Drei Piaster Ballade, statt einer Zigeuneroper
Neulich hatte ich Streit mit meiner Schwester. Streit ist zuviel gesagt. Es war eher eine stimmungstechnische Misshelligkeit. Wir gingen durch die Wilmersdorfer Strasse. Es war Anfang Januar. Die gesichtslose Konsummeile hat auch sommers wenig Charme. Grauer Frosthimmel macht sie nicht reizvoller. Längs der Fußgängerzone zogen sich die tristen Gerippe abgeschalteter Weihnachtsgirlanden. Die Käuferschar hatte abgespeckt. Ihre Portemonnaies litten an Sodbrennen.
Vor dem Eingang zur U-Bahn Ecke Kantstrasse hockte eine Bettlerin. Sie trug ein buntes Kopftuch und einen langen Rock. Eine Rumänin, vermutlich. Auf dem Schoss, in eine Wolldecke geschlagen, hielt sie ein Kind.
Mittlerweile gibt es ziemlich viele Arme in Berlin. Hausgemachte und von auswärts. Die Dritte Welt rückt vor die Tür. Doch auf diese Art Exotik haben selbst Freunde von Fernreisen selten Lust. Nahe Armut wirkt bedrohlich. Mir indes ist es grundsätzlich lieber, wenn man mich fragt, als dass man mich zwingt. Deshalb gebe ich meist was. Das tue ich weniger aus Mitgefühl als aus Eigennutz. Echtes Mitgefühl überfordert in der Regel meine Vorstellungskraft.
Als ich der Bettlerin ein paar Mark zuwarf, meinte meine Schwester:
„Die braucht doch bloß zum Sozialamt zu gehen und sich die Knete abholen. Tut sie wahrscheinlich sowieso. Der Alte schickt sie betteln, und wenn sie abends nicht genügend mitbringt, bekommt sie Prügel. Doch das gibt ihr noch lange nicht das Recht, ihr Balg hier in den Frost zu halten.“
Ich zuckte mit den Achseln. Wir waren in Eile.
„Du finanzierst mit deinem Geld nur ihren Macker...“
Möglich, dass der Mann geohrfeigt gehörte, weil er die Frau mit dem Baby in der Kälte betteln ließ. Falls sie einen besaß. Viel Wahl hatte er nicht. Der Bedarf an osteuropäischer Folklore ist übersichtlich. Nicht alle Roma spielen Geige und tanzen Csàrdàs. Die wenigsten lesen aus der Hand oder deuten Kaffeesatz. Für Kesselflicker und Scherenschleifer ist in der Ära von Mikrowelle und Tetrapack wenig Platz. Außerdem war es mein Geld.
„Mag sein.“
Sie verdrehte die Augen.
„Die braucht wirklich nicht zu betteln.“
„Tut’s dir etwa weh? Dich prügelt keiner.“
„Die hat.“
„Tatsächlich?“
„Da kannst du sicher sein. Das erlebe ich dauernd auf dem Amt. Wenn die da antraben, pumpen sie sich gegenseitig ihre Kinder. Um mehr abzufassen.“
Ich flötete durch die Zähne.
„Ganz pfiffig.“
„Die halten uns doch für völlig bescheuert.“
Meine Schwester ist Sozialarbeiterin, wählt links und liest Bücher von deutschen Exilautoren. In ihrer Freizeit geht sie gern auf jüdischen Friedhöfen spazieren. Das Scheunenviertel kennt sie aus dem Effeff.
