Ecke Goethestrasse und Wilmersdorfer tritt ein kahl geschorener Mittzwanziger von einem Bein aufs andere. Er trägt Doc-Martins und wühlt kauend in einer McDonalds-Tüte. Neben ihm warten Dreijahresfichten, dazu verdonnert, als Weihnachtsbäume die Charlottenburger Wohnzimmer zu erobern. Sie stehen säuberlich aufgereiht, wie eine kleine Baumschule auf Beton. Im Vorübergehen suche ich nach den Jungs, die sie den Käufern nach Hause tragen. Früher gab es dafür je nach Strecke und Gewicht zwei bis vier Mark. Ich zog die kleineren Bäume vor und ging lieber allein. Da mussten die Leute hinterher nicht am Trinkgeld sparen.
Ich mag den Geruch von Fichten, doch jetzt erinnert er mich bloß an klamme Finger und den hamburgernden Händler, der seine räudigen Restposten im Dunkel des Dezemberabends anpreist: „Allens nur erste Ware. Hier: Kerzengrader Wuchs. Schlägt jede Silbertanne. Ächt nachgeworfen.“
Vor Jahren ist mir mal einer begegnet, der auch mit Bäumen handelte. Das war an einem Sonnabend im Winter, in einer Bar in Frankfurt, wo ich Karen treffen wollte. Die arbeitete dort bei einer Theatergruppe. Ich war auf der Durchreise nach Hamburg und besuchte sie übers Wochenende.
Ihre Truppe probte in einer ungeheizten Garage an der Friedberger Landstraße, die nach Altöl, Schweiß und nackten Füßen roch. Es ging um Medea und die Schrecken des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ich bekam nicht viel mit, weil der Kassettenrecorder, der die Begleitakustik liefern sollte, nur Schrott spuckte, während das dreiköpfige Regieteam über Antonin Artaud stritt. Karen kauerte auf einer mit lila Velours bezogenen Kiste, hielt fröstelnd die Arme gekreuzt und saugte entnervt an einer Zigarette. Meine Lust, bei flackerndem Licht auf kalten Estrich zu hocken, war überschaubar. Also bat ich sie, mir einen Treffpunkt zu nennen und trollte mich.
Die Bar war nicht weit, dafür laut, verraucht und angestrengt trendy. Neben dem stereotypen Hennarot feministisch bemühter Kurzhaarschnitte gab es viel Wasserstoffblond, schrillen Modeklunker und ambitioniertes Make-up. Die meisten Knaben trugen Pferdeschwanz, andere den guilloutinefreundlich ausgeschorenen Nacken, der seit Kurzem wieder en vogue war. Doch vermutlich hatte Karen den Schuppen bloß vorgeschlagen, weil er Dank der Neontrikolore über dem Entree nicht zu verfehlen war.
Als ich mein erstes Weizen bestellte, war es gegen neun. Halb zehn sollte ihre Probe vorüber sein.
Unsere Trennung lag ein Jahr zurück. Davor hatte sie die wenigen Türen unserer Wohnung malträtiert, während ich mich hinter Flaschen verschanzte und taub soff, bis wir zu erschöpft waren, uns weiter zu bekriegen, in den Trümmern des Gesagten hockten und es nicht fassen konnten. Hatte einer dazu noch die Kraft, nahm er den anderen in den Arm. Wir schworen, uns nie wieder weh zu tun. Am Ende hielt so ein Waffenstillstand keine drei Tage. Wir schwammen in Blei. Ihr Auszug war eine Befreiung. Doch schon bald glotzen mich die toten Tapeten an. Ich vergaß, wie wir uns in unserer selbst gemachten Hölle zerfleischt hatten, gierte nach ihrer Nähe, ihren Augen, der Wärme ihres Lachens. Als ich es nicht mehr aushielt, suchte mir ein Zimmer zur Untermiete. Was wenig half.
Ich schrieb ihr Briefe, die ich nie abschickte, betrank mich mit und ohne System, streifte ziellos durch die Stadt und suchte Trost zwischen fremden Laken. Mehr als einmal stand ich bei Morgengrauen vor irgendeiner Telefonzelle, weil ich für Sekunden ihre Stimme hören wollte oder streunte wie ein ausgesetzter Köter um ihr Haus.
Endlich, nach Monaten, ließ das Wüten nach. Ich redete mir ein, ich sei über unser Scheitern hinweg. Bis sie anrief und sagte, dass sie nach Frankfurt ginge. Wir trafen uns in einem Café. Sie wolle sich bloß kurz verabschieden, meinte sie. Nachher habe sie noch ein Date. So, wie sie mich dabei ansah, wusste ich, dass sie log. Ihr Date fiel aus. Auf einer Feuertreppe. Keine zehn Minuten und alle Läuterung war beim Teufel.
Trotzdem beharrte sie auf der Scheidung. Ob der Spruch eines Richters uns die Art Freiheit schenkte, die sie sich davon erhoffte, bezweifelte ich zwar, aber die Verpackung war mir egal. Wenn es half, ließ ich mich auch von ihr scheiden. Nun übten wir die hohe Kunst des Loslassens, in Etappen von zwölf bis sechsunddreißig Stunden. Vielleicht gab es ja noch eine Chance, obwohl wir eigentlich alle vertan hatten. Mitunter glaubte ich sogar daran. Genauso oft allerdings fühlte bloß mich wie ein süchtiger Trottel, der vom sanften Entzug träumt und weiß blutet, weil er hofft, die Amputation ließe sich stückeln.
Das Bier tröstete. Es schmeckte angenehm sauer. Ich genoss, wie es mir die Kehle streichelte. Bis ich mich verschluckte. Das holte die Gegenwart zurück.
Der Mann, der neben mir trank, hatte ein Gesicht zum Nachfragen, eines, das nicht zu der adrett gestylten Optik der übrigen Visagen passte: mit dunklen Augen, schwarzen Brauen und einer imposanten Raubvogelnase. Er war lang und sehnig, gut eine Handbreit größer als ich und ein Dutzend Jahre älter. So um die vierzig. Sein Kinn wirkte hart und die Lippen schmal, was auch der üppige Schnauzer nicht milderte.
Bei Fremden spiele ich gelegentlich ‘Casting Agent’ und denke mir Filmrollen für sie aus. Ihn buchte ich in wechselnden Rollen als martialischen Südländer. Er schlug sich als mazedonischer Freischärler mit römischen Legionären, focht für Venedig gegen maurische Piraten und trat im Kampf um den Alcazar von Toledo an. Als Republikaner, in Schwarzweiß und Farbe, sechzehn Millimeter und Cinemascope.
