Berlin erlebt dieser Tage ein Wunder: seine jüdische Renaissance. Zumindest in Feuilletons und Politikermündern. Wunder bleiben selten ohne Folgen. Auch für daran weniger Beteiligte.
Unlängst haute mich auf der Auguststrasse ein bierseliger Frühfünfziger an. Es war gegen Abend und ich unterwegs zu Bekannten. Er verstellte mir leise schwankend den Weg.
„‘Tschuldijen Se. Wissen Se, det sich glei’ da hint’n ma ne jüdische Synargoje befunden hat?“
Seine Augenbrauen tanzten Beifall heischend.
„Is wahr“, legte er zutraulich nach. „Könnse ma jlooben. Det war hia allet ma jüdisch.“
An seiner Rechten baumelte eine halbleere, braune Flasche. Er spreizte den Arm ab, ließ die Flüssigkeit mit einer vagen Kreiselbewegung im Rücken rotieren und stieß halblaut auf. Statt zu fragen, wo hier die nächste christliche Synagoge stand, gönnte ich ihm ein herzhaftes „Prost“.
Er blieb unbeirrt.
„Det weeß ick janz jenau. Ick bin nämlich in Mitte jroß jewor’n.“
Anscheinend suchte er nach einer eleganten Lösung, um ein paar Märker für frischen Treibstoff abzugreifen und improvisierte als Zeitzeuge. Normalerweise vermutlich ein ganz einträgliches Geschäft. In der Tat waren dort, wo er hinzeigte, ungefähr ein Dutzend Jahre vor seiner Geburt mal jüdische Kinder zur Schule gegangen.
„Hia is det ehemalije Scheun’viertel, wo früha ville Juden jelebt haben...“
Bevor er sich ins Zeug legte, bremste ich ihn.
„Wat’n“, nuschelte er enttäuscht. „Biste etwa nich aus’m West’n?“
Für seinen Promillegehalt besaß er noch einen erstaunlich scharfen Blick. Trotz fortgeschrittener Dämmerung.
Einst war der Kiez nördlich vom Hackeschen Markt Ghetto, Slum und Amüsiermeile. Bethäuser und Bordells standen Tür an Tür. Zwischen Näherinnen, Trödlern und Lumpensammlern tummelten sich Hehler, Huren und Strichjungs. Es ging eng, laut und nicht immer nur lustig zu. Mit den Nazis kamen der Boykott, das Pogrom und die Deportationen. Nach dem Krieg verfiel, was die Bomben aussparten. Bis in die Achtziger blieb die Synagoge eine von vielen vergessenen Ruinen. In Wendetagen entdeckten arbeitslose Historiker die Gegend. Bald klebten Scharen westdeutscher Touristen an den Fersen selbsternannter ‘Führer’, um zwischen waidwunden Altbauten und dem Einheitsbrei überteuerter Espressozapfstellen ‘Zeugnissen’ jüdischen Daseins nachzuspüren.
Für den schaurigen Charme des verblichenen Ghettos begeistern sich vorwiegend Gojim. Dabei könnten sie Geld sparen. Elendsflair gibt’s satt in Berlin. Gratis. Wer glaubt, dass Armut adelt oder anmutig riecht, braucht bloß durchs Hinterland von SO 36 zu latschen. Oder den Soldiner Kiez im verträumten Wedding auszuchecken. Allerdings bekommt er dort kaum den Hautgout der selbstgemachten Toten geboten. Wenigstens bisher. Den bietet geballt allein das Scheunenviertel. Der Ort, der inzwischen vollmundig als ‘Keimzelle jüdischen Lebens’ gehandelt wird, weil man vereinzelt über diesen oder jenen Importjuden stolpert.
Zum Knipsen reicht es. Ansonsten wird an der Oranienburger Strasse schon seit Jahren Tacheles geredet. Neben dem neuen Centrum Judaicum, im Glanz der restaurierten Synagoge, sonnt sich ein teures Restaurant mit biblischem Namen. Einen Block weiter, noch im Schatten der frisch vergoldeten Kuppel, floriert das einzige koschere Nichtrauchercafé der Stadt. Ums Eck gibt es einen Deli mit lateinisch-hebräischem Schriftzug über der Vitrine. Mittlerweile sind auch die Kriegspockennarben aus den Häuserfronten verputzt. In trendigen Galerien und coolen Kneipen rotzt kein Mensch mehr auf Sägespäne. Vermutlich duften sogar die Damen, die hier nach Dämmerung die Kantsteine säumen, besser als ihre Kolleginnen früher. Fließend Warmwasser dürfte vor siebzig Jahren eher die Ausnahme gewesen sein.
Richtig adrett ist es, das Scheunenviertel, Berlins Boompflaster für ästhetischen Kitzel, kulinarisch kultivierte Betroffenheit und flinke Ficks. Gut fünf Kilometer weiter westwärts, im beschaulichen Charlottenburg, geht es biederer zu.
Der Laden liegt keine dreißig Schritt vor meiner Haustür. Fast täglich komme ich daran vorbei. Nach außen hin wirkt er nichts sagend. Es gibt kein Neon über dem Schaufenster, keinerlei Auslagen und kein Schild. Kundschaft sehe ich selten. Nachmittags ist oft geschlossen. Dann blockieren grüngraue Jalousien den Blick ins Innere. Wozu, bleibt ein Rätsel. Die Theke steht quer zur Straßenfront, doch auf den Borden lagert höchstens Staub. Die Kacheln dahinter glänzen weiß und abweisend. Der Raum ist völlig schmucklos, außer der Wanduhr gegenüber dem Eingang.
Ab und zu begegne ich einem vierschrötigen Mann von Mitte fünfzig, der sich aus einem betagten Benz wuchtet und Schlüssel klimpernd dem Geschäft zustrebt. Er trägt stets Hut und vermeidet Blickkontakt. Eine Bekannte sagt, sein Fleisch sei hervorragend, insbesondere das Geflügel. Sie hole immer ihr Huhn bei ihm. Es ist die einzige koschere Metzgerei der Gegend. Dabei leben in Charlottenburg ziemlich viele Juden, für Berliner Verhältnisse zumindest. Die Synagoge Pestalozzistrasse ist gleich um die Ecke. Außerdem könnte auch der eine oder andere Goi dort kaufen. Darauf jedoch legt der Schlachter anscheinend wenig Wert. Er wird Gründe haben.
