Der Krieger
Ich bin nicht der, für den man mich hält. Viele denken, ich sei nur ein heruntergekommener Sailor, der hier gestrandet ist und unten am Pier herumhängt, aber ich zähle nicht zu dem weißen Menschenmüll, der sonst so in den Häfen der Tropen angetrieben wird. Ich bin Krieger.
Das sage ich ohne jeden Stolz. Mit siebzehn wurde mir die Blutgruppe unter den Oberarm tätowiert. Ich trat in den Ardennen an, bis meine Division vollständig aufgerieben war und ich in Gefangenschaft kam. Die Yankees reichten mich an die Franzosen weiter, zur Zwangsarbeit bei Oran. Dort gab es nur Linsensuppe und Wasser. Dann stellten sie uns vor die Wahl, entweder an der Linsensuppe zu verrecken oder zur Legion gehen. Ich entschied mich für die Legion.
Sie schickten mich nach Indochina. Ich kämpfte bis Dien Bien Phu. Zur Belohnung ging es gleich weiter, zurück nach Algerien, wo Frankreich gerade wieder dabei war, einen Krieg zu verlieren.
Auf der Fantasia in den Bergen war für mich Schluss. Da passierte die Sache mit Sascha. Sascha kam aus Kiew und war bei Wlassow gewesen, bevor er zur SS und in die Legion ging. Wir kannten uns seit Dien Bien Phu, hatten zusammen in einem MG-Nest gezittert, Ratten gefressen, fauliges Wasser, Tabak und Mekongschnaps geteilt. Nun sollten wir die Absperrung zwischen den Pferden und Zuschauern bewachen.
Ich sah, wie dieses Weib auf ihn zuging. Sie hatte schöne Augen, Augen voller Feuer, die man brechen sehen will vor Lust, weil sie so schwarz und unergründlich sind wie die Seele des Teufels. Ich beobachtete, wie sie sich zu ihm hin drängte und wusste sofort Bescheid.
Doch Sascha, der sonst jede Gefahr witterte, schnalzte bloß lächelnd, regard, coupain, cette petite pute, als sie mit der Linken ihren Schleier beiseite zog. Ich wollte ihn warnen. Meine Stimme versagte. Der Schreck oder der Staub.
Sie rannte ihm das Messer direkt ins Herz. Er taumelte zwei Schritte, noch immer grinsend, bevor er wie ein gefällter Baum in die Knie sackte. Die Meute wich zurück, aber was ich da in den Visagen las, war kein Entsetzen, sondern heller Triumph. Da begriff ich, dass Saschas Ende auch meines war, weil unser Hauptmann das Risiko heillos unterschätzt und viel zu wenige von uns eingeteilt hatte, um in diesem Rebellennest Flagge zu zeigen.
Der Befehl lautete zwar, die Konfrontation um jeden Preis zu vermeiden, doch bevor Sascha im Staub lag, hatte ich den Kolben schon an der Wange. Ich weiß nicht, wie viele Magazine ich leer schoss. Irgendwann bewegte sich nichts mehr und ich hörte auf. Dann stand der Capitaine vor mir, aschfahl unter all seiner affektierten Blässe. Sein Mund zischte etwas. Ich wollte ihm Meldung machen, da packten mich schon zwei Paar Arme. Ein Dritter riss mir die Waffe weg.
„Ich sollte dich an die Wand stellen, du tollwütiger Hund.“
Sein eitles Menjou Bärtchen tanzte. Es war ein lächerlicher Tanz. So absurd wie alles, was wir taten. Ich musste laut lachen. Nach dem ersten Schlag schmeckte ich Blut. Sie legten mir Eisen an und schafften mich nach Marseille. Der Richter verurteilte mich zu Bagno. Doch das tat er nicht aus Mitleid.
Ausflug in die Hölle
Auf den Teufelsinseln gibt es außer Wanzen und Kakerlaken bloß Klippen und Fels. Unsere Steinbaracke war für vierzig Sträflinge gedacht, aber wir waren drei Mal so viele.
In der ersten Nacht musste ich mit Holzpantinen meinen verlausten Strohsack verteidigen und brach einem Totschläger aus Toulouse das Jochbein. Dummerweise war die Type der Amüsierjunge der Kapos. Bevor sie mich ins Loch sperrten, erteilten sie mir noch eine Lektion. Seitdem sitzt meine Nase schief, obwohl die Rippen wieder heilten.
Von den Teufelsinseln, heißt es, sei nie einer geflohen. Das ist nur die offizielle Legende. Genauso, wie das Märchen, Paris habe die Bagnos fünfundvierzig schließen lassen. Ich weiß, wo ich war, und der Zellentrakt sah nicht aus, als sei er neu. Doch in Guyana gibt es viele steinige Inseln. Vielleicht war es ja eine Dependance.
Vielleicht werden sie auch sagen, ich habe mir die ganze Haft bloß eingebildet, weil ich damals in Algerien zu viel in der Sonne herumstehen musste. Oder behaupten gleich, ich sei nie bei der Legion gewesen.