Normalerweise hätte ich es beim Kopfkino belassen, mich auf mein zweites Bier konzentriert und mir gesagt, dass der glutäugige Partisan aus dem Taunus kam, Staubsauger vertrat und lispelte. Doch vor ihm stapelten sich jüdische Zeitungen. Die meisten waren aus den USA, aber ich erkannte auch die ‘Jerusalem Post’ und den Kopf der ‘Ha’aretz’.
Karen hätte mir die Überschriften erläutern können. Vor Jahren, in einem New Yorker Archiv, waren wir mal alte jüdische Arbeitergazetten durchgegangen. Sie verstand kein Jiddisch. Ich konnte die Buchstaben nicht entziffern. Also las sie laut vor und ich übersetzte, was Sinn ergab.
In Deutschland allerdings ist eine jüdische Zeitung immer mehr als geduldiges Papier. Zudem lag der Packen so, dass mein Blick darauf fallen musste. Also nahm ich die Einladung an. Wofür er die Blätter brauche?
Er musterte mich amüsiert.
„Ich verkaufe Bäume in der israelischen Wüste. An reiche Juden mit schlechten Gewissen.“
Sein Ellenbogen parkte auf der Theke. Die Rechte schwenkte ein Glas Weißwein.
„Und die reichen Juden?“
„Zahlen dafür, dass sie sie nicht selber da hin müssen und sie pflanzen.“
Mit einem Zug leerte er den Wein. Auf sein Nicken hin schenkte die Strähnen gebleichte Blonde hinterm Tresen nach. Soave. Ins selbe Glas.
„Bäume halten Wasser. Das bringt die Wüste zum Blühen. Aber es kostet und Israel hat kein Geld. Also fragt man Leute, die welches haben und denen an Israel liegt.“
„Die reichen Juden im Ausland?“
„Genau. Die haben Geld. Geld und ein schlechtes Gewissen...“
Eine Mischung aus Mitleid und Verachtung huschte über sein Gesicht.
„Sie sind zu bequem, um selber in Israel zu leben. Das sollen andere für sie tun. Aber eins wissen sie genau: Auf die Dauer sind sie auf Israel angewiesen. Trotz ihres Geldes. Auch hier. Gerade hier.“
Mit einem Mal klang seine Stimme frostig. Ich fragte mich, ob ihm der Ton unwillkürlich entglitt oder das unterkühlte Timbre ein dramatischer Kunstgriff war. Das Braun seiner Augen glänzte plötzlich ganz blank und schwarz. Als Tetzel würdest du dich auch nicht übel machen, dachte ich. Neben Orson Welles als Großinquisitor.
„Klingt wie Ablasshandel. Saubere Seelen gegen Bares.“
Er entblößte kräftige, gelbe Zähne.
„Bist du Protestant?“
Mittlerweile sei ich Heide, erklärte ich.
Er langte nach seinen Gauloises, schlug ein Streichholz an, inhalierte und verzog den Mund.
„Wozu die falsche Moral? Es dient einem guten Zweck. Was hast du dagegen, wenn beide Seiten davon profitieren?“
Ich zuckte die Achseln. Seine Augen glitzerten.
„Alle Händler verkaufen Illusionen. Ich verkaufe den Leuten eben ein gutes Gewissen. Außerdem sind meine Bäume echt.“
Er hielt den Soave schräge in der Luft und rollte das Glas zwischen den Fingern.
„Weißt du überhaupt, was Wüste ist? Hier gibt’s Wasser im Überfluss. In Israel ist es kostbar. Wenn du nicht verdursten willst, musst du es bewirtschaften. Und das ist teuer...“
Ich sah die Hügel östlich von Jerusalem vor mir: Felder mit rissiger, gelbroter Erde und vielen Steinen darin. Die Art Land, das einem nichts schenkt, außer Dornen, Schwielen und Schweiß. Dort hatte ich mal gearbeitet. Auf einem Kibbuz direkt an der Vorkriegsgrenze. Mit neunzehn. Als Volontär. So heißen die Rucksacktouristen aus reichen Ländern, die auf Kibbuzim oder Moschavs aushelfen, um für Handlangerei Kost und Logis einzutauschen.
Am zweiten Tag, frisch angereist aus dem nasskalten Hamburg, werkelte ich mit zwanzig anderen zwischen Obstbäumen. Plötzlich warf ein älterer Kibbuznik seine Hacke beiseite und begann laut rufend zum Rand des Felds zu traben. Grundlos rennen alte Bauern nirgends. Aber ich sah kein Feuer. Nur ein unscheinbares Rohr, aus dem ein dünner Strahl Wasser auf den Pfad plätscherte. Daneben ein Kanadier, der tumb gaffend verfolgte, wie der Alte Arme fuchtelnd auf ihn zu stolperte und fluchend den Hahn abdrehte.
Zwei Jahre später kehrte ich nach Jerusalem zurück. Von Jordanien aus. Dort hatte ich erstmals echte Furcht vor Durst kennen lernen dürfen, als der Geländewagen der Jungs aus Amman, die uns in die Wüste mitgenommen hatten, am Rand eines Wadis verreckte. Wir waren zu neunt, ohne Funkgerät und hatten außer der Kühlerflüssigkeit nichts Trinkbares mehr dabei.
Doch weil Volontäre in Israel einen eher fragwürdigen Ruf genossen und gut die Hälfte meiner jordanischen Gastgeber Palästinenser gewesen waren, die gern und oft von den Kommandos schwärmten, die nachts nach Westen schlichen, um jüdische ‘Besatzer’ zu töten, nickte ich bloß.
Er strich sich übers Kinn.
„Israel ist das einzige Land, das Juden nie Zuflucht verweigern wird. Weshalb also sollten sie nicht ihren Beitrag dazu leisten und dafür sorgen, dass das so bleibt?“
Mag sein, dass ich unwillkürlich den Kopf schüttelte.
„Es gibt nun mal keine Garantien. Es gibt nur Erfahrungswerte…“ Mit einem Wolfslächeln legte er nach: „Oder willst du mir jetzt verraten, dass du Garantien liefern kannst?“
Ich verzichtete. Stattdessen bat ich den blonden Engel am Zapfhahn um ein weiteres Bier.
Israel kann berückend schön sein. Jerusalem, die ‘Stadt des Friedens’, die Muslime ‘die Heilige’ nennen, wirkt tatsächlich friedvoll, wenn es abends zwischen violett verblassenden Bergrücken so vor einem liegt, die Kuppel des Felsendoms im letzten Licht aufglüht und die alten Gemäuer drum herum zartrosa schimmern.
