Der Rücken unter der Jacke

Mein Großvater, der so lust- wie glücklose Hamburger Kaufmann, handelte mit Stockfisch aus Norwegen. Sommer 1938 setzte sich sein jüngster Sohn aufs Fahrrad und besuchte die Familie des früheren Geschäftspartners in Alesund. Rund vierzig Jahre später erzählte er mir, wie ihn dort damals ein paar gleichaltrige Bengels wegen seiner Jacke aufzogen.

„Das war so ein billiges Stück aus beschissenem Material, das nie richtig saß. Die Norweger trugen alle Tweed. Ich war neidisch. Trotzdem erklärte ich, ich zöge deutsche Textilien vor, weil ich mich darin weit wohler fühle als in englischem Stoff.“

„Und?“

„Der Witz ist, dass ich sofort meine nationalistischen Instinkte mobilisierte. Statt mich zu fragen, warum das Reich so miese Textilien herstellte.“

„Du hattest eben Komplexe. Ist doch harmlos.“

Er zuckte mit dem Mund.

„Sicher. Im Kleinen mögen die ja noch ganz harmlos sein...“

Ich lachte.

„Nun weiß ich wenigstens, warum du ständig in dem Zeugs rum läufst.“

Mein Vater liebte Tweed. Er besaß zwei Jacketts aus schottischer Schurwolle, die er sich in konservativem Schnitt hatte fertigen lassen. Das für offizielle Anlässe unterschied sich von dem anderen bloß dadurch, dass das Wildleder an den Ellenbogen nicht speckig schimmerte. Die Alltagsjacke trug er das ganze Jahr über. Nur sommers bequemte er sich gelegentlich in Leinen. Als ich ihn mal darauf ansprach, nannte er sie „zeitlos aufregend“ und streifte in gespielter Selbstgefälligkeit über den Stoff.

„Arm sein ist teuer“, sagte er. „Kein Witz. Die hier spart Geld. Hält Jahrzehnte.“

Ein halbes Leben, bevor er das erste Mal Tweed trug, besaß mein Vater einen Smoking. Den ließ er sich im Frühjahr 1940 von einem jüdischen Schneider nähen, für neunzig Reichsmark. Da war er achtzehn und in Ostpreußen beim Arbeitsdienst.

Das Arbeitsdienstlager lag zwischen Stallupönen und Pillupönen, an der Vorkriegsgrenze zu Polen. Bis Litauen war es ein Dutzend Kilometer. Der Schneider lebte in einem polnischen Ort, dessen Namen mein Vater vergessen hatte. Ich nehme an, es war Kopsodzie. Das liegt knapp zehn Kilometer von Pillupönen und etwas über fünfzehn von Stallupönen entfernt. Es kann auch Wierzbolow oder Wysztyten gewesen sein.

Für eine Anprobe beim Schneider brauchte mein Vater fast einen Tag. Dreieinhalb Stunden zu Fuß hin, vier zurück. Über Moorpfade und Schotterwege, die durch eine sumpfige Birkenbruchlandschaft führten. Begegnete er unterwegs Elchen, die auf dem Reisig unterfütterten Knüppeldamm ästen, dauerte es mitunter auch länger.

Der Schneider war ein Mann um die vierzig, hatte eine Frau und vier kleine Kinder. Die Werkstatt, in der er Kunden empfing, diente zugleich als Wohnraum und Küche. Als er aufgewachsen war, hatte sein Dorf noch zu Russland gehört. Im Ersten Weltkrieg dann war es von Deutschen besetzt gewesen. Die müssen sich gegenüber jüdischen Zivilisten korrekt verhalten haben, anders als die zaristische Obrigkeit vorher. Darauf bezog er sich, als er gegenüber meinem Vater mal feststellte: „Nun wird alles besser. Nun können wir in Frieden leben. Mit den deutschen Herren kommt Recht und Gesetz.“

Mag sein, dass er das nur sagte, um den jungen Deutschen wohl zu stimmen, doch als verpickelten Primaner stelle ich mir meinen Vater wenig respektheischend vor, und so, wie er es mir schilderte, sprach der Mann ganz ernsthaft.

„Nun können wir in Frieden leben. Mit den deutschen Herren kommt Recht und Gesetz.“

Stattdessen kamen die SS-Einsatzgruppen.

Viel Gelegenheit, seinen Smoking auszuführen, hatte mein Vater übrigens nicht. Kurz nach seiner Entlassung vom Arbeitsdienst kam er zum Militär. Der Smoking verbrannte zwei Jahre später, Ende Juli 1943, bei den großen Luftangriffen auf Hamburg.

So etwas wie einen Smoking habe ich nie besessen und die ersten jüdischen Sätze hörte ich nicht in Hamburg, sondern in Jerusalem, als ich bei einem Trödler eine betagte britische Armeejacke erwarb.

Der Trödler war ein hagerer, blasser Mensch mit wässrigen, müden Augen. Er war Ende vierzig und verstand kein Englisch. Also sprach ich Deutsch und er Jiddisch. Das klappte überraschend gut. Sogar mit einem gemeinsamen Lacher.

Nachts in der Wüste, zwei Wochen später, rettete mich diese Jacke aus einer peinlichen Lage. Ich war mit Janet unterwegs. Janet kam aus England. Wir arbeiteten im selben Kibbuz und trampten vom Toten Meer Richtung Jerusalem. An der Weggabelung, wo man uns raus gesetzt hatte, warteten fünf junge Soldaten.

Anfangs waren sie bloß neugierig. Einer, ein kleinerer, der gut Englisch beherrschte, übersetzte. Doch als nach zehn Minuten noch immer kein Auto aufgetaucht war, fingen die Soldaten an zu tuscheln. Plötzlich waren sie nur noch fünf hungrige Männer, die in einer einsamen Gegend auf eine junge Frau stoßen und denen dämmert, dass sie alle Macht dazu haben.

Es wurde höchste Zeit, uns zu verabschieden. Also wünschte ich ihnen einen schönen Abend und griff nach unserem Gepäck. Der Kleine verstellte mir den Weg. Ob ich wisse, dass man im Orient Frauen kaufen könne? Westliche Frauen seien begehrt, weil sie so lose seien. Ein Araber, sagte er, böte mir gewiss neun Kamele für diese Frau. Ich lehnte dankend ab. Außerdem habe sie da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Er dolmetschte grinsend für seine Kumpel. Die lachten und gafften mit halboffenen Mündern. Ich solle ihn und seine Freunde eine Weile mit ihr allein lassen, schlug er vor. Dann würde man ja sehen. Dabei richtete sich sein locker im Anschlag gehaltenes Gewehr wie zufällig auf meine Magengrube. Janet fasste nach meiner Hand.

Weit und breit bloß Sand. Legten sie es drauf an, schafften wir keine drei Meter. Ich lächelte gequält, er scherze, und schob den Lauf beiseite. Wir müssten weiter. Ob wir etwa Angst hätten? Grund dazu sei ja, sinnierte er, und befühlte zärtlich seine M 16, bis deren Mündung wieder auf meinen Solarplexus zeigte. Es sei verflucht leichtsinnig von uns, hier nach Einbruch der Dunkelheit herumzustreifen. Wo es in der Gegend doch von arabischen Terroristen nur so wimmele.

Als ich eben überlege, ob es noch Sinn hat zu schreien, hören wir das Röhren eines Motors. Scheinwerfer tasten sich auf uns zu. Die Soldaten sind abgelenkt. Im Nu stehen wir auf der Straße. Ein viertüriger Peugeot hält. Am Steuer ein Mann. Die Frau neben ihm öffnet die Fondtür. Mit einem ‘toda raba’ schiebe ich Janet auf den Sitz und zwänge mich daneben.

