Als Karen in Frankfurt wohnte, sprach sie der alte, verhutzelte Zigarettenverkäufer am Kiosk eines Tages auf Jiddisch an. Sie habe ihn zunächst gar nicht verstanden. Wie er gesehen habe, dass sie Jüdin sei, fragte sie ihn. Das Hutzelmännchen wog die Hände und lächelte verschmitzt. Sie sei eben so ein schönes Kind.
Woher er käme, wollte Karen wissen. Aus einem Dorf in der Nähe von Boryslaw, bei Lemberg. Ob sie wisse, wo das sei? Ja. Wie es denn hieße? Das Männchen schüttelte traurig den Kopf. Der Name sage keinem mehr etwas. Er sei der einzige von dort, der den Krieg überlebt habe. Da nannte Karen den Namen des Orts, in dem ihr New Yorker Großvater geboren war. Der Alte fing an zu lachen und zu weinen. Er erinnerte Jannek. Es war sein Dorf.
Dies ist eine andere Geschichte. Sie fängt drei Tage vor Karens Abflug nach Israel an, knapp vierzehn Tage vor Ende meines New York Aufenthalts. Wir waren am Riverside Drive verabredet. Gegen drei Uhr nachmittags, im Süden, dort wo der Park anfängt.
Karen hatte sich von mir getrennt und lebte bei Oren. Oren war ein Freund ihrer Schwester Debbie und besaß ein Studio von knapp dreißig Quadratmetern im East Village. Ich blieb in der düsteren Zwei-Raum-Wohnung in Washington-Heights, die wir bis zum Sommer untergemietet hatten.
Seit einigen Wochen teilte ich sie mit Brian. Den hatte ich abends am Hudson kennen gelernt, zu der Zeit, als ich noch für die letzte Prüfung paukte. Brian kam aus London. Er war nach New York gegangen, um von einer Frau loszukommen, und dem Heroin, das er mit ihr geraucht hatte. Er jobbte in einer Gaybar an der Columbus Avenue, stand auf William Blake und wollte eine Traummaschine entwerfen, die Halluzinieren gesünder und billiger machte.
Wir redeten über Väter, Söhne, Liebesleid, Drogen und Amerika. Seinen leiblichen Vater hatte er erst mit zwanzig kennen gelernt. Der Mann seiner Mutter, ein frömmelnder Marineoffizier, hatte ihm stets erzählt, er wäre tot. Als Brian ihn dann schließlich traf, erfuhr er, dass der Vater nie etwas von seiner Existenz gewusst hatte.
Es wurde eine lange Nacht. Unterwegs teilten wir diverse Dosen australisches Lager und eine Schachtel amerikanische Zigaretten, pissten gemeinsam in den Fluss und vertrieben zwei halbherzige Straßenräuber, die uns für ein schwules Pärchen hielten.
Brian schlief in einer teuren Läusepension. Ich lud ihn ein, bei mir zu wohnen. Es lief gut. Tagsüber pennte er oder war unterwegs. Wir sahen uns meist nur in den frühen Morgenstunden, wenn er von der Arbeit kam und ich in der Badewanne lag, wo ich lernte, weil es in den schwülen Nächten oft zu heiß zum Schlafen war. Dann kochte er Kaffee, hörte mich ab, oder wir gingen spazieren. Zwischen vier und sechs ist New York ziemlich friedlich. Selbst im Sommer. Kurz vor Dämmerung geht dann am Fluss manchmal sogar ein leichter Wind.
Karens Fahrrad lag in die Böschung geknallt. Sie saß drei Schritt weiter im Gras und heulte. Oberhalb ihrer zerrissenen Bluse erkannte ich Würgemale und blutige Striemen von Fingernägeln. Ihre Arme waren zerkratzt, das Haar aufgelöst. Sie stand auf, stolperte mir entgegen und fiel um meinen Hals.