Sein offensives Anti-Marketing korrespondiert befremdlich mit dem flachen Profil der Synagoge. Auch deren Äußeres besticht als betont unauffällig. Nichts unterscheidet sie von den Wohnhäusern nebenan. Selbst das schüchterne Messingschildchen am Eingang schimmert fast im gleichen Farbton wie der Fassadenanstrich. Ins Auge fallen allein Polizisten, die auf dem Bürgersteig gelangweilt Maschinenpistolen tätscheln.
Sichtschutz, Anonymität und Mimikry. Alltag. Fünfzig Jahre danach. Keine ‘Renaissance’, bloß Kontinuität.
Ob die Fleischhandlung schräg gegenüber der Wohnung seiner Eltern frugal ausgestattet war, habe ich meinen Vater nie gefragt. Vermutlich nicht. Als die Familie Mitte der Dreißiger an den Grindel zog, gab es immerhin noch vier oder fünf koschere Schlachter in der Nachbarschaft. Trotz des Schächtverbots, das die Nazis 1933 verhängten. Denn in dem Viertel lebten damals die meisten Hamburger Juden. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum seine Familie dorthin wechselte. Der östliche Grindel galt nicht unbedingt als erste Adresse, sondern lockte mit niedrigen Mieten. Mehr konnten sie sich nicht leisten. Als verarmte Bürger, die ihre Dünkel und Normen immer engeren Verhältnissen anpassen mussten. Bis es kniff.
Das Kneifen verdankten sie dem patriotischen Opfersinn meines Großvaters. Der muss vor dem Ersten Weltkrieg einigermaßen wohlbestallt gewesen sein. Als er sich mit sechsundfünfzig entschloss, in den Bund der Ehe zu treten, bot er der hoffnungsfrohen Braut, einer Bibliothekarin von Ende dreißig, durchaus noch eine ‘exzellente Partie’.
Wenige Jahre später indes „guckte er“, wie es sein Sohn formulierte, „erfolgreich in die Röhre. Er hatte Kriegsanleihen gezeichnet und „dem Kaiser seinen gesamten Schotter geschenkt“. Als Wilhelm Zwo nach Doorn abhaute, um im Exil Baumstämme zu zersägen, löste sich das Vermögen in Wohlgefallen auf. Der galoppierende Geldverfall in den frühen Zwanzigern fraß die letzten Ersparnisse.
Mit einem Schlag war er mittellos. Zu alt zum Arbeiten, versilberte erst Haus und Möbel, später folgte das Besteck, zuletzt die Bücher. Dann durfte die Gattin, der er rasch noch drei Kinder spendiert hatte, wieder anschaffen gehen.
Zuvor jedoch bedachte die Inflation meinen Vater mit dem ersten Naschwerk seines Lebens. Irgendwann im Herbst 1923 nämlich beglich ein pfiffiger Cousin, dem Großvater in besseren Tagen fünftausend Goldmark zum Erwerb einer Apotheke geliehen hatte, seine Schulden.
Der Zeitpunkt war geschickt gewählt. Inzwischen waren fünftausend Mark weniger wert als eine Tablette Aspirin. Ob und wie mein Opa die Rückgabe kommentierte, ist nicht überliefert. Anschließend jedenfalls nahm er seinen Jüngsten bei der Hand und kaufte ihm von dem Geld fünf Dauerlutscher, bunte Zuckerkügelchen, im Durchmesser etwas kleiner als ein Pfennigstück.
Mag sein, er wollte dem Zweijährigen damit etwas von der flüchtigen Süße unbeschwerten Reichtums mitgeben.
Mein Vater rüschte den Mund:
„Schließlich landeten wir in der Dillstrasse, direkt im Knick. Das Haus ist abgebrannt. Jetzt steht da ein Neubau aus gelbem Klinker. Fragte man mich, wo ich wohnte, sagte ich ‘Rotherbaum’. Das klang besser. Sonst hätten die Mädchen aus dem Tanzunterricht die Nase gerümpft...“
Dafür reichte es anscheinend noch. Bei Petersilienkartoffeln und Wurzelgemüse. Nebenher kam heraus, dass Juden in ihrem Haus gelebt hatten. So erfuhr ich vom Kantor aus dem ersten Stock und den Gutmans, die ein Stockwerk über ihnen wohnten.
„Die stammten ursprünglich aus Polen, müssen aber eingebürgert gewesen sein. Jedenfalls wurden sie achtunddreißig nicht abgeschoben. Es gab ziemlich viele Ostjuden in der Gegend.“
Er deutete ein Kopfschütteln an.
„Wenn Herr Gutman mir auf der Treppe begegnete, in meiner HJ-Uniform, grüßte er immer mit ‘Heil Hitler’.“
Seine Lippen zuckten.
„Der traute sich kaum, mich anzusehen, schlich an mir vorbei und machte so...“
Er zog die rechte Hand hoch. Sein Kopf verschwand fast in der Armbeuge.
„Was sagtest du?“
„‘Guten Morgen’ oder ‘guten Tag’.“
„Und die Frau? Grüßtet ihr euch?“
„’Türlich.“
„Wie?“
„Normal.“
„Wie alt waren die Mädchen?“
„Klein. Sagen wir vier und sechs, als wir einzogen...“
Sein Blick glitt aus dem Fenster.
„Mein Bruder sagte, die hätten bis Anfang des Krieges öfter im Vorgarten mit einem blonden Kind gespielt.“
„Was ist aus ihnen geworden?“
Statt einer Antwort ruckte er die Schultern und schnalzte die Zunge.
„Ausgewandert sind sie nicht?“
„Auswandern war teuer. Dazu brauchte man Visa und Geld. Die meisten, die blieben, waren zu arm dafür. Oder zu alt.“
„Und der Kantor?“
Er schwieg und knetete die Fingerspitzen.
Dann wechselte er abrupt in die Zeit vor dem Krieg, begann die Topographie des Viertels zu erläutern, sprach von der ‘Talmud Tora Schule’ am Ende der Dillstrasse, auf der anderen Seite des Grindelhofs.
„Weißt du, der große, graue Kasten von ungefähr 1910. Nach fünfundvierzig saß da die englische Militärverwaltung drin. Über dem Portal kannst du noch die Reste der Hoheitszeichen erkennen, so einen dreifarbigen Kreis.“
Ich nickte.