Flucht und Ankunft
Mein Floß bestand aus vierzig Hanf vertäuten Kokosnüssen und drei Kalebassen Wasser. Ich trieb fünf Tage. Der Durst sprengte mir die Lippen. Auf der wund gebrannten Haut platzten die Blasen vom Salz. Fischer sammelten mich ein. Davon bekam ich nichts mit. Ich wachte erst wieder Spital von Tortuga auf. Doch die Behörden waren mir zu neugierig. Darum haute ich in der sechsten Nacht ab und heuerte auf einem Seelenverkäufer an, der Stückgut fuhr. Irgendwann liefen wir diese Insel an.
Es war kurz vor Sonnenaufgang. Die Luft war diesig und der Dunst über dem Wasser milchig grau. Ich hatte Freiwache und stand an Deck, neben dem alten O’Shaunassy, der keinem seinen Vornamen verriet.
Zunächst sah ich nur das wuchtige, blaue Vulkanmassiv, das wie eine Pyramide über der Insel thronte, dann schob sich die Sonne über den Horizont, die Landzunge zog an uns vorbei und ich erblickte die Bucht, diese Bucht mit ihrem unwirklich schwarz schillernden Strand, der im ersten Licht gleißte, als funkelten hier tatsächlich zahllose Diamanten. Mein Blick glitt über die sich sanft wiegenden Palmen und blieb an den Frauen haften, die auf den Klippen nach Muscheln suchten.
„Das ist Black Diamond Bay“, höre ich den Iren sagen. „Der Sand ist überall weiß, nur hier, wo die Lava ins Meer geflossen ist, glänzt er wie Pech. Drum heißt sie so.“
Er stützt sich mit beiden Händen auf die Reling.
„Manche behaupten auch, der Name geht auf Will Blackbeard zurück. Der soll seinen Schatz hier vergraben haben.“
O’Shaunassy lachte durch drei fehlende Zähne im Oberkiefer, beugt sich vor und rotzt ins Wasser.
„Kannst ihn ja mal suchen…“
„Hier gab’s keine Piraten?“
„Klar, Mensch. Die Bukaniers haben in den Hügeln wilde Ziegen geschossen. Und der rote Morgan, du weißt schon, der Hund, der die Seiten gewechselt hat, wofür die Engländer ihn zum Gouverneur gemacht haben, soll vor genau dieser Bucht siebzehn Schiffe versenkt haben.“
Ich starrte auf den verrottenden Anleger, die bunten Fischerboote, die grazilen Gestalten der Frauen, sog am Duft von Seetang, Kokos und verbranntem Zuckerrohr, und hörte, wie eine innere Stimme mir zuraunte: Jetzt oder nie. Hier springst du von Bord.
Der Belgier
Der feiste Belgier kam vor drei Tagen mit dem Postschiff aus Saint Lucia an. Er war Tuchhändler aus Antwerpen und gerade auf den niederländischen Antillen gewesen. Ich schleppte ihm seine Koffer hoch zum Hotel.
Was Hotels angeht, gibt es auf der Insel nicht viel Auswahl. Das einzige, das den Namen verdient, gehört einer allein stehenden Amerikanerin, die erst seit ein paar Jahren hier lebt. Es ist ein vierstöckiger Kasten aus den Zwanzigern, der seine besseren Tage hinter sich hat. Vom Portal blättert Farbe in Placken, die Gitter der Balkons sind Rost zerfressen und den Fensterläden sieht man an, dass ihnen der letzte Hurrikan nicht bekommen ist. Aber der Schuppen besitzt eine ausgewachsene Bar und einen Spielsalon mit Roulettetisch. Darum heißt er Grand Hotel.
Die Dame des Hauses stand am Empfang. Ihre dunklen Locken waren halb unter einem schräg aufgesetzten Panamahut verborgen. Bislang hatte ich sie nur von weitem gesehen, unten am Hafen, wenn sie irgendwelche Gäste vom Anleger abholte. Aus der Nähe sah sie noch besser aus. Es verschlug mir fast den Atem.
Sie war nicht mehr ganz jung, aber besaß perfekte Kurven und ein Timbre in der Stimme, das Kerls scharenweise ankurbelt. Sie trug einen taillierten Leinenanzug, so ein Teil mit breiten Aufschlägen und ausgepolsterten Schultern wie es die Dietrich früher oft anzog. Das ließ sie zugleich sexy und unnahbar wirken. Als ihr Blick mich streifte, schoss mir sofort das Blut in die Lenden.
Bekommst du jahrelang keine Braut zu Gesicht, scheint dir auch die abgetakelste Fregatte attraktiv. Ich entsinne mich, wie ein alter Sträfling mal davon sprach, dass fast alle, die frisch draußen sind, ihrem Schwanz gehorchen und sich in das erstbeste Paar Titten verknallen, das ihnen über den Weg läuft. Aber dieser Feger hätte ihm das Hirn genauso weich gekocht.
Der Belgier bekam mit, wie ich sie mit Blicken verschlang. Er grinste. Ob ich mich mit den Reizen der Gegend auskenne, fragte er anzüglich. Ich wusste sofort, worum es ihm ging. Schließlich hätte er ja auch sie fragen können, oder den Schrank von Portier, der neben ihr an der Rezeption herumstand. Doch er fragte mich. Weil ich hungrig und abgerissen genug aussah.