„Ich war bei Bella.“
„Und?“
„Ich musste Sachen holen. Als ich gehen wollte und ihr sagte, ich sei hier mit dir verabredet, ist sie durchgedreht.“
Karen Mutter war immer gut für Überraschungen. Ihre Gemütszustände wechselten binnen Sekunden.
„Sie versperrte mir den Weg. Machte eine Szene. Ich sagte, ‘Bella, ich muss jetzt wirklich los’. Da ist sie ausgerastet. Sie schlug auf mich ein, kreischte, ’Geh doch zu deinem verdammten Nazi. Geh und mach deine Familie unglücklich.’“
Wir setzen uns ins Gras. Ich bearbeitete Karens Gesicht mit Papiertaschentüchern und versuchte ein aufmunterndes Grinsen.
„Dass sie mich nicht mag, ist nichts Neues.“
„Sie hasst dich.“
Bella war während des Krieges aufgewachsen. In Polen und in Österreich. Ihr Vater kam gleich zu Beginn des Krieges um. Im Krakauer Ghetto sah sie als Sechsjährige, wie ihre Großmutter verhungerte. Sie selbst entkam mit durchschossenem Bein dem Transport ins Gas, überlebte versteckt und auf der Flucht. Allein und zusammen mit ihrer Mutter. Blieb gezeichnet, ewig das Kriegskind.
Zu anderen Zeiten hatte sie mir weinselig deutsche Soldatenschnulzen vorgesungen. Nun war ich der Goi aus dem Land der Mörder, der ihr das ‘Baby’ weggenommen hatte und Schuld daran war, dass ihr Kind zu ihrem geschiedenen Mann nach Israel floh und sie in New York allein ließ.
Karen blickte aufs Wasser. Ihr Rücken zitterte, als ob sie fröstele.
„Ich blieb ruhig, sagte, ich würde mich gern in Frieden von ihr verabschieden. Sie riss mir die Kette vom Hals. Die, die du mir geschenkt hast. Spuckte mir ins Gesicht, schrie, ich solle zur Hölle gehen. Nannte mich Nazihure. Da hab’ ich sie geschlagen. Hart. Sie fiel hin. Irgendwas ist verletzt. Ihr Arm oder ihre Hand. Ich weiß es nicht. Ich hab’ meine Sachen gegriffen und bin los. Sie kam noch hinterher, trat gegen den Fahrstuhl. Aber die Tür war schon zu. Als ich unten ‘rauskam, hing sie am Fenster und brüllte wie eine Wahnsinnige. ‘Komm zurück’ und ‘vergib’ mir’. Ich hab’ mich nicht mehr umgesehen.“
Ich zündete zwei Zigaretten an, schob Karen eine in den Mund.
„Sie liebt dich. Es ist bloß die Angst, dass sie dich nicht wieder sieht.“
Karen lachte.
„Und so will sie mich halten? In zweiundsiebzig Stunden bin ich weg. Sieh mich an: Die Bluse ist kaputt und mein Busen hängt ‘raus. Wie frisch vergewaltigt. Genau so viel hat’s mit Liebe zu tun.“
„Beruhige dich. In ein paar Wochen ist alles vergessen.“
„Du bist gut. Diese Irre ist meine Mutter.“
„Das wirst du kaum ändern. Jetzt solltest du dein erst mal Hemd wechseln und dir das Gesicht waschen.“
„So schlimm?“
„Es geht.“
Sie fing mein schräges Lächeln auf.
„Okay. Lass uns abhauen.“
„Wohin?“
Wir hatten uns auf halbem Weg getroffen und wohnten jeweils rund eine Dreiviertelstunde entfernt. Mit dem Rad. Sie sah mich an.
„Margareta?“
„Margareta.“
Margareta wohnte gleich um die Ecke. Sie leitete den jüdischen Kindergarten, in dem Karen eine Weile gejobbt hatte, stammte aus Prag, war etwa so alt wie Bella und hatte ähnlich Haarsträubendes durchlebt. Doch sie hatte das Widerfahrene besser weggesteckt, zumindest nach außen hin. Karen verehrte sie.
