Bye, bye Caymans

Morgens gegen acht stehe ich am Flughafen Fuhlsbüttel vorm Spiegel, fletsche die Zähne und begutachtete meine Krone. Höllisch teure Keramik, aber gelungen. Der Farbton wirkt echt. Selbst bei Kunstlicht. Mein Betriebskapital. Schlechte Beißer können sich nur noch Putzkräfte leisten, wie der verlotterte, feiste Bursche mit Rasta-Locken und Kompottglasbrille, der gerade einen Eimer Seifenwasser durch die Tür schiebt und penetranten Parfümdunst absondert.

Ein Immobilienberater lebt von seinem Lächeln, besonders, wenn er erst dreißig ist. Da ich in Hamburg arbeite, wo sich heftige Gefühlsäußerungen nicht selten an fros-tigen Echos verkühlen, habe ich mein Lächeln auf artiges Understatement ge-trimmt. So harmoniert es mit der aktiven Langeweile, die mein dunkelblauer Volvo verbreitet. Heute allerdings werde ich etwas mehr als das gut sitzende Grinsen brauchen.

Das wurde mir gestern klar, als ich bei Daniel Wischer saß, dem antiquierten Fisch-imbiss in der Spitalerstraße, wo Jessel mich mindestens einmal in der Woche hin-schleppt, obwohl er weiß, dass ich auf betagtes Chromambiente noch weniger ste-he als auf Gräten. Während ich lustlos in den Rippen einer Finkenwerder Scholle stocherte, lutschte er schmatzend an Scampi. „Murnau ahnt, was wir vorhaben. Er wird alles tun, um den Deal zu torpedieren. Brandeis ist in Druck. Er will die Details. Erscheine ich mit leeren Händen, schließt Murnau ab. Sie sind sich im Klaren, was das für Sie bedeutet.“

Er braucht beim Drohen nicht mal die Stimme zu heben. Für ihn geht es um Geld, für mich um den Hals. Jessel ist Jurist. Ich hafte. „Wenn wir platzen, kostet das Sie drei bis fünf Jahre. Bei einem milden Richter.“

Sein Lacher röhrt mir noch im Ohr. Jessel zählt zu der Sorte Endvierziger, die trotz Fitnessberater zu Fettleibigkeit neigen, zu laut sprechen und sich über eigene Wit-ze ausschütten. Aber er ist mein Ticket in die Karibik. Klappt alles wie geplant, kann ich bald auf den Caymans Cocktails schlürfen. Ganzjährig.

Aus dem Lautsprecher quäkt die Ansage: „Letzter Aufruf für Lufthansa 873 nach Berlin-Tegel.“

Ich sortiere den Binder, hole tief Luft und atme geräuschvoll aus. Das lockert die Gesichtsmuskulatur.

Neun Stunden später trete ich aus der ‘Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben’ am Alex. Tagsüber bin ich zwischen den Büros der ‘Bodenver-wertungs- und Verwaltungsgesellschaft’ in der Schönhauser Allee und der Berliner Straße gependelt. Als die Treuhand noch im Reichsluftfahrtsministerium saß, ließ sich alles zwar unter einem Dach erledigen, doch mit den ewigen Nörglern räumte erst die Neustrukturierung auf. Wer weiß schon, für was ‘B v S’ steht oder hat einen Schimmer, wie die Holding organisiert ist?

Am abendlichen Herbsthimmel baden Zirruswolken in Purpur. Die Sache ist im Sack. Alle Alteigentümeransprüche starben bereits bei der Schildkrötensuppe, und als ich andeutete, wie die stille Beteiligung am geplanten Hotelkomplex arrangiert werde könne, kaute der schmallippige Justiziar so verzückt an seinem Chateaubri-and, dass ich um sein Gebiss bangte. Die anschließende Umwidmung von einigen Hektar Wald am Rand des Golfplatzes erwies sich als geringste Hürde. Der Abtei-lungsleiter verfiel auf die griffige Formulierung vom zweckentfremdeten Bauland. In der Nähe hätten bis 1945 Baracken für polnische Fremdarbeiter gestanden. Dreht man es geschickt, rechnen sich sogar historische Erblasten.