„Die sind rotzfrech, greifen ab, was sie kriegen können, und wundern sich, dass die Leute sie nicht mögen.“
„Glaubst du, Betteln macht ihr Spaß?“
„Vermutlich fällt ihr nichts Besseres ein.“
„In ein paar Wochen wird sie sowieso wieder abgeschoben. Dein Innenminister hat der rumänischen Regierung gerade dreißig Millionen Mark geschenkt, damit sie die Roma zurücknimmt.“
„Was hast du dagegen?“
„Ob ein einziger Rom von dem Geld je einen Heller sieht, ist die Frage.“
„Wieso?“
„Weil die Rumänen fast noch bessere Zigeunerhasser sind als wir.“
„Bin ich jetzt etwa eine Zigeunerhasserin, weil mich ärgert, dass die Frau hier ohne Not bettelt?“
„Iliescu lässt kalt, wenn Roma bei Pogromen totgeschlagen werden.“
„Das ist kein Grund, sich hier hinzuhocken und die Hand aufzuhalten.“
„Was regst du dich auf? Ärgere dich lieber über was Sinnvolles. Zum Beispiel Subventionen für Rüstungsbetriebe.“
„Es gibt viel, über das ich mich aufregen kann. Das da sehe ich jeden Tag. Der Anblick kotzt mich an. Überall sitzen die mit ihren Kindern. Dabei haben sie es gar nicht nötig. Anderen geht es viel dreckiger.“
Sie tippte sich an die Stirn.
„Und du bestärkst sie auch noch und gibst ihnen Knete.“
Vielleicht hätte ich ihr sagen sollen, dass nicht wenige Roma alles versetzten, um her zu gelangen. Einige kamen sogar zu Fuß. Den ganzen Weg. Niemand latscht das aus reinem Spaß an der Freude. Außer vielleicht Rüdiger Nehberg. Nichts gegen Nehberg. Doch der besitzt einen gültigen, gern gesehenen Pass und eine hübsche Konditorei in Hamburg-Wandsbek, die auf ihn wartet, wenn er sich genügend Schwielen angelaufen hat. Der braucht keine Kinder an Zollhunden und Nachtsichtgeräten vorbei durch Grenzflüsse zu schleppen.
In Kurznotizen tauchen ab und zu die Ertrunkenen auf, die aus der Oder gefischt wurden. Slubice, auf der Ostseite des Stroms, sah mittlerweile aus wie die polnische Kopie von Tijuana. Zwischen Einheimischen und deutschen Tagestouristen, die sich dort billig mit Zigaretten, Schnaps, Benzin und Frauen versorgten, gab es viele Dunkelhäutige. Die wenigsten machen in ‘Biznez’, sondern waren Durchreisende. Oft ganze Familien mit Frauen und Kindern. Abgerissen und müde streunten sie durch die Stadt. Oder hockten hinter Gebüschen in der Nähe des Ufers, warteten auf die Nacht. Nur durften sie der Miliz nicht in die Finger fallen. Schließlich war die polnische Regierung auf das Wohlwollen der reichen Nachbarn im Westen angewiesen. Wer es schaffte, von Rumänien bis Berlin, hatte unterwegs die paar Brosamen des Wohlstandskuchens abgearbeitet, die für ihn von der Überflusstafel herunterpurzelten. Fand ich.
Laut sagte ich:
„Keiner zwingt dich, ihnen was zu geben.“
„Herzlichen Dank.“
„Wir haben, die nicht. Dass sie an den Trog drängen, ist ihr gutes Recht.“
Meine Schwester stöhnte auf.
„Sollen wir etwa alle aufnehmen und durchfüttern?“
„Warum eigentlich nicht?“
„Du bist ja nicht bei Trost.“
„Ein paar könnten uns die Holländer oder Dänen ja abnehmen. Oder die Franzosen.“
„Großartige Idee. Die reißen sich bestimmt darum.“
„Wir sind nicht ganz unschuldig daran, dass es diesen Leuten so dreckig geht.“
Sie stöhnte gequält auf.