Ich überschlug die Chancen. Nach sechs Monaten auf Porvenir war ich noch genauso klamm wie am ersten Morgen, ein räudiger Schnorrer, der den Strand abgrast, zwischen Taurollen am Hafen pennt und Weiße am Kai anbettelt.
„Klar“, sagte ich. „Es gibt in Black Diamond Bay fast nichts, was ich nicht kenne. Abgesehen von den Betten dieses exquisiten Hotels. Weiter als bis in die Lobby bin ich nie gekommen. Obwohl ich das gerne mal täte.“ Dabei sah ich sie an, sah ihr in direkt in die Augen und auf ihre Brüste.
„Du stinkst, du Penner“, zischte der Portier. „Belästige hier gefälligst keine Damen.“ Sie schürzte die Lippen und legte ihm lässig drei Finger auf den Arm. „Schon gut, Johnny. Ich bin ein großes Mädchen. Er ist in Begleitung unseres Gasts. Bring das Gepäck nach oben.“
Der Belgier lachte. Es war ein sattes, selbstzufriedenes Lachen, wie es nur Leuten aus dem Hals quillt, die genügend besitzen, um ihre dreckigen Fantasien hinter der Maske von Wohlanständigkeit zu verstecken. Ich hasste ihn dafür.
Draußen gestand er mir schmatzend, er wolle einheimische Knaben, solche unter zehn. Geld sei kein Problem, grunzte er und wedelte mit einer prallen Brieftasche. Er blieb ganz entspannt dabei, als handele es sich bloß um einen harmlosen Zeitvertreib. Damit war die Sache für mich klar.
„Bei mir sind Sie goldrichtig“, sagte ich, und lächelte in sein verschwitztes Gesicht. „Allerdings wird der Spaß Sie schon was kosten.“
Der Abgang des Tuchhändlers
Ich führte ihn an der alten Mole und der Verladestation vorbei durch die Stadt. Sofern man die zwei Dutzend Gassen, die sich an die Bucht anschließen, als Stadt bezeichnen will. Wir gingen zu den Wellblechhütten der Fischer. Ein Stück weiter fangen die Felder der Kleinbauern und die Plantagen der United Fruit an. Da liegt auch der Sumpf. Dort wollte ich mit ihm hin.
Unterwegs überlegte ich, wie ich es halbwegs elegant deichseln konnte. Sonst hockte ich bald wieder im Loch und brachte den Rest meiner Tage damit zu, auf den Sack zu warten, den sie dir vorher über den Kopf ziehen. Eine Heldentat ist es nur in Uniform. Ohne gibt es dafür keine Orden, sondern bloß den Strick.
Zum Glück bin nicht groß und eher mager. Der Belgier war länger als ich und wesentlich schwerer. Drum hielt er mich für harmlos. Ich erläuterte ihm, dass ich erst den Mittelsmann treffen müsse und dafür etwas Geld brauche. Dann führte ihn zu einer der Kaschemmen, wo der Inselabschaum verkehrt, sagte, er solle kurz draußen warten, und parkte ihn in der prallen Sonne.
Das Halbdunkel roch nach Männerschweiß, billigem Rum und schwarzem Tabak. Als sich meine Augen an das diffuse Licht gewöhnt hatten, konnte ich ein Dutzend stumpf gesoffener Visagen ausmachen, die an aus Brettern gezimmerten Tischen hockten und die Fliegen auf ihren Gläsern beglotzen. Ich ließ mir an der Theke einen Schnaps geben, kaufte Zigaretten und rauchte eine. Dann ging ich wieder raus und erklärte dem Belgier, es sei alles in Butter. Es gäbe zwei Knaben zur Auswahl, einer sei acht und der andere neun. Er könne auch gleich beide ordern. Der fette Kinderschänder leckte sich die Lippen und bestellte beide. Also ging ich noch mal kurz rein, wartete einen Moment, sagte ihm, der Mittelsmann habe mir einen Treffpunkt am Ortsrand genannt. Wir sollten schon mal vorgehen. Er käme mit den Jungs nach. Hier sei es wegen der Polizeispitzel zu riskant. Der Belgier schluckte bloß und nickte. Zehn Minuten später waren wir bei der alten Plantage, keine fünfzig Schritte vom Sumpf.
Es war drückend heiß. Er schwitzte wie ein Schwein. Ich schlug ihm vor, sich zu setzen. Es werde noch dauern, bis die Knaben kämen. Während er sich ächzend auf einem Mangrovenstumpf niederließ, prüfte ich seine Miene. Er fühlte sich ganz sicher. Einen Moment lang tat mir leid, dass es so schnell gehen würde. Ohne dass er sich an all die erinnern musste, denen er das Leben versaut hatte. Doch das war Luxus. Ich wollte kein Blut. Falls man ihn fand, sollte es wie ein Unfall aussehen.
