Vier Jahre nach der Rückkehr aus dem Sudan saß ich mit Karen an einem Teich im Central Park und beobachtete Stockenten. Es war einer der ersten lauen Abende im späten März. Tags darauf wollten wir nach Jacksonville fliegen, an die Nordgrenze von Florida. Um von dort aus die Küste von Georgia nach South Carolina hoch zu radeln. Wir hatten Schlafsäcke gekauft. Nun lagerten wir neben unseren Rädern und picknickten.
Ich kaute gerade an einem Stück Brot herum und genoss die Dämmerung, als er hinter uns auftauchte. Karen stieß einen leisen Warnlaut aus. Ich erhob mich, ging ihm ein paar Schritte entgegen. Er war jung, noch keine zwanzig, vielleicht erst siebzehn. Schwarz. Ein Ghetto-Kid, den Schal ums Kinn geschlungen, seine Mütze halb über die Augen gezogen. Fragte nach einer Zigarette. Ich hielt ihm meinen Tabak hin.
Er schleuderte das Päckchen auf den Boden. Mit der Rechten. Die Linke blieb in der Jackentasche. Ich solle keine Bewegung machen oder er blase mir den Kopf weg. Fast hätte ich laut aufgelacht. Am Nachmittag hatte ich dreihundert Dollar abgehoben. Beinahe alles, was ich besaß. Karen trug ähnlich viel bei sich, für unsere Tickets, die wir am Flughafen kaufen wollten. Eine teure Vesperpause. Zwanzig Minuten vorher hatten wir noch überlegt, ob es weise war, mit so viel Geld am Leib einen Abstecher in den menschenleeren Park zu machen. Wer will schon ständig Großstadtparanoia pflegen?
Ich überflog meine Chancen. Vielleicht war er wirklich Linkshänder.
„Zieht er die Waffe, bleibt dir bestenfalls eine Viertelsekunde. Aber du warst noch nie schnell. Vermutlich greifst du daneben. Schießt er so, bleibt nicht mal mehr die Zeit, ihm eine zu verpulen. Bevor du das Loch in seiner Jacke siehst, spritzt dein Hirn über den Frühlingsrasen. Keine hübsche Vorstellung. Übrigens hätte sich Oscar Wilde auch nie träumen lassen, sein Dasein zwischen hässlichen Tapeten zu beschließen.“
Karen war aufgestanden, ein paar Meter weiter. Hoffentlich war er ein schlechter Schütze, so dass sie wegkam. Doch egal wie mies er zielte, auf achtzig Zentimeter Distanz konnte er bei mir nicht viel falsch machen. Das brachte mich zurück zu der Reise, die drohte, zusammen mit Teilen meines Schädels in einem New Yorker Ententeich baden zu gehen.
„Natürlich scheint es dir absurd. Jeder macht ein dummes Gesicht und denkt, es sei bloß ein Missverständnis. Die Art Erstaunen lässt sich nicht vor erfahren. Das ist der kleine kognitive Bonbon zum Abschluss...“
Plötzlich waren meine Ohren in Watte verpackt. Ich fragte mich, ob das der Schock sei, während mir die tiefere Bedeutung des deutschen ‘Dranglaubenmüssens’ aufging. Dann rief ich mich innerlich zur Ordnung.
Laut sagte ich:
„Lass mich erst mal aufkauen.“
Mir fiel nichts Besseres ein. Immerhin war es nahe liegend, schließlich hatte ich den Mund voll.
„Was?“, fragte der Junge entgeistert.
„Auf-kau-en“, wiederholte ich langsam, Silbe für Silbe, während mein Unterkiefer verzweifelt mahlte und ich die Sekunden zählte.
„Wenn ich bis neun komme“, dachte ich, „drückt er nicht mehr ab. Bis neun. Will er mich töten, schießt er sofort. Alles andere wäre unökonomisch. Lässt er mich aufkauen, ist er ein Mensch. Dann hab’ ich eine Chance, kann ihn besabbeln und komm’ hier lebend ‘raus.“
Ich kaute, würgte, kaute weiter. Er ließ mir Zeit. Er war ein Mensch. Bei zehn gab es mich noch. Ich schluckte und genoss, Zähne, Zunge und Gaumen zu spüren. Es sind eben oft die kleinen Dinge im Leben, die Freude bereiten.
