Das Geständnis

Ich war ihm auf Anhieb verfallen. Ein heißes Kribbeln schoß mir über den Nacken. Er wirkte zierlicher als alle, die ich zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Und das waren eine Menge. Seine straffe Taille beschrieb einen weichen, langgezogenen Bogen, bevor sie in einer festen Gerade mündete. Hinreißend griffig. Ich hatte kaum die Nerven, die Hände zu zügeln. Doch der Versuchung, die Finger über den rassigen Leib gleiten zu lassen und mich mit seinen zarten Wölbungen vertraut zu machen, war eine Schaufensterscheibe im Weg.

Der Trödler machte gerade Mittagspause. Vorsichtshalber rüttelte ich am Griff. Kehrte erfolglos vor die Auslage zurück. Ich hatte Feuer gefangen. Nun brannte ich lichterloh.

Zum ersten Mal im Leben nahm ich einen leibhaftigen >W 28< in Augenschein. Eines der legendären Exemplare, die Siemens und Halske ab Ende der zwanziger Jahre deutschen Fernsprechteilnehmern präsentierten. Gebannt verfolgte ich die Kurven der Gabel. Von der Wespentaille des Apparats fächerte sie sich in zwei Bögen auf. Geweihartig. Darüber, im gleichen glänzenden Schwarz wie das Gehäuse, der Hörer. Zwei unaufdringliche Zierleisten an seiner Seite fingen die unterkühlte Nüchternheit funktionaler Form ab. Eine gerippte Halbkugel diente als Einsprache. Die Stoffschnur, die den Hörer mit der Seite des Geräts verband, war geflochten. Mittig, schräg, über einer schwungvollen Ausbuchtung des Gehäuses, befand sich die Wählscheibe aus vernickeltem Metall. Darunter erkannte ich schwarze Ziffern auf weißer Emaille. Jede der Zahlen war von einem hauchdünnen Kreis umgeben, exakt in Größe der Fingerlöcher.

Meine Atemluft kondensierte am Glas. Ich mußte mehrmals den Ärmel zu Hilfe nehmen, um mir wieder Durchblick zu verschaffen. Es war ein kalter Novembernachmittag. Ein profaner, regnerischer, bis Sekunden vor diesem Ereignis höchst durchschnittlicher Berliner Herbsttag.

Der >W 28< ist wie jeder Klassiker zeitlos, der erste Apparat, der Funktionalität mit Form versöhnt. Raymond Loewy, der sonst nicht eben maulfaule Kritiker miserabler Industrieästhetik, hat bei seinem Anblick verzückt aufgeschluchzt. Ähnlich ging es mir. Heftig über die verdreckte Scheibe eines als ‘Antiquitäten’ apostrophierten Ramschladens in der Pestalozzistraße reibend, entrang sich mir dieser oder jener begehrliche Stoßseufzer. Das Grunzen erregte Aufsehen.

Ein älterer Passant erkundigte sich besorgt, ob mir nicht ganz wohl sei. Ich erklärte lächelnd, ich sei bloß Liebhaber alter Telephone, und in dem Laden befände sich welche. Warum ich denn nicht rein ginge, wollte der alte Herr wissen. Ob ich kein Geld habe?

Für einen Großstadtrentner war er ungewöhnlich zutraulich.

Es sei leider abgeschlossen, meinte ich.

„Mittagspause?“

„Bis halb vier...“

Er schüttelte teilnahmsvoll den Kopf.

„Das dauert noch.“

Ich deutete auf den >W 28<.

„Ich kann mich kaum zurückhalten, die Scheibe einzuschlagen...“

Der Alte sah erst auf den Apparat, dann in mein Gesicht. Er murmelte hastig: „Ach so ist das. Da will ich Sie nicht weiter stören“, lüftete den Hut und trippelte raschen Schrittes Richtung Leibnizstraße.

Ich bin Unverständnis gewöhnt. Nicht jeder gerät vor einer Batterie >W 28<, wie ich sie mittlerweile zu Hause stehen habe, in Wallung. Ich bin auf zahllose Ignoranten gestoßen, die ein >W 38< und ein >W 48< nicht auseinander zu halten wußten. Andere zeigen sogar einem >W 24< oder >W 19< die kalte Schulter. Dabei sind das echte Raritäten. Auch auf mein ältestes Gerät, einen hölzerner Wandapparat mit Kurbel, Bronzeweckern und Trichtereinprache, reagieren manche so leidenschaftlich wie ein toter Fisch.