Ich trat hinter ihn, hüstelte, so dass er hoch guckte und packte seinen Kopf. Dann beugte mich vor und flüsterte ihm ins Ohr: „Überraschung. Wir ändern den Plan. Es wird keine kleinen Jungs geben. Stattdessen fährst du zur Hölle. Gleich, wenn du’s knacken hörst...“
Ich ließ es noch einen Moment einwirken, bis sein Winseln zu laut wurde und er zu strampeln anfing.
Anschließend ging ich erstmal zum Friseur, ließ mich rasieren und mir einen Haarschnitt verpassen. Dann erwarb ich drei Hemden.
Das Weib (reprise)
Dass ich noch immer in der alten Khakijacke herumlaufe, liegt nur am Schneider. Der war noch nicht so weit, als ich ins Hotel eincheckte. Später Nachmittag, Monsieur, sagte er vorhin. Er nennt mich „Monsieur“.
Lange her, dass das wer zu mir gesagt hat.
Der Portier erkannte mich trotzdem. Er kam er sofort hinter der Rezeption vorgeschossen und marschierte auf mich los. „Raus!“ „Sachte“, sagte ich, zückte eine große Dollarnote, hielt sie ihm vor die Nase, rollte sie langsam zusammen und schob sie in seine Brusttasche. „Gib mir ein Zimmer mit Bad. Das Beste, was ihr habt.“ Sein Mund klappte zwei Mal auf und zu. Er zerrte den Geldschein aus der Tasche, rieb ihn prüfend in Fingern und glotzte zwischen Andrew Jackson und mir hin und her. „Woher hast du das“, stotterte er? „Stell keine Fragen“, sagte ich, „dann lernst du noch mehr tote Präsidenten kennen. Und jetzt zeig mir endlich mein Bad.“
Später setzte ich mich in die Lobby und wartete darauf, dass sie sich blicken ließ. Der Portier beäugte mich missbilligend, bis er sich wieder an Herrn Jackson erinnerte und mir sogar auf Zuruf Zigaretten brachte.
Eben sah ich sie wieder. Ohne den Panamahut kommt ihr Haar besser zur Geltung. Es ist leicht gewellt und fällt ihr halblang bis über die Schultern. Verdammt verführerisch. Ich stelle mir seinen Duft vor während ich mein Gesicht darin vergrabe und ihr den Nacken küsse.
Sie redete mit dem Milchbart, der vor einer Weile hier aufschlug. Er ist jung und zählt zu der Sorte, die sich für einen Pechvogel hält, aber trotzdem ständig auf die Füße fällt, weil er so treuherzig lächelt, dass keiner ihm wirklich böse sein kann. Obendrein sieht er richtig gut aus, obwohl er in Klamotten herumläuft, die er bei der Heilsarmee abgegriffen haben muss. Wirr zusammengestückelt, die Hosen zu weit, das Sakko aus den Vierzigern und zweifarbige Zuhälterschuhe, wie sie früher in Marseille Mode waren.
Sie scheint ihn adoptiert zu haben. Dabei ist sie nicht der Typ, der sich mit Verlierern aufhält. Das passte nicht zu ihr, passt nicht zu dem Bild, das ich von ihr habe. Es macht mich wütend, sie ihn so anblicken zu sehen. So flehend und entwaffnet. Wenn überhaupt, will ich, dass sie mich so ansieht. Während ich es mit ihr tue.
Ich malte mir gerade aus, wie ich sie aufs Bett warf, ihr den Anzug vom Leib riss und ihre prallen, festen Schenkel mich anlachten, als ihr Blick plötzlich auf mich fiel. Bis dahin hatte sie mich gar nicht wahrgenommen, nun fror sie ein. Sie begriff sofort, warum ich sie anstarrte. Doch da war keine Scham in ihren Augen, nur blanke Verachtung. Hör auf, so gierig zu glotzen, sagte ihr Blick. Egal wie tief ich sinken mag, du wirst mich nie besitzen.
Ich wende den Kopf ab und lächle. Ihr Widerwille spornt mich an. Sie hat bloß noch nicht begriffen, dass ich nicht mehr der bin, der ich bis gestern war. Sobald mein Anzug fertig ist, wird sie sehen, dass der Beach Comber Geschichte ist. Und dann werden die Karten neu gemischt.
Ich liege auf dem Bett starre durch den Rauch meiner Zigarette auf den Deckenventilator, der quietschend durch die träge Schwüle des Nachmittags pflügt.
Ich lechze danach, sie zu berühren. Ich habe so lange schon keine Frau mehr gehabt, dass es mich fast wahnsinnig macht. Ich denke an ihre fülligen Lippen. Die sind wie ein feuchtes Versprechen. Zugleich ist da noch was anderes. Etwas, das mich mindestens genauso stark zieht wie die Begierde. Es dauert, bis ich es mir dämmert. Sie erinnert mich an die Algerierin.
Verdammt.
Der Zwerg
Der Zwerg ist mir vorhin schon aufgefallen, als ich aus dem Hotel kam. Er sieht aus, als habe er einen Dachschaden, aber das mag auch an dem debilen Grinsen liegen, das ihm fast von Ohr zu Ohr reicht. Seit ich den Anzug abgeholt habe, folgt er mir. Was treibt er hier? Ich habe ihn noch nie in der Stadt gesehen. Er muss mit dem Postschiff angekommen sein, demselben, mit dem der Belgier angekommen ist.