Die Spannung wich. Ich räusperte mich und zog die Schultern zurück.
„Du brauchst mich nicht bedrohen, Mann. Du kannst auch fragen. Wenn ich genügend hab’, gebe ich dir was.“
Ich sprach langsam, breit, so ‘cool’ wie es irgend ging. Meine Stimme zitterte. Das hätte allerdings auch Wut sein können.
„Drei Dollar hab’ ich dabei“, log ich. „Einer ist vielleicht über. Nur bedroh’ mich nicht.“
Er zögerte eine Sekunde, dann zuckte er mit den Achseln, machte einen Schritt zurück, hob meinen Tabak auf.
„Tut mir leid, Mann. Wirklich.“
Er reichte mir das Päckchen. Mit langem Arm.
„Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Es ist nur so, ich wollte mit meiner Braut weggehen, weißt du. Morgen is’ Sonnabend. Ohne Knete läuft nichts.“
Ich stand starr. Vor ungefähr zwanzig Sekunden hatte ich mit meiner Existenz abgeschlossen, mich damit angefreundet, unter „männlich, weiß, Alter: 24“ die New Yorker Mordstatistik zu bereichern. Nun entschuldigte er sich. Ich grunzte fassungslos.
Offenbar interpretierte er meine Laute falsch.
„Ich hab’ das noch nie gemacht. Echt, Mann. Ich hab’ euch da nur gesehen und mir gedacht, versuch’s, vielleicht rückt der Typ ja was ‘raus.“
Er grinste angestrengt.
„Wirklich. Kein Scheiß, Mann, nur so.“
„Na und?“
„Was?“
„Willste den Dollar?“
Die Frage überraschte ihn. Er schüttelte energisch den Kopf.
„Nein, Mann, nein. Wirklich nicht. Behalt’ ihn. Ich will dein Geld nicht...“
Ich bot ihm noch mal den Tabak an. Er konnte nicht drehen. Also rollte ich ihm eine. Meine Fingerspitzen tanzten und ich leckte die Gummierung falsch an. Er gab mir Feuer. Dreimal musste er die Zündwalze drücken, bis die Flamme brannte. Seine Hände flogen. Er rauchte ein paar Züge, dann schob er die Linke in die Tasche, wedelte mit der Rechten und machte auf dem Absatz kehrt.
„Macht’s gut...“
Als er zehn Meter entfernt war, drehte er sich um, lachte erleichtert.
„Weißt du, ich hatte noch nicht mal was dabei. Stell dir vor, wenn du jetzt eine Wumme in der Tasche gehabt hättest.“
Damit verschwand er zwischen den Büschen.
Karen ächzte laut.
Eine halbe Minute später tauchte der weiße Polizist wieder auf. Den hatten wir kurz vor der Begegnung mit dem Kid auf der anderen Seite des Teichs gesehen. Er trödelte an uns vorüber. Was hatte er in den letzten fünf Minuten getrieben? Vermutlich zugesehen und Popel gerollt. Anscheinend sprang bei simpler Verbrechensverhütung nichts für ihn ‘raus. Sobald der Schwarze in mein Gesicht abdrückte, hätte er ihm einen Blattschuss verpasst. Nur dafür wäre er belobigt worden.
Natürlich fragte ich mich hinterher, ob der Junge eine Viertelstunde später die gleiche Nummer anderswo abzog, oder sich fürs nächste Mal mit echter ‘Hardware’ ausstattete. Trotzdem war ich nicht wirklich sauer auf ihn. Wenn überhaupt, war ich sauer auf den Polizisten. Doch auch nur in Grenzen. Möglich, dass es aus der Entfernung gar nicht wie ein Überfall aussah, obwohl er sich dann eigentlich für meinen Tabak hätte interessieren müssen. Wahrscheinlich fehlte ihm bloß die Lust, sich einzuschalten.
Wäre ich New Yorker Stadtbulle und müsste ständig durch die Gesäßritzen des stinkenden, kreischenden Molochs aus Armut, Wahnsinn, Gewalt und Korruption kriechen, als verhasster, hoffnungslos unterbezahlter Büttel einer höchst zweifelhaften Ordnung, wäre ich auch nicht überengagiert. Für Ritter ohne Furcht und Tadel ist in New York wenig Platz. Die sterben früh, einsam und verlacht. Wer zu viel Gefühl hat, verroht oder geht unter. Integrität ist die Ausnahme, Nachsicht riskant, Geduld Luxus. Im Alltag ziemlich unerschwinglich.
