Sie fiel mir sofort ins Auge. Das lag nicht nur daran, dass man vom Zapfhahn hinter dem Tresen direkt auf den Windfang sah. In einer Kleinstadt fallen Fremde auf. Mit ihrer Baskenmütze und dem alten Mantel erinnerte sie an eine Schönheit aus dem Maquis, die sich um drei Dutzend Jahre und ein paar Hundert Kilometer nach Norden verirrt hatte. Obwohl ihr rodeotaugliches Schuhwerk dazu nicht passte.
Im Reinkommen, noch an der Doppeltür, zog sie den grauen Mantel aus. Er war lang, mit breitem Kragen. Ein paar Nummern zu groß. Darunter trug sie Rollkragenpullover und Jeans. Über das nasse, dunkle Leder ihrer Cowboystiefel zogen sich weiße Bänder von Schneewasser. Sie blieb in der Nähe des Eingangs stehen, nahm die Mütze ab und schüttelte das Haar aus. Es war lockig, rotbraun und fiel tief in den Rücken. Ihr Blick schweifte durch den Raum. Die meisten Tische waren besetzt. Viele Leute standen. An einem Freitagabend gegen halb zehn war der Pub immer ziemlich voll...
Sie musste Amerikanerin sein. Doch für eine Landpomeranze aus Utah oder Alberta wirkte sie zu urban. Eher war sie Franco-Kanadierin. Oder sie kam aus Boston und hatte Verwandte im Mezzogiorno. Als sie zu mir rüber sah, warf ich ihr einen fragenden Blick zu und zählte mit den Fingern bis fünf. Sie grinste schief, zuckte mit den Achseln und zeigte mit dem Daumen auf ihre Brust. Die vollen, leicht vorgestülpten Lippen passten gut zu den dunklen Bögen über ihren Augen. Ich wies auf einen Zweiertisch im hinteren Teil des Raums. Sie trat vor, lächelte und nickte. Sobald sie saß, zog sie ein gebundenes Heft aus ihrem Taschenrucksack und zückte einen Kugelschreiber. Dann strich sie das Haar zurück, blätterte durch die Seiten und kritzelte ein paar Zeilen, bevor sie aufsah und ihre Augen durch das Ambiente wandern ließ. Vielleicht führte sie Tagebuch. Hielt gerade fest, wie die Glasfenster der Kathedrale auf sie gewirkt hatten. In der frühen Dämmerung. Oder machte sich Notizen über die Bahnfahrt von London hier ‘rauf, in einem der altertümlich separierten Abteile, die noch Einzeltüren hatten.
Während ich darauf wartete, dass die Maquisarde etwas bestellte, um sie endlich aus der Nähe beäugen und das Rätsel ihrer Herkunft zu lüften, machte ich sieben ‘Bitter’, drei ‘Ales’ und ein paar Gläser Wein fertig, schob vier ‘Heinecken’ und die gleiche Zahl ‘Grolsch’ über die Theke, erklärte zum fünften Mal, dass es keine Kartoffelchips mit Zwiebelaroma mehr gab, aber noch reichlich Paprika und Käse im Angebot seien, fluchte leise auf den Manager, der immer wieder vergaß, Chips nachzubestellen, bedauerte, dass der Zigarettenautomat kaputt, die letzten ‘Silk Cut’ vergriffen waren und ich nur noch ‘Benson’s’ zu bieten hatte, ließ mich von einer krass geschminkte ‘Silk Cut’ Raucherin, deren Parfümwolke an Körperverletzung grenzte, belehren, dass ‘Benson’s’ wie getrockneter Kuhdung rochen, verschwieg ihr, dass der Duft von Zigaretten die geringste ihrer Sorgen zu sein brauchte, solange sie in chemischen Kampfstoffen badete, verweigerte einem bereits heftig angeschlagenen Iren mehr Stoff, erntete ein „Imperialistenknecht“ von ihm, wartete auf Feierabend und ertappte mich dabei, wie ich zwischendurch immer wieder den Blick des Cowgirls suchte.