Wieso läuft er mir hinterher? Jetzt fängt er auch noch an zu rufen. „Hey Mista, you wanna buy a ring from me?“ „Ich bin kein Mista“, sage ich ihm. „Für dich sowieso nicht. Für dich höchstens Sir.“ Er grinst und klatscht sich in die Hände. „Okay sir”, lacht er. “You wanna buy this ring, sir?” „Nein“, sag ich. „Hau ab. Lass mich in Frieden.“ Aber er haut nicht ab. Er trottet hinter mir her wie ein Hund, immer im Sicherheitsabstand von fünf bis sieben Metern. Ich bleibe stehen. „Verpiss dich.“ Er lacht. Es ist ein breites, tiefes Mulattenlachen, das so gar nicht zu seinem kleinen Körper passt.
“You afraid of me, mista?”
„Wieso sollte ich Angst vor dir haben?“
“I see you kill the fat man. Behind them ol’ shacks. Near the swamp.”
Ich bleibe stehen. Er muss mich wirklich beobachtet haben. Woher soll er sonst wissen, dass ich den Belgier hinter die Hütten gelockt habe?
Verflucht. Hier sind zu viele Menschen. Das weiß er. Deswegen grinst er so.
„Was für ein Ring“, frage ich.
Er lacht und fischt einen großen, in Gold gefassten Rubin aus seiner Hose. Den steckt er sich an den Mittelfinger. Dann klappt er die übrigen Finger ab und reckt den Mittelfinger mit dem Ring in meine Richtung.
“It’s from the fat man.”
Er lügt. Ich hab dem Toten alles abgeknöpft, was verwertbar war. Außer der Uhr, weil die eine Gravur hatte, und ein paar Pesos in seiner Brieftasche. Damit er noch was bei sich hat, falls sie ihn finden.
„Von welchem fetten Mann“, sage ich.
Der Zwerg lächelt, als könne er Gedanken lesen.
“I got it on the ship”, erklärt er kichernd. Und dann: „Er war ein Stück Scheiße. Hätt’st du ihn nich frisch gemacht, hätt’ ich’s getan, drauf kannst’ dein’ Arsch verwetten. Also bleib locker. Wollt ich dich verpfeifen, wär’s längst passiert. A-men.“
„Was willst du?“
Er stellt sich breitbeinig vor mich hin, rammt die kurzen Arme in die Hüften und legt den Kopf schräg.
„Du bist n weißer Nigger. Ich mag das. Ich steh’ auf Nigger. Drum schlag’ ich dir n Handel vor.“
Ich finde, er sieht aus wie ein braunes Rumpelstilzchen. Zugleich amüsiert er mich. Er ist frech und schnell. Das gefällt mir.
„Was für ne Art Handel?“
Er lacht.
„Ich will auch hübsch wohnen. So hübsch wie du. Nimm mich mit ins Hotel. Ich geb dir diesen Ring dafür. Der ist mindest’ns n Riesen wert.“
„Was soll ich damit?“
„Is n Wunschring, Mann. Kein Scheiß. Der kauft dir, was du willst.“
Ich denke an die Frau. Stelle sie mir vor, wie sich der Rubin in ihren Augen spiegelt, sie ihn sich über den Finger streift, sich ihre Lippen öffnen, sie aufsieht, die Frage im Blick. Eine Nacht, sage ich. Dann gehört er dir. Was ist schon eine Nacht?
„Abgemacht“, höre ich mich laut sagen. „Der Handel gilt.“
Ringübergabe
Der Zwerg schnarcht. Ansonsten schlürft er beim Essen und macht sich lustig, wenn ich von der Frau rede.
„Sie ist nicht deine Liga, Mann“, sagt er. „Sie steht nicht auf weiße Nigger. Also sei kein Idiot. Kauf dir ne Schwalbe am Dock. Sonst trägst bald n Foto von deiner rechten Hand in der Tasche.“
Er liegt kichernd neben mir auf dem Bett und beißt in sein Kopfkissen. Dann wird er ernst.
„Du siehst doch, dass sie was mit dem Portier am Kochen hat. Zumindest bildet der Schwachkopf sich das ein. Aber wenn du mich fragst, hält sie ihn nur hin. Sie hat ganz andere Pläne. Ohne diesen Johnny. Gestern hab ich gesehen, wie sie den Griechen angegraben hat. Sie gurrte wie ein Täubchen, das von reiferen Männern träumt.“
Ich setze mich auf und greife nach den Zigaretten.
„Was redest du da?“
Der Zwerg grinst.
„Gib mir auch eine“, fordert er.
Ich reiche ihm die Packung. Er steckt sich eine in den Mund und kämpft mit den Streichhölzern, während seine Schultern unter stummem Kichern beben.
„Spuck’s aus“, dränge ich.
