Es war ein Freitagnachmittag. In den Gängen vor den Abteilen stapelten sich Menschen und Gepäck. Eben verließ der Zug den Münchner Hauptbahnhof. Die Fahrt sollte knapp vier Stunden dauern. Ich floh in den Speisewagen. Der war ebenso überfüllt. Bis auf einen Platz am Vierertisch vor der Küchenanrichte. Dort saßen drei ältere Männer.
„Bittschön, nehmen’s doch Platz.“ Der, den ich für Ältesten hielt, machte eine einladende Geste. Er war um die Siebzig und sah aus wie ein sizilianischer Pate. Mit Eichenlaub und Hirschhornknöpfen am Revers. Sein verschwitzter, flachsblonder Nachbar nickte beifällig. Der Dritte, ein sehniger Typ mit quittengelbem Trappergesicht, rückte zur Seite. Sie schienen gemeinsam zu reisen.
Als ich die Tasche unter die Sitzbank geschoben und mich gesetzt hatte, spürte ich mein Zwerchfell. In wenigen Stunden sah ich Karen wieder. Ich dachte an die letzte Begegnung, ihre eineinhalb Tage in München, unseren Weg durch den verschneiten englischen Garten, nachdem ich sie von der Bahn abholt hatte und sie noch ein paar Schritte gehen wollte. Wie wir stumm nebeneinander her durch den Schnee gestapft waren, vorbei an Dutzenden blauschwarzer Raben, die uns von nackten Ästen aus beäugten. Bis Karen mich plötzlich küsste. An das anklagende Aufkreischen des Küchentischs, dessen Holzbeine über den Beton schrabten, zwanzig Minuten später, in dem schäbigen, überheizten Kellerloch, wo ich zur Untermiete wohnte. Ihr kehliges Schreien und die Kratzer auf meinem Rücken. Ihre Tränen, und daran, wie wir uns in einem Café in der Ungererstrasse an unseren Tassen festgehalten hatten, auf der Suche nach Worten für uns und das, was mit uns geschah.
Beim Abschied sagte sie, dass sie mich wieder sehen wolle. Und im gleichen Atemzug, dass das nichts ändere. Trotz der letzten dreißig Stunden. Das kam bereits durch das Abteilfenster, Sekunden, bevor die Stimme des Stationsvorstehers aus dem Lautsprecher quäkte und seine Trillerpfeife in ihre Worte schnitt. Dann rief sie mir noch zu, sie müsse ihre Gefühle sortieren. Sie werde schreiben. Einige Tage später kam ihr Brief. Sie wolle nicht in alte Muster zurückfallen. Wir hätten uns genug wehgetan. Sie dürfe ihre mühsam zurück gewonnene Kraft nicht verlieren, habe Angst vor meinen Erwartungen, brauche die Scheidung. Als Voraussetzung, neu auf mich zuzugehen. Nur dann könne sie mich wieder sehen.
Vier Tage danach rief sie an. Ob ich den Brief erhalten habe? Ich sagte, ich könne nichts garantieren, aber ich würde es versuchen. Sie lachte hell auf. Ihre Stimme klang wie früher, weich, warm und verspielt. In den letzten Tagen habe sie viel nachgedacht. Ob ich sie nicht mal besuchen wolle? Zum Beispiel nächstes Wochenende? Ich dachte an den Küchentisch und das Gurren ihrer Augen und sagte zu. Nun saß ich im Zug und würgte an Zweifeln. Schließlich ist Sehnsucht auch nur ein Euphemismus für Hunger. Doch nichts an unserem Verhältnis war je sonderlich weise gewesen.
Die drei Herren tranken Bier. Ich bestellte Kaffee. Der Pate fragte, ob ich weit führe. Offenbar langweilte er sich und wollte schwatzen. Seine Glatze mit den paar einsamen, quer gelegten Haarsträhnen ging über in eine grobporige, zerfurchte Stirn. Zwischen kleinen, schwarzen Augen stak ein massiger Nasenzinken. Hängebacken umrahmten die schlaffen, violetten Lippen. Darauf wippte eine tote Zigarre.
Mir war nicht nach Schwatzen. Nur um nicht unhöflich zu sein, antwortete ich „Frankfurt“. Die Drei reisten bis Nürnberg. Ich brannte eine Zigarette an, bedankte mich für den Aschenbecher, den der Alte mir zuschob, griff zur Zeitung. Der Wulst unter seinem Kinngrübchen bebte entrüstet. Die Jovialität verflog. Er forderte meinen Nachbar auf, ihm von „den Österreichern“ zu berichten. Barsch, in befehlsgewohntem Ton.