„Direkt daneben befand sich die Synagoge. Dort wo heute der Uni-Parkplatz ist. Gegenüber vom ‘Abaton’ Kino.“
„Bis wann?“
„Bis Sommer 1939. Etwa ein halbes Jahr, nachdem die SA sie angesteckt hatte, wurde die Ruine abgerissen. Nicht weit davon stand übrigens noch eine Synagoge. Die war kleiner und hat das Pogrom überstanden. Die wurde erst während des Krieges zerstört.“
„Durch Bomben?“
„Vermutlich.“
„Wo genau?“
„Neben dem ‘Pferdestall’. Im Hinterhof. Mit dem Eingang zur Beneckestrasse hin. Ecke Grindelstieg.“
„Welche Beneckestrasse?“
„Die existiert nicht mehr. Ging früher mal vom Bornplatz aus in Richtung Schlüterstrasse. Auf der anderen Seite, wo heute das Uni-Gelände ist, war ein Park. Kennst du den Durchgang zur Grindelallee?“
„Du meinst die Brachfläche?“
Er nickte.
„Nach der ‘Kristallnacht’ hat mich da mal ein Gestapo-Mann geohrfeigt. Morgens, auf dem Schulweg.“
„Weshalb?“
„Weil ich stehen blieb. Da wurden Juden auf Lastwagen getrieben.“
„Was für Juden?“
„Männer. Jeden Alters.“
Sein Blick wanderte an mir vorbei.
„Sofort blaffte ein Typ im Trenchcoat: ‘Weitergehen’. Als ich ‘Wieso denn?’ sagte, haute er mir links und rechts ins Gesicht. Mit voller Wucht. Ich völlig verdattert und verlor erst mal meine Aktentasche.“
„Und dann?“
„Trollte ich mich.“
„War’s leer?“
„Wie meinst du?“
„Warst du der einzige, der das mit mitbekam?“
Er betrachtete eine Weile seine Fingerspitzen.
„Kinder gingen zur Schule, Leute zur Arbeit, Hausfrauen machten Einkäufe.“
Und nach hörbarem Durchatmen:
„Das ist ja das Phänomenale...“
Er lehnte sich zurück.
„Zu diesem Zeitpunkt brannte die Synagoge noch?“
„Die kleine Synagoge ist nie angezündet worden. Sonst hätte ja der ganze Block in Flammen gestanden.“
„Ich meine die am Bornplatz.“
„Die brannte mehrere Tage. Das war ein großes Gebäude.“
Er klang angestrengt. Seine Kaumuskeln arbeiteten.
„Vor der Synagoge hatte man einen großen Scheiterhaufen errichtet. Auf den schmissen die Leute Bücher und Torarollen. Ich glaube, das war am selben Tag, als die Männer in der Beneckestrasse verhaftet wurden. Aus der Synagoge kamen und gingen ständig welche. Auch in Zivil. Nicht nur SA.“
„Keine Polizisten?“
„Doch, aber die standen bloß ‘rum.“
Er griff nach einer Zigarette. Bevor er sie anzündete, rollte er sie gedankenverloren zwischen den Fingern und blickte er über meine Schulter hinweg aus dem Fenster. Kurz darauf lud er mich zu einem Spaziergang durch sein altes Quartier ein.
Ein Gutteil des Grindel hat den Bomben getrotzt. Am Rothenbaum, wo üppige Etagenhäuser mit marmorgetäfelten, großflächig verspiegelten Foyers stehen, residierte die soziale Crème. Nirgendwo ist die Deckenhöhe unter drei Meter fünfzig und der Stuck schmaler als sechzig Zentimeter. Hinter dem Grindelberg begann eine andere Welt.
Zur Strasse hin wohnten Handwerker und Angestellte. Die Hinterhöfe, in Hamburg euphemistisch ‘Terrassen’ genannt, bevölkerten Arbeiter. Hier fällt der Stuck dürftiger aus, sind die Treppen Stiegen, die Räume eng, dunkel und feucht. Betritt man eines der Häuser, schlägt einem immer noch der Mief von Weißkohl, Kinderpipi und Briketts entgegen, selbst wenn seit zwanzig Jahren niemand mehr mit Kohle heizt.
Mag sein, dass mein Vater deswegen zeitlebens Kochdünste hasste.
Unterwegs zeigte er mir den früheren Laden des Schächters, die Talmud Tora Schule, den Parkplatz neben dem Bunker und den Zaun, an dem früher der ‘Stürmerkasten’ hing. In Sichtweite der Synagoge. Wir gingen durch die Reste der Beneckestrasse zur Grindelallee hoch, bis vor die Kneipe, wo der Treff des lokalen SA-Sturms gewesen war. Von dem Häuserkarree ein Stück weiter, an der Ecke Verbindungsbahn und Rentzelstrasse, das in den späten dreißiger Jahren über einem jüdischen Friedhof errichtet wurde, waren es keine fünf Minuten zur ‘Sammelstelle’ vor dem Logenhaus, wohin er während des Krieges mit seiner Mutter deren Freundin begleitet hatte.
In einem Radius von vierhundert Metern um die Dillstrasse befanden sich vor 1933 Dutzende jüdischer Geschäfte, Praxen und Vereine. Es gab Stiftungen, Altenheime, vier Schulen, ein Rabbinerseminar. Zu den sechs Bethäusern, Synagogen und Tempeln gehörten mehrere Gemeindehäuser. Gottesdienste feierte man orthodox und reformiert, nach aschkenasischem und sephardischem Ritus. Das israelitische Krankenhaus in der Johnsallee behandelte alle, auch Arier. Bis jüdische Ärzte dann nur noch Juden behandeln durften.
In der zweiten Hälfte der Dreißiger war die Atmosphäre am Grindel gewiss gedrückter als ein paar Jahre zuvor. Viele hatten bereits das Land verlassen oder bemühten sich um ihre Emigration. Doch die wenigsten konnten oder wollten sofort fliehen. Es dauerte, bis das Regime sie zu Juden gemacht hatte. Inzwischen ging das Leben weiter. Die Regierung erließ zwar ständig neue Verordnungen, die einengten und schikanierten. Nachbarn hörten auf zu grüßen, Bekannte ließen sich nicht mehr sehen, Kinder kamen weinend aus der Schule. Es gab Entlassungen und Berufsverbote. Man hörte Gerüchte aus den Lagern. Aber sogar mit den ‘Nürnberger Gesetzen’ konnte man sich arrangieren.