„Heilige Scheiße“, grinst er und wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Sie sagte dieser traurigen Krähe tatsächlich, sie fände ihn so distinguiert. Ob er tatsächlich Diplomat sei.“
Ich merke, wie ich trocken schlucken muss. Der Zwerg zieht kräftig, wölbt die Lippen und bläst den Rauch in kurzen Stößen nach oben. Blaugraue Ringe rollen um ihre Längsachse drehend Richtung Decke.
„Ich glaube, sie will ne Biege machen, Mann“, erklärt er. „Sie fragte ihn nach ’m Pass.“
„Wie?“
„Was denn sonst, Süßer“, grinst er. „Denk nach. Die Puppe ist auf der Flucht. Oder glaubst du etwa, sie sei freiwillig hier? Vielleicht, weil sie scharf drauf ist, sich von entlaufenen Knackis angaffen zu lassen? Die hat sich hier verkrümelt, weil sie sich da, wo sie herkommt, nirgends mehr ihr rassiges Fahrgestell zeigen kann. Das blasen die ihr sonst nämlich weg.“
Mein Mund wird zur Wüste.
„Wer ist d i e“, würge ich heiser.
Der Zwerg streift nachlässig die Asche von der Zigarette, zuckt die Achseln und mustert den Ventilator.
„Kein Schimmer. Irgendwer. Die Bullen. Ihr eifersüchtiger Alter. Eine fiese Schmalzlocke, die sie geleimt hat. Was weiß ich. Es muss ne fette Nummer sein, sonst hätt’ sie ihr zartes Gesäß kaum aus den Uh Es Ah entfernt.“
Dass sie sich sang- und klanglos verabschiedet, habe ich nicht auf dem Zettel. Ich springe hoch. Fahre in die Hose. Suche nach dem Ring. Der Zwerg ist ganz verdattert.
„Bleib kühl, Mann.“
„Ich muss mit ihr reden“, keuche ich nur.
„Häng’ locker. So bald geht die nicht stiften.“
Wind pfeift ums Haus. Ich höre, wie ein loser Laden gegen Holz schlägt, während ich hinunter ins Foyer stürze. Sie ist nirgends zu sehen, die Rezeption ist leer, die Tür zu ihrem Büro verschlossen. Vielleicht ist sie an der Bar. Doch dort hockt nur der triste Grieche und stiert in ein halbleeres Whiskyglas.
„Haben Sie die Madame irgendwo gesehen“, frage ich ihn.
„Wen?“
„Na wen schon, die Dame des Hauses. Die muss ich sprechen.“
Er schüttelt müde den Kopf. Offenbar ist er bereits halb hinüber. Draußen heult der Wind. Er sieht auf. Sein Blick ist melancholisch amüsiert.
„Wir finden nie das, was wir suchen, junger Freund. Schon gar nicht bei einer Frau.“
Ich bin nicht hier, um mit einem angetrunkenen Griechen zu philosophieren, der sich Leid tut, und wende mich Richtung Spielsalon. Er ruft mir hinterher: „Woher kommen Sie? Ihr Akzent ist Deutsch, oder täusche ich mich?“
Ich drehe mich um, packe ihn am Kragen.
„Haben Sie ihr den Pass verkauft?“
Er glotzt verständnislos. Ich schüttele ihn.
„Rede! Oder ich mach dich frisch!“
Er beginnt zu lachen.
„Nur zu“, rülpst er. „Das ist jetzt sowieso egal.“
Über seinen Augen liegt ein trübseliger Glanz. Ich lasse ihn los.
Im Foyer klimpert das alte Pianola. Der Milchbart hockt mit zerrauften Haaren vor der Tür zum Spielsalon und wartet darauf, dass der Croupier wieder die Kugel im Rad tanzen lässt. Faites vos jeux. Rien ne va plus.
Eines muss noch gehen. Ein Spiel noch. Mein Einsatz.
Wozu sonst habe ich den Ring?
Der Wind heult nicht mehr, er orgelt längst. Das Dachgebälk stöhnt. Gelegentlich ertönt ein heller Knall, wenn eine der Schindeln abreißt. Hoffentlich ist sie überhaupt noch im Haus.
Auf dem Weg zurück in den ersten Stock sehe ich aus einem Fenster auf die Bucht. Der Horizont ist schwarz, die See weiß von Gischt. Am Strand türmen sich Wellen zu graugrünen Monstern. Eine Handvoll Fischer, die gerade dabei sind, Boote an Land zu ziehen, werden von einer Böe getroffen und zu Boden gerissen.
Abends zuvor haben der Zwerg und ich gefrotzelt, als die Kraniche nach Westen abflogen. Da kroch der Mond gerade fett und rot über die Kuppe des Vulkans und das Meer war wie Blei. Nun graut mir beinahe. Keiner der Stürme, die ich miterlebt habe, ist je so schnell und wütend über die Insel hergefallen. Ich muss mich beeilen.
Der Grieche hockt noch immer an der Bar, die Rezeption ist nach wie vor verwaist. Da höre ich das Stakkato hastiger Frauenschritte auf der Treppe. Endlich.
Sie scheint in Eile, die oberen Knöpfe ihrer Bluse stehen offen. Sie sieht abgehetzt aus. Zunächst erkennt sie mich nicht. Das liegt an dem neuen Anzug. Ich stelle sie vor der offenen Tür eines leeren Zimmers. Spreche sie an. Meine Stimme ist heiser vor Gier.