Der Mann neben mir reckte das Kinn vor, bleckte Jacketkronen und rapportierte. Stabsmäßig, wie ein gelernter Offizier. Er war kaum jünger als der Pate, aber besser in Form. Trotz ungesunder Gesichtshaut und scharfen Falten um den Mundstrich. Am Fensterhaken hing ein Janker, der ihn als Freizeitjäger auswies. Er und der Alte schienen ein gut eingespieltes Team. Ich grinste still. Eben noch hatten sie sich angeödet.
Nun skizzierte der Jäger die Positionen irgendwelcher Delegierten der Österreichischen Volkspartei. Zur europäischen Einwanderungspolitik. Er sprach kein Fränkisch, sondern kam aus dem Osten. Vermutlich war er Schlesier. Er klang wie ein älterer Kollege meines Vaters aus Kattowitz, der polnisch fluchte und Witze über Pfaffen riss.
Nach ein paar Sätzen bekam ich mit, dass die Drei gerade an einem Treffen konservativer Vereine teilgenommen hatten. Bei Stichworten wie Grundsatzdebatte, Ausländerkriminalität und Asylantenfrage horchte ich auf. Sobald sie auf lokalpolitisches Terrain wechselten, klinkte ich mich aus.
Wahrscheinlich leitete der Pate eine Ortsgruppe der CSU in irgendeinem oberfränkischen Zweitausend-Seelen-Kaff. Der Waidmann war sein strategischer Berater. Ihr Kassenwart hatte auch mitgedurft, aber nur als Anhängsel. Er war der Jüngste im Trio, keine sechzig, und saß mir direkt gegenüber. Um Ohren und Hinterkopf klebten feuchte Reste von Locken. Auf dem rosa Gesicht perlte Schweiß. Trotzdem hatte er das Jackett nicht abgelegt, nur den Knoten des Binders um den Hemdkragen gelockert. Derangiert, aber korrekt gewandet. Wie einer, der sich vom Schalterangestellten zum Filialleiter hochgearbeitet hat und dabei Federn lassen musste.
Er litt. Offenbar nahm er die Inszenierung der beiden anderen ernst. Während Pate und Oberförster sich angestrengt im Glanz der großen Politik sonnten, buhlte er fahrig um ihre Aufmerksamkeit. Er wollte mitspielen. Schließlich raunzte der Alte ihn an, er solle nicht ständig unterbrechen.
Zum Trost bestellte sich der Bankmensch Bier nach. Der Alte kommentierte sein Schlürfen mit einem abschätzigen Seitenblick. Die Gläser der anderen waren noch halbvoll. Der Förster grinste spöttisch. Ich erwog die Rückkehr in den Gang. Stattdessen hörte ich weg. Nach wenigen Minuten versickerte der geschäftige Gesprächsfluss. Der Kassenwart stierte auf sein Glas, der Alte döste und der Jäger sah aus dem Fenster. Ich las.
Da wurde der Zweiertisch neben uns frei. Eben wollte ich mich umsetzen, als ein älteres Paar die Plätze einnahm. Amerikaner. Schon älter, mit Ehering. Vermutlich Touristen. Die Frau blond, mit sorgfältig nach gefärbten Brauen und hellen, grünen Augen. Sobald sie saß, ergriff sie die Rechte ihres Mannes und begann mit seinen Fingern zu spielen. Er war dunkel, bebrillt, mit grauschwarz gelockter Halbglatze. Ein New Yorker Dutzendgesicht. Er hätte Soziologe an der ‘New School’, Leiter einer Im- und Exportfirma im Textilbezirk oder Autohändler aus Queens sein können.
Die Drei am Tisch beäugten das Pärchen, verloren aber nach den ersten englischen Sätzen das Interesse. Das änderte sich, als die amerikanischen Touristen bestellten. Denn nun sprachen sie Deutsch. Da war ein gewisser Akzent. Auch folgte die Betonung der einzelnen Wörter einer fremden Satzmelodie. Trotzdem war es unverkennbar ihre Muttersprache.
Der Alte reagierte als Erster. Eine halbe Sekunde schwankte seine Miene zwischen beleidigter Verblüffung und hellem Entsetzen. Doch mein Lacher blieb im Hals stecken. Die wortlose Warnung, die er dem Jäger zuwarf, hatte nichts Witziges mehr. Der Jüngere brauchte einen Lidschlag länger.