Doch aus der Nähe entpuppt sich die Heiligkeit als Fluch und der Friede als Hohn. Die Teenager in Khakis und Bluejeans, die Kaugummi kauend durch die Neustadt flanieren, tragen ihre halbautomatischen Waffen nicht zum Spaß. Der Groll, der einem im Ostteil entgegen schlägt, die Steine, die man nach Dämmerung erntet, der Horror vor einsamen Gepäckstücken, die Militärpatrouillen und der allgegenwärtige Stacheldraht kommen nicht von ungefähr. Hinter der lockeren, sonnigen Fassade ist der Krieg allgegenwärtig.
Ich entsann den hellen, kühlen Morgen im Westen der Stadt, unweit vom King David Hotel, das kalte, klare Licht, das über die abgesperrte Straße leckte, die leer gefegten Gehwege und den verlassenen Autobus. Der stand quer in der Mitte des Fahrdamms, wie ein gestrandeter Wal auf Asphalt, mit einer Bombe im Bauch.
Karen nannte das ‘Leben in Limbo’.
Sie hatte als Kind in Tel Aviv gewohnt. Dreizehn Jahre später heiratete sie mich nicht zuletzt, weil sie den Namen wechseln wollte. Mit siebzehn war sie ihrer geschiedenen Mutter zurück nach New York gefolgt. Seitdem hielt sie sich wieder in den USA auf. Gleichwohl ermahnte das israelische Konsulat sie hartnäckig, endlich ihren Militärdienst anzutreten. Jeder Besuch beim Vater geriet zur Zitterpartie. Trotz amerikanischem Pass.
Schießen hatte sie schon in der Schule gelernt. Aber die Armee war ihr zuwider. Als ich sie mal fragte wieso, zuckte sie nur die Schultern. Es sei mehr ein Gefühl. Ihre Schwester in Uniform zu sehen, die ‘Uzi’ im Arm, habe den Ausschlag gegeben.
Dann sie sprach sie vom Herbst 1973, dem Heulen der Sirenen, das die Stadt erfüllte, der Eile der Mutter beim Packen für den Luftschutzkeller, den durchwachten Nächten, und den toten Vätern und Brüdern ihrer Klassenkameraden. Hinterher.
„Das war schlimm“, sagte sie. „Doch viel übler war, wie sich unter der Oberfläche der vermeintlichen Stärke das alte Grauen wieder regte: Die Fratze der Vernichtung.“
Woher er käme, wollte ich schließlich vom Baumverkäufer wissen. Aus Frankfurt, sagte er. Seine Eltern stammten von hier. Auf die Zeitungen deutend, fragte ich, wann sie ausgewandert seien. Seien sie nicht, antwortete er. Ob ich immer so neugierig wäre? Mitunter, gab ich zurück. Nun schien er wieder amüsiert. Das sei eine lange Geschichte. Er gönnte mir ein vieldeutiges Lächeln und widmete sich seinem Soave.
Da traf Karen ein. Sie drängte sich durch das Gewühl an die Theke, warf ihre kastanienbraunen Locken zurück, zeigte gut gepflegte Zähne und küsste mich hastig auf den Mund. Die Probe habe sich hingezogen. Ihre Lippen fühlten sich kalt an. Mit energischem Schwung, eine Spur zu ostentativ, entledigte sie sich des Mantels. Ihr Auftritt erntete hungrige Blicke. Es zog mir durchs Zwerchfell. Der eben noch so maulfaule Baumverkäufer ließ die Augenbrauen tanzen, bis sie sich wunderte und ich ihn ihr als meinen Gesprächspartner vorstellte.
Er hieß Daniel.
Wir sprachen Englisch, bis er ihr einige Brocken Iwrith zuwarf. Als sie in ganzen Sätzen antwortete, schien er ekstatisch, auch, weil er merkte, dass ich nichts verstand. Während sie seinen Redeschwall mit glockenhellem Flirtlachen belohnte, hielt ich mich an meinem Glas fest und rang um sortierte Miene. Offenbar misslang das, denn unverhofft lehnte sie sich zurück und küsste mich auf die Wange. Einen Hauch zu heftig. Außerdem wollte sie wissen, wie viel wir bereits getrunken hätten. Ich fragte mich, ob er ihr schon einen Antrag gemacht habe, und unterschlug ihr zwei Biere. Sie wechselte ins Amerikanische. Daniel blieb bei Iwrith. Sie entgegnete lächelnd, sie wolle jetzt Englisch sprechen.
An der Bar wurde es eng. Aus den Lautsprechern waberte Grace Jones. Stimmengewirr und Musik zerflossen zu Brei. In meinen Schläfen begann es zu pochen, das Licht wirkte greller, und ich fing an, Konturen überscharf wahrzunehmen. Langsam spürte ich den Alkohol in meinem Blut. Aber auch vor Daniel stand mittlerweile der siebte oder achte Soave.
Als er sich bei Karen erkundigte, was ein nettes Mädchen wie sie ausgerechnet in einem Land wie diesem suche, lachte sie und verwies auf mich. Dann sprach sie von Tel Aviv und New York, dem einen Großvater, der 1938 nach Palästina entkam und im Sommer 1939 Frau und Sohn nachholte. Und den anderen, die vom Einmarsch der Wehrmacht überrollt wurden. Zwischen den englischen Sätzen trieben auf einmal deutsche Worttrümmer, Bruchstücke von Lagerjargon und Endlösersprache. In meinen Ohren eine entsetzlich vertraute Melodie. Aus ihrem Mund das grauenhaft Unübersetzbare.
Während Worte wie ‘Ghetto’, ‘Belzec’, ‘Auschwitz’ und ‘Mauthausen’ fielen, veränderte sich etwas. Die Bar, das Geplärre der Musik und das Gelächter neben uns versackten. Daniels Züge nahmen eine hell gespannte Aufmerksamkeit an. Es war nicht nur der Kokon, den der Wein leise um alle Trinker spinnt, diese weichen, weißen Gazebandagen, die mit jedem Glas so sanft wie unerbittlich das Außen zudecken, abbinden und erwürgen, bis nur noch das Gefühl im Bauch wirklich ist. Gewiss, er glitt ab, seine Gespenster luden ihn zum Tanz. Doch die Droge weichte seine Narben auf. Denn nun berichtete er ihr von sich. Keine hübsche Geschichte, aber routiniert erzählt. Er wusste, wo die Effekte lagen und wie er sie am besten verpackte.