Übers Kofferpacken reden ist leicht, nur es zu tun? Deutschland war immer noch besser als Polen. Trotz Hitler. Irgendwann verschwände der österreichische Gefreite wieder, hörte das haarsträubende Gefasel von ‘Blut’ und ‘Rasse’ auf. Ein paar Narben würden bleiben, doch letzten Endes war man hier zu Hause.
Die Älteren hatten im Weltkrieg für das Reich gekämpft. Fortzugehen brachte bloß mehr Unsicherheit und kostete entsetzlich viel. Nicht bloß Geld. Überhaupt, welches Land nahm einen denn auf? Wer wollte schon nach Palästina, falls die Briten, die ständig neue Hürden errichteten, einen da ‘rein ließen? Palästina war arm, trocken, überfüllt, voller zionistischer Hitzköpfe und wütender Araber. Die hießen Flüchtlinge vor Hitler sicher mit offenen Armen willkommen. Wie ging der Witz doch gleich? „Kommen Sie aus freien Stücken oder aus Deutschland?“ Was, bitte schön, unterschied Jabotinkys Revisionisten von den braunen Horden vor der Haustür? Abgesehen davon, dass die keine Juden, sondern Araber hassten?
Antisemitismus so alt wie Rom, sogar älter als die Kirche. Nicht alle Christen hassten Juden. Viel schlimmer konnte es nicht werden. Selbst wenn die SA sich aufführte wie die Kosaken. Schließlich lebte man in einer Kulturnation, dem Land von Schiller und Goethe, Hölderlin und Heine.
Das ist ein Versuch, mir die Stimmung im Umfeld meines Vaters vorzustellen, als er fünfzehn oder sechzehn war und eine Reihe seiner Klassenkameraden von heute auf morgen aus der Schule verschwand. Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, ist ‘judenrein’. Ich habe lange gebraucht, um eine Idee zu haben, wie es vielleicht aussah, bevor völkische Hygiene Menschen in Aussätzige und ‘Arier’ dividierte.
Male ich mir aus, wie es das gewesen sein könnte, denke ich weder an Hamburg noch an Berlin oder irgendeine europäische Stadt, sondern an New York. In allen Ländern, die mal deutsch besetzt waren, hat jüdisches Leben bestenfalls musealen Charakter.
Aus New York bin ich da anderes gewöhnt. Dort wohnen fast so viele Juden in Israel. Und niemand macht einen Hehl daraus, obwohl Witzbolde die Stadt gelegentlich „Jew York“ nennen. Man stößt auf alle möglichen Facetten jüdischer Existenz. So wie auf irische, italienische, polnische, karibische oder koreanische. Keiner braucht seine Herkunft zu verstecken. Es ist normal, verschieden zu sein. Selbst unter Juden.
Suche ich nach Bildern, Klängen und Gerüchen, um meiner verkrüppelten Phantasie über das, was am Grindel, im Scheunenviertel oder in Charlottenburg vernichtet ist, auf die Sprünge zu helfen, denke ich an Brooklyn, die Reste des ostjüdischen Ghettos im Südosten Manhattans, an die großzügigen Apartments der Upper West Side oder das Provinzmilieu in Washington Heights, im Nordwesten Harlems. Das hieß bis vor ein paar Jahren unter Emigrés noch spöttelnd „Viertes Reich“, weil fast alle, die da lebten, aus Hitlerdeutschland geflohen waren.
Ich erinnere mich an die vorgedruckten Bar Mitzwah Karten, die Neujahrsgrüße zu Rosh Hashanah und die sechseckigen Kreiselwürfel aus buntem Plastik für die Kinder. Daran, wie ich gläserweise Restposten ‘gefilte Fish’ erstand, der nach Passah so billig verschleudert wurde wie Christstollen hierzulande Ende Dezember. Auf der Zunge habe ich den Geschmack von frischen ‘Bagels’ und den der unvermeidlichen Hühnersuppe. Neben unserer Wohnung in Washington Heights befand sich eine ‘Shul’, wo Orthodoxe mit Kaftan und Pelzkappe ein- und ausgingen. Die hielt ich für Chassidim, bis eine frühere Bremerin mir schmunzelnd erklärte, es handele sich um Landjuden aus Hessen, zu denen die ‘Reform’ im letzten Jahrhundert nie vorgedrungen sei.
Ich sehe die älteren Leute auf den Parkbänken bei den ‘Cloisters’, wie sie die erste Frühjahrssonne über dem Hudson genießen, englische und deutsche Wortbrocken mischen, endlos viele „You Know’s“ einflechten, nichts auf Amerika kommen lassen, und trotzdem oft noch nach Jahrzehnten wie zwischen geparkt wirken. Auf Abruf. In der Schwebe.
Der ältere Mann aus Eimsbüttel etwa, der in der Osterstrasse wohnte, bis er 1938 nach Sachsenhausen verschleppt wurde, frei kam und durch Vermittlung eines Onkels via England nach New York gelangte. Der redet über Hamburg, als sei er vorgestern erst abgereist. Er weiß noch Straßennamen und Tramliniennummern, kennt Cafés und Geschäfte, erkundigt sich nach den Schwänen auf der Alster und den Enten auf dem Isebekkanal. Er will mit mir über nicht seine Verfolgung sprechen. Er will bloß mein Hamburgisch hören und sich ein paar Minuten lang vom Hudson an die Elbe zurückträumen. Warum er nicht selber mal hinführe, frage ich hilflos. Es wäre gar nicht so teuer.
„May be“, aber der Krieg habe so vieles verändert. Er sei ein alter Mann, der es sich nicht mehr leisten könne, seine Erinnerungen aufs Spiel zu setzen. „Die schlimmsten Wunden sind immer die, die man sich selber zufügt.“
Oder meine Zimmerwirtin an der 98. Strasse und Broadway, die allein in einer der riesigen Wohnungen lebte, die es dort oben gibt. Sie hieß Ruth Landau, kam aus Dresden und war 1933 nach Italien gegangen. Als der faschistische Großrat im Herbst 1938 eine Reihe judenfeindlicher Gesetze erließ, floh sie nach New York. Über Lissabon und Kuba. Auf dem gleichen Weg wie Irene.
Frau Landau sächselte polyglott, Englisch, Italienisch und Französisch. Bis wir das erste Wort in unserer gemeinsamen Muttersprache wechselten, vergingen sechs Wochen. Danach sprachen sie andauernd Deutsch mit mir.