Ich sehe noch den schwarzen Junkie vor mir, der von der Parkbank gerutscht war und verkrümmt am Boden lag, und wie die Nachtschicht, die am Washington Square Streife fuhr, ihn begutachtete. Beide waren erst Anfang zwanzig und weiß. Mann und Frau. Nachdem sie eine Weile beratschlagt hatten, hockten sie den Burschen wieder hin, mit dem Rücken gegen die Bank, falteten seine Arme, stiegen ins Auto und fuhren ab. Von weitem sah es fast zivil aus. Als schliefe er. Mit angewinkelten Beinen, das Kinn auf die Brust gesackt. Doch die Mühe, ihm die halboffenen Lider zu schließen, hatten sie sich gespart. Sonst hätte ich gar nicht gemerkt, dass er bereits tot war.
Übler war die Geschichte mit der italienischen Touristin, die eines Abends heulend auf der achten Avenue saß, wo Karen sie auflas. Sie hatte sich verlaufen und zwei Polizisten nach dem Weg gefragt. Die luden sie in ihren Streifenwagen und versprachen sie zum Hotel zu bringen. Stattdessen fuhren sie mir ihr zum Fluss, wo sie sie vögelten und ihr das Geld abknöpften. Karen lud das Mädchen zu einer Dusche ein, schenkte ihr eine frische Unterhose und das Kleingeld für die U-Bahn.
Ein anderes Mal wurde ich Zeuge, wie Sanitäter sich eines Stadtstreichers entledigten. Das war im Januar, direkt vor meiner Haustür in der Lower East Side. Ich wohnte in der Siebten Strasse zwischen den Avenuen C und D, in ‘Alphabet City’. Jenseits der ersten Avenue sagte man zu der Gegend „combat zone“.
Dort wohnten damals kaum Weiße. Dutzende von Gebäuden standen leer, waren ausgebrannt oder zugemauert. Von meinem Zimmer blickte ich auf die Rückseite der Sechsten Strasse. Kein einziger Bau besaß intakte Fenster, doch in den meisten Ruinen hausten Menschen. Andere verkrochen sich in Autowracks, Pappkartons oder Mülltonnen.
Die Masse der Obdachlosen waren Schwarze, überwiegend Männer, viele alkohol- oder drogensüchtig. Die einzigen legalen Geschäfte im Viertel, die florierten, waren die Schnapsläden, wo Verkäufer sich und ihre Ware hinter mit Draht verstärktem Panzerglas verschanzten und die Kundschaft durch eine Klappe bedienten. Auf dem Schulhof um die Ecke gab es Crack und Heroin. In den Hauseingängen drum herum hockten die Drücker. Mitunter schafften sie es nicht mal mehr bis auf die Stufen, standen mitten auf der Asphalt, gegen ein Auto gelehnt, zerrten mit Zähnen an Lederriemen und suchten auf der grindigen Haut nach einem passablen Entree für die Nadel.
Ich ging gerade nach Hause. Es war nachts, gegen halb eins, und weit unter null Grad. Die roten Lichter einer Feuerwehr und eines Ambulanzfahrzeuges leckten über die Fassaden. Hinter der Ecke Siebter und Avenue C lag ein regloser, in Lumpen gekleideter Mensch auf dem Trottoir, schwarz, noch nicht alt. Anfang zwanzig. Statt Stiefeln trug er Lappen an den Füßen. Ich sah, dass er aus Nase, Mund und Ohren blutete.
Einer der Sanitäter hatte sich gerade über ihn gebeugt. Acht Meter weiter standen fünf Latinos aus der Nachbarschaft, traten frierend von einem Bein aufs andere und rauchten. Ich sah, wie der Sanitäter sich abwandte, um seinem Kollegen etwas zuzurufen. Der zuckte mit den Schultern. Der erste kniete sich wieder hin, griff in seine Jackentasche und zog eine Ampulle heraus, die er mit ein, zwei raschen Handbewegungen schüttelte. Es knackte. Dann schwenkte er die Ampulle vor der Nase des Bewusstlosen hin und her. Der Kopf taumelte hoch, verharrte einen Augenblick regungslos in der Luft, bevor er mit einem Gurgellaut ruckartig seitwärts abglitt. Der Sanitäter schleuderte die Ampulle weg, erhob sich ächzend. Ein Feuerwehrmann trat hinzu, zog den rechten Handschuh ab und befühlte die Halsschlagader des Mannes. Zwei andere brachten eine Bahre, zogen seinen Körper darauf und verstauten ihn im Krankenwagen. Sie ließen sich Zeit. Einer der Puertoricaner hustete laut. Es klang wütend.