Margareta war zu Hause, ließ uns rein, holte Schnaps und ein viel zu großes Hemd für Karen. Wir blieben mehrere Stunden. Irgendwann sprach sie von ihrem Sohn. Der war siebzehn und vertrug sich nicht mit dem Vater. Sie käme nicht mehr an ihn heran. Er sei so verschlossen. Sie mache sich Sorgen. Da erzählte ich ihr von mir und meinem Vater. Gab ihr ein paar Tipps. Manches davon war ihr neu. Anderes bestätigte sie lachend. Als wir gingen, bedankten wir uns gegenseitig.
Kurz davor hatte ich meine letzte Prüfung geschrieben. Nun brauchte ich nur noch drei Buchbesprechungen abzuliefern. Dann hatte ich alle ‘Credits’ beisammen und wäre endlich graduiert.
Bis zur Abreise mussten die Texte eingereicht sein, sonst war der Schweiß der vergangenen Monate für die Katz. Normalerweise legten die Studenten meines Fachbereichs ein Examen pro Jahr ab. Ich hatte beide ins selbe Semester gequetscht, nachdem ich beim ersten Anlauf gescheitert war. Zunächst nämlich hatte ich die Examina nicht allzu ernst genommen. Als ich durchgefallen war, fragte ich den Studienberater, was ich falsch gemacht habe. Der Studienberater war ein distinguierter Akademiker mit seelenvollen, braunen Augen und deutschem Nachnamen. Er fragte trocken, ob meine Frage ernst gemeint sei.
„Ja.“
Es gelang ihm, aufrichtig erstaunt auszusehen.
„Wo sollte ich da anfangen? Bereiten Sie sich das nächste Mal gründlicher vor.“
„Mein Stipendium läuft aus. Ab Januar fehlt mir das Geld dafür.“
„Haben Sie Recherchen vorzuweisen?“
Ich zuckte die Schultern.
„Versuchen Sie’s trotzdem“, sagte er. „Beantragen Sie ein ‘Fellowship’.“
Er begann sich mit den Papieren auf seinem Schreibtisch zu beschäftigen. Als ich mich nicht von der Stelle rührte, sah er auf.
„Wenn sonst nichts mehr ist...“
„Doch. Hiermit melde ich mich zum frühestmöglichen Zeitpunkt für die nächste Prüfung an.“
Er lehnte sich zurück.
„Sie haben nur zwei Anläufe. Wenn Sie wieder Mal durchfallen, fliegen Sie aus dem Programm. Ich schätze Ihre Chancen derzeit zu bestehen, offen gestanden nicht allzu hoch ein.“
„Habe ich eine Wahl?“
„Ich kann Sie nicht abhalten. Die Prüfung ist in einem Vierteljahr. Sie bekommen die genauen Termine per Post. Guten Tag.“
Viereinhalb Monate später hatte ich die erste Prüfung bestanden. Davor hatte ich sechzehn Stunden am Tag gelernt. Karen war bei der Universität betteln gewesen und hatte mir ein ‘Special Fellowship’ besorgt.
Nach einigen Tagen Pause begann ich mich auf das nächste Examen vorzubereiten. Da sagte sie, sie hielte es nicht länger aus, fuhr zu ihrer Schwester nach Boston, kam zurück, packte und zog zu Oren.
Nun war es brüllend heiß und sie in Israel. Noch neun Tage bis zu meiner Abreise. Dann lag New York endlich hinter mir. Wie ich es hasste: die Enge, den Gestank, den Lärm und den Dreck. Doch am meisten hasste ich mich in meiner Einsamkeit. Ich war todmüde und ausgebrannt.
