, ansonsten hatte er die Angewohnheit, regelmäßig die Schlitten seiner Chefs kaputt zu fahren. Deswegen wurde er bereits in fünf Bundesstaaten gesucht. Jim sah das nicht so eng. Schließlich blieben da über vierzig weitere, in die er sich absetzen konnte.

Das sind ne Menge Autos, Mann, sagte er nur.

Klar, eines Tages zerlegte er das Coupé de Ville vom Boss’.

Bevor er Micha absetzt, spielt er ihm noch die Flying Burrito Brothers vor: Don’t let you deal go down. Sozusagen im Andenken an Jim.

Im Frühjahr treffen sie sich einige Male im Ostberlin. Micha will ihn zu einem Konzert von Herbst in Peking mitnehmen. Mitte Juni erscheint er nicht zum verabredeten Termin. Nach einer Stunde Warten fährt Henner zur Warschauer Straße. Micha ist nicht seiner Wohnung. Er hinterlässt ihm eine Nachricht und die Anschrift seiner Schwester. Falls Micha angeeckt ist und über Bande spielen muss.

Drei Monate lang geschieht nichts. Er fragt sich, ob Micha wohl auch über Ungarn abgehauen ist oder in der Prager Botschaft festsitzt. Dann, es ist mittlerweile Anfang Oktober, ruft Micha ihn plötzlich auf der Arbeit an.

Telefonate von Ost- nach Westberlin sind selten. Es gibt nicht sonderlich viele freie Leitungen zwischen den Stadthälften, außerdem besitzen im Osten sowieso nur wenige Leute Privatanschlüsse.

Micha sagt nicht viel. Nur, dass er amtlich verhindert gewesen sei. Deutlicher braucht er nicht zu werden. Im Zweifelsfall wird mitgehört.

Sie treffen sich vor der Grilletta Bude am Fernsehturm. Micha ist blass und noch magerer als sonst. Er zeigt ihm wortlos ein Stück Papier. Es ist sein Entlassungsschein. Zugleich die Rehabilitierung. Ein knapper Dreizeiler.

Er sei in der Nähe der Mauer abgegriffen worden. Wegen Zwodreizehn. Man habe ihm Vorbereitung zur Republikflucht vorgeworfen. Vier Monate Haft mit verschärften Verhören. Erst Normannenstraße, dann Brandenburg. Frag nicht, sagt er nur und winkt ab. Henner fragt trotzdem. Micha kaut leer.

Die hielten mich für einen ganz Harten, erklärt er schließlich. Sie hatten Aufnahmen von mir, hier aus der Zionskirche und aus Rostock, wo ich neben irgendwelchen Figuren zu sehen bin, die angeblich große Nummern in der Bürgerbewegung sind. Aber ich kannte die nicht. Es war wirklich jedes Mal purer Zufall, dass ich da rum stand. Das sagte ich ihnen auch. Das haben sie mir nicht abgekauft. Also wurde ich erst mal zwei Backenzähne los.

Er öffnet den Mund, zeigt die Zahnstümpfe und grinst.

Ich wusste gar nicht, dass man die Dinger so leicht knacken kann.

Und?

Sie könnten auch anders. Dummerweise nur hatte ich nichts zu berichten. Sonst hätte ich schon alles ausgepackt.

Er lehnt sich zurück, atmet tief durch und mustert seine Hände, die auf einmal ganz heftig zittern.

Nach zwei Sitzungen Nasstank bist du reif. Da kennst du keine Mutter mehr. Das ist übler als Schläge und Elektroschocks. Wie lebendig begraben.

Micha bricht ab.

Henner hat keine Ahnung, was ein Nasstank ist. Als er erfährt, dass das ein geschlossener Bottich ist, in dem man bäuchlings liegt, Hände und Füße hinterrücks gefesselt, während von draußen eine Handbreit Wasser eingelassen wird, so dass man ständig das Kinn hoch halten muss, weil man sonst ersäuft, sträuben sich seine Nackenhaare. Alles in ihm wehrt sich dagegen, das, was er da hört, zu glauben.

Die Sonne scheint. Über das Marx Engels Forum flanieren Touristen. Zehn Schritte weiter stehen Ostberliner Mamis an, um für sich und ihre Sprösslinge Fett triefende Buletten mit grauem Senf und braunrotem Ketchup zu erstehen.

Die Szenerie ist nicht besonders sexy, doch es gibt trübere. Nordengland zum Beispiel. Außerdem machen die drei Dutzend Sorten Duschgel, die auf der anderen Seite der Mauer im Ka-De-We zum Kaufrausch auffordern, auch niemanden wirklich glücklich.

Bisher hat er den Osten immer nur als ein anderes System gesehen. Gewiss, eine Diktatur mit Zaun, Todesstreifen, Staatssicherheit und Knast für alle, die zu reiselustig sind, aber wenigstens nicht so übel wie das, was vorher war, und allemal besser als Totenkopfeinheit, Erschießungsgräben und Zyklon B.

Und jetzt?

Was Micha ihm schildert, klingt wie alte Schule. So wie bei der Gestapo. Eine Sauce.

Sein erster Impuls ist: Der lügt. Das sind bloß Schauermärchen. Der denkt sich das aus. Der will sich wichtig machen. Vielleicht hat er auch wen verpfiffen und ein schlechtes Gewissen. Nun zimmert er an einer Folterstory, weil die ihn entlastet.

Dummerweise nur fehlen Micha tatsächlich zwei Zähne.

Er stiert auf den Entlassungsschein und saugt ratlos an einer Zigarette. Denn erinnert er sich wie er vor einigen Jahren, als er nach Südfrankreich trampte, mit einem Mann aneinander geraten ist, der ihn in seinem kleinen Fiat mitnahm. Der Mann kam ursprünglich aus dem Osten. Er hatte in Bautzen gesessen, bevor er frei gekauft und abgeschoben worden war.

Sie redeten über Politik. Der Mann meinte irgendwann, für ihn seien Honnecker und Hitler dasselbe. Die DDR sei blanker Faschismus. Er hielt sofort dagegen. Schließlich habe Honnecker keinen Krieg verschuldet und Mordfabriken gäbe es in der DDR auch keine. Der andere bekam einen dicken Hals. Trotzdem wisse jeder, der es wissen wolle, dass es dort zugehe wie bei George Orwell.

Nur die Westlinke, diese Internationale der Einäugigen, frisst jeden Propagandabrei. Weil sie zu feige und zu faul ist, über den eigenen Zaun zu kucken und es viel bequemer findet, auf die Gräuel der bösen Amerikaner zu zeigen.

Das geht ihm so durch den Kopf, während Micha ins Leere kaut und die Muttis sich den braunen Schleim von den Fingern lecken.

Wieso haben sie dich raus gelassen, fragt er schließlich?

Micha zuckt die Achseln.

Die haben die Sache nicht mehr Griff. Nun kriegen sie kalte Füße. Sie wissen, hier muss sich schleunigst was ändern, sonst läuft ihnen das alles völlig aus dem Ruder.

Hast du die Nasen, die das getan haben, wenigstens angezeigt?

Micha lächelt müde.

Klar. Wollen Sie das wirklich, haben sie mir da gesagt. Ihr Wort steht gegen das von zwei Genossen.

Später, als Micha ihn zum Übergang an der Friedrichstraße bringt und sie vor dem Tränenpalast eine letzte rauchten, wird er zum Propheten.

Kopf hoch. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns diese Weihnachten schon in auf dem Ku-Damm.