Sobald der Wagen fährt, sagt der Mann etwas. Ich radebreche, dass wir kein Iwrith sprechen. Er erläutert in Englisch, es ginge nach Jerusalem. Wunderbar, meint das Mädchen. Dort arbeiten wir auf dem Kibbuz.

Welches Kibbuz, will die Frau wissen. ‘Ramat Rahel’. Die Frau schweigt einen Moment. Normalerweise hielten sie nicht für Tramper, erklärt sie dann, aber sie habe geglaubt, ich sei Soldat. Wegen der Armeejacke. Deshalb habe sie ihrem Mann gesagt, er solle stoppen. Sie hat einen eigenartigen Akzent, den ich nicht einordnen kann.

Janet dankt ihr, dass wir trotzdem mit dürfen. Es bleibt eine Weile still. Bis der Mann fragt, woher wir sind. Ich habe keine Lust, mich vorzudrängeln.

„Manchester“, sagt Janet.

„England?“

Er will sich vergewissern.

„Ja“, bestätigt sie. „Nordengland.“

Ich halte den Mund. Vielleicht geben sie sich mit einer Antwort zufrieden.

„Und du?“

Das kommt von der Frau.

„Hamburg“, nuschele ich. Mit amerikanischer Aussprache.

„Wie bitte? Ich habe nicht verstanden.“

„Hamburg“, wiederhole ich, jetzt deutsch betont.

Der Fahrer sieht die Frau alarmiert an, bremst und sprudelt los. Erst als sie mit einem Halbsatz antwortet und er achselzuckend wieder beschleunigt, wird mir klar, dass er sie bloß etwas gefragt hat. Plötzlich ist die Luft wie zum Schneiden.

Schließlich sagt sie: „Daher sind Sie. Und ich dachte, Sie wären aus Israel.“

Osteuropäisches Deutsch klingt oft hart. Ihres klirrt mir in die Ohren. Auch ohne auf ihrem Arm nach der Tätowierung zu suchen, weiß ich, wann und wo sie es gelernt hat.

„Hören Sie“, stammele ich. „Es war eben ein Irrtum. Halten Sie an. Ich steige aus.“

„Und Ihre Freundin?“

„Die hat nichts damit zu tun.“

Die Frau dreht sich um.

„Wie alt sind Sie?“

„Neunzehn.“

Sie wendet sich ab und schaut wieder auf die Straße. Nach einer kleinen Ewigkeit sagt sie: „Wir sind hier in Israel. Hier gibt es keine Sippenhaft.“

Für den Rest der Fahrt verlor sie kein weiteres Wort.

Einige Jahre später schenkte mir ein alter Mann eine Jacke. Das war an einem kalten Januarabend in New York. Seine Enkelin Karen und ich teilten Tisch und Bett.

Die Großeltern wohnten im neunzehnten Stock eines Apartmentblocks an der Upper West Side. Als wir sie das erste Mal besuchten, stand er am oberen Ausgang des Fahrstuhls. Ich hatte einen Greis erwartet, doch sein schlohweißes Haar war noch voll und er wirkte fast stattlich, vielleicht, weil seine Schultern mindestens so breit waren wie meine und er sich sehr gerade hielt. Zugleich sah man ihm die Jahre an. Sein knochiges Gesicht war ein Labyrinth aus Falten und Furchen, die hellblauen Augen lagen hinter schweren Tränensäcken, er trug Gebiss und sein Nasenbein war zerschlagen.

Karen hatte gesagt, er sei unlängst zweiundachtzig geworden.

Beim Umarmen küsste er sie auf die Schläfe. Mir bot er die Hand. Sein Griff war trocken und überraschend fest. Wir folgten ihm in eine überheizte Wohnung.

Die Räume waren voll gestopft, alle Wände mit Kunstdrucken und Gemälden zugepflastert. Dazwischen rankten Dutzende von Topfpflanzen. Durch die Fenster sah man über den Hudson bis nach New Jersey. Der Blick tat gut. Er wog die Enge etwas auf.

Karen Großmutter thronte auf dem Sofa. Sie war kaum jünger als ihr Mann, aber weit besser konserviert. Sie besaß noch immer farbstarke Augen. Tiefblau. Ihre Lippen, anders als die Münder der meisten älteren Menschen, die bloß noch zu Strichen gepresste Schlitze sind, ließen einstige Fülle ahnen. Früher musste sie eine Schönheit gewesen sein. Neben ihr hockte Bella, Karens Mutter, bleich und aschblond wie immer. Der Empfang der beiden Damen fiel so lauwarm aus wie der Tee. Mein Stuhl war hart und die Luft stickig. Ich spürte, wie mir der Schweiß aus den Achselhöhlen rann.

Unter anderen Vorzeichen hätten wir vielleicht kurz miteinander plaudern können, unverbindlich und einigermaßen schmerzlos, etwa von Tisch zu Tisch im Café des Metropolitan Museum, nach einer gelungenen Ausstellung, zu deren Besuch man sich gegenseitig gratuliert, bis irgendwann die Frage nach dem Woher fällt.

Aber so?

Karen und ich hatten gerade eine gemeinsame Wohnung bezogen, als ihr Vater aus Tel Aviv anrief. Er habe sie beschworen, erzählte sie mir später lachend, allen dürfe sie mich vorstellen, der gesamten Familie, ob in Israel oder New York, bloß ‘Dziadziu Jannek’ nicht. Den müsse sie verschonen. Zu wissen, dass sie mit mir lebe, sei schlimm genug für ihn. Mehr brächte ihn ins Grab.

Wünschte der Alte Karen zu sprechen, schickte er meist seine Frau vor. Ich hatte ihn bloß zwei oder drei Mal am Telefon erlebt. Da blieb er stets knapp und förmlich. Bis er uns eines Tages einlud. Karen fegte meine Vorbehalte beiseite.

„Er weiß besser als alle anderen, worauf er sich einlässt. Außerdem habe ich mir immer gewünscht, dass du ihn kennenlernst. Vielleicht erleben wir eine Überraschung.“

Genau genommen war sie gar nicht seine Enkeltochter, sondern nur die Enkelin der Frau, die er 1945 oder 1946 in einem Lager bei Linz geheiratet hatte.

Karens leiblicher Großvater war 1939 in Krakau umgekommen, angeblich an einer Blutvergiftung. Doch da die Großmutter sich in Widersprüche verwickelte, vermuteten Bella und ihre Töchter, dass die Alte ihnen nur die hässlichere Wahrheit unterschlug. Denn der Mann war Dozent gewesen. Solche Leute hatten nach dem deutschen Einmarsch häufiger das Pech, auf der schwarzen Liste der neuen Herren zu stehen.

Die Frauen kamen nach Podgórze, ins Getto auf der Südseite der Weichsel. Das war im Frühjahr 1941. Da lebten noch 18.000 Juden in Krakau. Bella muss damals fünf oder sechs gewesen sein. Bei einer der Razzien, als die SS Kinder jagte, sprang sie vom LKW und lief weg. Die Wachen schossen sie durchs Bein, doch sie entkam. Hatte sie ein paar Gläser getrunken, lüftete sie bisweilen den Rocksaum, um der vernarbten Wade zuzuprosten. Einmal, als sie bereits ziemlich beschwipst war, berichtete sie uns kichernd, wie sie ihre Mutter nach der Flucht aus dem Getto häufiger damit erpresst habe, auf die nächst beste Uniform zu zeigen und zu drohen, dem Deutschen zu verraten, sie sei Jüdin, wenn die Alte ihr nicht sofort etwas zu essen besorgte.