Die drei Bücher zu lesen, über die ich schreiben sollte, schaffte ich nicht mehr. Stattdessen ging ich in die Bibliothek, blätterte durch Fachzeitschriften und kopierte Besprechungen aus dem ‘Journal of American History’, formulierte den Text etwas um, steckte das Getippte in einen Umschlag und schickte es an Bert Friedman.
Friedman war der Professor, dem ich die Rezensionen schuldete. Ein viel beschäftigter Mann, der sich kaum die Zeit nehmen würde, diese Art Fleißarbeit lange in Augenschein zu nehmen. Falls doch, retteten mich meine fabelhaften Formulierungskünste. Ich kam mir zwar schäbig vor, weil er Besseres verdient hatte, aber da er es nie merken würde, gönnte ich meinen Skrupeln eine Auszeit. Ich hatte andere Sorgen.
Friedman war der Papst für Sozialgeschichte, eine international berühmte Koryphäe. Trotz des Renommees näselte er wie ein echter New Yorker. Man durfte ruhig hören, dass er auf der Straße groß geworden war. Er legte wenig Wert auf Etikette, duzte seine Schüler und arbeitete wie ein Besessener. Seine Seminare waren heiß begehrt, obwohl er mehr verlangte als andere, man bei ihm doppelt so viel lesen musste und er mit Kritik nicht sparte. Mitunter schnitt er einem mitten im Satz das Wort ab. Er war ungeduldig, arrogant, witzig, schnell und kompetent. Mich tadelte er gern mit:
„Sei jetzt kein deutscher Klugscheißer“.
Doch er lobte auch. Meist ökonomisch einsilbig. Mit „schlau“ oder „scharf“. Ließ er mal ein „ausgezeichnet“ oder „brillant“ fallen, beglückwünschte man sich hinterher.
„Na, du Genie? Bert war ja absolut ekstatisch...“
Bei unserer ersten Begegnung fläzte er sich in seinem Büro auf dem Drehstuhl, mit offenem Hemdkragen und hoch gerollten Ärmeln. Er kaute auf einem Bleistift und kratzte sich ungeniert unter der Achsel, während er mich über die Lesebrille aus klugen, blauen Augen musterte. Bei wem ich zuvor studiert hätte, was mich interessiere, ob und an welchem Forschungsprojekt ich gerade säße. So hatte noch kein deutscher Dozent, geschweige denn ein ordinierter Professor, je mit mir geredet. Schließlich schlug er ein Thema vor.
Ich war gewarnt und entsprechend zurückhaltend.
„Klingt interessant“, sagte ich. „Warum nicht?“
„Das is ‘ne jüdische Antwort. Geben Se mir ‘ne deutsche.“
„Was stellen Sie sich unter einer deutschen Antwort vor?“
Er grinste: „Sind Sie Jude? Sie sehen nicht so aus.“
„Wieso?“
„Weil Sie ständig mit Gegenfragen antworten. Also: Trauen Sie’s sich zu oder nicht?“
„Ich werd’s versuchen.“
„Wenn’s Probleme gibt, bin ich für Sie da, okay?“
Nun waren alle Prüfungen absolviert und die Abschlussarbeit zensiert. Auch die leidigen ‘Credits’ hatte ich abgehakt. Dachte ich. Fünf Monate hockte ich schon wieder im verregneten Hamburg und unterrichtete lustlos Englisch an einer Privatschule. Karen war im Herbst nachgekommen. Aber das Büro der Universität, das mir eigentlich längst hätte schreiben müssen, rührte sich nicht. Schließlich rief ich in New York an. Wo mein Diplom bleibe? Nachdem eine entnervte Sekretärin mich minutenlang hatte warten lassen, während in wieselflinkem Sekundentakt Telefoneinheiten an meinem Ohr vorbeiklickten, teilte sie mir mit, dass Professor Friedman die ‘Credits’ für meinen letzten Kurs noch eingereicht habe. Friedman fuhr ständig auf Kongresse, legte Forschungssemester ein oder nahm Gastprofessuren im Ausland wahr.