Im vergangenen Herbst, vier Tage nach der Rückkehr aus Marokko, hatte ich mein Konto bei einer Hamburger Bank gekündigt und mich auf die Fähre nach Harwich gesetzt. Tags zuvor hatte eine bebrillte Blondine beim ‘British Council’ mir den Weg zum Kunststudium in England erläutert. Zunächst müsse man einen einjährige Einführung am College absolvieren. Die Gebühren waren erschwinglich, aber das Semester hatte bereits begonnen. Der einzige Kurs, der noch in Frage kam, fand in York statt. Meine Mittel reichten für die Überfahrt, den Zug, das Schulgeld und zwei Wochen Miete. Zum Leben musste ich dazu verdienen. So war ich in den ‘De Grey Rooms’ gelandet. Für die Mischung aus Langeweile und Hektik, Lärm, schwachsinnigen Bemerkungen und dürftigem Trinkgeld fand ich den Lohn sehr überschaubar. Doch Barkeeping war der einzige Job, der sich mit dem College vertrug. Also stand ich von halb sechs bis halb zwölf hinter der Theke.
Der Pub lag direkt neben dem Theater am Rand der Altstadt im Schatten der Kathedrale. In der ersten Stunde der Schicht lungerte ich ‘rum, putzte Gläser und parkte Aschenbecher. Gegen halb sieben kamen die Theatergänger. Nach Beginn der Vorstellung um halb acht musste ich Studenten, Pärchen und Feierabendtrinker bei Laune halten. Gegen halb neun wurde es voll. Spätestens viertel vor zehn kehrten die Musenfreunde zurück, drängelten wie eine verdurstende Viehherde vor der Tränke, wedelten aufmerksamkeitsheischend mit Pfundnoten, traten auf fremde Füße, bohrten sich gegenseitig Ellenbogen in die Rippen und vermieden erfolgreich jeden Hauch britischer Zurückhaltung. Unter den Bestellenden fand sich stets der eine oder andere Zauderer, der die übrigen zu geräuschvollem Quengeln einlud. Ab elf durfte nichts mehr ausgeschenkt werden. Deshalb war die Hälfte der Gäste kurz nach zehn blau. Sobald der Alkohol die Neurosenkorsetts gelockert hatte, mischte sich das Grölen der Männer mit dem Aufkreischen angetrunkener Weiber. Gegen halb elf stierten manche bloß noch blöde oder besabberten sich mit Bier. Andere, vorzugsweise solche mit Triefblick, laberten mich voll, weil ihnen sonst keiner zuhörte, nölten über untreue Frauen, üble Chefs, miserablen Lohn, lausigen Fußball, popelige Autos und zu hohe Raten. Sobald ich viertel vor elf die Glocke schlug, bestellten die meisten noch mal, die Trinker nicht selten gleich mehrere Pints auf Vorrat. Oft stürzten sie ihr Bier schon im Gehen ‘runter. Ich musste nur zusehen, dass ich sie vor dem Abkotzen auf die Strasse bekam.
Endlich stand das Cowgirl auf und näherte sich der Bar. Sie war mittelgroß, schlank und üppig, ihre Bewegungen weich und fließend. Ich spürte das vertraute Pochen unterhalb des Bauchnabels und fühlte mich wie ein hungriger Sandro Botticelli. Immerhin nahm ihre Erscheinung mich so sehr in Anspruch, dass ich den geöffneten Zapfhahn vergaß und zu meinen Ungunsten verrechnete.
„Hi“, kam es. Sie lehnte lächelnd über den Tresen und ließ auffallend gute Zähne sehen. Also war sie Amerikanerin. Nur die haben die Angewohnheit, sich auf einem einzigen, einsamen Vokal eine Dreiviertelsekunde lang auszuruhen, als lieferten sie damit einen rhetorischen Meilenstein ab.