Die Großmutter hatte Bella in einem Nonnenkloster außerhalb Krakaus versteckt und sich zur Fremdarbeit nach Österreich gemeldet. Vorgeblich, weil sie ihrem ‘Liebchen’ dorthin folgen wollte. Als sie davon sprach, benutzte sie das deutsche Wort. In der Ostmark galt sie als Polin. Dort war sie sicherer als im Generalgouvernement. Derweil lehrten die katholischen Schwestern Bella beten und die schwarze Madonna verehren. Doch Bella hatte Heimweh. Nach einer Weile lief sie ihnen weg, zurück zum Getto. Das war mittlerweile ‘liquidiert’. Im März 1943 hatten die Deutschen die restlichen Bewohner entweder an Ort und Stelle erschlagen, ins Gas geschickt oder nach Plaszow geschafft. Bella irrte umher, bis sie herausfand, wo ihre Mutter steckte. Die arbeitete inzwischen als Dienstmädchen für einen Parteibonzen in der Nähe von Linz. Bella schlug sich bis ins Burgenland durch und stand eines Tages völlig verlaust vor der Tür. Damit platzte die Legende vom Liebchen. Zurück im Untergrund lebten die beiden von Schwarzmarkt, Schmuggel und der Sentimentalität der Landser. Eine allein stehende Frau, hübsch und hellhaarig, mit einem weißblonden Mädchen, das kornblumenblaue Augen und einen Kirschenmund hatte. Irgendwie überstanden sie Krieg.

Alle Verwandten waren tot oder verschollen. In einem Lager für „Displaced Persons” begegneten sie Jannek. Der besaß Papiere für die Einreise in die Vereinigten Staaten und vertrug sich leidlich mit dem Kind. Also heiratete die Mutter ihn. 1947 trafen sie in New York ein.

Nun hockte ich auf einem schlecht gepolsterten Stuhl in ihrem Wohnzimmer, rutschte von einer gequälten Gesäßbacke auf die andere, schlürfte faden Tee und röstete im Frosthauch, der mir vom aus Sofa entgegen schlug.

Dass es ein Krampf werden würde, hatte ich gewusst. Mich darauf eingestellt, den wandelnder Affront abzugeben. Natürlich hassten sie mich, hassten, woran ich erinnerte, was hochkam, aufbrach, sie würgte, nun, da ich leibhaftig vor ihnen saß. Alles andere wäre ein Wunder gewesen. Nur der Alte, von dem es hieß, ihm sei Unaussprechliches widerfahren, behandelte mich wie ein Mensch. Dabei wäre ich vorhin, als ich aus dem Fahrstuhl trat, nicht sonderlich überrascht gewesen, wenn er mich mit einem Beil begrüßt hätte. Stattdessen hatte er mir die Hand gereicht.

Nun erkundigte er sich nach meiner Arbeit, dem Studium und meinen Geschwistern. So, als ob es ihn wirklich interessiere. Schließlich wollte er wissen, ob ich kein Heimweh habe. Mitunter, entgegnete ich. Die Sprache vermisse ich mehr als alles andere. Es blieb einen Moment lang still. Bis er lächelte und erklärte, dass er es noch ‘ein bisserl’ beherrsche. Bloß mit dem Schreiben hapere es. In einer ‘Kanzlei’ sei er nicht mehr zu gebrauchen.

„Jannek!“ gellte Bella vom Sofa aus.

Die wohl komponierte Maske der Großmutter schluckte trocken. Er jedoch zwinkerte Karen nur zu. Und die, obwohl sie die einzige war, die keine Silbe verstand, grinste breit.

Beim zweiten Besuch erzählte er uns aus seiner Kindheit. Er war ältester Sohn eines Müllers. Sein Vater habe ihn oft mitgenommen, wenn in irgendeinem Flecken Markttag gewesen sei. Da tummelten sich dann Korbflechter, Hufschmiede und Kesselflicker, jüdische Viehhändler und rumänische Rosstäuscher, baltische Kaufleute, Bulgaren, Ungarn und Zigeuner, um mit den Bauern Geschäfte zu machen.

Er kannte das Lemberg der k. u. k. Zeit, schwärmte von seinen prunkvollen Hotels und Cafés, wo Reisende aus Wien, Paris und Petersburg Station machten, und dem Opernhaus, in dem sogar Caruso aufgetreten sei. Auf dem Rondell vor dem galizischem ‘Sejm’ habe nachmittags immer eine Kapelle gespielt. Seine Augen wurden ganz blank, als er die betressten Musiker schilderte, die eleganten Damen und feinen Städter, das Treiben drum herum, die fremden Zungen, Düfte und opulenten Kaleschen. Sein Vater habe ihn dort fort zerren müssen, weil er sich nie habe losreißen können.

Als wir gehen wollten, hielt er mich zurück. Draußen schneite es. Ich trug nur Pullover und Jackett. Wir wohnten in Staten Island und hatten gut eine Stunde auf dem Fahrrad vor uns. Er ging zum Wandschrank und holte eine halblange, einreihige Jacke mit gefüttertem Kragen. Graugrüner Tweed, unmodern geschnitten, hässlich, warm und solide. Eine dreißig Dollar Jacke, aber eine aus der Zeit, als der Dollar noch vier Mark zwanzig kostete und ein Päckchen Zigaretten fünfundzwanzig Cents.

Die solle ich mal anprobieren, sagte er. Sie müsse mir passen. Mein Widerstreben wehrte er ab. Er sei ein alter Mann, der sowieso nicht mehr viel ausgehe. Außerdem habe er ja noch seinen Mantel. Er half mir hinein, griff an die Schultern und prüfte, ob sie saß.

„Behalt sie gleich an. Eine Lungenentzündung ist kein Spaß.“

Ich kann nur raten, wie oft er gefroren hat, weil es den deutschen Herren so gefiel.

Gut eineinhalb Jahre danach war ich wieder in Hamburg. Karen und ich brauchten Abstand. Sie verbrachte den Sommer in Israel und wollte im Herbst nachkommen.

An einem Freitagnachmittag lernte ich Lars und Kai kennen, beim Schlangestehen vor der Kasse des Supermarkts. Der Supermarkt war in den Hallen eines früheren Straßenbahndepots untergebracht und lag direkt gegenüber meiner Wohnung. Ein Irrgarten von mehreren Hektar Fläche. Als ich durch die Gänge trottete, waren die beiden mir bereits aufgefallen. Sie nahmen die Aufforderung zum Erlebniseinkauf sportlich und schienen dabei Spaß zu haben. Büchsen und Flaschen flogen über beachtliche Distanzen, wurden angetäuscht, abgefangen oder fallen gelassen. Zwischendurch nutzten sie ihren Trolley als Roller und surften durch den gestapelten Überfluss.

Gelegentlich hatte ich Vater und Sohn auf der gegenüberliegenden Seite des Hinterhofs gesehen. Obwohl sie in einer anderen Straße wohnten, betrug der Abstand zwischen unseren Balkons nur ein paar Meter.

Der Junge war elf oder zwölf, blond, stupsnasig und voller Sommersprossen. Der Alte trug Schnauzer und hätte mit einer ‘Milliyet’ in der Tasche als türkischer Sozialdemokrat durchgehen können. Aber er hamburgerte.