Anfangs zumindest.
Man habe seine Eltern erst relativ spät deportiert. Dass sie es überlebten, verdankten sie dem Steckenpferd von Josef Mengele. Seine Brüder wären eineiige Zwillinge. So landeten sie alle im Familienlager. Bei der Räumung von Auschwitz seien sie nicht auf Transport gekommen, sondern dageblieben. Polnische Zivilisten hätten vor dem Zaun gestanden und gehöhnt: „Euch hat Hitler vergessen.“
Statt Brot gab es Steine.
Seine Eltern wären später wieder nach Frankfurt gegangen. Als er davon sprach, mahlte sein Kiefer. Die Knöchel der Hand, die den Soave hielt, glänzten weiß. Erstaunt registrierte ich, wie stabil ein ordinäres Weinglas sein kann.
„Obwohl sie es erlebt hatten, wollten sie es nicht begreifen.“
Er lachte auf, schüttelte den Kopf und trank.
„Sie waren gute Deutsche! Und noch bessere Juden.“
Je mehr er über ihr Schicksal erfuhr, desto unbegreiflicher sei ihm ihr Entschluss geworden. Wie konnten sie zwischen den Mördern leben? Irgendwann drohte er daran zu ersticken. Er habe kein Opfer mehr sein wollen, sondern einer, der sich wehrt.
Mit zwanzig floh er nach Israel. Dort wurde er Soldat. Nach dem Überfall an Jom Kippur hatte er auf dem Golan gekämpft. Erst bei der Libanon-Invasion habe er zu zweifeln begonnen. Das sei kein Verteidigungskrieg mehr gewesen. Als die Männer seiner Einheit zu murrten, habe er sie abstimmen lassen und sich geweigert, sie weiter vor zu schicken. Jetzt verkaufe er Bäume an reiche Juden.
Die letzten Sätze kommen kurz und abgehackt. Er wirkt erleichtert, als er bei den Bäumen anlangt, und gibt sich Mühe, den Schluss wie eine gelungene Pointe klingen zu lassen. Er hebt das Glas, nickt Karen zu, deutet ironisch einen Toast an und kippt den Wein. Wie Schnaps.
„Le’Chaim“, antwortet sie. Aufs Leben.
In der halben oder dreiviertel Sekunde, bevor sie ihm zutrinkt, wirkt sie ungewohnt feierlich. Dann lacht sie auf und sucht meinen Blick.
„Weißt du“, sagte sie mal zu mir, „genau genommen bin ich nicht nur Kind einer Überlebenden, sondern selber eine. Wäre es nach denen gegangen, hätte ich nie geboren werden dürfen.“
Ich denke an meinen Vater, den deutschen Landser mit EK Eins und EK Zwo. Seine Augen, die Daniels so sehr gleichen, mal blank und hart sind und einen Moment später wieder warm und verwundbar. Erinnere ihre Leere angesichts meiner Fragen, seine gestammelten Selbstvorwürfe, die Ohnmacht, Worte zu finden.
‘Ich bin dein Sohn‘, denke ich, während Karen mich anstrahlt, aus bernsteingelben Augen, mit fleckigen Ringen von Grün darin, und ich die Erleichterung in ihrer Stimme spüre. ‘Aufs Leben’. Eine Einladung, das Herz über den Zaun zu werfen, und die Freude daran mit ihr zu teilen.
‘Geliebter Vater, der Stacheldraht, den du hast ziehen helfen, ist zu hoch. Ich schaffe es nie auf die andere Seite.’
Plötzlich habe ich wieder vor mir, wie Karen erzählt, dass Jannek sie gebeten hat, nach seinem Tod Kerzen für die zwei ermordeten Mädchen anzuzünden.
Das war noch in New York. Wir hausten im sechsten Stock an der 98. Straße und Broadway. Ein kleines Eckzimmer, Tisch, Couch, zwei Stühle. Eng, stickig und laut. Im August heiß, ab Herbst zugig und kalt. Beim Sprechen zwang sie das Jaulen der Polizeisirenen dauernd zum Schreien. Sie saß breitbeinig auf dem ungemachten Bett, rauchend, und wiederholte ratlos Wort für Wort.
„Du allein weißt noch ihre Namen. Deine Großmutter hat alles verbrannt, bevor wir nach Amerika fuhren. Sie wollte ein neues Leben. Aber ich habe meine beiden Kinder nie vergessen.“
Die voll gepferchten Güterwagen hielten auf einem Bahnhof bei Lemberg. Soldaten rissen die Türen auf und befahlen den Männern auszusteigen. Wer zögerte, den scheuchten sie mit Tritten und Gewehrkolbenschlägen ‘raus. Er kauerte neben der Familie in einer Ecke. Zwei Ukrainer prügelten auf ihn ein. Seine ältere Tochter flehte.
„Bitte, bitte Vati, geh’, sonst schlagen sie dich tot.“
Draußen auf dem Perron, wo sie sich in Reih und Glied aufstellen mussten, hieß es, die Frauen und Kinder kämen zur Feldarbeit. An diesem Tage regnete es in Strömen. Der Offizier trug eine Pelerine, so dass er seinen Rang nicht erkennen konnte.
„Herr Oberst“ bat er, „sagen Sie mir, was kann ein Kind auf dem Feld schon groß ausrichten?“
Da hatte der Deutsche sich abgewandt.
Im Lager teilte man ihn ein, Kleiderberge zu sortieren. Die kamen aus Belzec und gehörten den Juden, die man dort getötet hatte. Tausende von Mänteln, Hüten, Hosen, Röcken, Jacketts, Hemden, Blusen, Strümpfen und Miedern, die geordnet, entlaust und ins Deutsche Reich zur Volkswohlfahrt geschafft wurden. Eines Morgens stolperte er über ein Kleid. Er kannte das Muster, den Schnitt und den Stoff. Es war das Kleid seiner Tochter.
Das muss im Spätsommer 1942 gewesen.
Vierzig Jahre danach noch rang er die Hände:
„Ich habe meine Kinder aufgegeben, meine beiden kleinen Mädchen. Ich habe sie zurückgelassen. Für was?“
Mir hat er das nie erzählt. Sondern Karen.
Die sagte hinterher: „Ich kann die Kerzen anzünden, aber ich weiß nicht, wie man betet.“
Und: „Er hat geweint. Da habe ich es ihm versprochen.“
Aus den Lautsprechern dröhnt ’Who’s zooming who?’ Gute Frage. Mein Schädel pocht. Der Alkohol. Daniels Geschichte: eine von zahllosen bösen Geschichten. Vermutlich stimmt sie sogar. Solche Geschichten denkt sich keiner aus. So scherzt nur das Leben.