Meine Lungen saugen an Herbstluft. Ich werfe einen kurzen Blick auf das Treiben der Punks zur Rechten und gehe Richtung Karl Liebknecht Straße. Die notarielle Seite wird die Winterin morgen als erstes erledigen. Annemarie Winter ist Jessels unverheiratete Sekretärin, ergraut, effizient und verschwiegen. Sie verleiht seinem Büro in den Colonnaden jene nüchterne Staubigkeit, die Kunden gern mit hanseati-scher Solidität verwechseln.

Als ich das Handy aus der Manteltasche ziehe, streikt der Akku. Bestimmt geiert Jessel auf schon auf Nachrichten, zerquetscht Papiertaschentücher und nervt die Winterin. Soll er zappeln. Ich winke einem Taxi und falle ins Polster. Mein Flieger geht um kurz nach acht. Eine halbe Stunde später liegt der Entwurf im Safe. Noch ein kurzer Rapport an Jessel, dann wird gefeiert. Scotch auf Eis. Dazu Miles Davis. Oder ein Essen mit Harriet. Dessert bei mir oder ihr.

„Wo sollet ‘n hinjehn, Meesta?“ Der Chauffeur fixiert mich durch den Rückspiegel.

Eigentlich will ich nach Tegel, doch bis zum Einchecken bleibt noch viel Zeit. Tri-umphe wollen ausgekostet sein. Also bitte ich ihn spontan, mich am Savignyplatz abzusetzen. Die Cocktails im ‘Florians’ sind nicht ohne.

Sie hat graublaue Augen, die im Licht der Bar bisweilen ins Grüne wechseln. Da sie kurz nach mir gekommen ist, vermutete ich, dass sie in der Gegend arbeitet. Sie trägt noch Bürouniform: Nadelstreifen, Seidenschal, dezentes Makeup, halblanges, offenes Haar. Naturblond. Ich bin zu müde, um eine Show abzuziehen, und sage ihr, dass ich in neunzig Minuten schon wieder am Flughafen sein muss. Sie reckt mir eine langstielige Zigarette entgegen, bittet um Feuer, gurrt ein rauchiges „Scha-de.“

Als sich unsere Finger berühren, rieselt mir ein wohliger Schauer über den Nacken. Harriet ist brünett, aber ich bin kein Purist. Allerdings verpasse ich dann den Flug.

„Wie sollte ich auch ahnen, dass ich hier auf ein so anregendes Gegenüber treffen würde.“

Ich verwöhne sie mit meinem jungenhaften Grinsen, von dem Harriet sagt, es erin-nere sie an Brad Pitt. Die Blonde spitzt den Mund. Ein Hauch Rot fliegt über ihre Wangen.

„Sind Sie immer so direkt, Herr...“

„Janetztki, Martin Janetzki. Nennen Sie mich Martin.“

Beim Lächeln zeigt sie unregelmäßige Grübchen. Unvermittelt wischt sie sich das Haar aus der Stirn und streckt ihre Hand aus.

„Ich bin Marie Jonas. Ist das nicht putzig? Wir haben dieselben Anfangsbuchsta-ben.“

„In der Tat“, grunze ich. Das warme Rieseln verwandelt sich in einen heißen Schwall, als sie fünf Sekunden später noch immer meine Hand hält.

Sie arbeitet als Anwältin in einer benachbarten Kanzlei und trinkt hier abends gele-gentlich eine Bloody Mary. Das dunkle Timbre kommt ihr bei Plädoyers bestimmt gut zupass. Aber ich bin viel zu verwirrt, um lange über ihre professionellen Vorzü-ge nachzudenken. Denn sie lässt mich nicht los. Stattdessen rutscht ihr zarter Griff auf meinen linken Oberschenkel. Der Abend verspricht interessant zu werden. E-ben entscheide ich, erst die Spätmaschine zu nehmen, als sie die Hand zurückzieht und ertappt auflächelt.