Zwar waren alle Krankenhäuser verpflichtet, Verletzten zu helfen, aber die meisten Notaufnahmen hoffnungslos überlastet. Patienten, die nicht zahlen konnten, nahmen sie nicht an, sondern schickten die Ambulanz weiter. Das Riechsalz war bequemer. Keiner würde nachfragen. Im Bericht stünde „bei Ankunft tot aufgefunden“. Alt wird man eh nicht auf der Strasse. Die Winter in New York sind kalt.
Eine Stadtszene. Eine von vielen.
Nach wenigen Monaten in Manhattan hatte ich genügend davon auf Lager, um nächtelang zu erzählen. Oder es runterzuschlucken. Etwa das Bild der drei Männer, die sich am Weihnachtsabend bei zehn Grad minus auf dem Entlüftungsrost eines U-Bahn-Schachts aneinander kauerten, in Löffelstellung, während die Polizei vier Häuserblocks weiter Sperrgitter aufzog, damit die Prominenz in Nerz, die acht Meter langen Strech-Limousinen entstieg, ohne Belästigung durch den Pöbel die St. Patricks Kathedrale betreten konnte, um an der Mitternachtsmesse teilzunehmen.
Am gleichen Abend erstrahlten über der vierten Avenue die Fenster des ‘Pan Am’ Gebäudes als gigantisches Lichtkreuz. Währenddessen zog sich die Schlange der Wartenden vor der Suppenküche an der Bowery bis hinunter auf die Houston-Street. Ähnlich gespenstisch, nur weniger glanzvoll.
Nein, ich war nicht sauer auf den Jungen. Welche Spielräume blieben ihm? Und wo? Etwa auf der Lenox Avenue in Harlem, in der Süd-Bronx oder Bedford-Stuyvesant? Damals dröhnte die ‘Message’ von ‘Grandmaster Flash and the Furious Five’ gerade ständig aus geschulterten Ghettoblastern. Die ersten Zeilen gingen etwa so:
„Broken glass everywhere, people pissin’ on the stairs, man, they just don’t care. I can’t stand the smell, I can’t stand the noise, got no money to my name, guess I got no choice. Muggers in the front room, rats in the back, junkies in the alley with a baseball bat. I tried to get away, but I didn’t get too far, ‘cause the man from the tax repossessed my car. So don’t push me, ‘cause I’m close to the edge, I’m just trying not loose my head. It’s like a jungle sometimes, it makes me wonder, how I keep from going under...“
Hatte ich Lust, für knapp zwei Dollar bei ‘Mcdonald’s’ Tische abzuwischen oder meine Haut an die Armee zu verkaufen und mir vom Spieß in den Hintern treten zu lassen? Was, wenn die Armee mich nicht nahm, weil das Gebiss miserabel war? Die wenigsten Afroamerikaner unter zwanzig haben einen Job. Mit Mitte zwanzig gilt ein Schwarzer in Los Angeles, New York und anderen Städten als alt. Viele sterben jünger.
Wann immer ich an die Szene im Central Park denke, erinnere ich mich an Leroy. Den traf ich eines Nachmittags auf den alten Piers. Im Sommer darauf. Leroy war neunzehn und fiel in die Kategorie schwarzer Jugendlicher, die weiße Sozialarbeiter ‘Drifter’ nennen. Frei übersetzt bedeutet das Stromer. Das klingt fast so niedlich wie Huckleberry Finn. Gemeint sind Kinder, die verloren haben, bevor sie ins Rennen gehen. Weil keiner sie wollte und will.
Die Anleger stammten aus der Zeit des Krieges, verrotteten seit Jahrzehnten und waren voller Löcher. Nach Einbruch der Dunkelheit gehörten sie den Schwulen. Die Mädchen, die in der Gegend anschafften, ließen sich da selten blicken. Man hatte Blick über den Hudson, die Industrieanlagen am Ufer von Hoboken und die Skyline von Jersey City. Nichts Umwerfendes, nur etwas Platz und Himmel und der Charme einer sterbenden Industrielandschaft. An heißen Tagen, wenn die Luft in den Straßenschluchten wie Blei war, spürte man hier die Ahnung einer Brise, roch Brackwasser, moderndes Holz und den Teer, hörte Möwen schreien und konnte dem Sonnenuntergang zusehen.