Was nun? Mund halten, Daniels Worte, die Atmosphäre, die sie geschaffen hatten, ertragen. Es abebben, Karens Strahlen auffangen, mich davon forttragen lassen.
Es ging nicht.
Also fragte ich den Baumverkäufer, was uns verbinde. Ihn, der er aus seinem Opferschicksal habe ausbrechen wollen, und mich, das Kind der Täter. Ob es da etwas gäbe? Er kenne alle Seiten des Karussells. Brächte er nun auch Neugierde für meine Geschichten auf? Andere Geschichten. Nicht minder bodenlos und gegenwärtig. Zumindest in diesem Land. Für jeden, der hier lebe.
„Das hast du ja bezaubernd formuliert“, höhnte er. „Du bist ein cleveres Bürschchen. Zu was willst du dich ummendeln? Na?“
Er lachte böse.
„Und was willst du von mir? Den Rollentausch?“ Nun schrie er beinahe: „Du willst also ‘n Deal machen? Aber wir haben nichts miteinander gemein. Es gibt da nichts zu dealen. Deine Ware interessiert mich nicht. Verkauf sie jemand’ anders. Vielleicht findest du ja einen dummen Juden, der sich als verständnisvolles Opfer gefällt. Dem kannst du deine Geschichtchen andrehen. Wenn du Glück hast, lässt dir ein Pfund gutes Gewissen dafür.“
Karen zupfte mich am Ärmel und wandte sich einer Bekannten zu, die eben die Bar betrat. Ich blieb. Daniel schwieg und stierte mich an. Seine letzten Sätze hatten mich getroffen, genau dorthin, wo es mir über die Eingeweide galoppierte.
Ich hasste ihn dafür. Doch ich kam nicht los.
„Ach, Schnuckie, mach’ halblang.“
Ich sprach Hamburgisch, aggressiv, angetrunken schnodderig.
Er zitterte vor Wut.
„Ich heiße Daniel. Ich bin nicht dein ‘Schnuckie’. Wenn du mich noch mal so nennst, schlage ich dir den Kehlkopf ein. Zwei Sekunden und du bist tot.“
„Das wär’ gar nicht hübsch. Dabei ist ‘Schnuckie’ nett gemeint. Ich nenn’ nicht jedes Arschloch so. Ich bin aus Hamburg. Da sagt man Schnuckie. Alles klar?”
„Wir sind hier in Frankfurt, und wenn du begriffen hättest, worum es hier geht, hättest du vorhin schon den Rand gehalten.“
„Mag sein“, lenkte ich ein. „Gib mir Nachhilfe.“
„Sieh’ dich vor.“
„Ach was. Erzähl mir lieber, wo du das her hast. Das mit dem Kehlkopf... Schon mal ausprobiert?“
Er besann sich und beäugte seinen Wein. Als sei der im Begriff, ein entscheidendes Rätsel für ihn zu lösen. Dann sah er auf.
„Du willst also wissen, wie das ist? Ob’s Spaß macht? Oder man sich gern daran erinnert?“
Komm schon, dachte ich. Gleich hab’ ich dich soweit.
Seine Augen glommen. Als könne er Gedanken lesen.
„Warum willst du es gerade von mir wissen. Na, was meinst du?“
Er bleckte die Zähne.
„Täusch’ dich nicht“, grinste er. „Daraus wird kein Deal...“
Dann redete er vom Herbst dreiundsiebzig, und ein paar Sätze weiter von den Männern, denen er irgendwo auf dem Golan seine Pistole an die Stirn gesetzt hatte. Verdreckte, erschöpfte, verängstigte Soldatengesichter. Es schien, als zählte sie noch einmal ab. Einzeln. Mann für Mann.
„Ich habe mir meine Toten gut angesehen!“
Das kam gemessen. Überdeutlich. Wie ein Fluch.
Die Deutschen sahen sich ihre Toten nicht an. Sie ließen die ‘Duschräume’ vom jüdischen Sonderkommando leeren, das Brechstangen brauchte, um die in einander verkrallten, aufrecht stehenden Leichen zu trennen.
Daniels Blick war starr, aber seine Augen rasten. Er erinnerte sich an den Syrer, der hinter israelischen Linien verblutete. Der hatte ihm seine Lebensgeschichte erzählt, Fotos von Frau und Kindern heraus gekramt. Zwölf Stunden saßen sie so. Er habe den Mann verbunden, neben ihm gehockt, zugehört. Zwischendurch kamen Soldaten seiner Einheit, wollten den Sterbenden erschießen. Er habe die Übereifrigen vertrieben.
Kriegsgeschichten. Jedes Frontschwein hat einen Syrer auf Lager. Als mein Vater und ich mal über die Bedeutung der Kommunion sprachen, meinte der, die könne jeder Protestant einem anderen geben, und erzählte, wie er einem verwundeten Engländer auf dessen Bitte hin das Abendmahl erteilt habe. In der libyschen Wüste, mit lauwarmen Wasser aus einer deutschen Feldflasche. Nach irgendeinem Rückzugsscharmützel.
Ich habe Typen getroffen, die, als sie dort ankamen, wo Daniel nun angelangt war, geschrieen und gebrüllt haben, wegen der Dinge, die sie sich und anderen angetan hatten. Der alternde ‘Ranger’ etwa, der mir in einer Kneipe von ‘Hells Kitchen’ mal garstige Stories aus Korea und Vietnam aufdrängte. Er greinte, dass er alles für sein Land gegeben habe und dass die ‘ganze amerikanische Nation’ jetzt bloß noch auf ihn pisse. Als es ich mir irgendwann zu viel wurde, ging er mit einem Barhocker auf mich los.
„I’ll kill you fucking nazi...“
Vier Mann waren nötig, um ihn vor die Tür zu setzen. Eine halbe Stunde später radelte ich nach Hause. Es war weit nach Mitternacht. Die elfte Avenue lag wie tot. Ich sah ihn nicht mehr, aber ich hörte ihn. Da wütete etwas in einer der Seitenstraßen, heulte wie ein waidwundes Tier, trat Mülltonnen um und hämmerte auf die Dächer geparkter Autos.