Ihre Stimme war angenehm, in der Tonlage irgendwo zwischen Sopran und Alt. Was sie trinken wolle? Meine Stimme raschelte unverhofft heiser. Ich korrigierte das sofort mit einem Räuspern. Ihre Mundwinkel zuckten. Ob es Wein gäbe? Gewiss, weißen wie roten. Was sie bevorzuge, mittel oder trocken? Rot. Möglichst trocken. Ob Bordeaux in Ordnung sei? Wenn ich den empfehlen könne, sicher. Wieder lächelte sie und blickte mir nun direkt in die Augen. Im Licht der Bar war ihre Iris braungelb. Mit grüngrauen Einsprengseln. Die Pupillen schienen ziemlich groß. Das lag vermutlich nur an der Beleuchtung. Von Nahem wirkten ihre Lippen noch viel versprechender. Ich hätte den Wein nie probiert, aber er sei teuer genug, um kein Essig zu sein. Ihr Auflachen kam als helles Gurren. An der Art, wie sie grinste, sah ich, dass sie grundsätzlich nicht abgeneigt war.
Während ich ihr einschenkte, fragte sie, woher ich käme. Deutschland, antwortete ich. Sie wunderte sich über meinen Akzent. Der sei aus Oklahoma. Oklahoma? Da gäbe es doch nur Bohrtürme, Staub, Prärie und Steppenhexen. Sie klang amüsiert. Was ich dort gesucht habe?
Für die meisten Nordamerikaner ist Oklahoma ein Musical. Die übrigen reagieren auf das Stichwort mit Naserümpfen und Spott. Es sei denn, sie kommen aus Arkansas, Iowa oder Montana.
Oklahoma liegt im Südwesten, eingequetscht zwischen Kansas und Texas, ist tiefste Provinz und genießt den Ruf, trocken, staubig und bigott zu sein. Nicht ganz zu Unrecht. Außer Erdöl und einer Handvoll entrechteter Indianer, die dort bis Ende des letzten Jahrhunderts in Reservaten zusammengepfercht wurden, hat es auf den ersten Blick wirklich wenig zu bieten. Abgesehen von ein paar hartnäckigen Ortsgruppen des Ku Klux Klan und zahllosen Baptistengemeinden.
Die Zeiten, in denen Gesetzlose wie die James-Younger-Gang oder die Dalton-Brüder dem Landstrich einen Hauch romantisches Flair verpassten, sind vorbei. Seit Dürre und Sandstürme, Zinseintreiber und Banken in den dreißiger Jahren Tausende hungernder Farmern von Oklahoma nach Westen vertrieben, ins gelobte Land Kalifornien, wo sie Arbeit als Pflücker suchten und an den Staatsgrenzen mit Knüppeln und Schrotflinten willkommen geheißen wurden, bedeutet das Wort ‘Okie’ soviel wie nutzloser Bauerntrottel.
Das liegt nicht zuletzt auch am Akzent der Leute. Sie sprechen breit und langsam, trennen die Silben kaum, sondern verbinden sie zu einem schleppendem Singsang, als habe sich ihr Sprechtempo dem Flimmern von Augustnachmittagen angepasst, wenn das weiße Licht alle Konturen zerfließen lässt und man das Gefühl hat, flüssiges Blei zu atmen. Ich mag diesen Zungenschlag ganz gern. Er hat seinen eigenen Rhythmus. Für mich schwingt darin immer auch etwas von der Weite offener Horizonte. Doch die sind bekanntlich nicht jedermanns Sache, und mein Faible dafür ist vielleicht bloß ein Derivat von Marlboro-Reklame und Großstadtbeton.
Ich sei in Tulsa zur Schule gegangen, antwortete ich. Sie schüttelte irritiert den Kopf. Als Austauschschüler. Das wäre gewiss „eine echte Erfahrung“ gewesen. Ich zuckte die Achseln. Der Landstrich sei besser als sein Ruf. Woher sie denn komme? Aus New York. Ob ich das kenne? Bloß mal für ein paar Tage. Immerhin, sagte sie. Was sie in York treibe? Reisen. Im Winter? Sie lachte. Jetzt sei es wenigstens leer. Das gefiel mir.