„Was treibt der Bursche? Ich brauch’ die verdammten Punkte. Sonst kann ich mir die Chose in die Haare schmieren.“
„Ruf’ ihn an“, riet Karen. „Am besten zu Hause.“
Beim dritten Versuch erreichte ich ihn schließlich.
„Ah ja“, kam es gedehnt.
„Es ist wegen meiner ‘Credits’“, sagte ich. „Vor ein paar Tagen durfte ich über das Büro erfahren, dass Sie die noch nicht bewilligt haben. Für Sie ist das vielleicht eher nebensächlich, aber ich warte seit einem halben Jahr darauf. Ohne Ihre ‘Credits’ bekomme ich nämlich keinen Abschluss. Und ohne einen Abschluss finde ich hier keine vernünftige Arbeit.“
„Ich weiß“, sagte Friedman.
„Wie bitte?“
„Ich hatte schon eher mit deinem Anruf gerechnet. Es gibt da ein Problem.“
Mir schwante Übles.
„Deine Besprechungen lesen sich zu sehr wie das ‘Journal of American History’. Eigentlich müsste ich dich anzeigen.“
Meine fabelhafte Formulierungskunst hatte mich offenbar im Stich gelassen. Friedman schien die Sache ernster zu nehmen, als ich mir hatte träumen lassen. Klar, Abschreiben galt bei amerikanischen Wissenschaftlern als Todsünde. Mein Nacken glühte. Ich lachte hilflos.
„Mit welcher Konsequenz?“
„Dann kannst du den Abschluss vergessen und nicht als Historiker arbeiten. Jedenfalls nicht in den USA.“
Nun stammelte ich.
„Normalerweise plagiiere ich nicht. Wirklich. Es klingt zwar idiotisch, aber ich könnte Ihnen viel über den letzten Sommer erzählen. Nur eine halbe Minute...“
„Spar dir das.“
„Lassen Sie mich erklären. Vielleicht geben Sie mir dann die Chance...“
„Schon gut“, unterbrach er mich. „Mach ’n Vorschlag.“
„Sagen Sie mir drei andere Titel und schmeißen Sie weg, was ich geliefert habe.“
Es blieb einen Moment lang still.
„In Ordnung.“
Er nannte mir drei Titel. Ich verschluckte den Seufzer.
„Danke.“
„Bedank’ dich nicht bei mir.“
„Bei wem sonst?“
Er zögerte eine halbe Sekunde.
„Wir haben einen gemeinsamen Freund. Schick mir die Dinger, und wir vergessen die Sache. Alles Gute.“
Unmittelbar nach diesem Gespräch marschierte ich zur Staatsbibliothek, lieh mir die Bücher und verfasste die sorgfältigsten Besprechungen, die ich je auf Englisch zu Papier gebracht habe.
Karen und ich rätselten monatelang, wer der anonyme Freund sein könne. Es musste ein Kommilitone sein. Viele gemeinsame Bekannte mit Friedman besaßen wir nicht. Schließlich verfielen wir auf Alessandra. Alessandra war ein paar Jahre älter als ich und kam aus Florenz, saß an einem Forschungsprojekt und verkehrte bei den Friedmans. Trotzdem blieb uns schleierhaft, weshalb sie mit Bert über mich gesprochen haben sollte. Aber Alessandra wusste von nichts.
Das Leben ist voll ungelöster Fragen. Sobald die Besprechungen nach New York gesandt waren, rief ich an. Friedman sei in Frankreich. Er werde erst im Spätfrühling zurück erwartet. Ende Mai meldete ich mich wieder in seinem Büro und bat die Sekretärin, ihn auf meine ‘Credits’ hinzuweisen. Sie versprach, sich zu kümmern. Keine drei Wochen später bekam ich Post von der Universität. Ich sei fortan berechtigt, den Titel ‘Master of Arts’ zu tragen. Die Graduierungsurkunde erhielte ich allerdings erst im September.