Leroy war ein schlaksiger, hoch aufgeschossener Junge in Jeans und T-Shirt. Die Bänder seiner Turnschuhe staken offen unter der Lasche. Das galt als schick. Über den Ohren hatte er ein futuristisches Kopfhörerradio, dessen Antenne ihn um einen guten Fuß überragte. Er schlenderte gemächlich zum äußersten Ende des Piers, setzte müde über die morschen Bohlen, hielt zwischendurch inne und graste mit langen Blicken den Horizont ab. Nachlässig hockte er sich neben mich und nickte mir zu. Als ich mir eine anzündete, guckte er und ich gab ihm eine ab.
Er lebte auf der Strasse, schlief manchmal in Parks, häufiger aber an der Westseite in der Nähe der alten Anleger. Er kenne da einige Plätze, sagte er, die ziemlich sicher seien. Keine Polizei, keine Diebstähle und Räubereien. Tagsüber verdiene er sich Geld mit Straßenverkauf. Er verticke Sportsocken. Vier Paar für drei Dollar. Seine Sachen und die Ware habe er in einem Schließfach im Pennsylvania-Bahnhof. Dort wasche er sich auch. Die Socken bekäme er ganz günstig über einen Einzelhändler im ‘Garment District’. Manchmal gebe ihm der alte Jude auch Grossisten Preise. Mehr als zwei Dutzend habe er sowieso noch nie auf einen Schlag kaufen können. Das Schließfach koste. Außerdem verscherbele jeder gottverdammte zweite Mann in dieser Stadt Socken.
Es wimmelte von schwarzen Straßenhändlern in New York. Sie verkauften Socken oder Baumwollhemden. Einer unterbot den anderen. Käufer sah man selten. Wurde er zehn Pakete am Tag los, machte er einen goldigen Schnitt. Meist reiche sein Tagesprofit nur für ein paar ‘Hot Dogs’ und Pommes. Doch manchmal, wie heute, werde er überhaupt nichts los.
Er träumte von „was Größerem“. „’Ne Nummer, Mann, eine, die dich auf einen Schlag aus der ganzen Scheiße ‘rausholt.“ Seine Stimme klang dabei nicht zornig, eher mutlos und erschöpft. Erst beim letzten Satz gewann sie an Tempo. Früher habe er einen richtigen Job gehabt. Auch eine Bleibe. Das sei noch gar nicht so lange her. Dann sei er eines Tages auf dem Weg zur Arbeit eingeschlafen. Die Bahnangestellten weckten ihn an der Endstation mit Schlägen. Er wehrte sich, wurde verhaftet. Bis zur Verhandlung hielt man ihn fest.
Die Strafe sei „’n Witz“ gewesen, meinte er. „Bloß alles andere war im Eimer.“
Als er nach sechs Wochen ‘raus kam, war er Arbeit und Zimmer los. Seine Mutter lebte in Jersey. Die konnte ihn nicht aufnehmen. Er sei alt genug, um für sich selbst zu sorgen. Sie habe einen neuen Macker. Mit dem dürfe sie es sich nicht verscherzen. Sie müsse schließlich irgendwie seine drei jüngeren Geschwister satt kriegen.
„Was sollte ich tun? Vor ihr auf die Knie gehen?“
Nun hause er eben auf der Strasse und verticke Socken. Was bleibe ihm anderes übrig? Zum Stehlen sei er zu arm. Dinger wolle er außerdem nicht drehen, nur „ganz normal“ leben.
„Ein Dieb muss gut aussehen. Mir sieht man’s schon an, wenn ich durch die Tür komm’. Gib’ mir ‘nen Job und ‘ne Hütte, und ich bin der glücklichste Mann auf diesem ganzen, gottverdammten Planeten.“
Beim Abschied pumpte er mich um fünf Dollar an. Er wolle sie mir zwei Tage später wiedergeben.