„Tagebuch?“
Ich machte eine Kopfbewegung in Richtung ihres Tisches, wo Heft und Kugelschreiber lagen. Sie nickte. Eine Spur Rosa schoss über ihre Wangen.
„Alle möglichen Leuten schreiben Tagebuch. Aber es hilft tatsächlich.“
Jetzt lächelte sie wieder. Ich verkorkte die Flasche.
„Allein unterwegs?“
Ich war bemüht, beiläufig zu klingen, aber als sie mir in die Augen sah, wurde sie wieder rot.
„Ist das so offensichtlich?“
„Stört dich die Frage?“
Neben ihr begann ein bärtiger Mittdreißiger ungeduldig mit Münzen auf die Theke zu klopfen. Ob er bei mir heute noch bestellen könne. Er hatte ein quäkiges Organ und schien in die Kategorie Männer zu fallen, die befürchten, ohne Geschlechtshaar im Gesicht mit einer weiblichen Banane verwechselt zu werden. Wie viel sie mir schulde, fragte sie. Neunzig Pence. Beim Zahlen ließ sie sich Zeit, während der Bartträger weiter das Schanktischholz bearbeitete. Bevor sie mit dem Glas zu ihrem Tagebuch zurückkehrte, sagte sie, es sei nett mit mir zu plaudern. Dazu schenkte sie mir ein hinreißendes Lächeln.
Bis ich den Laden zumachte, trank sie zwei weitere Gläser Bordeaux. Ich erfuhr, dass sie sich in London mit ihrer Schwester getroffen hatte, für Schauspiel interessierte und in Saratoga Springs, einem Kurort nördlich von Albany, studierte. Auf meine Frage, ob wir nach Feierabend noch gemeinsam was trinken wollten, blickte sie einen Moment lang in Richtung ihrer Schuhspitzen, sah mich an, grinste und sagte „warum nicht“.
Sie half mir beim Aufräumen. Eine Viertelstunde, nachdem ich hinter den letzten Kunden abgeschlossen hatte, waren wir fertig. Bevor wir gingen, steckte ich noch zwei Flaschen Cidre ein. Als wir auf der Strasse standen, schlug die Uhr des Münsters halb zwölf. Es war kalt, ein paar Grad unter Null und die Nacht sternenklar.
Wir verbrachten die nächsten fünf Tage zusammen. Am Wochenende musste ich nicht arbeiten. Bis zum darauf folgenden Mittwoch schwänzte ich das College. Sie erzählte mir von Saratoga, den reichen, weißen Mädchen aus Neuengland, die in sauberen, aseptischen Vorstädten groß geworden waren und nun in der schmucken Kleinstadt aufs College gingen. Als Stipendiatin kam sie sich zwischen den betuchten Debütantinnen ziemlich verloren vor. Dann sprach sie von ihrer Kindheit in der Upper West Side an der Grenze nach Harlem, von den schwarzen und puertoricanischen Mädchen aus ihrer Klasse, von denen die Hälfte mit sechzehn schwanger war und von der Schule abging, und den Jungs, die arbeitslos blieben, drogten, dealten, oder sich einer Gang anschlossen. Und von der Atmosphäre in New York.
‘Die Stadt’ sei verrückt, voller Gegensätze und Extreme. Sie sagte nie ‘New York’, sondern immer bloß ‘die Stadt’. So, als ob es nur die eine gäbe. Es sei zauberhaft, faszinierend und schrecklich zugleich. Mit Menschen aller Art, auch einem Haufen kranker Leute. Nichts für Vertrauensselige oder Kinder.
An ‘Halloween’, wenn sie und ihre Schwester von Tür zu Tür gingen, um Süßigkeiten zu erbetteln, hatte ihre Mutter hinterher immer das erbeutete ‘Candy’ durchgesehen, nachdem ein Junge aus der Nachbarschaft sich mal den Mund an einer Rasierklinge zerschnitt, die in einem Apfel steckte.