Als ich mich erkundigte, in welcher Liga sie spielten, fragte er, ob ich nicht der neue Nachbar sei, der gerade seine Wohnung zerlege. Ich zimmerte an einem Hochbett. Derlei könne man auch schrauben, meinte er. Später tranken wir Kaffee. Er war geschieden und lebte allein mit dem Sohn.

Vierzehn Tage später hatte Kai eine Seilbahn von Balkon zu Balkon gespannt. Daran trockneten wir Wäsche oder tauschten kleine Gaben aus. Lars half mir beim Tischlern. Anschließend entkorkten wir eine Flasche Wein, spielten Schach oder rätselten über Abgründe und Untiefen der Ehe. Auf Lars’ Bitten hin übte ich mit Kai Englisch. Kai trickste mich aus, indem er mir seine jüngsten Basteleien vorführte, batterielose Radios anschloss oder Modelboote mitbrachte. Da blieb wenig Zeit für Vokabeln und Grammatik.

Ab und zu holten die beiden mich ab, um abends durch die Alsterkanäle zu paddeln oder ‘noch einen Schlag’ spazieren zu gehen. Es ergab sich zwanglos und tat gut.

Denn anfangs fiel mir nicht leicht, mich wieder in den deutschen Alltag hineinzufinden. Ich hatte darauf gefiebert, der Enge, Hitze, dem Gestank und der Hektik des Rattenkäfigs am Hudson zu entkommen; endlich andere Luft zu atmen. Den Duft der guten, alten Welt.

Hamburg hielt, was ich mir erhofft hatte. Es glänzte grün und gepflegt, war sauber, zivilisiert und reich. Niemand hungerte, kein Mensch ging barfuss oder in Lumpen. Doch latschte ich mal bei Rot über die Straße, erntete ich erbostes Zischen. In der U-Bahn schwiegen sich die Menschen an. Der Hauswart belehrte mich, wie man Müll ordnungsgemäß zu entsorgen habe und maulte, weil ich mein Fahrrad in die Wohnung trug. Ein blank geputztes Emailleschild untersagte das Spielen der Kinder im Hof. So kläfften dort nur seine Köter.

Sehnsucht macht vergesslich. Ich hatte vieles vergessen. Nicht bloß das Zischen an den roten Ampeln und die Scherben gespickten Mauern. Oft war ich befremdet, seltener amüsiert. Schon bald jedoch vermisste ich das Lachen, den Schweiß, das Tempo, den Lärm und das Chaos, den stinkenden, wunderbar lebendigen Atem New Yorks.

Nach meinen Streifzügen durch die dürren Steppen der fremd gewordenen Heimat boten mir Lars und Kai eine Art Oase. Einen Brückenkopf, auf dem ich verschnaufen und durchatmen konnte. Daran änderte sich wenig, als Karen im Herbst eintraf.

Etwa ein Jahr später berichte Lars, sein Vater sei tot. Herzinfarkt. Es kam sehr beiläufig. Während wir sprachen, hängte er Wäsche auf. Ich kannte den Alten nicht. Bislang hatten wir nie über ihn geredet.

„Welcher Jahrgang?“

„Einundzwanzig.“

Mein Vater war genauso alt.

„Ein bisschen früh zum Sterben.“

„Ach, ich weiß nicht“, kam es lang gezogen. „Das kann man so oder so sehen. Andere hatten nicht mal einen Bruchteil der Zeit...“

„Wie meinst du?“

„Na, zum Beispiel im Krieg.“

Er bückte sich und fischte ein Oberhemd aus dem Korb.

„Außerdem hat er immer zu viel fettes Fleisch gefressen und ungesund gelebt.“

Ich schob ihm den Beutel mit Wäscheklammern zu.

„Sehr nahe scheint es dir nicht zu gehen.“

Statt einer Antwort wandte er sich ab und befestigte das Hemd an der Leine.

„Unter einem Gram gebeugten Halbwaisen stelle ich mir was anderes vor.“

Er drehte sich um. Blieb einen Moment lang so stehen, während seine Hand gedankenverloren über den feuchten Stoff streifte.

„Was soll ich Gefühle heucheln, die nicht da sind? Ich seh’ das ziemlich nüchtern. Wir hatten kein besonders gutes Verhältnis. Nicht so wie Kai und ich. Ich hab’ seit Jahren kaum noch ein Wort mit ihm gewechselt. Ich bin auch nie an ihn ‘rangekommen. Er lebte sein Leben und ich meins. Vermutlich ganz gut, dass es so schnell ging. Für ihn, mein’ ich. Ich hatte sowieso nichts mehr von ihm zu erwarten.“

„Und deine Mutter?“

„Wird man sehen. Wenn der Beerdigungszirkus vorbei ist, werd’ ich sie wohl häufiger mal besuchen müssen.“

Kurz darauf bot er an, mir Sachen von seinem Vater abzuholen. Der habe ungefähr meine Größe gehabt. Ob das nicht pietätlos sei? Quatsch. Sonst gäbe seine Mutter die Klamotten doch nur weg und sie landeten auf irgendeinem Flohmarkt.

Kurz darauf fuhren wir gemeinsam zu ihr raus. Sie lebte in einem Vorort südlich der Stadt. Ein zweistöckiges Reihenhaus aus den späten Fünfzigern, in einer der gesichtslosen Siedlungen, die mit gnadenloser Ausschließlichkeit den Geist der Wiederaufbaujahre atmen. Ich hatte mir die Frau anders vorgestellt. Jünger und weniger verhärmt. Doch sie wirkte ruhig und gefasst. Nicht unsympathisch.

„Ein Jammer, wenn die schönen Sachen zum Roten Kreuz kämen.“

Das fand ich auch. Trotzdem ich nahm nur mit, was ich wirklich anziehen würde. Einen hellbraunen Wollpullover und ein Paar halbhohe, Lammfell gefütterte Schnürstiefel aus schwarzem Rindsleder. Gutes Schuhwerk. Sie passten wie angegossen und erinnerten mich an ein längst zerlaufenes Paar, das mein Vater mir vor Jahren vermacht hatte.

Stiefel und Pullover trug ich den ganzen folgenden Winter über.

Irgendwann um diese Zeit bekam Karen Post von ihrer Schwester Debbie. Den Brief schwenkend stürmte sie ins Zimmer. Dziadziu habe seine Geschichte aufgeschrieben. Ich begriff nicht gleich.

„Was für eine Geschichte?“

„Er hat sein Tagebuch rekonstruiert.“

„Die Kriegserinnerungen?“

„Ja doch.“

Sie strahlte.

Vor vierzig Jahren hatte er das schon einmal versucht. Mehrere Hefte mit Aufzeichnungen. Die verbrannte seine Frau im DP-Camp, kurz vor der Abreise in die USA.

Er hatte sie ertappt, wie sie in der Asche stocherte. Sie war in Tränen ausgebrochen. Er müsse diese Erinnerungen zurücklassen. Er habe jetzt eine neue Familie, mit der er fort ginge, um ein neues Leben aufzubauen. Er dürfe die Vergangenheit nicht mitschleppen und länger auf das zurückblicken, was gewesen sei.

Davon hatte er seufzend der entgeisterten Karen berichtet.

„Debbie schreibt, dass ihn eine Frau aus New Mexiko angesprochen hat, die ein Buch über Kinder in Konzentrationslagern macht. Bei ihren Interviews ist sie wohl immer wieder auf seinen Namen gestoßen. Die haben ihr von ihm erzählt.“

„Wer? Die Kinder von damals?“

Karen nickte. In ihrem Lachen schwang Stolz.