„Lass’ man. Ist schon in Ordnung.“
„Nein, Mann, bestimmt. Ich hab’ meinen Stolz. Wo kann ich dich treffen?“
Wir verabredeten uns Central Park Ecke Fifth Avenue. Sechs Uhr nachmittags. Ich ging hin. Mehr aus Neugierde als aus Überzeugung. Er wartete bereits. Das Geschäft sei ganz gut gelaufen. Dann gab er mir den Fünfer. Wir rauchten eine. In seiner Armbiege entdeckte ich frische Einstiche. Die waren mir bei unserem ersten Gespräch nicht aufgefallen. Ob er öfters drücke? Manchmal, gab er zurück. Wenn er es sich leisten könne.
„Das gibt dir ‘nen gutes Gefühl. Dann kannst du den ganzen Mist vergessen. Ein bisschen zumindest.“
Er lachte. Ich schüttelte den Kopf.
„He, was ist Mann? Ist toll. Wirklich. Willst du’s nicht auch mal probieren? Ich besorg’ dir was.“
Das sei keine brillante Idee, meinte ich. Fragte ihn, warum er nicht mal zu den Leuten von „CORE“ ginge.
„Zu wem?“
„Zu CORE. Kongress für rassische Gleichberechtigung. ‘Ne Bürgerrechtsorganisation. Schwarze. Keine Weißen. Oder kaum Weiße.“
„Eine was?“
„Bürgerrechtsorganisation.“
„Klingt kompliziert.“
„Das sind Leute, die sich drum kümmern, dass du nicht mir nichts dir nichts in den Bau gehst, wenn Arschlöcher vor der ‘Metropolitan Transit Authority’ dir die Fresse polieren. Die dir erzählen, wie du dich wehren kannst, was für Rechte du hast, vielleicht auch, an wen du dich wenden kannst wegen Arbeit oder Wohnen.“
„Und die können das?“
„Weiß nicht. Denke schon.“
„Und wo sitzen die?“
„Keinen Schimmer. Aber die gibt’s in New York. Frag’ die Auskunft.“
Er nickte. Ich hatte einen Kloß im Hals und fühlte mich mau. Immerhin war CORE keine Einrichtung voller privilegiert aufgewachsener, weißer Bürgerbubis mit Schuldkomplexen, sondern eine schwarze Organisation für Schwarze. Da würden, hoffte ich, Leute mit ihm reden, die wussten, wo er herkam. Und ihn auf den Topf setzen, wenn sie die Nadelspuren auf seinen Armen sahen.
„Soll ich anrufen? Ich mein’, zusammen mit dir?“
„Nee danke.“
Ein paar Monate später meldete er sich. Damals, bei unserer zweiten Begegnung im Central Park, hatte ich ihm meine Telefonnummer gegeben. All die Zeit über hatte er sie aufbewahrt. Sogar meinen Vornamen sprach er noch richtig aus. Er sagte, dass er in einen Fahrerdienst eingestiegen sei. Zusammen mit ein paar Kumpels in Harlem. Ob ich ihn nicht mal im Büro besuchen wolle? Seine Stimme klang ausgelassen und fröhlich.
„Wer hätte das gedacht, Mann.“
Im Hintergrund hörte ich das Lachen von Männerstimmen. Wo das Büro denn sei? Hundertachtundzwanzigste und Lenox.
„Komm längs. Ich fahr’ dich nachher nach Hause.“
Ich druckste ‘rum. Vertröstete ihn. Ich hätte dieser Tage viel zu tun und kaum Zeit. Es klang engherzig. So, als gönnte ich es ihm nicht. Aber ich hörte bloß das Lachen der jungen Männer im Hintergrund und dachte an meine Haut. Daran, wie bleich sie schimmerte. Jenseits der sechsundneunzigsten Strasse im Osten. Oder der hundertsechzehnten im Westen. Besonders nach Einbruch der Dunkelheit. Und daran, dass ich mich auf der hundertfünfundzwanzigsten und Lenox binnen einer halben Stunde drei Mal fast um mein Fahrrad hatte schlagen müssen. Am helllichten Tage. Und dass es jetzt Abend war. Das überwog.
Die Enttäuschung in seiner Stimme war hörbar. Jedenfalls wünsche er mir viel Glück. Vielleicht ein andermal, sagte ich. Wir wussten im selben Moment, dass er nie wieder anrufen würde. Ja, vielleicht, kam es.
Als er auflegte, fühlte ich mich weiß, reich und feige. Und sehr klein.