Auf dem Schulweg habe sie stets ein paar Dollar ‘mugger money’ dabei gehabt, damit sie bei einem Überfall nicht mit leeren Händen dastand. Aber die Stadt hätte auch „mindestens eine Million“ anderer Seiten. Etwa die Sonntagmorgen mit der Kilo schweren ‘New York Times’. Oder die Freiluftkonzerte im Central Park, die Straßenkünstler am Washington Square, die ‘Performance Garage’, das East Village und den „Brownie Point“ auf der Zweiten Avenue, ums Eck vom St. Mark’s Place.
Entweder sie hatte Heimweh oder sie redete es sich schön. Oder redete es sich schön, um Heimweh zu spüren.
Als sie erfuhr, dass ich auf eine schwarze Schule gegangen war, gab sie mir lachend ein paar Kostproben ‘Jive’. Sie konnte es besser als die meisten Weißen, die schwarzes Amerikanisch imitierten. Dann wollte sie wissen, ob es in Oklahoma noch echte Indianer gäbe und die ‘Rednecks’ tatsächlich mit Gewehren im ‘Pick-Up-Truck’ spazieren führen.
Ich berichtete ihr von lupenrein weißen Kleinstädten, wo Schwarze aus dem Norden besser keine Autopanne hatten, und von der Angst der Hellhäutigen aus dem Westen Tulsas, wenn sie durch den östlichen Teil der Stadt fuhren. Wie sie vorher ihre Fahrzeuge verriegelten, damit an einer roten Ampel kein böser Neger zu ihnen ins Auto sprang. Davon, dass ich häufig die sechs Meilen von der Schule zu Fuß nach Hause gegangen war, in meinem ‘Booker T. Washington High School’ T-Shirt, und dass mich nie einer angefasst hatte, außer zwei weißen Jungs, die mal in ihrem Wagen neben mir hielten, ausstiegen und sofort auf mich eindroschen, weil ich im Hemd mit dem Aufdruck einer schwarzen Schule herumlief.
Ich erfuhr, dass sie eine Weile in Israel gelebt hatte, ihr Vater in Tel Aviv wohnte, sie ihrer Mutter nach der Scheidung zurück nach New York gefolgt war und ihre Eltern ursprünglich aus Krakau kamen. Sie sprach viel von ihrer Mutter. Die habe den Krieg in Polen verlebt und sich nie davon erholt. Über lange Phasen pendele sie zwischen Depression und Hysterie, dann wieder wirke sie ausgeglichen, sei voller Charme und Energie. Doch egal in welchem Zustand, sie verstünde es meisterlich, die Gefühle anderer zu manipulieren.
Wir redeten über unsere Eltern und über den Krieg. Und übers Reisen. Ich schilderte ihr, wie berückend schön die Landschaft im Südsudan war, malte ihr die Morgendämmerung über der Steppe aus, den rosa Teppich aus Flamingoleibern, der sich vor meinen Augen in die Lüfte erhoben und in breiten Wellen zu kreisen begonnen hatte, den grauen, nackten Gestalten, die mit Speeren durch das hohe, gelbe Gras der Savanne rannten, hinter Antilopen her, den schwarzen, krähenartigen Vögeln, die aufgeregt über orangen Buschfeuern flatterten, erzählte ihr von der Armut, dem Hunger, der Lepra. Und der Bettlerin, die auf dem Pfad vor unserer Unterkunft in Juba hockte.
Zum ersten Mal traute ich mich darüber zu sprechen, mit welcher Gleichgültigkeit ich über sie hinweg gestiegen war, dass ich mir dafür nicht verzeihen könne.