„Woher kennen die ihn denn?“

„Er mal einen Haufen von ihnen vor dem Verhungern bewahrt. Kurz vor der Befreiung. In Mauthausen. Daraufhin hat die Frau ihn gesucht. Bis sie raus fand, dass er noch lebt. Debbie tippt seine Notizen ab. Sie schickt uns eine Kopie.“

Die Bewacher hatten die Baracke voll Kranker und Kinder zugenagelt und alle ‘nutzlosen Fresser’ darin ihrem Schicksal überlassen. Jannek meldete sich freiwillig zu einem Arbeitseinsatz und stahl Getreide. Das wickelte er in alte Zementsäcke, buk es unter einem Ofen, brach ein Barackenfenster auf und warf das Korn hinein. Das erfuhren wir aus dem Manuskript.

Der Text war kurz. Knapp zehn Seiten. Einzeilig. Karen hatte oft gerätselt, wieso ihre Großmutter Janneks Aufzeichnungen vernichtet hatte. Sie fand es infam und fühlte sich um ihre Geschichte betrogen. Nach dem Lesen sagte sie, nun könne sie ‘Babcia’ verstehen.

Mir ging es ähnlich. Etwa, wenn er schilderte, wie die SS das jüdische Waisenhaus von Boryslaw geleert hatte. Dorthin war er nach seiner ersten Flucht aus dem Lager zurückgekehrt, um Angehörige zu suchen. Eines Nachmittags hörte er Schreien. Soldaten zerrten kleine Kinder aus dem Gebäude, schlugen sie mit den Köpfen gegen die Hauswand und warfen ihre Leiber auf einen Lastwagen.

Sobald die SS verschwunden und es dunkel geworden war, schlich er sich in das Waisenhaus und stöberte nach Essbarem. Er fand ein halbes Brot. Das teilte er mit dem verstörten Mann, den er in den Räumen traf, und legte sich zum Schlafen hin. Da waren die Betten der Kinder noch warm.

Ein gutes halbes Jahr nach dieser Lektüre rief ich Karen an. Wir lebten mittlerweile getrennt. Ich arbeitete bei einer kleinen Wochenzeitung. Dort wollte ich Janneks Bericht veröffentlichen. Zunächst war sie von der Idee nicht sonderlich erbaut.

„Warum gerade jetzt?“

„Der Chefredakteur hat mir angeboten, es in der Weinachtsausgabe zu bringen.“

„Du gehst also schon damit hausieren.“

„Ursprünglich war’s deine Idee, seine Erlebnisse hier herauszubringen.“

„Inzwischen denke ich aber anders darüber.“

„So? Wie denn?“

Sie ließ sich Zeit.

„Wenn ich nicht irre, hast du öfters Bedenken angemeldet, wenn Deutsche sich über jüdische Schicksale während des Zweiten Weltkriegs ausließen. Du sprachst da mal, glaube ich, von ‘einer ausgesucht perversen Variante der Leichenschändung’.“

„Danke. Und die unterstellst du mir jetzt?“

„Nun, nur in Grenzen. Er lebt ja noch.“

Wir schwiegen uns ein paar Sekunden lang an.

„Meinst du, ich hab’ mir keine Gedanken drüber gemacht, wie ich dazu komme, seine Geschichte der Zeitung anzubieten?“

„Ja, wie eigentlich?“

„Du regst dich doch ständig über die Deutschen auf, die großen blauen Veilchenaugen, die Ahnungslosigkeit, wenn’s ums Schicksal der Opfer geht. Die erbarmungslose Naivität und das Betroffenheitsgeseiere.“

„Das habe ich dir gegenüber gerade ein Mal, ein einziges Mal nur, getan.“

„Dann hat’s mich wohl tief beeindruckt. Jedenfalls, woher sollen sie es auch wissen? Jeder kennt die Zahlen - darunter vorstellen kann sich keiner was. Vorstellen können sich die Leute was unter Bombennächten, Ostfront, Vertreibung und vergewaltigenden Rotarmisten. Den Deutschen als Opfer. Davon erzählen Mami und Papi. Oma und Opa sitzen daneben, nicken und schwärmen gleich noch ein bisschen von der Autobahn oder wie hübsch der Aufmarsch der SA sich ‘dreiunddreißig machte.“

„Komm’ zum Punkt.“

„Die Toten tauchen nur als Statistiken auf. Darüber steht dick und fett ‘Auschwitz’. Als Tabuknüppel.“

„Was schlägst du vor? Tabu und Knüppel abzuschaffen? Auschwitz als Ort vielleicht gleich mit? Wär’ doch ein Abwasch.“

„Es geht darum, dass sich hinter den Zahlen Schicksale verbergen.“

Sie lachte auf.

„Ach ja? Damit erzählst Du mir nicht unbedingt was Neues.“

„Erst wenn die Täterkinder begreifen, dass die ‘Opfer’ sich, falls überhaupt, gewiss nicht bloß als Opfer begriffen, sondern verschiedenste Lebenshorizonte hatten und in vergleichbar bunten Zusammenhängen bewegten wie sie selbst, begreifen sie es vielleicht.“

„Verstehe“, sagte sie. „Und dann setzt endlich der Schmerz ein. Und mit dem Schmerz die Katharsis. Und dann ist die Welt fast wieder in Ordnung. Mal abgesehen von den sechs Millionen, die dabei dummerweise unter die Räder gekommen sind.“

Sie zwang ihre Stimme zur Ruhe.

„Liebling, das klingt ja alles sehr löblich. Aber es ist dein Problem. Ich und mein Großvater haben herzlich wenig damit zu tun.“

Ich rang um eine Antwort.

„Es gibt nur die Wahl zwischen zwei Fehlern. Ich seh’ keinen anderen Weg, das emotionale Informationsdefizit anzugehen...“

Sie hustete laut und heftig.

„Heilige Scheiße! ‘Emotionales Informationsdefizit’. Sollte irgendwer wirklich daran interessiert sein, sein oder ihr ‘emotionales Informationsdefizit’ auszugleichen, war zwischen 1945 und heute dazu genug Zeit. Du überschätzt den Bedarf. Die allermeisten Deutschen leben hervorragend damit, nichts über ihre Opfer zu wissen. Dziadziu macht sich Vorwürfe, dass er sich damals aus dem Waggon hat prügeln lassen und seine Mädchen allein ins Gas reisen mussten. Der fragt sich bis heute, was er falsch gemacht hat. Aber die Mörder? Die lässt es kalt.“

Wir verstummten. Es rauschte in der Leitung, irgendwo ratterte ein Zählwerk. Entfernt summte ein Freizeichen.

„Gerade weil es sie kalt lässt, müssen ihre Kinder erfahren, was gewesen ist. Indem man die Geschichte der Opfer totschweigt, ermordet man sie ein zweites Mal.“

„Kannst du mir mal erklären, wieso die Juden immer für die seelischen Defizite der Deutschen herhalten müssen?“

„Mein Gott. Das Dilemma ist bekannt. Natürlich benutze ich Dziadziu, um die Gefühle der Täterkinder zu erreichen. Andererseits: Nur so fällt er aus der Rolle, die Heydrich und Eichmann für ihn vorgesehen hatten. Denn dass er hinterher Zeugnis ablegt, stand nicht auf deren Zettel.“

„Hab’ mal den Nerv, ihm das zu erzählen. Er ist ein alter Mann mit grauenhaften Erinnerungen. Erinnerungen, auf die er liebend gern verzichtete.“

„Ich zwinge ihn doch nicht, sich zu erinnern. Das tut er sowieso. Ich hätte auch nie versucht, ihn dazu zu bringen, das aufzuschreiben. Aber jetzt liegt das Material nun mal vor.“

„Und deswegen bist du jetzt so frei, es zu veröffentlichen?“

„Ich bin sogar so vermessen zu glauben, dass das ihm möglicherweise eine Genugtuung wäre.“

„Leuchten dir meine Einwände denn überhaupt nicht ein?“

„Klar. Doch dann kann man’s gleich lassen. Es gibt keinen Ausweg und es wird nie einen geben. Für keinen.“

„Du suchst also noch immer nach einem Ausweg? Ich dachte, das hättest du dir abgeschminkt. Wen zur Hölle willst du eigentlich retten? Merkst du denn nicht, dass du mindestens vierzig Jahre zu spät kommst?“

„Mit deiner Prämisse gibst du Hitler im Nachhinein Recht. So lebt das tausendjährige Reich in den Köpfen tausend Jahre fort.“

„In der Köpfen der Deutschen vielleicht. In denen der Juden wird es die Vernichtung sein.“

Ich hörte, wie sie sich eine Zigarette anzündete, merkte, dass selber keine mehr hatte und ärgerte mich, sie angerufen zu haben.