„Hier, nehmen Sie diesen Ring. Der kost’ n Riesen.“
„Wofür?“
„Eine Nacht.“
„Wie bitte?“
Als sie begreift, verzieht sie den Mund und lacht. „Das ist nicht genug“, sagt sie wegwerfend. Damit will sie sich abwenden. Ich trete einen Schritt vor. Schneide ihr den Weg ab.
„Lass mich sofort durch“, zischt sie.
Ich schüttele stumm den Kopf. Sie reißt das Knie hoch, will es mir zwischen die Beine rammen, aber trifft nur den Oberschenkel. Sie versucht mich zu schlagen. Ich packe sie am Unterarm. Mein Puls rauscht.
„Ich ruf’ Johnny“, schäumt sie. „Der macht dich platt.“
„Johnny ist beschäftigt. Komm, nimm den Ring.“
Sie grinst wieder verächtlich, es soll souverän wirken, aber darunter spüre ich ihre Furcht.
„Ich bin nicht käuflich, du Schwein“, stößt sie hervor. „Such dir ein Flittchen am Hafen. Du widerst mich an.“
Sie will schreien. Ich denke an Sascha und die Algerierin. Spüre das Blut in den Schläfen. Presse ihr die Hand auf den Mund.
„Komm“, würge ich, „sei vernünftig. Du tust es doch sonst auch mit jedem.“
Ich dränge sie ins Zimmer. Ein Tritt, die Tür fliegt hinter uns ins Schloss. „Wenn du schreist, drehe ich dir den Hahn ab.“
Sie steht vor mir. Zitternd. „Zieh dich aus“, befehle ich. Ihre Züge sind bleich. Ihr Atem fliegt. Die dunklen Augen werden ganz weit, suchen panisch den Raum ab, bleiben an dem Brieföffner haften, der auf dem Schreibtisch neben dem Fenster liegt. Zu weit für sie.
„Mach schon.“
Ich reiße ihr die Bluse auf. Sie weicht zurück, stolpert, fällt rücklings aufs Bett. Der Sturm tost. Regen prasselt gegen die Scheiben. Palmen werden abgeknickt wie Grashalme. Mein Schwanz ist hart und pocht, aber der Hosenstall hat keinen Reißverschluss und ich habe Schwierigkeiten beim Knöpfen. Plötzlich wird der Raum weiß von Licht. Direkt über uns kracht Donner. Das Haus erbebt. Im gleichen Moment tritt sie zu. Ihr Absatz trifft mich unterm Bauchnabel. Oranges Feuerwerk perlt über meine Netzhaut. Glas klirrt. Ich habe die Wasserflasche neben dem Bett übersehen. Sie stößt mir Flaschenhals in den Magen. Der Schmerz ist so groß, dass mir übel wird. Bevor ich zu Boden gehe, kriege ich noch mit, wie sie zur Tür stürzt, sie aufreißt und die Treppe hinab hetzt.
Finale
Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf dem Treppenabsatz, die Wange an den Läufer geschmiegt. Der Zwerg hockt gekrümmt neben mir und hält sich den Kopf. Sein Umriss ist phantastisches Rot getaucht, als habe irgendwer Fackeln entzündet. Doch ich entdecke keine Fackeln. Der Feuerschein dringt von draußen herein. Es donnert noch immer, aber anders als vorhin. Es ist ein wuchtiges Grollen, wie das Wummern schwerer Artillerie, untermalt von Haubitzengetrommel und dem Jaulen zahlloser Stalinorgeln. Es klingt wie damals in Dien Bien Phu, als es auf den Rest ging. Das gesamte Gebäude zittert. Im Foyer birst Glas.
Erst jetzt spüre ich das Ziehen im Unterleib. Es kommt in Wellen. Hemd und Hose sind nass und rot. Meine Finger tasten über die Wunde. Ich muss ziemlich viel Blut verloren haben.
„Hast du mich da rausgeholt?“
Ich deute mit dem Kopf auf das Zimmer. Der Zwerg grunzt zustimmend.
„Es brennt“, stellt er fest.
Ich bin seltsam ruhig.
„Hier!“
Seine Stimme ist ganz tief. Er greift neben sich und reicht mir eine Flasche. Es ist Rotwein. Ein 49er Chateau Neuf du Pape. Guter Stoff. Meine Zunge ist trocken. Ich merke, ich habe wahnsinnigen Durst. Das ist die Bauchwunde. Wenn ich trinke, muss ich sterben. Ich schüttele den Kopf. Er zuckt die Achseln, setzt selber die Flasche an, nimmt einen langen Schluck.
„Was ist los“, frage ich?
Er lächelt melancholisch.
„Ich hab’s dir gesagt. Die Braut wollt nix von dir. Wärst’ n schlauer Nigger, hätt’st das beherzigt.“
Er setzt die Flasche wieder an, bis sie leer ist, wirft sie in hohem Bogen übers Geländer ins Foyer und stößt laut auf.