Bevor ich zu solchen Kreaturen den Kontakt abbreche, bestrafe ich sie damit, ihnen meine Exotikkollektion vorzuenthalten: die belgischen, skandinavischen und englischen Apparate aus den Jahren 1892 bis 1937. Oder meine >W 63< von RFT, aus volkseigener Produktion, die noch den echten Charme der späten Ulbricht-Ära atmen: Realsozialistische Nierentische mit Hörer. Handlicher als jeder Kugelporsche.

Ich gestehe, ich bin Sammler. Das klingt harmloser, als es ist. Es hier so auszusprechen, fällt mir nicht leicht. Es hat viel gekostet, um mich dazu zu bekennen.

Sammler waren mir stets ein Greuel: Lächerliche Käuze, in der Analphase zu kurz gekommen, die deshalb für den Rest ihres Lebens zwanghaft anhäufen müssen. Gequälte, neurotische Geister, die mit fiebrigen Augen Flohmärkte, Kirchenbasare und Trödelläden durchstreifen, Kataloge wälzen, Bankkonten plündern und Erbschaften durchbringen. Fast immer waren sie zudem Exhibitionisten: Jeden, der ihnen in die Fänge geriet, vergewaltigten sie mit dem Anblick ihren Trophäen.

Sammelleidenschaft war bloß eine von vielen Degenerationserscheinungen einer kranken Zivilisation. Leute, die sich überflüssig fühlten, verschanzten sich hinter nutzlosem Zeugs, um ihrem sinnentleerten Dasein einen Focus zu geben. Oder sich interessant zu machen. Für alle Fälle. Falls sie mal bei SAT 1 während einer Live-Show vor die Kamera gezerrt wurden. Das lief dann so ab:

Moderator: „Haben Sie besondere Vorlieben?“

Weiblicher Gast (kichernd): „Ja.“

Moderator (bleckt sein Colgategebiß): „Welche denn? Meine sind Fernsehen und Sex.“

Weiblicher Gast (lächelt geheimnisvoll): „Ich sammle.“

Moderator (rüscht interessiert die linke Augenbraue): „Ach ja. Was denn?“

Weiblicher Gast: „Mokkatäßchen.“

Moderator (nach kurzem Kehlkopfkrampf): „Klingt richtig spannend.“

Weiblicher Gast (holt tief Luft): „Ich habe schon zweihundertdreiundsiebzig...“

Alle Sammler, denen ich begegnet war, egal wie aufgeklärt sie sich gaben, waren Eskapisten. Sie rissen vor der Realität aus. In ihr kleines Sammlerreich. Dort angekommen, verfielen sie in eine Art Trockenrausch. Blicke verschleierten sich. Mienen entgleisten in andächtiges Gegrinse. Häufiger Mal gaben sie in unkontrollierte Laute von sich. Erwachsene Menschen, volljährig und wahlberechtigt, stammelten tote Gegenstände an.

„Nu, nu, nu - da seid ihr ja, meine Hübschen...“

Andere streichelten minutenlang leblose Objekte oder verstummten angesichts ihrer Fetische in mystischem Schweigen, als mutierten sie plötzlich zu okkulten Zeremonienmeistern. Redseligere Typen, die Sekunden zuvor noch sturznüchtern schienen, traktierten mich mit zusammenhanglosem Gefasel. Etwa:

„Das hier ist mein erstes Bild von einem normannischen Taufbecken. Sommer '78. Frankreich. Auf Agfacolor. Meike hatte gerade entbunden. Ich hab' über dreihundert normannische Taufbecken auf Dia. Um genau zu sein: Dreihundertundzwölf. Phantastisch, nicht? Und diese Bildqualität. Ich schwöre auf Agfa. Aber Meike nimmt nur Fuji...“

Wieder andere leierten mantrahaft Herstellungsdaten ‘runter oder begannen in fachsprachlichen Zungen zu sprechen, wobei sie, was den kafkaesken Eindruck noch steigerte, stets vorauszusetzen schienen, daß man von ihrem pathologischen Gebrabbel gefesselt war.

Wenn ich eines ihrer Stücke, die mal etwas zügiger absetzte, weil ich bereits zum Umfallen müde war, sogen sie heulend den Atem ein, als drohe ich, ihr Erstgeborenes durch den Fahrstuhlschacht des Empire State Buildings zu schicken. Von oben. Ohne Kabine.