Daniel schrie nicht. Sein Bericht klang eher sachlich. Zwar musste er ständig Wein nachschütten, wie Öl, das einen ausgeleierten Motor am Laufen hält, doch er bewegte sich jetzt durch jenes Stadium von Trunkenheit, das Augenblicke bestialischer Scharfsicht gönnt. Die Droge betäubt, schiebt die Furcht beiseite, die nüchterne Menschen abhält, ihre Tabugötter zu sezieren.
In einer Frankfurter Bar, unter einer Dunstglocke von Alkohol und Nikotin, machte der Baumverkäufer mich mit seinen toten Seelen bekannt. Aber meine Rechnung ging nicht auf.
Am nächsten Morgen saß ich verkatert im Intercityrestaurant. Der Zug rollte den Rhein entlang nach Norden. Regen und Tauwetter hatten den Fluss über die Ufer treten lassen. Bäume und Böschung ertranken im Strom.
Als die Nordsee ihre Deiche sprengte und die Elbe sich durch Hamburgs Innenstadt wälzte, war ich vier. Wir saßen bei Kerzenlicht. Auf Wilhelmsburg, der Elbinsel, wo Flüchtlinge in Nissenhütten und Baracken hausten, hatte die Flut viele im Schlaf überrascht. Andere unterschätzen ihre Gewalt, zögerten zu lang, versuchten noch, Habe zu retten.
Tags darauf nahm Vater uns in die Innenstadt mit. Schlamm klebte an den Fassaden. Die Wucht der Flut hatte Fensterscheiben eingedrückt, Autos umgeworfen, Äste, Kisten, Bretter, Möbel und Hausrat mitgeschleift. Treibgut lag auf der Straße, hing an abgeknickten Laternenmasten, ragte aus Gebäuden. Über alles zog sich ein graubrauner, übel riechender Schlickfilm. In rissigen Placken. Wie geborstene Erde.
‘Ich komme aus einem Land, wo Wasser Wüsten stiftet.’ Das hätte ich Daniel antworten können, als er fragte, ob ich wisse, was Wüste sei. Als eine Art Metapher für all die anderen Wüsten.
Ich blickte aus dem Fester und sah sein wütendes Gesicht vor mir.
„Wir haben nichts miteinander gemein. Es gibt da nicht zu dealen.“
Ätzend schwappte es mir durchs Ohr.
„Zu was willst du dich ummendeln?“
Wieso hatte ich nicht ertragen, ihm einfach nur zuzuhören? Wozu hatte ich ihn herausgefordert, mir Horrorstories aufzutischen, die ich mit denen meines Vaters abgleichen konnte? Entlasteten mich seine Morde etwa? Machten sie mir das eigene Erbe auch nur einen Deut erträglicher? Opfer konnten zu Tätern werden, Täter waren bisweilen Opfer.
Ja und? War ich so stumpfsinnig, dass ich einen verkrüppelten Zyniker wie Daniel brauchte, mir diese Binsenweisheit einzuhelfen?
Später in der Nacht hatte Karen mich angeschrieen.
„Was willst du? Tu’ nicht so schockiert. Er hatte uns vorher gesagt, dass er ‘Golani’ sei. Was wird einer, der dort gekämpft hat, schon zu erzählen haben?“
„Aber dies Verhalten“, wandte ich ein, und entsinne, dass meine Stimme weinerlich und fast nörgelnd klang, „ist doch dasselbe wie das meines Vaters. Erst abdrücken, um sich hinterher dafür zu verdammen. Wo, bitte, liegt da der Unterschied? Welche Verantwortung trägt der Einzelne? Wie geht er mit seiner Schuld um?“
„Er säuft. Das täte ich an seiner Stelle vermutlich auch.“
Sie war aufstanden, um sich eine Zigarette zu holen, blieb rauchend in der Mitte des Zimmer stehen.
„Es gibt Unterschiede. Abgesehen davon, dass er sich dem Befehl zum Vormarsch widersetzte, wofür man ihn wahrscheinlich degradiert und unehrenhaft entlassen hat.“
„Meinen Vater hätte man in der gleichen Situation erschossen.“
„Daniel hat’s jedenfalls getan. Obwohl er wusste, dass er sich damit in Israel zum extremen Außenseiter stempelt. Denn da ist die Armee, so abartig das in deinen friedensverwöhnten Ohren klingen mag, tatsächlich überlebensnotwendig.“
„Ach“, wunderte ich mich laut, „auf einmal. Sonst erklärst du immer nur, wie sehr dich der überzogene Verteidigungswahn anwidert.“
„Das kam einer Desertion gleich. Er hat’s in Kauf genommen. Dein Vater ist meines Wissens nie desertiert. Das nur am Rande.“
Sie atmete durch.
„Da hast du die Stirn, nach dem Unterschied zu fragen...“
Ihr Lacher kam kurz und hart.
„Für wen oder was hat dein Vater gekämpft? Bei Daniel weiß ich’s. Der hat sein Land verteidigt. Aber Ebbo? Der hat den Krieg in andere Länder getragen. Für Adolf Hitler.“
„Der hat sich auch eingebildet, im Recht zu sein. Anfangs zumindest.“
„Sagt er. Heute.“
„Nein. Heute macht er sich Vorwürfe.“
„Schön. Doch da gibt’s noch was, dass du plötzlich übersiehst. Dabei weist du sonst selber gern drauf hin: In den Konzentrationslagern konnte bloß so lange gemordet werden, wie dein Vater half, die Front zu halten. Du willst den Unterschied wissen? Es gibt sechs Millionen Unterschiede. Grob geschätzt.“
Erst als die Asche ihrer Zigarette auf den Fußboden fiel, griff sie den Teller vom Bettsims und setzte sich rittlings auf einen Stuhl. Ein paar Meter von mir entfernt.
„Du sprichst von ‘Schuld’. Hast du eine Vorstellung davon, wie sehr mich das Wort ankotzt? Weißt du, was für Schuldgefühle ich habe, weil ich mit dir hierher gegangen bin? Oder welche Schuld mein Großvater auf sich geladen hat, weil er sich damals im Zug nicht von den Soldaten vor seinen Kindern hat totschlagen lassen? Der fühlt sich jeden Tag schuldig, weil er noch lebt und nicht mit ihnen ins Gas gegangen ist...
Und ich? Ahnst du überhaupt, wie schwierig es für mich ist, mit Leuten über sechzig in diesem Land zu reden? Wenn sie mich so mustern und erschrecken und einige auf einmal scheißfreundlich sind? Mitunter finde ich das nur lachhaft, oft genug allerdings möchte ich ihnen in die scheinheilige Fresse spucken: ‘Meine Familie ist tot. Eure Liebenswürdigkeit kommt zu spät. Ihr hättet euch etwas eher aufraffen müssen. Jetzt habt nur noch ihr was davon.’“
Sie zerknickte ihren Zigarettenstummel auf der Untertasse und griff sofort wieder zur Schachtel.
