Bucklige Affäre

Alte Autos begeistern mich seit jeher. Optisch und überhaupt. Da ich von Technik jedoch im Zweifelsfall noch weniger verstehe als der Papst von Cunnilingus, alte Verbrennungsmotore ökologisch uncool sind und die meisten Frauen auf Annäherungsversuche Öl verschmierter Kerle eher barsch reagieren, blieb meine Leidenschaft lange bloß auf sehnsüchtige Blicke beschränkt. Später vertrug es sich nicht mit meinem Image als aufgeklärter Freigeist, sonn- wie feiertags wienernd über irgendwelchen mobilen Fetischen zu hängen. Das tun nur Kadettfahrer mit Hut. Beziehungsweise das taten sie, als ich noch klein war. Verbiesterte Rentner, die einen beim Trampen nie mitnahmen. Das Gefriere an Autobahnrampen ist her. Inzwischen bin ich zwar nur unwesentlich reifer, aber ein ganzes Stück älter, Hut trägt kein Mensch mehr, und beim Anblick der popeligen Kadetts von einst durchströmt mich längst ein warmes, wehmütiges Gefühl. Der Blick zurück in die verflossene Jugend.

Und dennoch. Die Restvernunft riet ab, sobald ich an die Halsabschneider im Blaumann dachte, die ich mit meiner Ahnungslosigkeit reich machen würde. Bis Ole mich vom Gegenteil überzeugte.

Ole ist mein Neffe, Tischler und katholisch getauft. Er kennt keinen intellektuellen Dünkel, weiß, dass Weisheit relativ ist, und hat begriffen, dass Sündigen erst durch Beichten schön wird. Weil es den Priester neidisch macht.

Eines Tages, als wir gemeinsam an der Alster spazierten, lachte uns ein Morris Minor an. Von einem altem Morris habe ich schon vor Jahrzehnten geträumt. Ich fasste mir ein Herz offenbarte Ole meine schmutzigen Phantasien.

„Probier’s doch mal aus“, sagte er. „Kauf dir so ’ne Karre.“

„Einfach so?“

„Wie sonst?“

„Ich kann ’n Luftfilter nicht vom Anlasser unterscheiden.“

„Das wirst’ schon lernen. Die zwei oder drei Hemden, die es dich kostet, sind besser, als später mit dem Gefühl in die Grube zu gehen, du hättest was Entscheidendes verpasst.“

Da musste ich beipflichten. Wirklich bitter am Alter ist nur die Erinnerung an das ungelebte Leben. Und all die Träume, die man unterwegs hat schal werden lassen. Carpe diem, pflegten die Alten zu sagen. Janis Joplin meinte dazu: Get it while you can.

Ole deutete auf den Morris:

„Allerdings solltest du dir vielleicht ’n Teil ausgucken, in dem du auch sitzen kannst. Bei dem da rammst du dir ständig die Knie ins Kinn.“

Das Argument mit der Beinlänge leuchtete mir sofort ein. Ich bin lange Fiat Cinquecento gefahren. Das klappte eigentlich nur liegend.

Kurz darauf begegnete mir an der nächtlichen Schanze ein Buckelvolvo. Er war beige und besaß genau die Art Flair, bei der ich schwach werde. Griffige Rundungen gepaart mit einer Technik, die auch Kretins nachvollziehen können. Zumindest theoretisch. Ich rief sofort Ole an. Der riet, das Internet zu konsultieren und zunächst niedrig einzusteigen. Damit es beim Reinfallen nicht so wehtat.

In Allermöhe wurde ich fündig. Vor dem Haus des Inserenten stand ein perlweiß lackierter Buckel. Typ PV 544, Baujahr 1961, mit B 18 Motor und 12 Volt Batterie. Das Dach wies diverse Dellen auf und die Sitze stammten aus einem Corsa, aber ich war hingerissen. Zumal der Verkäufer, ein Gewerbelehrer, der neben Eigenheim auch eine reizende Gattin und pubertierenden Nachwuchs besaß, nicht unbedingt den Eindruck eines fortgeschrittenen Betrügers machte.

Ich fuhr den PV Probe. Es irritierte mich zwar etwas, dass man beim Kuppeln in einen Sack Zement trat und die Bremsen Linksdrall an den Tag legten, der anderswo sofort den Verfassungsschutz auf den Plan gerufen hätte. Auch dass der Volvo sich nur mit voll ausgezogenem Choke in Gang halten ließ, fand ich befremdlich. Aber vielleicht war das ja ebenso nach Vorschrift wie die schwergängige Lenkung oder der Geräuschpegel. Alte Autos sind nun mal lauter als neue, und dass es darin ein wenig zieht, weil die Türen nicht mehr richtig schließen, kommt vor. Wer will während des Fahrens schon ständig reden? Stiftet eh nur Beziehungsstress. Bei 1500 wurden wir handelseinig. Der Lehrer guckte wehmütig, sein Weib erleichtert. Frauen sind eben praktisch veranlagt. Ohne Seitenaufprallschutz, Airbag und ABS kann man bei ihnen kaum noch landen.