Später, als Karen aus Paris zurückkam, zogen wir zwei Stock höher zu Lea Fleischinger, in ein größeres Zimmer. Frau Fleischinger war verhutzeltes, rüstiges Mütterchen von weit über achtzig, nahezu blind und stocktaub, das eine abenteuerliche Mixtur aus Jiddisch und Englisch sprach, während zahllose schlaue Fältchen zwischen Nase und Stirn raschelten. Einmal ernteten wir Vorhaltungen, weil wir Leberwurst in ihrem Kühlschrank geparkt hatten, ohne zu bedenken, dass das alle anderen Nahrungsmittel in Mitleidenschaft zog.
„That liverwurst ist trefe. You must not put it in the Eisschrank. “
Karen suchte sie zu beruhigen.
„But it’s kosher, Misses Fleischinger. We only buy kosher Liverwurst. I am Jewish myself. You think I’d eat pork? I like piggies. Really. I don’t eat them...“
Sie griff zur Wurst und hielt sie Frau Fleischinger direkt unter die Nase.
„See: it says ‘kosher’.“
Auf der Plastikverpackung stand zwar nirgendwo ‘koscher’, doch Karen zählte auf Leas schlechte Augen. Dummerweise nur hatte sie den breit grinsenden Eber übersehen, dessen Emblem auf der Vorderseite der lachsrosa eingeschweißten Wurst prangte. Auf die Distanz von knapp zehn Zentimetern konnte die lachende Sau selbst Frau Fleischinger kaum entgehen. Die lamentierte: „You lie to me like a schmutzige shikse!”
Es gab schräge Szenen, skurrile, tragische und schöne. Einmal, im Guggenheim Museum, stellte ich vor dem Kartenschalter fest, dass mein Universitätsausweis fehlte. Also erklärte ich, ich sei deutscher Student und bat um die Ermäßigung. Der bebrillte Mittfünfziger hinter dem Glas sah für den Bruchteil einer Sekunde auf.
„Woher sind Sie denn da?“
„Aus Hamburg.“
Wortlos drückte er auf die Taste für verbilligte Eintrittskarten. Als er mir das Wechselgeld zuschob, fixierte er bereits den nächsten in der Schlange. Eigentlich nicht Ungewöhnliches. Trotzdem musste ich schlucken. Denn er hatte Deutsch gesprochen. Mit Frankfurter Akzent.
Ich denke daran, was mir mein Vater über das Laubhüttenfest erzählte. Das feierten die Familien in der Nachbarschaft auf ihren Balkonen. Sie flochten frische Zweige zwischen die Gitter. Heute frage ich mich, ob er das Wort ‘Sukkot’ benutzt hat. Die Vorstellung grün geschmückter Hamburger Hinterhofbalkons vermengt sich mit dem Bild von Karens Großvater in New York, der beim ‘Seder’ erhebt, um aus der Haggadah vorzulesen. Es ist Pesach. Er trägt Kippa. Das tut er sonst nur, wenn er in den Tempel geht.
Auf dem Heimweg ein paar Stunden später, nachts, als Karen und ich aus der U-Bahn an der 181. Strasse kommen, stehen zwei laut singende, Gläser schwenkende Männer mit Schläfenlocken am hell erleuchteten Fenster eines Apartments.
„Ich dachte, die beten nur“, frozzele ich.
Karen lächelt: „Heute dürfen sie trinken, so viel sie wollen. Bis zum Umfallen. So bedanken sie sich bei Gott.“
Sie winkt mit dem Kopf.
„Sieh gut hin: Glückliche Juden.“
Heute wird in Washington Heights fast nur noch Spanisch gesprochen. Karen lebt in Tel Aviv. Und ihr Großvater ist seit acht Jahren tot.
Wann genau mir mein Vater zum ersten Mal vom ‘Judenhaus’ erzählt hat, weiß ich nicht mehr. Erwähnt hat er es früh, aber ich fragte nicht nach. Ausführlicheres erfuhr ich erst später, nachdem ich Karen kennen gelernt hatte, vielleicht sogar erst, als ich aus New York zurück war.
„Neben uns, in der Nummer fünfzehn, wohnten viele Juden. Das Gebäude steht noch. Während des Krieges ist es zum ‘Judenhaus’ erklärt worden. Man hat sie aus ihren Wohnungen ‘rausgeschmissen und dort zwangsweise einquartiert. Um sie abzuschotten. Da durften dann nur noch Juden leben.“
„Wie ein kleines Ghetto?“
Er nickte.
„Nebenbei sparte es Platz. Vorher hatte jede Familie eine Wohnung belegt. Nun pferchte man drei oder vier kurzerhand in eine.“
„Das war direkt nebenan?“
„Ja.“
„Woran erkannte man denn so ein Judenhaus?“
„Es war mit einem Aufkleber gekennzeichnet.“
Seine Stimme klang belegt.
„Wie sah der aus?“
Er zuckte wortlos die Achseln.
„Seit wann gab’s das?“
„1940 oder 1941. Das weiß ich nicht genau. Ich bin im März 1941 eingezogen worden und war während des Krieges bloß drei Mal in Hamburg.
Ich entsann, wie wir beim Bummel durch sein altes Viertel vor dem Nachbarhaus stehen geblieben waren, an einem grauen, verregneten Spätsommertag. Er trug den schmalkrempigen, hellen Hut, den er ‘das Idiotenkäppi’ nannte und immer aufsetzte. Niemand sonst war auf der Strasse.
Ein Altbau aus der Zeit kurz vor der Jahrhundertwende, vierstöckig, die Fassade in verdrecktem Altweiß, jahrzehntelang nicht mehr gestrichen, mit losen Farbplacken und moosbesetzten Frostbissen. Schmiedeeiserne, Rostgebräunte Balkongitter, grau verblichenes, ehemals grün gestrichenes Fensterholz. Das dustere Treppenhaus bis in Schulterhöhe hellbraun lackiert, die vergilbte, rissige Decke darüber voller Spinnweben, dazwischen eine matt schimmernde, nackte zwanzig Watt Birne.
Ich las die Namen am Klingelbrett neben der Haustür halblaut vor, während er ein paar Schritte weiter auf dem Gehweg wartete, die Hände in den Taschen seines Regenmantels vergraben. Ob er welche erinnern könne? Er schüttelte den Kopf und trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Er wolle weitergehen.
Möglicherweise tat ihm der Anblick des schmucklosen Neubaus weh, der an der Stelle stand, wo sich bis 1943 ihr Haus befunden hatte. Oder ihn fror. Für Anfang September war es kühl.