Sie blies den Rauch in die Sprechmuschel.

„Abgemacht“, sagte sie schließlich. „Ich werd’ ihn fragen.“

„Vergiss es. Ich befürchte, du hast Recht.“

Sie lachte auf.

„Vor drei Minuten warst du noch wie besessen von der Idee. Nun willst du auf einmal nicht mehr. Was ist los mit uns? Ist das bloß beschissenes Timing oder reden wir grundsätzlich aneinander vorbei?“

Es weihnachtete.

Ich saß in der Redaktion und las. Die Doppelseite mit Janneks Geschichte war im Satz. Dass seine Aufzeichnungen ausgerechnet zum Lichterfest erschienen, schmeckte zwar schal, aber es passte. Eingangs hatte ich in ein paar Zeilen beschrieben, wie er mir die Jacke schenkte. Von wegen der angeblich so christlichen Tugend, Feinden mit Liebe zu begegnen.

Es war noch nicht spät, doch die meisten Kollegen hatten bereits Feierabend gemacht. Ich blätterte in einem Buch über den Majdanek Prozess. Hinter mir, über der Rückenlehne, hing die unbezahlbare dreißig Dollar Jacke von Jannek. Da es kalt war, trug ich Pullover. Den hellbraunen von Lars’ Vater. Ich besaß nicht viele Textilien.

Auf einmal stolperten meine Augen über einen vertrauten Namen. Obwohl die Schurwolle beste Qualität war, tanzten mir plötzlich kalte Schauer über den Nacken. Man braucht kein Spiritist zu sein, um nicht an Zufälle zu glauben.

Ich stand auf und holte ein altes Telefonbuch. Eines, in dem Lars’ Vater noch verzeichnet sein musste. Unwahrscheinlich, dass mehrere Teilnehmer mit demselben Namen und Beruf in diesem Vorort lebten. Es gab nur einen Eintrag.

Ich starrte auf das Gedruckte. Die Zeilen begannen zu flattern und verschwammen.

Ich sehe Lars, wie er den Wagen in den Süden Hamburgs chauffiert, als wir zu seiner Mutter hinausfahren. Ich frage ihn nach seinem Vater.

„Was hat dein Alter im Krieg gemacht?“

„Er war bei der SS.“

Das kommt kurz angebunden. Lars blickt vor sich auf die Straße. Seine Tonlage bleibt neutral.

„Habt ihr mal darüber gesprochen?“

„Nein.“

„Wieso nicht?“

„Weil das nicht ging. Darüber konnte ich nicht mit ihm reden.“

Er schweigt.

Ich bohre nicht nach.

Die Masse der SS-Leute hat in militärischen Einheiten gekämpft. So wie mein Vater.

Ich erinnere mich daran, wie der mir mal geschildert hat, dass sich ein Bursche aus der Nachbarschaft bei ihm darüber beklagt habe, man zöge ihn zur SS.

„Dem war das gar nicht geheuer“, sagte er. „Der wäre viel lieber zur Wehrmacht gegangen.“

„Wann?“

„Als absehbar war, dass es auf den Rest ging.“

„Wovor hatte er Schiss?“

„Davor, wie man ihn als gefangenen SSler behandeln würde.“

„Also hatte er eine Vorstellung davon, wofür das stand?“

„Das hatten die meisten.“

„Auch im Hinblick darauf, was sich im Osten abspielte?“

Mein Vater inspizierte einen Moment lang intensiv seine Fingerspitzen. Er saß mir gegenüber am Balkonzimmertisch. Es war Sommer und die Fenster standen offen.

„Weiß nicht“, sagte er. „Ich erwähne das nur, um zu illustrieren, dass nicht alle SS-Leute Freiwillige waren. Ab sagen wir Herbst ‘43, es kann auch ein halbes Jahr früher oder später gewesen sein, wurde zur SS gezogen. Außerdem kamen alle Volksdeutschen automatisch zur SS.“

Ich schüttelte irritiert den Kopf.

„Gegen Ende des Krieges gab es über eine halbe Million SS Angehörige“, sagte er. „Das war eine regelrechte Armee. Die waren nicht alle in den KZ eingesetzt. Das ging gar nicht. ‘SS’ ist nicht gleich ‘SS’. Da musst du differenzieren. In den letzten Kriegsjahren rekrutierten die praktisch Alles und Jeden. Wo es irgend ging. Balten, Wolhynen und Ukrainer. Die schrägsten Figuren darunter. Etwa Bosnier. Das waren Muselmanen.“

Er lachte auf und tippte sich verständnisinnig an die Stirn.

„Die trugen Fez zur Uniform.“

„Als Freiwillige?“

„Bei den Osteuropäern bin ich mir da nicht so sicher. Die kamen ja teilweise aus Gefangenenlagern. Die Skandinavier und Holländer schon. Björne meldete sich auch zur SS.“

„Björne?“

„Einer der Rönnefjell Brüder. Der, mit dem ich Sommer achtunddreißig durch Norwegen geradelt bin.“

„Der Typ, über den du dich so geärgert hast, weil er an Berghängen immer schon lachend oben stand und wartete, wenn du keuchend angekrochen kamst?“

„Genau der.“

„Weshalb hat er sich denn gemeldet?“

„Seine persönlichen Motive hat er mir nie verraten.“

Mein Vater zuckte ein paar Mal mit dem Mund.

„So unerklärlich ist das gar nicht. Vor dem Krieg waren die Norweger relativ deutschfreundlich, besonders die Leute in Alesund, weil der Kaiser ihnen nach dem Brand von 1904 beim Wiederaufbau ihrer Stadt geholfen hatte. Später sind dann viele junge Männer zur SS gegangen. Quasi aus nachtragender Dankbarkeit.“

„Und der andere Bruder?“

Der Nagel seines rechten Daumens zupfte an dem des linken Mittelfingers. Als ob er mit einem Plektron spielte.

„Hendrik ging zu den Partisanen.“

„Haben sie auf einander geschossen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Was ist aus ihnen geworden?“

„Hendrik hat überlebt.“

„Und Björne?“

Seine Kaumuskeln zuckten.

„Russland.“

„Wann?“

„Ziemlich spät. Anfang ‘44.“

Er sah an mir vorbei, hielt die Hände gefaltet und knetete die Finger. Hinter ihm wuchs der Abendhimmel ins Blau.

Der alte Lada röhrt. Lars fährt ihn gern hochtourig. Sein Vater ist Jahrgang 1921. Wie meiner. Den hat man erst relativ spät zur Wehrmacht geholt. Mit neunzehn. Seiner muss sich zur gleichen Zeit oder eher darum bemüht haben, in die SS aufgenommen zu werden.