„Nu’ sind wir beide im Arsch, Bruder.“
Er langt in die Weinkiste an seiner Seite, greift die nächste Flasche, stößt ihr den Korken mit dem Mittelfinger in den Hals, führt sie zum Mund. Er muss schon ziemlich abgefüllt sein, denn er verschüttet den Wein. Der rote Saft rinnt ihm übers Kinn, die Kehle hinab aufs Hemd. Ich quäle mich hoch, taumle zu einem der Fenster.
Es stürmt noch immer. Regen peitscht auf Palmen. Wolken zucken unter wirren Gewitterorgien. Der Dschungel steht in Flammen. Durch die Wasserschleier sehe ich Baumschemen wie groteske Scherenschnitte, die sich in lodernde Scheite verwandeln. Die Hänge unterhalb des Vulkans baden in grellem Gelb, Purpur und Violett. Lavazungen wälzen sich das Gefälle hinab, direkt auf die Bucht und das Hotel zu. Keine achtzig Schritt weiter hat das Magma bereits die Schotterpiste erreicht und den Pfad zum Ufer abgeschnitten.
Der Boden unter mir wankt, als ob Riesen das Erdreich schüttelten, während der rechte Kraterrand wie in Zeitlupe wegrutscht. Abertausende Tonnen Fels werden in die Luft geschleudert, Brocken, groß wie halbe Häuser, trudeln den Berg hinab, mahlen alles nieder, krachen in die See, während ein Schauer von glühendem Gestein auf uns niedergeht, das Dach an zahllosen Stellen zerschlägt, zwischen den Glassplittern der Treppenhauskuppel bis hinunter ins Foyer zischt, sich in die Fauteuils und Vorhänge frisst und sie sofort entzündet. Es stinkt nach Schwefel und Teer. Brennende Dachpappe segelt an mir vorbei.
Von unten her dringen gellende Schreie. Jemand ist getroffen und verletzt. Es hört sich nach der Frau an. Aber das sind kaum noch menschlich zu nennende Laute. Damals in den Ardennen, als in einem abgeschossenen Panzer vor mir die Besatzung verbrannte, klang das genauso.
Ich will runter, doch der Qualm ist zu dicht. Ich habe nichts, um mich gegen den Glutregen zu schützen. Der Zwerg ist eine Ecke gerobbt, kauert mit angezogenen Knien neben der Kiste. Mir ist schwindelig. Schemen tanzen vor meinen Augen. Ich lasse mich neben ihm auf den Boden rutschen. Meine Eingeweide glühen vor Durst. Ich schnappe mir eine Flasche, saufe sie bis zur Neige, zerschlage den Hals einer anderen an der Wand, lasse die Flüssigkeit über Mund, Gesicht und Haare laufen, erinnere mich daran, dass ich noch rauchen will, bevor ich das Handtuch werfe, forste nach Zigaretten, aber zerre die Packung so linkisch aus der Tasche, dass sie sich im Halbkreis um mich herum verteilen. Der Zwerg grapscht zwei, zündet sie an und steckt mir eine zwischen die Lippen.
„Danke.“
Das Schreien aus dem Foyer ist verstummt. Er deutet mit dem Kopf nach unten. Seine Kaumuskeln tanzen.
„Das war sie.“
Ich nicke stumm.
„Bist’ wenigstens noch zum Zug gekommen?“
Ich verneine.
Er ächzt.
„Zähe Scheiße.“
Sein Kopf wandert in den Nacken.
„Erst kriechen wir aus dem Loch, dann strengen wir uns ’n Leben lang an, wieder reinzukriechen. Scheißspiel, Mann.“
Er kichert. Ein brennender Balken löst sich und poltert ins Foyer. Er saugt an der Zigarette und bläst den Rauch nach oben. Über uns fressen Flammen sich schmatzend durchs Gebälk.
„Wir sind auch bald dran.“
Ich nicke. Er hebt die Flasche.
„Hast’ viele getötet?“
Ich zucke die Achseln. Inzwischen bin ich schon fast zu schwach zum Sprechen.
„Hab’ sie nie gezählt.“
Auf einmal ist mir fürchterlich kalt.
„Tut’s dir leid?“
Ich erinnere mich an Sascha und Algerien, die kühlen Nächte im Dschungel, den Frost der Wüste und den Schnee in den Ardennen, und wie einer der Kameraden, der kurz darauf mit weg geschossener Stirn neben mir hinfiel, mich fragte, denkst du eigentlich manchmal drüber nach, was du anrichtest, wenn du mit Erfolg den Finger krümmst? Deren Mütter weinen auch. Wir sind doch völlig verrückt, Mensch.
Während ich noch sein Gesicht vor mir sehe, fängt der Zwerg rhythmisch an zu summen, in tiefem, getragenem Bass. Sein rechter Fuß klopft dazu den Takt.
„Grandma’s hands clapped in church on Sunday morning, grandma’s hands played the tambourine so well, grandma’s hands used to issue out a warning, she said, Billy don’t you run so fast, may fall on a piece of glass, might be snakes there in that grass…”
Die Decke wölbt sich nach unten, kommt langsam auf mich zu, und ich weiß, jetzt ist gleich alles gut.