„Pass’ doch auf. Weißt du, was das kostet? Gib’ her. Schön vorsichtig. Sooo. Mit etwas mehr Gefühl...“

Alle, jedenfalls alle, die ich als echte Sammler bezeichnen würde, hatten dabei dieses irre Flackern in der Pupille. Dabei waren mir nur relativ harmlose Fälle begegnet. Sammler im Tertiärstadium griffen gewiß gleich zum Beil. Das gab mir zu denken. Die Leidenschaft führte in Abgründe.

Kunstliebhaber sind bekanntlich notorische Kriminelle, stehlen in Kirchen und Museen. Briefmarkenfreunde morden regelmäßig oder werden von anderen Philatelisten gemeuchelt. Das gleiche gilt für Freunde alter Münzen, russischer Ikone oder christlicher Reliquien. Messer, Eispickel, Kugeln, Gift, Garotte, rätselhafte Autounfälle, Herzattacken in Bordells, Opernlogen oder bei ‘Christies’ auf dem Klosett. Sammler leben nicht nur gefährlich. Sie sind auch risikofreudiger als sammelfaule Zeitgenossen. Stichwort: Beschaffungskriminalität. Dunkelziffer: Hundert Prozent. Taucht in keiner Statistik auf. Warum? Es gibt nur eine Erklärung: Der Innenminister sammelt selbst...

Bei mir war das anders. Ich hatte mit solchen Sachen nichts am Hut. Wirklich. Ich zahlte pünktlich Steuern, ging nur noch selten bei Rot über die Straße und grüßte meine Nachbarn. Das letzte Mal hatte ich im Supermarkt geklaut, nachdem ich im neunten Semester durch die Zwischenprüfung fiel. Sozusagen in der Spätpubertät. Gewiß, ich pflegte ein libidonöses Verhältnis zu alten Fernsprechern. Aber das war nur ein etwas ausgefallenerer Zeitvertreib, keineswegs besorgniserregend. Oder?

Insgeheim registrierte ich mit leisem Grausen jedoch, wie die Symptome sich häuften. Schließlich begann ich sogar von Telephonen zu träumen. Ich schreckte nachts hoch, lag stundenlang wach und schwitzte.

Gegenüber Dritten, die bereits bestürzend oft von einer ‘Telephonsammlung’ sprachen, verpackte ich meine Marotte als liebenswerten Spleen und heuchelte technisches Interesse. Etwas, das mir ansonsten völlig abgeht. Stets rückte ich dabei mein Tüftlertalent in den Vordergrund. Der deutsche Heimwerker ist fester Bestandteil protestantischer Alltagskultur. Selbst Akademiker frönen dem geschäftigen Basteln. Damit läßt sich vieles kaschieren.

Tatsächlich gelang mir, aus rostigen, tristen Ruinen wieder fröhlich schellende, glänzend gelackte Apparate zu zaubern. Meine Telephontests stießen zwar bei Nachbarn und Bekannten nicht immer auf ungeteilte Freude, etwa, wenn ich zum sechsten Mal innerhalb einer Stunde durchschellte und um Rückruf bat, weil ich ausprobieren wollte, ob der frisch angeschlossene Apparat funktionierte. Doch ich war hobbymäßig legitimiert und wirkte arbeitsethisch gefestigt.

Ansonsten betonte ich gern die ästhetische Komponente:

„Ein alter Apparat sieht einfach besser aus als so ein gesichtsloses Kunststoffteil mit Druckknöpfen. Er hat noch richtige Glocken. Beim elektronischen Gejaule moderner Telefone gehen mir die Nackenhaare hoch. Außerdem paßt er zu meiner Schreibtischlampe.“

Mitunter bemühte ich auch funktionale Aspekte:

„Bei so einem postmodernen Plastikalptraum liftest du den Hörer und der Apparat hebt ab. Nach drei Mal Runterfallen ist er Schrott. Das >W 28< ist solide. Das kann man sogar reparieren.“

Dieser Gesichtspunkt ließ sich auf der ökologischen Schiene beliebig ausbauen. Von wegen extensiver Nutzung, Wiederverwertung alter Teile, Ressourcenersparnis, politisch korrektem Konsumverhalten und so weiter.