„Oh, hallo Ralf.“

Neben uns steht ein schnauzbärtiger Mittdreißiger in Lederjacke, gebadet in billi-gem Riechwasser. Er ist breiter als ich und sieht aus wie ein Schläger.

„Hallo.“

„Ralf, das ist Martin.“

„Angenehm“, lüge ich.

Ralf erklärt, dass er „um die Ecke“ verabredet sei. Was hat sie mit dem Klotz zu tun? Sein Aftershave grenzt an Körperverletzung. Doch Ralf zeigt unverhofftes Taktgefühl. Er verzieht sich ans andere Ende des Tresens.

„Einer deiner Klienten?“

„Ich habe beruflich gelegentlich mit ihm zu tun.“ Zeige- und Mittelfinger schieben eine Franse zur Seite. Sie mustert mich, den Kopf leicht schräg gelegt. „Immer so neugierig?“

„Angeboren.“

„Na schön. Er ist bei der Kripo. Zufrieden?“

Ich bin alles andere als zufrieden, doch da, als sie eben nach ihrem Glas greift, er-starrt sie. Ihr Blick saugt sich entgeistert an der Rechten fest, grast dann sekunden-lang den Marmor unter den Barhockern ab. Als sie aufsieht, ist ihr Lächeln wegra-diert.

„Das ist ein schlechter Scherz. Gib ihn mir bitte sofort wieder.“

„Wie bitte?“

„Den Ring“, kommt es leise und schneidend. Ihre Stimme ist plötzlich sehr kühl. Ich lache hilflos. Vor Sekunden noch ihr feuchtes, viel versprechender Timbre. Und jetzt das.

„Welchen Ring? Wovon redest du?“

„Lassen Sie das. Geben Sie ihn mir einfach wieder und wir vergessen die Sache.“

Vielleicht ist sie verrückt. Oder eine glühende Männerhasserin, die sich einen Spaß daraus macht, geile Schwachköpfe zum Stottern zu bringen.

„Ich habe Ihren Ring nicht“, sieze ich sie halblaut zurück. „Was fällt Ihnen ein, mit zu unterstellen, hier irgendwelche Ringe zu entwenden?“

„Gibt’s Probleme, Marie?“

Die übel riechende Lederjacke taucht wieder neben uns auf.

„Nein, schon gut, danke. Herr Janetzi hat nur einen etwas eigenartigen Sinn für Humor.“

„Inwiefern?“

„Ich will keine Schwierigkeiten und sein Flugzeug geht angeblich in einer Stunde. Er soll ihn mir bloß zurückgeben.“

„Was zurückgeben?“, fragt der Schnauzbart.

„Hören Sie.“ protestiere ich.

Er sieht an mir vorbei. „Gleich. Jetzt redet die Dame.“

„Meinen Ring“, stößt sie hervor. „Weißgold und Rubin. Ein Erbstück. Er muss ihn mir von der Hand gezogen haben.“

„Das ist doch absolut lächerlich...“ Meine Stimme bebt unwillkürlich, als der Leder-kerl mich fixiert.

„Können Sie sich ausweisen?“

„Ich kenne diese Frau kaum. Wir haben hier bloß ein paar Minuten...“

„Ihre Papiere.“ Ich zögere. Schließlich hat er sich noch nicht legitimiert. „Wird’s bald?“

Die Blonde ringt die Hände. „Ralf, bitte, ich will hier keine Szene.“ Und zu mir ge-wandt: „Geben sie ihn endlich ‘raus. Sparen Sie uns den Ärger.“

„Das ist grotesk“, stöhne ich gequält. „Sie glauben wohl nicht im Ernst, dass ich Ih-nen Ihren Ring...“

„Gut, gehen wir nach draußen“, befiehlt der Bulle eisig. Die Blonde packt ihre Ziga-retten ein und schiebt einen Geldschein unter den Ascher.

„Nun ist aber wirklich Schluss“, würge ich.