Das deutsche Paar aus New York plauderte. Auf Englisch. Er gab ihr Feuer. Sie rauchte lange, dünne, braune Zigaretten. Die hießen ‘More’. Der Name passte dazu, wie sie das Nikotin verschlang. Gierig, angespannt, höllisch nervös.
Ich spekulierte: Mitte der Dreißiger, als Herr Globke den Rasseschandeparagraphen erfand, waren beide Teenager gewesen. Da mussten sie noch hier gelebt haben. Sie sprachen zu gut Deutsch, um schon als Kinder gegangen zu sein. Also nach den Nürnberger Gesetzen. Aber wohl noch vor dem Krieg. Sonst reisten sie nicht freiwillig mit dem Zug. Durch dieses Land.
Was ging in einem dabei vor? Wie hörte sich das an - die Klangfarben der Sprache, die früher mal vertrauten, längst fremd gewordenen Laute, Zwischentöne, zufällig aufgeschnappten Worte, halben Sätze, die irgendwo im akustischen Brei dümpelten und sich einem plötzlich ins Ohr bohrten? Verdeutlichte es den Abstand oder zerrte es einen ins Gestern zurück, rief Bilder wach, die man vergessen glaubte, riss Narben auf, die abgeheilt schienen?
So, wie sie rauchte. Ich betrachtete die Falten um ihren Mund, den Anflug von Bitterkeit, der um die müden Lippenränder spielte, dachte an Karen, daran, wie deren Mund wohl in zwanzig oder dreißig Jahren aussah, fragte mich, ob er dann noch weich und voll und sanft wäre, oder ob sie das Clownrot des Lippenstifts so üppig auftragen musste, dass es alle Spuren verwischte. So wie Irene es mitunter getan hatte. Das Leben nahm wenig Rücksicht auf zarte Mäuler. Häufiger mal haute es auch kräftig drauf. Irene war im Frühjahr 1939 geflohen. Ob ihr Mann im Herbst davor verhaftet und ins Lager gesperrt worden war, hatte sie nicht erwähnt. Nur das Warten in Marseille, die Erpressungsversuche geiler Fremdenpolizisten, den Hunger, die Ausbürgerung, den finsteren ‘Affidavit’ und die warmherzigen Reptilienaugen der Bürokraten im amerikanischen Konsulat.
Die Blonde am Nachbartisch war zwar ein Dutzend Jahre jünger, doch die Erfahrungen ähnelten sich vermutlich.
Aber so genau wollte ich es gar nicht wissen. Stattdessen sagte ich mir, dass es Zeit sei, meine Phantasie zurückzupfeifen. In allem, was ich ansah, spiegelten sich die Schatten der Vergangenheit, irrten um die Fixpunkte des mörderischen Gestern. Was nutzt es, wie ein Kaninchen ständig auf das Grauen zu starren? Das rettet keinen mehr, befreit niemanden. Lähmt bloß.
In der Selbstabscheu der Nachgeborenen lässt sich komfortabel hausen. Mentales Flagellantentum im luftleeren Raum ist ungeheuer bequem. Es entbindet von Verantwortung, verpflichtet zu nichts. Suggeriert, dass man es anders, also besser, gemacht haben würde. Während die Gegenwart, aus der man sich verabschiedet, neue Fakten schafft. Für die Zukunft. Und die sieht nicht viel sonniger aus.
Also verordnete ich meinen Dämonen Stubenarrest. Die transatlantische Romanze am Nachbartisch konnte eine ganz andere Geschichte haben, der Mann ebenso gut Ungar sein. Oder Grieche. Oder Spanier. Einer, der zufällig gut Deutsch sprach, weil er nach dem Krieg jahrelang im Hunsrück stationiert war, wo er 1947 seine spätere Gattin kennen lernte, als sie ‘PX Rations’ bei ihm schnorrte. Und der Frau zitterten die Hände bloß so, weil sie letzte Nacht schlecht geschlafen hatte. Derlei kam vor.
Erst da fiel mir auf, dass sich die drei Herren an meinem Tisch plötzlich angeregt unterhielten. Es ging um den Krieg und die Ostfront. Sie waren beinahe laut, jedenfalls lauter als vorhin. Auch sprachen sie nun wieder Hochdeutsch. Der Pate und der Jäger spielten sich die Bälle zu, während der Filialleiter, der zu jung war, um Selbsterlebtes beizusteuern, sich um Haltung bemühte. Als Claqueur machte er sich gut.