„Sprechen wir von Schuld, gebrauchen wir dasselbe Wort, doch uns trennen Welten...“
Sie sog den Rauch tief ein.
„Weißt du, ich achte dich dafür, dass du dich mit diesen Fragen beschäftigst. Aber du tust es freiwillig. Du könntest jederzeit damit aufhören. Nichts würde sich ändern. Das ist der Unterschied zwischen dir und mir.“
„Was meinst du?“
„Sieh’ dich doch um. Welcher jüngere Deutsche hat schon mal einen Juden gesehen? Außer Woody Allen oder Barbara Streisand? Juden sind Wesen von einem anderen Stern. Schemen aus der düsteren Vergangenheit. Wer vermisst uns denn hier? Keiner. Einige Schöngeister bedauern vielleicht, dass der Kulturbetrieb fade schmeckt. Ohne das jüdische Salz in der Suppe. Oder dass es weniger Nobelpreise gibt. Gerade so, als sei es bloß um die mit Doktortitel schade. Oder die, die hübsch Klavier spielten.“
Sie verschluckte den heiseren Lacher.
„Klar, die Leute wissen, da gab’s Auschwitz. Doch mit denen, die da hingekommen sind, verbindet sie nichts. Taucht mal eine auf wie ich, sind sie peinlich berührt und es bereitet ihnen ein ungutes Gefühl. Mir nehmen sie das dann übel...
Aber ich weiß es. Für mich sind sie lebendig. Alle, die in Polen geblieben sind. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Jeden Tag habe ich die Geschichten gehört aus dem Ghetto und von der Flucht und wer alles von der Straße weg verhaftet wurde und ins Gas kam. Ich konnte es nicht mehr hören! Was glaubst du, warum ich altes Essen wegwerfe? Weil meine Großmutter jede Kanten Brot, jede alte Kartoffel, jedes Stück Zucker aufbewahrt. Sage ich was dazu, bekomme ich sofort zu hören, dass ein paar Gramm Zucker ein Schatz sind und wie lange man von einer faulen Kartoffel leben kann und wie viele Kinder an der Mauer dafür erschossen worden sind, dass sie versuchten, solche Kartoffeln zu stehlen.“
Sie hustete trocken.
„Verstehst du? Deshalb darf der Kühlschrank, der heilige, verfluchte Kühlschrank, nie leer sein.“
Wie um sich zu beruhigen blies sie auf die Glut ihrer Zigarette und beobachtete den aufsteigenden Rauchschweif.
„Manchmal bin ich es so leid. Da sitzt du und redest von Schuld. Ich hätte genauso hier auf die Welt kommen können. Mit einem Nazivater und einer Nazimutter. Dann hätte ich jetzt wahrscheinlich kein schlechtes Gewissen. Falls doch, nähme ich eben meinen Pass und ginge in ein Nachbarland. Wenn ich den Leuten dort erzählte, ich fühlte mich schuldig, lachten sie mich nicht aus, sondern ich wäre für sie eine ‘gute Deutsche’.
Doch dummerweise kommt meine Mutter aus Krakau. In Amerika war ich Europäerin, in Israel Amerikanerin und hier bin ich Jüdin. Was soll’s?“
Ihre Stimme war hell und hart.
„Ich wäre auch gern ‘normal’, möchte mich auch mal so bewegen, als ob ich zu Hause wäre. Nicht nur zu Gast. Oder ständig daran erinnert werden, was für ein exotisches Tier ich bin. Ich beneide Leute, die sich bloß mit ihrer Vergangenheit beschäftigen müssen, wenn sie es wollen. Das ist ein Geschenk...“
Ihre Zigarette war bis auf den Filter runter gebrannt. Sie drückte die Kippe aus und sah mich an.
„Begreifst du überhaupt, was ich bei dir gesucht habe? Weshalb ich weg wollte von meiner verrückten Mutter, ihren Anfällen, dem hysterischen Klammern und der ewigen Angst, uns könne draußen was Schlimmes passieren? Als lauere die Gestapo noch vor der Tür. Ich hasse diese Adrenalindramen. Doch wenn ich eines von ihr gelernt habe, dann das, dass jeder Abschied, auch der kürzeste, für ewig sein kann. Sei immer gewappnet. Verlasse dich nie darauf, dass du anderen wieder siehst. Sobald du das vergisst, spielt das Schicksal dir einen bösen Streich...
Du kennst das. Besser als jeder Amerikaner. Du bist mit dieser Art Wahnsinn vertraut. Durch deinen Vater, von dem du weg willst und den du erlösen möchtest und nie erlösen kannst.“
„Will ich das denn immer noch?“
„Was war das denn sonst, heute Nacht?“
Sie zögerte.
„Ich verstehe dich sogar. Ich liebe den Mann auch.“
„Ach ja?“
„Ja. So wie du Dziadziu liebst, weil er dir seine Jacke geschenkt hat.“
Sie atmete durch.
„Aber ich kann Dziadziu nicht befreien. Genauso wenig wie du Ebbo. Das ist der Punkt. Wir müssen uns von ihnen verabschieden. Ich hatte gehofft, wir könnten das. Zusammen. Annehmen, wer wir sind und was wir sind. Lernen, normal zu leben. Mit Glück, Pech, dem ganzen Rest. Ohne ihr Gepäck. Es geht nicht. So sehr ich mir auch wünsche, dass es doch geht. Irgendwann.“
Quer durch den Raum sahen wir uns eine Weile schweigend an. Sie stand auf.
„Lass’ uns schlafen. Du musst früh hoch.“
Mein Kaffee war kalt. Die Flüssigkeit in der Tasse zitterte. Ich schaute auf den Rhein. Wellen leckten am Bahndamm.
Ich erinnerte die Fremdheit, die ich empfand, als Karen Daniel mit ‘Le’Chaim’ zuprostete, und suchte nach Worten, mit denen ich ihren Toast hätte erwidern können, Trinksprüche in meiner Sprache, die nicht besudelt waren oder krankhafte Vergesslichkeit bezeugten. Fand keine.
Es sind nicht die Zahlen.