„Wenn du Zicken machst, ruf’ ich die Cowboys vom Abschnitt. Dann kommt zum Diebstahl automatisch Widerstand, und beim Rausgehen rutscht du aus und fällst auf dein glattes Bubigesicht.“

„Ralf, so bitte nicht...“

Doch da habe ich längst meine Aktenmappe ergriffen und mich erhoben.

Das Filzen findet in einem Hausflur statt. Ich muss mit ausgestreckten Armen ge-gen eine verdreckte Wand lehnen, während Ralf mich abtastet, meine Brieftasche durchforstet und sich mit dem Inhalt meiner Hosentaschen beschäftigt. Eine ent-würdigende Prozedur. „Dazu haben Sie haben kein Recht.“

„Schnauze“, bellt er, um Sekunden später mit ironischem Pfeifen etwas aus meiner Manteltasche zu ziehen. „Kein Recht, was?“ höhnt er und hält mir triumphierend einen Goldring mit rotem Steinbesatz unter die Nase. Er wendet sich an die Blonde. „Ist er das?“

„Ja.“

Jetzt stammele ich wirklich. „Es ist mir ein absolutes Rätsel...“

„Gewiss“, lacht er grimmig.

Kurze darauf sitze ich wieder an der Bar. Allein. Hebe zitternd das frisch gefüllte Glas. Wenn ich in den nächsten Minuten aufbreche, schaffte ich den Flug noch. Aber erst mal brauche ich einen Doppelten.

Nach kurzem Disput haben sie mich laufen lassen. Ihr lag nichts an einer Anzeige. Dagegen protestierte er zwar, doch er hatte auch keine Lust auf den Papierkram. Sie dankte ihm und verschwand. Er behielt mich noch eine Minute in der Mangel, bis er laut fluchte, mir mit der flachen Hand in den Nacken schlug und riet, mich nie wieder blicken lassen.

Der pferdeschwänzige Barmann putzt Gläser. Er sieht in meine Richtung.

„Gab’s Ärger?“

Ich nicke wortlos.

„‘Ne Nuttensache?“ Sein Ton ist mir entschieden zu vertraulich.

„Wieso?“

„Sie hätt’ gut ‘ne Gewerbliche sein können.“

Ich fahre hoch. „Kannten Sie sie denn nicht?“

„Nie gesehen.“

„Und den Mann?“

„Den eben?“

„Wen sonst!“

Der Pferdeschwanz schiebt verneinend die Unterlippe vor.

Ich schlucke trocken, mein Blick wandert in den Spiegel hinter der Bar. Eine leere, bleiche Visage glotzt mir entgegen. Sie wirkt ziemlich dumm, jetzt, wo sich mein Mund öffnet und ich leise aufstöhne. Meine Hände fliegen, als ich nach der Briefta-sche greife. Der Barkeeper guckt besorgt. Schließlich habe ich noch drei Drinks offen.

„Alles klar?“

Nichts fehlt. Ich atme pfeifend aus und grinse blöde. „Alles okay...“

Er lächelt beruhigt, konzentriert sich wieder auf die Gläser.

Meine Nase juckt. Nachwirkungen von Ralfs Riechwasser. Dann erinnere ich mich. Das Grinsen im Spiegel gefriert. Plötzlich sirrt mir der Kopf ganz taub. Der Rasta-man heute morgen. Die gleiche Größe. Derselbe Gestank. Jessels Warnung, ges-tern.

„Murnau ahnt, was wir vorhaben. Er wird alles tun, um uns Brandeis wegzuschnap-pen...“

Verdammt.

Die Aktenmappe steht neben dem Barhocker. Ich lange hinunter, grapsche nach der Schlaufe, zerre sie auf meine Knie. Meine Finger krallen so fest in das weiche, mattschwarze Leder, dass die Haut über den Knochen kalkweiß schimmert. Bruch-teile von Sekunden hoffe ich noch. Doch ich spüre es schon so. Sie ist leer.

Das war’s. Keine Caymans und Bacardis unter Palmen. Von Harriet darf ich mich auch verabschieden. Drei bis fünf Jahre, hat Jessel gesagt. Wenn ich Glück habe. Bei einem milden Richter.