„Er hat sich freiwillig gemeldet?“

„Hmm.“

„Wie reagierte er, wenn du ihn darauf angesprochen hast?“

„Das könne ich nicht verstehen. Es sei eine andere Zeit gewesen.“

„Sonst hat er nichts gesagt?“

„Sonst nichts.“

„Wo war er denn?“

„Im Osten.“

‘Osten’ hatte nur bedingt etwas mit Geographie zu tun, obwohl es meist für Russland stand. Osten war Mythos und Fluch, Kreuzzug und Götterdämmerung, Verheißung und Hölle, die Chiffre für Herrenmenschenwahn und Blutrausch, zahllose Oradours und ungezählte Lidices, Massengräber und Mordfabriken. Der Oger, den unsere Väter sich schufen.

Mir schwirren Bildfetzen durch den Kopf: Sangesfrohe, deutsche Soldaten auf dem Vormarsch, die beim ‘Heidewitzka’ von “Oh, du schöner Westerwald” ein ‘Himmelarschundzwirn’ einflechten, als könnten sie es kaum abwarten, den ihren zuzukneifen und an die große Pforte zu klopfen. Lachende Halbstarke mit Bubigesichtern auf dem Weg in den Heiligen Krieg.

Endlose Ebenen und weite Horizonte, Hitze, gekauter Staub, flirrende Sonne, vor Durst am Gaumen festgeklebte Zungen; Matsch, Schlamm, Mückenschwärme und Sümpfe, klamme Zeltplanen und nasse Wolldecken, Wanzen, Krätze und Schnee. Schnee in jeder Form, allgegenwärtig, erhaben. Erbarmungslos.

Dieselben Milchbärte als graugesichtige Greise mit blau gefrorenen Lippen, bibbernd, greinend, denen beim Flennen der Sabber in Fäden aus dem Mund hängt, und deren verdreckter Uniformfilz im Schritt braun gekackt ist. Und das, was sie angerichtet haben, solange sie noch ‘Heidewitzka’ grölten: Straßenzüge voller Erhängter, die von Balkonen und Laternenmasten baumeln, zerschossene Städte, verendete Pferde und zertrampelte Felder, brennende Holzhäuser und brüllendes Vieh.

„War er bei einer Einsatzgruppe?“

„Nein.“

Ich hakte nicht nach, dachte nur, kein Wunder, bei solch einem Vater: Einer von den verbitterten Säcken, die sich nie damit abfinden können, dass ihr blutiger Spaziergang durch Europa für die Katz gewesen ist. So starr wie sprachlos. Bloß wenn sie besoffen sind, bricht da mitunter etwas auf. Dann kriegen sie feuchte Augen und beschwören die Ehre ihrer gefallenen Kameraden, als verleihe das dem Gemetzel Sinn.

Als Debbie uns den Bericht sandte, hatte ich Lars von Jannek erzählt. Da wirkte er nicht verkrampfter als andere. Klar, mir fiel auf, dass er bestimmte Themen mied. Seine gespielte Nonchalance verriet mehr, als sie verbarg. Doch diese Sorte Unbehagen legten viele an den Tag. Bei Lars hatte es mir damit erklärt, dass er sich nie der Vergangenheit seines Vaters hatte stellen können. Weil der Alte ihm keine Chance dazu gab. Aber Majdanek hatte ich nicht assoziiert. Oder?

Ich erinnerte, wie ich in dem Haus der Eltern ein Foto in die Hand genommen hatte, das seinen Vater als jungen Mann zeigte. Eines der typischen Soldatenportraits, die auf Nachttischen verstauben. Viereinhalb mal fünf Zentimeter. Schwarzweiß. Ausgezackter Rand. Vergilbt und unscharf. Eine undefinierbare Ausgehuniform, zwischen Kragenspiegeln und Schirmmütze ein nichts sagendes Gesicht. Jung, hübsch, alltäglich. Harmlos. Ebenso harmlos wie das Gesicht meines Vaters als Neunzehnjähriger und die Zeit, in der es entstand.

Natürlich schoss es mir durch den Kopf. Ich ließ den Argwohn bloß nicht zu. Viele waren bei der SS, dachte ich. Nicht jeder davon hat Juden geschlachtet.

Woher rührte der Drang, den Verdacht sofort zu ersticken, mich innerlich zu belächeln und mir zu sagen, dass ich dazu neigte, allzu rasch dramatische Schlüsse zu ziehen? Was hielt mich ab, nachzufragen? Wollte ich im Haus einer trauernden Witwe keine hässlichen Fragen stellen? War es die Gier auf die Sachen ihres toten Mannes? Normalerweise brauchte man doch nur die Kante des Wohnzimmerteppichs zu lüften, schon waberte es einem entgegen. Sonst echauffierte ich mich, dass damals alle bloß zusahen und keiner gefragt hatte. Und ich, vierzig Jahre später, mit dem Wissen, welche Folgen diese Art Fraglosigkeit hat?

Ich bangte um meine popelige Heimatidylle, die Oase, den Flecken sicheren Territoriums. Meine Fiktion von heiler Welt. Es war ein paar Schritte zu dicht vor der Haustür.

‘Die Einschläge kommen näher’, bemerkte mein Vater bisweilen, wenn er vom Tod Gleichaltriger erfuhr.

Ich entsann die Wut und Enttäuschung, die ich bei seinen Berichten oft empfunden hatte. Sein nutzloser Schmerz widerte mich an. Es waren seine Toten, sein Krieg, seine rastlosen Gespenster. Was konnte ich dafür?

Einmal hatte ich ihn angeschrieen: ‘Wenn du damit nicht leben kannst, setz keine Söhne in die Welt.’

Darüber zu reden war nicht leicht, es dauerte Jahre, kostete Kraft und Zeit und Mut. Und ging nur zusammen. Doch es war ein Kinderspiel, im Vergleich zu dem, was einer wie Lars bewerkstelligen musste.

Was, bitte schön, hätte der denn sagen sollen? Vielleicht: ‘Das ist mein Vater, der SS Rottenführer. Das armseligste Licht in der Hierarchie der Herrenmenschen, ein Laufbursche des Massenmords, sozusagen. Ein Monstrum, aber keines, das was hermacht. Eher ein Zufallsprodukt von Zeit, Ort und Diensteifer. Nicht korrupter, sadistischer oder brutaler als all die übrigen. Immer nur angepasst, sich stets pünktlich an die jeweils vorgegebenen Maßstäbe haltend. Auch an die des Grauens. Ein Mitläufer. Im Wortsinn. Eben der, der neben den Menschen herlief und sie ins Gas trieb.’

Bei einer Einsatzgruppe war Lars’ Vater übrigens wirklich nicht gewesen. Dafür erfuhr ich jetzt den Spitznamen, den die Häftlinge ihm im Lager verpasst hatten. Er hieß ‘Todesengel’, weil er so jung und unschuldig aussah. Der Engel hatte ein Faible für Geschicklichkeitsübungen am menschlichen Objekt: Einer der Überlebenden gab zu Protokoll, wie er den Ochsenziemer zu handhaben verstand.

„Er schlug so, dass sich der Riemen um den Kopf wickelte. Dann zog er kurz an, dadurch wurden die Augen herausgeschlagen.“

Auf der Abbildung, die den Peitschenvirtuosen fünfunddreißig Jahre später zeigte, hatte er ein aufgedunsenes Durchschnittsgesicht. Eine Biedermannvisage, feist, rundlich, ohne Umrisse. So langweilig wie unauffällig. Sie passte zu dem Reihenhaus, in dem er gewohnt hatte.