Zahlen bleiben abstrakt. Den Unterschied zwischen zehn und hundert Menschen kann ich sinnlich erfassen, kann ich sehen, riechen, hören, spüren. Den zwischen zehn- und hunderttausend nicht mehr. Also stelle ich mir den Einzelnen vor. Seine Lieben, Träume, Marotten, Niederlagen, Geheimnisse und Leidenschaften. Die Summe dessen, was jeder so in sich trägt. Schon ist meine Fantasie überfordert. Wie viel Zeit bräuchte ich, um die Spuren eines einzigen Schicksals nachzugehen und mich dem anzunähern, was den vielen Wahrheiten dieses einen ähnelte? Will ich hochrechnen, werfe ich einen Blick auf die Deportationslisten und Vollzugsmeldungen der Einsatzgruppen. Jeder Name, jede Ziffer ist eine ausgelöschte Welt.
Ich dachte an Jannek. Daran, was in mir vorging, als er mir die Jacke gab, wie es mich beschämte, welche Freude ich zugleich empfand. Über den Großmut der Geste und die Wärme, die darin lag. Weit mehr als ein Segen mit flauschigem Kragen. Obwohl natürlich auch das. Bei zehn Grad unter Null.
Doch die kleine, private Absolution, die ich daraus im Stillen ableitete, haute genauso wenig hin wie der Dämonentausch letzte Nacht.
Auf den Scheiben des Restaurantabteils perlte Kondenswasser. Dahinter schwamm die winterkahle Landschaft in tristen Grau- und Brauntönen. Der Belag auf meiner Zunge schmeckte bitter.
Karen hatte mich an den Zug gebracht und mir nach gewunken, bis ich sie nur noch als Punkt am Ende des Bahnsteigs erkennen konnte. Ich hasste solche Abschiede, erwog, an der nächsten Station auszusteigen, zurückzufahren und ihr ein paar Blumen vorbei zu bringen.
’Lass uns abhauen. Nach Alaska. Oder Oregon. Da wolltest du doch mal mit mir hin. Erinnerst du? Als ich Sehnsucht nach Hamburg hatte und dir sagte, du solltest Deutsch lernen...’
Doch sie war sicher längst wieder bei der Probe. Außerdem hätte keiner so viele Blumen tragen können. Also stierte ich ins Grau und zählte vergeigte Chancen.
In der neuen alten Hauptstadt weihnachtet es. An der Ecke Goethe und Wilmersdorfer stehen Fichten auf dem Beton. Sie sind grün. Man sieht ihnen nicht an, dass sie nirgendwo mehr Wurzeln schlagen werden. Der Händler friert. Das täte ich auch, wenn ich so viel Besinnlichkeit auf einmal verscherbeln müsste.
Ob Daniel noch immer säuft und Diaspora-Juden gute Gewissen verkauft? Dummerweise habe ich vergessen ihn zu fragen, was so ein Teil kostet. Doch ich befürchte, er wüsste den Preis auch nicht. Oder er hatte längst begriffen, dass derlei eh nicht zu bezahlen ist. Zumindest nicht mit Geld.
Ich habe oft an ihn denken müssen. Besonders an seinen Satz, dass es keine Garantien gibt, bloß Erfahrungswerte.
Etwa, als ein paar Jahre später viele meiner Landsleute Dresden mit Bagdad verglichen, ohne dass das Wort Guernica ein einziges Mal fiel. In Berlin hingen alte Bettlaken aus den Fenstern und es wurde öffentlich darum gebetet, die Israelis mögen Besonnenheit zeigen. Währenddessen verklebten Mütter in Tel Aviv Zimmer zu Schutzräumen und übten, kleinen Kindern Gasmasken überzustreifen.
In diese Zeit fällt meine letzte Begegnung mit Karen.
Nachdem sie Deutschland verlassen hatte, zog sie viel um, lebte eine Weile an der kanadischen Westküste, ging zurück nach New York und kam schließlich wieder nach Europa. Anfang 1991 wohnte sie in Amsterdam. Ich rief sie an und erkundigte mich nach ihrer Familie.
Sie freute sich. Anscheinend hatten viele Bekannte wie auf Absprache ihre Telefonnummer verloren. Kurz darauf hatte ich in Holland zu tun und wir sahen uns. Da sagte sie, sie habe sich entschlossen, nach Israel zu gehen. In den letzten Wochen sei ihr Verschiedenes klar geworden. Der Frieden, von dem sie träumt, lässt zwar immer noch auf sich warten. Doch wenigstens ist sie dort eine mehr, die keinen Krieg mehr führen will.
Ich weiß nicht, ob sie Kerzen für die beiden Mädchen anzündet.
Ich nehme es an.
Seit einigen Jahren ist sie Mutter. Ich hoffe, sie hat gefunden, was sie suchte. Ihr ältester Junge heißt Jannek. Wie der Mann, dessen Jacke noch immer in meinem Schrank hängt. Eines Tages schicke ich sie seinem Enkel vielleicht. Denn sie ist bloß eine Leihgabe. Das habe ich inzwischen begriffen.
Und noch etwas.
Du kommst nicht drum herum, dein Erbe anzutreten. Auch wenn es dir nicht schmeckt. Es lebt in dir fort, ob du willst oder nicht. Versuchst du es auszuschlagen, wird es dich gefangen halten und zwingen, dein Leben lang davor davonzulaufen.
Die Art Vermeidung ist das beste Rezept, den Fluch fortzusetzen.
Deshalb besuchte ich neulich in Hamburg mal wieder meinen Vater. Es war ein schöner, klarer Herbstmorgen, und außer mir kaum jemand auf dem Friedhof.
Er starb fast auf den Tag genau zwei Jahre nach Jannek.
Eine Weile vor seinem Tod, am Ende eines Besuchs, auf dem Rückweg nach Berlin, als ich mich verabschiedete und wir uns umarmten, hatte er gegrinst:
„Fühlt sich gut an. Ein lebendiger Mensch...“
Dann zuckte er mit dem Mund, wie um den Anflug von Pathos zu brechen, und fragte: „Sind wir Zwei eigentlich durch?“
Ich dachte: ’Lass’ dir Zeit. Mach’ dich nicht zu bald vom Acker. Ich bin noch nicht reif für den Staffelwechsel...’
Laut sagte ich nur:
„Ich glaube. So weit es geht.“
Doch es blieb Verschiedenes mit dem ich haderte. Darum ging ich hin und hockte mich vor den Stein. Um mich bei ihm zu bedanken. Ohne Wenn und Aber. Für das ganze Paket.
Es stört die Toten nicht, wenn man seinen Frieden mit ihnen macht. Bloß die Lebenden brauchen dafür manchmal etwas.
.