Ich hingegen bin Romantiker. Abenteuer würzen das Dasein. Und kein Abenteuer ohne Risiko. Allerdings gibt es da Abstufungen. Daran wurde ich drei Minuten, nachdem ich das Objekt der Begierde vom Hof geritten hatte, erinnert.

Eben noch hatte ich mich verwegen zurückgelehnt und nur gelegentlich aus dem Augenwinkel schielend überprüft, ob die Langweiler, die da auf der Überholspur in ihren aseptischen, uniform gestylten Blechbüchsen an mir vorüber glitten, auch gebührend scheel guckten, als die Motorhaube des Buckels zu wippen begann, abhob und mir die Sicht auf den Autobahnasphalt raubte.

Ich hatte vergessen, den Hebel neben dem Steuerrad zu umzulegen, der die Haube arretiert. Dass das Scharnier vorne über dem Kühlergrill angebracht war, rettete mir den Hals. Sonst wäre meine erste Fahrt vermutlich die letzte geworden. Ich nahm den Fuß vom Gas und entkam mit Schrecken.

Der Vorfall ernüchterte.

Nun stimmte es mich doch nachdenklich, dass die Winterreifen, auf denen der Buckel ganzjährig rollte, noch Bohrungen für Spikes aufwiesen. Spikes waren vor ungefähr zwanzig Jahren abgeschafft worden. Meine Pneus konnten mithin nur unwesentlich jünger sein. Auch die Bremsen bereiteten mir leises Unbehagen. Stieg ich in die Eisen, geriet das perlweiße Wunder ins Trudeln, was meine Chancen auf Riester Rente erheblich senkte, wenigstens solange ich stärker befahrene Straße nutzte. Außerdem habe ich nichts gegen Kinder, selbst wenn sie von fremden Leuten stammen.

Die ersten Tausend gingen für frische Bremsen und schwarzen Hartkautschuk drauf. Nebenbei stellten die Herren von „Schweden Cars“ gleich fest, dass der Vergaser im Eimer war und der Auspuff nicht mehr zu retten. Die ließ ich richten. Ob mein Volvo jetzt in Ordnung sei, fragte ich anschließend. Der Meister räusperte sich umständlich und mied Blickkontakt. Offenbar gehörte er zu der Sorte Mensch, für die nicht nur Geld, sondern auch unbeschwerter Schlaf zählt. Der Wagen habe sein Leben gelebt, erklärte er dann mit belegter Stimme. Weiter in ihn zu investieren, halte er für wenig sinnträchtig.

Doch meine Zuversicht blieb ungebrochen. Selbst als ein Berliner Freund, der in jüngeren Tagen Gebrauchtwagen verscherbelt hat, beim Begutachten des Volvo weit deutlichere Worte fand: „Det is’n purer Zufallsüberlebender. Den hätten se von Recht wejen schon vor zwanzig Jahren aus’m Verkehr zieh’n müssen. Allet, wat die Karre no zusammenhält, is Spachtelmasse...“

Als nächster größerer Posten war die Lenkung fällig. Bei „Schweden Cars“ sagte man mir, der Spaß würde mindestens 500 Euro kosten. Ich spürte, dass die Zeit für harte Entscheidungen näher rückte. Seit ich mein hoffnungsfrohes Herz an den Überlebenskünstler verschenkt hatte, blutete ich wie ein Blöder. Binnen dreier Monate hatte das perlweiße Wunder mehr für Reparaturen verschlungen, als es gekostet hatte. Doch nicht nur finanziell galoppierte ich in die Schwindsucht. Auch meine Sozialkontakte drohten zu veröden, weil ich ständig mit dem Sorgenkind beschäftigt war. Meine Flamme rollte nur noch die Augen, sobald das V-Wort fiel. Also beschloss ich, mich zu verabschieden. Der Volvo war zwar dufte, wenn er denn fuhr, aber mein Schwachsinn hat Grenzen. Dachte ich jedenfalls. Denn dann lernte ich Norbert kennen. Das war am Volvo-Stammtisch.

Hätte mir einer zuvor prophezeit, dass ich je freiwillig ein Rendezvous alternder Autofreaks besuchen würde, die Bilder antiquierter Fahrzeuge über Kneipentische schieben und sich mit Ehrfurcht heischenden Blicken technische Daten über Typen, Motoren, Radios, Reifen, Lackgrundierungen und Hohlraumversiegelung zuraunen, hätte ich ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt. Ich sage vorsichtshalber nur wahrscheinlich, denn ich habe mal eine Weile alte Fernsprechapparate gesammelt, bis ich so viele davon angehäuft hatte und die Wohnung aus allen Nähten platzte. Somit sind mir glänzende Augen bei alltagsfremden Fachgesprächen nicht ganz unvertraut.