Fünf Tage später rief Alessandra an. Sie sprudelte ohne Punkt und Komma los.
„Bert ist tot.“
„Bert?“
„Friedman. Ganz plötzlich. Ein Herzanfall. Kurz, nachdem er aus Paris zurück war. Er war keine siebenundfünfzig. Warum gerade er? Wie kommt es, dass es immer die trifft, die am lebendigsten sind?“
Während sie irgendwo, ein paar Tausend Kilometer entfernt, mit Tränen kämpfte, dachte ich an seine klugen, blauen Augen, seine Straßenschläue und das Näseln. Daran, wie großzügig er mit mir Klugscheißer gewesen war, an den Zeitpunkt des Versagens seiner Aorta, und daran, wie grauenhaft das eigene Glück sein kann.
Außerdem würde ich nun nie mehr erfahren, wer oder was ihn dazu bewogen hatte, mich zu schonen.
Im August fuhr Karen nach New York. Als sie zurückkam, berichtete sie als erstes von ihrem Besuch bei Margareta.
„Ich hab’ ihr erzählt, dass du jetzt deinen Abschluss hast. Dabei habe ich auch die Sache mit Friedman erwähnt...“
Karens Mund lächelte.
„Und?“
„Sie kannte ihn. Sie haben zusammen studiert. Am City College.“
„Große Stadt, kleine Welt.“
„Nicht nur das.“
„Du meinst, sie...“
Karen nickte breit lächelnd.
„Es war letzten Sommer. Kurz nachdem wir bei ihr gewesen waren. Sie traf ihn in der U-Bahn. Am Lincoln Center. Sie hatten sich dreißig Jahre lang nicht gesehen, aber früher mochten sie sich wohl ganz gern.“
„Langsam.“
Vor Augen hatte ich die Menschenmassen, die sich in dieser Station drängten, das Gewühle, Gewimmel und Gekreisch, als leisen Seufzer der Millionen Metropole, hörte das Brüllen der Express Züge, roch an der verbrauchten, klebrigen Untergrund Luft. Irgendwo in diesem Hexenkessel waren die beiden aufeinander gestoßen, hatten sich wieder erkannt und miteinander geredet. Über mich. Bei einer Begegnung nach mehr als einem halben Leben.
„Er sagte ihr, dass er seit Tagen in einem Dilemma stecke. Es gäbe da einen deutschen Studenten, der offensichtlich plagiiert habe. Weshalb, sei ihm absolut unverständlich. Es ginge bloß um ein paar läppische ‘Papers’. Keiner, der halbwegs bei Sinnen sei, setze deswegen seine Karriere aufs Spiel. Dennoch habe er die Pflicht, die Sache zu melden, womit die akademische Zukunft des Deutschen definitiv im Eimer wäre. Nun wisse er nicht, was er tun solle.
Margareta merkte, dass von dir die Rede war. Da erzählte sie ihm von unserem Besuch. An dem Nachmittag, als ich mich von Bella verabschieden wollte.“
Während Karens letzter Sätze war ich damit beschäftigt, mir beidhändig die Stirn zu halten. Es gab Feen. Im echten Leben. Und Menschen wie Friedman, die hunderttausend andere Dingen am Hals hatten und trotzdem Bedenken hegten, hirnlosen Schwachköpfen wie mir das Dasein zu versauen, obwohl ich ihre Intelligenz beleidigte, die Rechtslage eindeutig war und ihr Berufsethos es verlangte.
Karen lachte.
„Er hat den Kopf geschüttelt, sich bei ihr bedankt und gesagt, sie habe ihm sehr geholfen.“
Ich sah auf.
„Und Margareta?“
„Wie immer. Sie lässt dich grüßen.“