Zunehmend allerdings geriet ich in Bedrängnis. Immer dann, wenn jemand feststellte:

„Die sind ja alle sehr hübsch. Und die Sache mit dem Ersatzteillager leuchtet mir ja auch ein. Bloß warum gleich vierzehn von derselben Sorte? Das nimmt doch irre viel Platz weg, und eure zwei Zimmer quellen schon über.“

Ich druckste ‘rum. Log, es wären Tauschobjekte oder behauptete, ich wolle sie weiterverkaufen. Außerdem seien sie alle unterschiedlich. Man müsse sie sich nur mal genauer anschauen. Einige wären mit Erdtaste, andere ohne. Bei den >W 28< zum Beispiel gäbe es Gabeln in Privatausführung und in Amtsausführung. Die private sei wesentlich aparter.

„Außerdem werden es ja nicht mehr. In ein paar Jahren sind die letzten weg.“

„Aber drei oder vier täten es auch.“

„Wie viele gibt’s davon noch?“

„In deiner Wohnung mindestens vierzehn. Die sind alt, na schön. Doch das hört man auch. Ruft man bei dir an, klingt es, als sprächst du aus ‘m Tunnelschacht. Es rauscht in der Leitung. Oder ist ständig besetzt, weil du gerade wieder an Telephonen bastelst. Warum klebst du dir nicht gleich ein Pflaster auf den Mund oder bemühst einen nassen Wollschal? Dann könnte man dich besser verstehen.“

„Zugegeben, das >W 19< klingt manchmal etwas quäkig. Dafür sprichst du in eine Membran, in die vielleicht schon die göttliche Marlene gehaucht hat. Das hat doch was.“

„Garbo war die Göttliche. Marlene schaffte es nur bis zum blauen Engel.“

„Du weißt, was ich meine.“

„Klar. Aber ich bin kein Spiritist. Außerdem finde ich die Vorstellung nicht sonderlich appetitlich, mich durch die Speichelablagerungen von sieben Jahrzehnten graben zu müssen...“

Nach solchen Gesprächen tröstete ich mich, daß es eben zynische Schnauzen gab, die vor nichts Respekt hatten. Doch das Seelenkostüm litt. Selbstzweifel nagten. Denn irgendwann, das wußte ich, kam der Tag der Wahrheit. Für jeden Sammler. Dann mußte er der harten Tatsache ins Auge sehen, dass aus dem scheinbar harmlosen Zeitvertreib längst mehr geworden und sein Leben aus den Fugen geraten war.

Damals, an jenem Nachmittag vor dem Laden in der Pestalozzistraße, ahnte ich das noch nicht. Punkt halb drei stand ich mit pochendem Herzen vor den Pforten meiner Bank, hob dreihundertfünfzig Mark ab und hetzte im Dauerlauf zurück zum Trödler. Unterwegs malte ich mir aus, wie ein zufällig vorbeikommender Telephonliebhaber den Apparat im Schaufenster erblickte, während der Trödler, etwas verfrüht, eben aus der Mittagspause zurückkehrte. Keuchend kam ich an. Wartete fiebernd vor dem Geschäft. Nach rund einer dreiviertel Stunde schlurfte ein älteres Männchen aus einem benachbarten Hofeingang und strebte auf den Laden zu. Ein kahl gewordener Hippie im Vorrentenalter. Davon gibt es in Charlottenburg noch eine ganze Reihe. Nachts geistern sie häufig durch den ‘Zwiebelfisch’. Aber Gott sei Dank schwäbelte er nicht.

„Willste zu mir?“

Ich bejahte. Er klapperte mit einem Schlüsselbund und schloß auf.

„Das Telephon da interessiert mich“, keuchte ich heiser. Fast erschrocken blickte der Althippie auf, musterte mich und setzte zu einem leisen Grinsen an. Der Apparat mußte schon Monate in seiner Auslage gestanden haben. Nun erst sah ich den Staubfilm auf dem Lack.

„Ja, det is ooch wat Besonderet.“ Er atmete gewichtig aus. „Wat janz Besonderet.“

Er hatte Mundgeruch und war schlecht rasiert. Ich wußte, daß ich ein viel zu teures Jackett trug und mir die blanke Gier aus den Augen sprang.

„Was willste denn dafür haben?“

Ich war bemüht, gleichgültig zu klingen, aber die Tonlage verriet mich. Mein Puls raste.