Wir kramten wortlos in Erinnerungen. Schließlich erklärte er:
„Sommer 1943, als ich Urlaub hatte, war ich mal drin. Während der großen Luftangriffe. In der Nacht, als wir ausgebombt wurden.“
„Was hast du da gesucht?“
„Fällt so eine Phosphorbombe auf ein Haus, und knallt nicht gleich durch den Lichtschacht bis ins Erdgeschoss, zerschlägt sie meist nur ein paar Ziegel und bleibt auf dem Dachboden liegen. Von dort frisst sich das Feuer in die unteren Stockwerke. Das dauert. Unsere Wohnung lag im zweiten Stock. Die war noch unbeschädigt. Nur das Treppenhaus brannte. Die Treppenhäuser brennen immer als erstes. Da kam ich nicht mehr durch. Deshalb wollte ich vom benachbarten Balkon aus zu uns ‘rüberklettern.“
„Hut ab“, lobte ich ihn munter.
Die Geländer der fraglichen Balkons waren nur durch ein schmales Sims verbunden, gut sechs, sieben Meter über dem Straßenniveau. Außerdem litt er unter Höhenangst. Aber er schien mich gar nicht zu hören.
„Es war voller Menschen“, sagte er leise.
„Was?“
„Das Judenhaus.“
„Ich versteh’ nicht. Du sagtest doch eben, es war Alarm...“
Vor Augen hatte ich eine von Bränden erhellten Nacht: Flakgewitter zuckte zwischen taumelnden Suchscheinwerfer, dazu das Dröhnen der Bombergeschwader und polterndes Getrommel in der Distanz, untermalt von den Paukenschlägen der Luftminen.
Er starrte vor sich hin. Daumen und Zeigefinger zupften nervös an den Fingerspitzen der Linken. Die Kaumuskeln arbeiteten.
„Juden durften nicht in den Bunker.“
„Was?“
„Man hatte ihnen verboten, öffentliche Luftschutzräume zu betreten, und im Keller war offenbar nicht genügend Platz...“
Er sog an Luft.
„Im Raum nach vorn, an den der Balkon grenzte, gab es praktisch keine Möbel mehr. Trotzdem kam ich da fast nicht durch. Da kauerten zwanzig, vielleicht dreißig Menschen auf dem Fußboden. Männer, Frauen, Kinder. Ich musste über sie hinwegsteigen. Keiner sagte ein Wort. Sie sahen mich bloß an. Mit Augen wie Tiere in der Falle...“
Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf. Hörte das Prasseln der Flammen, die sich jenseits der Wand schmatzend durch das Gebälk frassen, roch den Schweiß, sah die apathischen Blicke der Alten und die Hände der Mütter, die sich um Kinder krallten.
„Ich wusste nicht, dass es noch so viele waren...“
Seine Rechte war vor den Mund gewandert, halboffen, so dass der Zeigefinger die Haut zwischen Nasenrinne und Oberlippe berührte. Sein Blick suchte irgendetwas über mir an der Decke.
Ich stehe auf, trete ans geöffnete Fenster. Atme ein paar Mal durch, blicke in die sternklare Nacht. Schräg über mir erkenne ich den Großen Wagen. Die Luft ist weich, geschwängert vom Duft der Linden. Entfernt rattert ein einsames Auto über das Pflaster. Der Motor flimmert hell. Wohl ein Käfer. Mit altem Getriebe. Das Zwischengas jault.
Die Logik der Mörder war simpel: Eine englische Bombe sparte ihnen Mühe und Kosten. Falls die Juden es überstanden, waren sie seelisch auf ihre Deportation schon etwas eingestimmt. Zermürbte machen weniger Ärger.
Und seine Familie? Sobald die Sirenen heulten, verkrochen sie sich zweihundert Meter weiter hinter meterdickem Stahlbeton. Im Bewusstsein, dass ihre Nachbarn inzwischen russisches Roulette mit Lancaster-Bombern spielen durften.
„Wieso warst du überrascht, dass es ‘noch’ so viele waren? Hatte die Gestapo nicht effektiv genug gearbeitet?“
„Bist du nicht bei Trost?“
Ich drehte mich um.
„Warum hast ‘noch’ gesagt?“
Er begriff.
„Es gab 1943 fast keine Juden mehr in Hamburg.“
„Das war allgemein bekannt?“
„Ja. Zumindest mir.“
„Woher? Von Max?“
„Keine Ahnung“, kam es müde. „Kann sein.“
„Du warst während des Krieges drei Mal in Hamburg, richtig?“
„Ja.“
„Und jedes Mal waren ein paar mehr Juden weg...“
Er hob die Schultern und ließ sie ruckartig sinken. Ich wartete. Eine halbe Minute verstrich.
„Ich bin bei der Gestapo gewesen und habe nach Leuten gefragt.“
„Ach ja?“
„Einmal für einen Freund von Max. Der war zwangsverpflichtet. Die meisten Halbjuden waren zwangsverpflichtet. Er ist nach Hause gekommen, da war seine Mutter weg. In der Küche lag bloß ein Zettel: ‘Ich bin abgeholt’. Drei Worte. Das Essen auf dem Herd, sagte er, sei noch warm gewesen.“
Nun schimmerten seine Augen wieder feucht.
„Und?“
„Ich bin sofort zur Stadthausbrücke, wo das Gestapo-Hauptquartier war. Dort sagte mir der zuständige Beamte, dass der Transport schon abgegangen sei.“
„Hat er die Mutter wieder gesehen?“
Er schüttelte den Kopf, räusperte sich angestrengt.
„Sie kam nach Auschwitz. Das hat er nach dem Krieg erfahren.“
„Der Sohn hat überlebt?“
„Ja.“
„Erinnerst du, wann das war?“
„Kurz bevor Steffi deportiert wurde. Sommer zweiundvierzig.“
„Da konntest du problemlos zur Gestapo spazieren und dich nach abgeholten Juden erkundigen?“
„Die haben mich gleich vorgelassen und höflich behandelt. Die sahen ja, dass ich Frontsoldat war. In Zivil wäre es mir wahrscheinlich anders ergangen.“
„Du trugst Uniform?“
„Bei Behördengängen grundsätzlich. Das erleichterte vieles. Manchmal hab’ ich sie sogar extra eingedreckt. Wenn es eilte oder nicht ganz astrein war.“
Seine Stimme hatte wieder Tritt gefasst. Nun erzählte er, wie er bei zwei, drei Gelegenheiten für Bekannte gegenüber der Nazibürokratie den feldgrauen ‘Vorzeigearier’ gemacht hatte.