Da erinnerte sie sich an ihren heroinabhängigen Freund Wayne, der sie eines Tages von irgendwo unterwegs anrief. Eine verlorene Seele auf der Suche nach Halt. Er sei ‘clean’. Was er nun mache, habe sie ihn gefragt. Er druckste. Sie werde ihn auslachen, sagte er. Nein, sagte sie, sie schwöre nicht zu lachen. Alles dürfe sie tun, nur nicht lachen, habe er geantwortet. Dann gestand er, dass er plane, Marathonläufer zu werden. Sie habe gelacht. Sie hätte es nicht aufhalten können. Wayne habe wortlos eingehängt. Bis auf den Tag schäme sie sich dafür. Hinterher habe sie sich schlimmer gefühlt, als nach ihrer ersten Vergewaltigung. Davon hatte sie zwei hinter sich. Beide waren in dem blütenweißen Kleinstädtchen passiert, wo sie studierte. Einmal in ihrem Zimmer im sechsten Stock des Studentenwohnheims, mit einem Messer an der Kehle und einmal auf dem abendlichen Nachhauseweg durch einen Villenvorort. Da trat ein Mann aus einem Gebüsch und hielt ihr einen ‘Saturday Night Special’ vors Gesicht.
Der erste Vergewaltiger war schwarz. Er hatte ihr zum ‘Dank’ ein paar Gramm Kokain dagelassen. Er wurde gefasst, als er nach ein paar Tagen wiederkam, um sich bei ihr zu entschuldigen. Der zweite Vergewaltiger war weiß. Er blieb unbehelligt. So beiläufig, wie sie darüber sprach, hatte ich nie eine Frau davon sprechen hören. Doch sie behielt für sich, was die Distanz sie gekostet hatte. Oder wie oft sie üben musste, bevor sie es so bereden konnte.
Wir schliefen wenig und wurden nicht müde. Obwohl es kalt war, gingen wir viel spazieren. Der Fluss, die Ouse, führt durch eine flache Bruchlandschaft. Im Schneeregen brauchten wir das nasse Gras und die Pfützen nur mit frierenden Kühen zu teilen. Auch nach Scarborough fuhren wir mal, des Liedes von der ‘Fair’ wegen, und weil sie die Nordsee sehen wollte. Als sie nach fünf Tagen den Zug bestieg, stand ich nach ihrer Abfahrt noch ziemlich lange am Ende des Bahnsteigs, starrte auf Gleise und zählte die Schwellen.
Wir schrieben uns. Im Frühjahr brach ich meinen Kurs ab. Ich sehnte mich nach frischer Luft und freiem Blick, trampte durch Schottland, verbrachte eine Weile auf den Orkneys, fand in Aberdeen keine Arbeit, reiste im Frühsommer zurück nach Deutschland, jobbte eine Weile in Berlin und fuhr mit dem frisch Ersparten in die Provence. Den Herbst begann ich in Hamburg zu studieren.
Ende Januar besuchte ich sie im verschneiten Saratoga. Sie holte mich vom Bus ab. Im selben, übergroßen Wintermantel, den sie in York getragen hatte. Ich besorgte uns ein Auto, das nach Kalifornien überführt werden sollte. Von Long Island bis Fresno. In elf Tagen. Sechs davon kutschten wir durch den weißen Norden. Dann wurde die Zeit knapp. Wir knallten binnen vier Tagen von Küste zu Küste. Auf der Route 66. Über Oklahoma. Es reichte für eine lange Nacht in Tulsa und einen Sonnenbrand in der Wüste. Von Fresno brachte uns ein Greyhound nach San Francisco. Wir nisteten uns bei einem Freund in Berkeley ein. Zehn Tage später flog sie nach New York. Ich landete ein paar Stunden später in London, pennte mich bei einem Kumpel aus und nahm die Fähre. Bis Landungsbrücken.
Im Winter darauf kam sie nach Hamburg. Wir trampten in die Mauerstadt, froren, da der Schöneberger Kohleofen nicht zog, verliefen uns in Pankow und flogen aus einem Gitarrenkonzert raus, weil unsere Küsse die Kulturbegeisterten irritierten.
Ein halbes Jahr darauf ging ich nach New York. Über ein Stipendium. Sie traf vierzehn Tage vor mir ein. Es war Anfang August, ich heillos übernächtigt und der Asphalt auf der achten Avenue kochte. So oder ähnlich begann unser erster Sommer.
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