„Tja“, kam es gedehnt. „Wat isset dir denn wert? Mach' mir n’ fairet Anjebot.“

Wir einigten uns auf neunzig Mark. Der Trödler wirkte äußerst zufrieden. Er maulte zwar, aber nur pro forma, und lud mich sofort ein, noch eine elektrisch flambierte Aluminium-Muse mitzunehmen, die spärlich bekleidet eloxierte Arme in die Höhe reckte und als Glühbirnenhalterung diente. Echt Art-Deco. Ein Schnäppchen zum Freundschaftspreis. Klar, er hätte mir das Telephon auch für die Hälfte gelassen. Doch ich war froh, noch halbwegs ungeschoren bei ihm ‘rausgekommen zu sein. Denn, Hand auf's Herz, obwohl ich mir ein absolutes oberes Limit gesetzt hatte, jeden Pfennig, den ich auf der Naht trug, und den geerbten Wintermantel meines Großvaters, hätte ich ihm für das Teil gelassen.

Es war mein erster >W 28<. Nicht satt sehen ich mich an ihm. Wie lieblich er schellte. Und wie sanft sein Nummernschalter beim Wählen schnurrte. Abends schleppte ich ihn vor mein Bett, damit er mir über Nacht nicht zu fern war.

Danach folgte ein zweiter, dritter, fünfter, elfter.

Ich entdeckte, wie viele verschiedene Varianten des >W 28< es gab: Tisch- und Wandapparate, Reihenschaltanlagen, Haupt- und Nebenstellengeräte, mit und ohne Amtsanschließer. Fernsprecherische Dimensionen taten sich auf, von denen ich nie zu träumen gewagt hätte. Wieviel gab es da noch zu ergründen, aufzustöbern und zu sammeln.

Ja, zu sammeln. Nun ließ es sich nicht länger leugnen. Nun brachen alle Dämme. Ich hortete >W 28< wie andere Socken. Flohmärkte und Antik-Shops wurden mein Dorado, und obwohl ich rasch dazu überging, nur noch Selbstgedrehte zu rauchen und mich von gebackenen Bohnen zu ernähren, war mein Überziehungskredit stets ausgeschöpft.

Sammler sind wie Süchtige, sie wollen immer mehr und besseren Stoff. Exklusiver, rarer, abgefahrener.

„Neulich, in London, hab' ich ein >Ericsson< gesehen. Typ >Spinne<. Phänomenal. Von etwa 1890. Sollte bloß sechshundert Pfund kosten. Fast nachgeworfen. Dummerweise war ich klamm und der Typ nahm keine Schecks...“

Dabei fängt alles ganz harmlos an. Für den ersten Apparat, ein klobiges Bakelitmonster aus den Dreißigern, legte ich fünfundvierzig Mark hin. Das, fand ich seinerzeit, war unerhört viel Schotter. Es dauerte Jahre, bis ich mich zum nächsten Telephonkauf durchrang. Dann wurden die Abstände kürzer. Und die Summen größer.

Mittlerweile leide ich an Entzugserscheinungen, wenn ich an zwei auf einander folgenden Wochenenden keinen Flohmarkt sehe. Ich werde mürrisch, neige zu Rastlosigkeit und ertappe mich bei den bizarrsten Ersatzhandlungen. Ich spiele stundenlang mit defekten Nummernschaltern, kaue Nägel oder gucke mir dreißig Minuten lang Bioleks Boulevardbrei an, ohne mich ein einziges Mal wegzuzappen. Das mache ich sonst nur, wenn ich mentale Kasteiung brauche.

Auch in sozialer Hinsicht hat die Sammelsucht Folgen. Meine wache Freizeit verbrachte ich schmirgelnd und lötend über meinen kleinen Lieblingen. Dann entdeckte ich, daß ich auch unter Woche diesen oder jenen Basteltag einlegen konnte, wenn ich die Krankmeldungen etwas origineller gestaltete.

Beim zehnten Telephon hatte meine Freundin noch gelacht. Dann begann sie sich darüber zu beklagen, daß ich sie erotisch vernachlässige. Kurz darauf verbot sie mir, im Schlafzimmer zu lackieren und versteckte die Spraydosen hinter den Handtüchern im Bad. Beim fünfundzwanzigsten Apparat bekam sie einen hysterischen Anfall und zerlegte das gemeinsam erworbene Kaffeegeschirr. Als ich ihr eines Sonntags strahlend meinen dreiunddreißigsten Apparat vorführte, einen >W 49<, den ich ungemein günstig auf dem 17. Juni erworben hatte, stand sie schweigend auf, packte und zog aus.