„Wo kamen die Juden denn deines Erachtens hin?“
„Wie meinst du?“
„Was hast du dir damals vorgestellt?“
Er knetete seine Hände und sah an mir vorbei.
„Dass sie nichts Gutes erwartete. Aber ich dachte nicht an Gaskammern. Davon habe ich erst nach dem Krieg erfahren. Auschwitz war mir kein Begriff.“
„Wann hast du das Wort zum ersten Mal gehört?“
„1946. Verstanden, was sich dahinter verbarg, hab’ ich erst viel später.“
„Es gab doch sofort Filme über die Befreiung von Auschwitz und Belsen. Bekamt ihr die nicht vorgeführt?“
„Sicher.“
Er zuckte die Achseln und schwieg.
„Und die Bilder?“
„Ich war viel zu sehr mit den Leichenbergen beschäftigt, die ich mir persönlich hatte ansehen dürfen.“
Als mein Vater und ich zusammen nach Bergen-Belsen fuhren, ging ich noch zur Schule. Unterwegs kamen wir durch militärisches Sperrgebiet. An einem Sonntag im Monat machte die Bundeswehr das Übungsgelände der Öffentlichkeit zugänglich, weil sich dort, geschützt von hohen Sandwällen, prähistorische Gräber befinden.1941 hat mein Vater an derselben Stelle Panzer fahren gelernt.
Die Heide war zernarbt von Kettenfahrzeugen. Dazwischen standen Markierungsschilder mit Namen wie Allenstein, Insterburg oder Trakehnen. Das seien Orte im ehemaligen Ostpreußen, erklärte er, die gehörten seit 1945 zu Polen und der Sowjetunion. Wozu die Verteidiger der Demokratie dreißig Jahre nach Kriegsende den Spuk blutig verspielter Ostgebiete in Rekrutenköpfe pflanzen mussten, blieb mir schleierhaft. Traditionspflege bei der Armee ist eine Sphäre jenseits der Einsicht.
Hinter den Geisternamen warteten die Gräber. Alles, was von Belsen übrig ist, sind die Massengräber. Blumenbepflanzt, umrahmt von gepflegten Wegen. Doch sie waren nicht eingesunken, sondern nach oben gewölbt. Als kaue die Erde noch immer an den vielen Leibern.
„Da war diese Geschichte im Zug, beim Truppentransport nach Italien, wo der Mann von den Morden in Kowno berichtete. Ich habe ihm nicht geglaubt. Das hat keiner von uns. Es klang viel zu ungeheuerlich. Dass es stimmte, hab’ ich erst begriffen, als ich Bilder davon im ‘Gelben Stern’ sah. Bis dahin hatte ich die Begegnung völlig verdrängt.“
Seine Hände fielen schwer auf den Tisch. Die Rechte begann zu trommeln. Ein paar Takte, und brach wieder ab.
„Einmal, nachts auf dem Hauptbahnhof, standen bewachte Viehwaggons. Mit Stacheldraht über den Luken. Dahinter Männergesichter. Kriegsgefangene oder Konzentrationäre. Das konnte ich nicht erkennen. Es war schummrig. Nur Notbeleuchtung. Wegen der Verdunkelung.“
„Mitten auf dem Bahnhof?“
„Vermutlich wurde die Lok ausgetauscht oder nahm gerade Kohlen auf.“
„Wie weit weg?“
„So quer übers Gleis. Fünf sechs Meter.“
„Habt ihr miteinander gesprochen?“
„Die waren still. Guckten bloß. Mir war auch nicht unbedingt nach Plaudern zumute.“
Er strich sich langsam übers Haar und schwieg einige Sekunden.
„Zweite Hälfte sechsundvierzig, kurz nach meiner Entlassung, habe ich wieder solche Züge gesehen. Die fuhren durch den Dammtor Bahnhof. Von Engländern bewacht.“
„Mit Deutschen drin?“
„Nein. Mit jüdischen ‘Dee Pees’.“
Er lachte hart.
„Sie schrieen wie die Wahnsinnigen.“
„Warum haben die Engländer sie eingesperrt?“
„Ich nehme an, die wollten nach Palästina.“
Vermutlich braucht man auch zum Schreien die Hoffnung, irgendwo Gehör zu finden. Ich dachte an ‘Tante Steffi’. Von der hatte er uns schon als Kinder erzählt. Sie war die Busenfreundin seiner Mutter gewesen. Die beiden hatten sich einmal in der Woche gesehen. Ihr Damentee war Frauensache. Die Ehemänner blieben außen vor. „Dem Alten“, kommentierte er mundzuckend, „hat das gar nicht behagt.“
Nach ein paar Sekunden sagte ich:
„Du begleitest Steffi zum Zug, siehst, dass Hunderte von Juden darauf warten, aus Hamburg fortgeschafft zu werden. Auf dem Nachhauseweg berichtet deine Mutter, Steffi habe ihr gesagt, ‘wir sehen uns nicht wieder’. Was geht in dir vor?“
Er knetete seine Finger.
„Die beiden waren alt. Im Krieg war so ein Abschied mit großer Wahrscheinlichkeit endgültig.“
„Wo dachtest du, würden sie und ihr Mann hingeschafft?“
„Ich versuchte mir über den Ablauf ihrer Reise und das Ziel keine Gedanken zu machen. So war alles schon schrecklich genug.“
„Du wirst doch wohl irgendeine Vorstellung gehabt haben.“
Sein Blick floh zur Seite.
„Es hieß, die Juden kämen nach Osten.“
„Was heißt ‘nach Osten’?“
„Na, irgendwo in die besetzten Gebiete.“
„Wozu?“
„Zur Zwangsarbeit. So ähnlich wie bei Stalin. Dass da riesige Industriekomplexe aus dem Boden gestampft würden.“
„Und da, dachtest du, wurden die hingeschickt?“
„Ja.“
„Zum Arbeiten?“
„Hmm.“
„Etwas genauer, bitte.“
Er sah mich an, zuckte mit den Schultern, wog den Kopf, sagte laut „Scheiße“ und blieb still.
„Wie alt war deine Mutter 1942?“
„Dreiundsechzig.“
„Steffi Weiß ist derselbe Jahrgang, richtig?“
Er betastete seine Stirn.