Seit wann wusste Lars über seinen Vater Bescheid? Spätestens seit dem Prozess. Und vorher? Als der Alte ihn auf dem Schoß wiegte, in den Arm nahm oder mit ihm spielte? Irgendwann hatte er das Flüstern mitbekommen, waren erste Andeutungen gefallen. Peu à peu dämmerte es ihm und er war in Wahrheit eingebrochen. Wie durch Eis über einem zugeschneiten See.

Sicher. Soundsolange konnte man es verharmlosen, Entlastungszeugnisse suchen, fremde Gräuel gegen eigene aufrechnen, sich hinter Trotz verstecken, ‘Sieg Heil’ kreischen. Oder man kappte die Verbindung zum Alten, gab auf, seine Anonymität zu wahren. Brach das Schweigen. Versuchte, Worte zu finden. Vermutlich brauchte man allein dafür schon zwei bis drei Leben lang.

Was von all dem hatte mein Freund hinter sich?

Ich sah ihn und Kai durch den Supermarkt toben, unbeschwert, verspielt und liebevoll. Und wie sich Lars’ Gesicht verschloss, als ich ihn auf seinen Alten ansprach.

„Wir hatten kein besonders gutes Verhältnis, nicht so wie Kai und ich.“

Irgendwann würde Kai erfahren, was sein Großvater während des Krieges getan hatte. Spätestens dann stünden die Toten auf, stünden zwischen Sohn und Enkel, zwischen Vater und Sohn. Berge von Toten, unterschlagen, verheimlicht, weg gelogen. Unüberwindlich. Und dann?

Schließlich griff ich zum Telefon. Lars war zu Hause. Nach ein paar Sätzen sagte ich, dass ich gerade über seinen Vater gelesen habe. Bot ihm an, darüber zu sprechen. Heute, morgen, bei Gelegenheit. Wie es passe. Er zögerte. Aus welchem Buch ich das denn habe? Ich nannte ihm den Titel. Ob er es kenne? Er bejahte. Schwieg einen Moment. Als er weiter sprach, klang seine Stimme so, wie sie an dem Nachmittag geklungen hatte, als er Hemden aufhängte.

Er wisse, dass mich das Thema beschäftige. Er respektiere das. Für ihn jedoch sei es abgeschlossen. Er habe den Prozess verfolgt und sich alles angehört, was gegen seinen Vater vorgetragen worden sei. Vieles könne man auch anders sehen. Einige der Zeugenaussagen zum Beispiel. Das sei damals irgendwer gewesen. Und nun habe eben sein Vater auf der Anklagebank gesessen und auf den hätten die Zeugen ihren Finger gezeigt. Das könne er ja auch verstehen, nach all dem, was passiert sei. Sein Vater sei ja auch in Majdanek gewesen. Das wäre ja alles richtig. Doch ob er nun wirklich derjenige war, der an diesem oder jenem Tag das und das getan habe, sei eine andere Sache. Er habe sich lange mit diesen Fragen beschäftigt und sei nie auf eine befriedigende Antwort gestoßen. Weder so noch so. Letztendlich könne man nicht ständig in der Vergangenheit graben. Irgendwann sei die Gegenwart dran. Zumindest für ihn. Er habe unter die Sache einen ‘Schlussstrich gezogen’. Sein Vater sei tot und das Thema für ihn ‘durch’. Abschließend holte er tief Luft. Außerdem hätten sich andere ‘auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert’. Er dächte da an die Türken und die Armenier. Oder an das, was die Israelis in der Westbank abzögen. Darüber solle ich mal nachdenken.

Ich sparte mir die Frage, was er später seinen Sohn erzählen wollte. Es war kein sehr langes Telefonat. Aber ich habe keinen Schimmer, was ich an seiner Stelle gesagt hätte.

Doch dann musste ich an Jannek denken. Unter welchen Schuldgefühlen der täglich litt, weil er sich von Leuten wie Lars’ Vater aus dem Waggon hatte prügeln lassen. Oder wie viele schlaflose Nächte der Zeuge, der dem Gericht über die Peitschenkunststücke des Rottenführers berichtete, seit seiner Zeit im Lager hinter sich hatte. Wie oft der nachts hoch geschreckt war, weil ihn die Bilder verfolgten, der Lärm der eingehenden Transporte, das Durstgeschrei der Kinder, die Rufe der Mütter oder das Gestöhn der Alten. Und die entsetzlich Stille hinterher.

Wie viele Male hatten die sich das Hirn zermartert, welcher irrwitzigen Fügung sie ihr Entkommen verdankten, mit welcher Berechtigung gerade sie aus Ungezählten hatten überleben dürfen? Und welcher Fluch auf dieser Rettung lag, da sie mit ansehen mussten, wie die Täter entkamen, das Mörderland sie deckte, ihre Verfolgung verschleppte, die Verbrechen wie Kavaliersdelikte ahndete, ihnen Haftverschonung, Renten und Pensionen gewährte, Entschädigungen zusprach und gestattete, die Handvoll derer, die noch auf sie zeigen konnten, mit Verleumdungsklagen zu überziehen?

Wer wurde seine entsetzlichen Erinnerungen bis ans Lebensende nicht los? Wer quälte sich im Zeugenstand damit herum, unter Tränen, in gebrochenem Deutsch, diesem Lagerdeutsch, der Sprache der Schinder, um vor Gericht vom Verteidiger der Mörder als unglaubwürdig hingestellt zu werden, weil er oder sie fünfunddreißig Jahre nach irgendeinem der zahllosen Morde nicht mehr exakt wusste, an welchem Wochentag und zu welcher Stunde das Verbrechen geschah? Und ob es damals gerade geregnet hatte oder die Sonne schien?

Gab es darauf eine befriedigende Antwort? Eine, die nicht nur weiter auslöschte?

Weshalb hatte ich so viel Mitleid für das Täterkind, so viel Phantasie für den Schmerz, den sein Vater ihm möglicherweise bereitet hatte, so viel Verständnis dafür, dass er nicht darüber sprechen wollte? Woher nahm ich den obszönen Takt, Lars nicht weiter zu fragen, wie viel Geld, Gold und alten Schmuck er von dem Alten geerbt hatte oder erben würde, sobald die Mutter starb? Und von wem dieses Geld und das Gold und der alte Schmuck stammte und ob er es sexy fand, dass ein Meer von Blut daran klebte?

An diesem Abend saß ich ziemlich lange in der Redaktion. Aus dem Fenster blickte man auf die Stadt. Der Bericht von Jannek war im Satz. Ich konnte ihn nicht mehr ergänzen oder zurückziehen. Doch es war nur die halbe Geschichte, die Hälfte des einen, der bis zum diesem Tage dafür zahlte. Die andere Hälfte blieb ungesagt, totgeschwiegen, war da draußen, hinter festlich geschmückten Fenstern, im trauten Schimmer von Stearinkerzen und elektrischer Weihnachtsbeleuchtung.

Obwohl mir kalt war, zog ich den Pullover aus und kroch in die Jacke. Ich wusste, dass es nichts half. Trotzdem. Mehr konnte ich nicht tun.

„Du suchst noch immer nach einem Ausweg“, hatte Karen gesagt.

Ich rauchte und sah aus dem Fenster. Schließlich griff ich wieder zum Telefon. Vielleicht war sie ja da. Ich hielt den Hörer mindestens eine Minute. Und lauschte dem Freizeichen.

Willkommen in der Heimat.