Schon bald trösteten mich achtundzwanzig weitere Wandtelephone und siebenundsechzig Tischapparate über das Alleinsein hinweg. Außerdem konnte ich jetzt ungestört am Küchentisch schmirgeln und endlich wieder im Schlafzimmer lackieren, ohne das ständige „Zeitung unterlegen“ im Nacken zu haben.

Trotzdem.

Man vereinsamt. Arbeitslos bin ich inzwischen auch. Die Bank droht mit Zwangsvollstreckung. Neulich klingelte der Gerichtsvollzieher an der Tür.

Gewiß, nicht immer muß Sammelwut in sozialem Verfall, Wahnsinn oder Tod enden. Aber doch häufig genug. In letzter Konsequenz sind wir Outcasts, Anwärter für Irrenanstalten und Hochsicherheitstrakte.

Mal ehrlich: Würden Sie, nun, da Sie wissen, wo das endet, sich noch freiwillig bekennen, Sammler zu sein? Täten Sie nicht alles, um Ihr Laster vor der Außenwelt zu verbergen, mieteten eine Zweitwohnung an, besorgten sich gefälschte Papiere oder wanderten aus?

Sehen Sie, da geht es Ihnen wie es mir. Beziehungsweise, wie es mir noch bis vor knapp einem Monat ging.

Seitdem weiß ich, daß es in einem verschwiegenen Wilmersdorfer Gemeindehaus Treffen für anonyme Telefoniker gibt. Wir setzen uns im Kreis hin und berichten. Jeder erzählt seins. Die anderen hören zu. Es ist immer sehr nett und gesellig. Rauchen dürfen wir auch. Die meisten gehen da hin, weil sie zuviel mit dem Handy spielen oder ständig ihren Anrufbeantworter abhören. Einer betet immer laut darum, daß Gott ihn vom Telefonsex befreit. Als ob der was für seinen Einheitenverschleiß könne.

Jedenfalls habe ich dort Wolfgang kennengelernt. Wir sind die beiden einzigen Sammler in der Gruppe.

Wolfgang geht schon längere Zeit bei den Telefonikern, obwohl er genauso wenig Probleme mit seiner Telefon-Rechnung hat wie ich. Wolfgang legt seine Anschlüsse schwarz. Er ist Single, Frührentner, gelernter Fernmeldetechniker und besitzt mehrere hundert Telephone. Allein sechsundfünfzig >W 28< Tischapparate. Bei Gelegenheit will er sie mir zeigen. Darauf freue ich mich jetzt schon. Jedenfalls hat Wolfgang mir den Trick mit der schwarzen Schuhcreme verraten. Macht stumpfes Bakelit wie neu und verdeckt Risse im Gehäuse. Bei der Auflösung der russischen Armee-Depots in Wünsdorf hat er mehrere Fünf-Kilo-Dosen abgegriffen. Eine will er mir abgeben. Zu den Telefonikern geht er nur, um alte Apparate zu verscheuern. Damit finanziert er sich den Ausbau seiner Sammlung. Er kommt immer mit voller Tüte und geht mit leerer. Unter siebzehn Gruppenmitgliedern hat er schon zwölf Stammkunden. Die Treffen sind ein blendender Markt. Für Handy-Freaks hat so ein altertümliches >W 48< durchaus therapeutische Wirkung. Von wegen Akustik, Größe und Gewicht. Eine dieser Yuppie-Nasen erzählte letzten Freitag ganz stolz, er habe zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder einen Brief geschrieben.

Die >W 63< aus der Zone vertickt Wolfgang für 90 Mark. Das sind Halsabschneiderpreise. Aber Wolfgang meint, Psychologen berechnen mehr. Pro Sitzung.

Er sagt immer: „Der Psycho kassiert bloß und denn jehste wieda. Is wie ‘m Puff. So’n >W 63< is wat Solidet. Det bleibt.“

Ich habe darüber nachgedacht. Wolfgang hat Recht. Sammelleidenschaft Wecken ist eine gehobene Form von Seelsorge. Im Zeitalter von Wechsel und Wandel stirbt der Bedarf an wahren Werten nicht aus.

Wir werden uns zusammentun. Diese Woche habe ich Pfarrer aller Konfessionen in Tiergarten, Mitte und Pankow angesprochen. Um ein paar mehr Treffen zu arrangieren. Wolfgang knüpft Kontakte nach Leipzig, Dresden und Chemnitz. Ich übernehme Hamburg, Köln und Frankfurt am Main.