„Vermutlich. Sie gingen in eine Klasse.“
„War Steffi besonders kräftig und zäh? Oder wie kamst du auf die Idee, dass sie besonders gut Stahlträger schleppen konnte?“
Er atmete pfeifend aus und hielt sich den Kopf.
„Und die anderen Greise und Kinder“, meinte ich, „eigneten die sich etwa besser?“
Wie alt waren die beiden Töchter von Karens Großvater im August 1942, als sie in Belzec ermordet wurden? Sieben und neun? Oder schon elf und dreizehn? Ich entsann, was der mir gesagt hatte, damals, bei meinem zweiten Besuch:
„Ich habe meine beiden Kinder verloren. Im Krieg.“
Auch, wie seine hellblauen Altmänneraugen dabei zu schwimmen begannen.
„Ja“, würgte ich bloß. „Karen hat mir davon erzählt.“
Im Haus meines Vaters lebten auch zwei kleine Mädchen. Die spielten vor dem Eingang häufig mit einem blonden Kind. Bis Anfang des Krieges. Dann waren sie irgendwann weg. Wahrscheinlich hatte er seine Mutter sogar gefragt. In der Küche, als sie mit Töpfen hantierte.
„Neue Mieter?“
„Seit Ende Februar.“
„Und die Gutmans?“
Vielleicht zuckte sie nur mit den Schultern. Vielleicht unterbrach sie das Umrühren auch kurz, wischte die feuchten Hände an der Schürze ab und sah auf.
„‘Umgesiedelt’. Anfang Februar schon.“
„Wie war das mit den beiden Gutman-Mädchen, als sie nicht mehr mit dem arischen Engel spielen durften und nach Osten fuhren, ins Brausebad, zur großdeutschen Frischluftkur?“
„Hör auf...“
„Dann antworte.“
„Ich habe keine Antwort. Glaubst du, ich hätte mich dasselbe nicht hundert Mal gefragt? Steffi und ihr Mann kamen nach Theresienstadt. Von dort nach Riga. Da hat man sie erschossen. Doch das weißt du längst.“
Ich stand noch immer mit dem Rücken zum Fenster. Nur war die Nachtluft in meinem Nacken nun längst nicht mehr lau.
„Irrtum“, sagte ich leise, mehr zu mir selbst. „Ich weiß gar nichts mehr.“
Vor zehn Minuten wusste ich noch eine Menge. Da tatet ihr mir noch leid. Dein dreiundachtzigjähriger Vater, der nach den großen Luftangriffen losgeht, Angehörige sucht, keine findet, zwischen Schuttbergen herumirrt, die Orientierung verliert, erst bei Einbruch der Dunkelheit wieder auftaucht, über und über mit Mörtelstaub bedeckt, tagelang nicht sprechen kann, bloß herumsitzt und zittert. Die Stadt, in der er sein Leben verbracht hat, ist vernichtet, ganze Viertel sind ausradiert, Straßenzüge unter Trümmern begraben; geblieben ist nichts als geborstener Stein, Sand und Asche.
Das war schlimm, hab’ ich gedacht. Womit hatten die das verdient? So etwas hat keiner verdient. Nun bin ich um eine Antwort reicher. Vielleicht habt ihr im Bunker sogar stille Wetten abgeschlossen. Während die Bomben vom Himmel regneten. Nacht für Nacht durften die nebenan beten, dass der Kelch an ihnen vorübergeht. Ihr habt zugesehen und sie hübsch beten lassen. Bis die Züge an der Rampe von Auschwitz zum Stehen kamen und es sich ausgebetet hatte.
Eine Zeitlang sagte keiner von uns ein Wort. Schließlich meinte er heiser:
„Ich habe Max’ Vater angeboten, seine Tochter zu heiraten. Pro forma. Dann wäre sie die Frau eines Soldaten gewesen und die Familie geschützt, falls ihm was zustieß.“
„Das ging?“
„Während des Krieges ging vieles. Die Eltern lebten in privilegierter Mischehe. Der Vater war arisch, die Mutter getauft, Mäxchen und seine Schwester konfirmiert. Die brauchten keinen Stern zu tragen. Ich weiß, dass das nichts salviert“, kam es erschöpft. „Aber es war immerhin ein Versuch.“
Bisweilen, wenn ich ihm zu selbstgerecht begegnete, appellierte er an mein Vorstellungsvermögen. Ich müsse mich in die Zeit hineindenken.
„Was hat der Alte gesagt?“
Seine Kaumuskeln zogen sich ein paar Mal rasch zusammen.
„Er begriff überhaupt nicht, in welcher Gefahr seine Familie schwebte. Jedenfalls wies er den Vorschlag entrüstet von sich. Als sei er zutiefst ehrenrührig.“
„Warum hast du die Schwester nicht einfach ohne sein Einverständnis geheiratet?“
Er zuckte die Achseln.
„So gut kannte ich sie nicht.“
„Max hätte mit ihr reden können.“
„Ich habe selbst mit ihr gesprochen.“
Er lächelte schief.
„Max hab’ ich damals gar nichts davon erzählt.“
Nach meines Vaters Tod befragte ich Max. Manches konnte er bestätigen, anderes entsann er nicht mehr. Die Ereignisse lagen fast fünfzig Jahre zurück. Nicht jeder ist dazu verdammt, sich zu erinnern, für manche Vergessen eine Gnade. Max schuldet mir keine Erklärung. Auch fürs Hierbleiben gab es Gründe. Wären alle gegangen, hätte Hitler weiter gesiegt.
Das geht mir manchmal so durch den Kopf, wenn ich am Laden des Schlachters vorbeikomme, die heruntergelassenen Jalousien sehe, zehn vor sechs, auf dem Weg zum Supermarkt. Dann spekuliere ich, woran mein Vater gedacht haben mag, wenn er links aus der Dillstrasse Nummer dreizehn in Richtung Rutschbahn latschte und an Stoppelmans ‘Fleisch-, Wurst-, und Geflügelhandlung’ vorüberging.
Es ist müßig.
Trotzdem würde ich mich freuen, wenn mein Nachbar eines Tages vergäße, die Jalousien hinunterzulassen. Oder die Polizisten vor der Synagoge aufhörten, die Läufe ihrer Maschinenpistolen zu streicheln. Weil es keinen Grund mehr dafür gäbe.
Vorläufig aber sieht es nicht so aus.