Der Alte war von Anfang an dabei gewesen. Da hatte man einiges geboten bekommen. Polnische Kavallerie gegen deutsche Panzer, etwa. Seine Schilderung erntete amüsiertes Gelächter. Unvorstellbar, wie primitiv die Polen lebten. All das Ungeziefer, insbesondere im Osten. Überhaupt, je weiter man dann, ab einundvierzig, nach Russland vorgedrungen war. Das „Unvorstellbar“ kam mit Nachdruck. Die Verpflegung. Na ja. Man wusste sich zu helfen. Er wog den Kopf, ließ die Zunge schnalzen. Der Waidmann bleckte die Jacketkronen. Ganz versonnen. Dann erinnerte er sich seines Magengeschwürs. Das versachlichte.
Mit den Ukrainern habe man gut zusammenarbeiten können. Ganz anstellige Leute. Die hassten die Bolschewisten. Und andere. Welche anderen der Jäger meinte, sprach er nicht aus. Bloß, dass die Ukrainer einen Teil der ‘Drecksarbeit’ sogar gern übernahmen. Dabei schweifte der Blick des Alten wie von ungefähr über den Gang. Zum Paar am Nebentisch. Bildete ich mir das nur ein, oder deutete der Jäger tatsächlich ein Nicken an?
Ja, seufzte sein Gegenüber, die deutsche Führung habe damals Vieles versäumt. Ein kurzes Zögern. Gerade lange genug, dass jeder, der wollte, das Versäumnis der deutschen Führung auf alles Mögliche beziehen konnte. Die Sache mit Wlassow sei zu halbherzig gewesen. Sonst hätten gewiss mehr Sowjetvölker gegen Stalin gekämpft.
Er geriet ins Grübeln. Unvermittelt, als ob er sich eines besonders gelungenen Kabinettstückchens erinnere, begann er von Eisenbahnen und Spurbreiten zu sprechen. Die Russen hätten einen anderen Gleisabstand gehabt. In Ostgalizien, auf der Strecke von Lemberg nach Kiew, in Brody oder Rowno, das wisse er nicht mehr so genau, es könne auch Dubno oder irgendein anderer Ort gewesen sein, die Namen bekäme man ja mit den Jahren durcheinander, habe es an eine Vorrichtung gegeben, wo Kräne ganze Waggons auf Chassis mit anderen Achsen gesetzt hätten. In beide Richtungen. Ja, ja. Überhaupt. Russlands Weite. Ein ganzer Kontinent.
Dann war er wieder in Galizien. An und für sich sei Lemberg ja ganz schön gewesen. Gewiss, anfangs ging es auch hart zu. Wo gehobelt wird... Die politischen Kommissare und Gräuel des ‘NKWD’. Na, und später, das Banditenunwesen. Freude habe das keinem gemacht. Aber Dienst sei Dienst und Schnaps sei Schnaps.
Plaudernde ältere Herren bei einem beliebten Thema. Nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht dieser sonderbare Unterton, die eigenartige Begeisterung für Zugtransporte und die Seitenblicke auf das New Yorker Paar, das so gut Deutsch verstand.
Anfang Juli 1941 erschoss das Einsatzkommando 5 der Einsatzgruppe C zusammen mit einem Unterstützungstrupp der Sicherheitspolizei und des SD-Krakau siebentausend Juden auf dem Lemberger Sportplatz.
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion töteten deutsche Polizei- und SS-Einheiten in den besetzten Gebieten zig Tausende Zivilisten. Massenhinrichtungen fanden öffentlich statt. Zuzusehen, war Freizeitspaß für die Truppe. Ob im Baltikum, in Weißrussland, Ostpolen oder der Ukraine, allerorten gab es regen Exekutionstourismus. Viele beließen es nicht beim Zuschauen, sondern quälten und henkten mit. In spontaner Begeisterung. Das störte die Mordroutine. Einsatzleiter beschwerten sich, dass Wehrmachtsangehörige Juden unnötig misshandelten. Das verunsichere die zu Exekutierenden und behindere die reibungslose Durchführung der Aktionen.
Ich beobachtete die Visagen der drei Gestalten an meinem Tisch, ihr Mienenspiel, den Speichel in ihren Mundrändern, die heisere Aufgeregtheit, die unter der Oberfläche scheinbarer Beiläufigkeit lauerte. Was machte sie so nostalgisch?
Eine blonde Frau, nein, Dame, streichelte die Hand ihres Mannes. Eine, die Deutsch sprach, hektisch rauchte und noch immer schöne Augen hatte. Sie schenkte dem Trio keinerlei Aufmerksamkeit. Stattdessen spielte sie mit den Fin gern ihres Geliebten. Zärtlich. Vertraut. Hingebungsvoll.
Mehr nicht.
.