Trotzdem.

Ich weiß zwar, dass mein Knall sich unter anderem im Hang zu exzentrischen Vorlieben entlädt, aber ich wähnte die akute Phase überwunden. Immerhin lag mein Telefonschub schon ein Jahrzehnt zurück. Aber ich hatte den V-Faktor unterschätzt.

Inzwischen war ich immerhin drei Monate lang Buckel gefahren. Ich hatte meine Leidenschaft durch Anfechtungen vorehelicher Eifersuchtsszenen, höhnischer Kommentare und blanken Unverständnisses retten müssen. Da nagt bisweilen Einsamkeit. Man fängt an, sich nach artverwandten Seelen zu sehnen, die verstehen, welch Glücksgefühle es stiftet, dem satten Röhren eines B 18 Motors zu lauschen. Sofern er denn anspringt.

Ich floh nach Wilhelmsburg, in die Honigfabrik, wo sich jeden Sonnabend hart gesottene Volvo-Liebhaber treffen, um ihren Schätzchen das Fahrgestell zu tätscheln, ihnen achseltief ins Gestänge zu greifen und sie anschließend abzuschmieren.

Da war man nachsichtig mit mir. Keiner schimpfte mich aus und ich bekam sogar etwas zu trinken. Nebenbei lernte ich Ölwechsel vorzunehmen. Ein paar Tage später traute ich mich dann an den Volvo-Stammtisch.

Und dort saß Norbert. Norbert besitzt drei Volvos. Unter anderem einen senfgelben PV 444 von 1957 mit geteilter Frontscheibe und B 16 Maschine, den er seit zehn Jahren restauriert. Der PV 444 war schon immer mein Traumbuckel. Er ist das authentische Modell aus den Vierzigern, sozusagen der kleine, große Bruder des 544, mit Brezelfenstern und schaurig schönen Bezügen. Etwas für echte Connaisseurs. Beinahe so unpraktisch wie ein Ford Model T. Ich merkte, wie sich mein Puls beschleunigte. Wenn ich mal groß bin, durchzuckte es mich bloß.

Aber noch fuhr ich Perlweiß. Und das Lenkgestänge maulte. Darum verwies mich Norbert an den Zauberer. Der Zauberer heißt Günther und betreibt eine Schrauberlaube in Langenhorn.

Als ich das erste Mal auf Günthers Hinterhof rollte, entdeckte ich drei alte Volvos und fühlte mich gleich heimisch. Zwischen Schafsgarbe und Huflattich harrten reichlich zwei Dutzend mehr oder minder zerlegte Fahrzeuge in verschiedensten Stadien des Zerfalls. Einige harrten offenbar schon länger, zumindest nach Moosbewuchs und Rostfraß zu urteilen. Andere, wie eine liebliche Amazone, wiesen verheißungsvoll verjüngende Schweißspuren auf.

Günther ist bleichgesichtig, graubärtig und meist im Stress. Ein Künstler, der auf Termine pfeift und wie jede Diva eine echte Mimose sein kann. Aber da er mit alten Autos zustande bringt, was Pferdeflüsterer anderswo mit traumatisierten Gäulen anstellen, war ich bei ihm gut aufgehoben. Als er aus dem Dunkel einer nach Altöl, Gummi und Benzin duftenden Werkhalle schlurfte, stöhnte er beim Anblick des perlweißen Knaben zwar auch gleich wie einer, der zuviel Leid gesehen hat und des ewigen Elends überdrüssig geworden ist, doch bekam die Lenkung auf Anhieb flott. Für einen Bruchteil dessen, was die Konkurrenz veranschlagt hatte.

Ich war hell begeistert. So begeistert, dass ich sofort zu Wagner und Günther fuhr, um eine neue Kupplung zu besorgen.

Die wunderbare Welt von Wagner und Günther befindet sich am Rand von Billwerder, versteckt in einem Industriegebiet. Hier gibt es fast alles, was der Halter historischer Volvos begehrt: Blinker, Leuchten, Korkdichtungen, Auspufftöpfe, regenerierte Anlasser und Vergaser, Zierleisten, Weißwandreifenaufsätze, Fachliteratur, Anstecknadeln und mehr. Ein Dorado für Bastler. Direkt vor den Toren Hamburgs.

Günther montierte mir die Kupplung, und auf einmal fuhr sich der Buckel wie ein normales Auto, eines, das man schalten, steuern und bremsen konnte, ohne in Schweiß auszubrechen oder sich ständig die Angstlaute der Beifahrerin aus dem Ohr klauben zu müssen.

Erst da, würde ich heute sagen, war ich richtig angefixt. Alles andere war sozusagen nur das Vorspiel.

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