„Wahrscheinlich war die Mutter von der da“, sie warf den Kopf zurück in die Richtung U-Bahn-Eingangs, „bei Kriegsende noch gar nicht geboren.“
„Roma stecken Auschwitz also lockerer weg als Juden?“
„Du willst mich offenbar missverstehen“, kam es. „Die Frau ist keine fünfundzwanzig. Sie mag eine arme Sau sein, aber mit Nazis hatte sie nie Kontakt. Wenigstens nicht, bevor sie hier herkam.“
„Aber ihr Umfeld. Als was sind die Überlebenden denn 1945 zurückgekehrt? Und wohin? Wahres Zuckerschlecken wird die Ceausescu-Ära nicht gewesen sein.“
„Deshalb muss ich mir doch den Schuh jetzt nicht auch noch anziehen.“
„Gerade den. Ohne das, was Deutschland 1939 angezettelt hat, säße die Frau da heute nicht hier.“
„Das ist über fünfzig Jahre her.“
„Bis vor kurzem stand noch der große Zaun.“
„Ich hab’ nicht nach der Einheit geschrieen. Ich kann sehr gut auf die DM-geilen Sachsen verzichten, die dem Saumagenfresser die Wiederwahl beschert haben. Reisefreiheit hätte völlig gereicht.“
„Jetzt ist die Mauer nun mal weg. Egal wie gemütlich sie auf dieser Seite für dich war.“
„Die Sachsen reichen mir. Müssen jetzt auch noch Tausende von bettelnden Roma durch die Stadt geistern?“
„Dein Pech. Gehört zum Gesamtpaket. Als Preis des späten Sieges. Nun treibt das Strandgut der Niederlage eben bis hierher. Bis auf die Insel der Seligen, direkt vor deine und meine Nase.“
„Trotzdem. Es will sie keiner haben.“
„Was schlägst du vor?“
„Dass sie zu Hause bleiben.“
„Angesichts dessen, was da mit ihnen passiert?“
„Das können wir doch nicht auch noch zu unserem Problem machen.“
„Es ist längst unser Problem.“
„Das kann man so oder so sehen. Man muss eben die Ursachen beseitigen.“
„Wie? Sollen sie gefälligst leiser schreien, wenn man sie totschlägt?“
„Quatsch. Ich mein’ natürlich die Fluchtursachen. Man muss Druck auf die rumänische Regierung machen.“
„Dreißig Millionen Mark sind gewiss eine Menge Druck. Jetzt wissen die Bonzen in Bukarest bestimmt nicht mehr, welches Auto sie sich zuerst kaufen sollen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nach der ‘Kristallnacht’“, sagte ich, „bestand der Druck der anderen auf Deutschland darin, keine jüdische Flüchtlinge ‘rein zulassen. Der Erfolg ist bekannt.“
„Das kannst du nicht vergleichen.“
„Stimmt. Die Deutschen, die in Auschwitz blieben, hat erst Hitler zu Juden gemacht. Die sprachen, dachten und schrieben Deutsch. Ein paar vielleicht mit polnischem Akzent, aber immerhin. Die meisten Roma sprechen kein Deutsch, sind laut, sehen anders aus und riechen streng, weil sie auf der Strasse leben. Viele können nicht lesen und nicht schreiben, gehen betteln, einige klauen und ein paar von ihnen scheißen sogar in die sauberen, deutschen Vorgärten.“
„Das sagt sich so milde, solange es nicht dein Vorgarten ist. Die kacken tatsächlich alles voll. Du kannst dir ja mal auf dem Amt die Klosetts ansehen. Die kann hinterher kein Mensch mehr benutzen. Bei aller Liebe, ich hab’ ja Verständnis dafür, dass manche noch nie in ihrem Leben eine Wasserspülung gesehen haben, aber die Anatolier lernen es schließlich auch. Irgendwann steht es dir bis hier.“
Ihre Hand zog einen Strich längs ihrer Unterlippe.
„Bist du schon mal mit einer einzigen Roma mitgegangen?“
„Nicht bloß mit einer. Obwohl ich weiß Gott genug anderes zu tun habe.“
„Wenn Tausende von Tölen Gehwege und Parks zuscheißen, nimmt keiner daran Anstoß. Verrichten Rumänen ihre Notdurft in der Öffentlichkeit, weil eine deutsche Stadtverwaltung ihnen Klosettcontainer verwehrt, sind sie Freiwild für den Mob. Die Feuerwehr schaut zu und die Polizei ist gerade verhindert. Hinterher blubbert ein Herr Thierse dann, die Rostocker seien leider nicht an Ausländer gewöhnt. Gerade so, als ob man in der DDR grundsätzlich alle Fremden angezündet hätte.“
„Du verwischt die Ebenen. Sie sind keine Hunde.“
„Die Stadt hat extra wenige Klos aufgestellt, um es möglichst unappetitlich für die Flüchtlinge zu machen. Das ist der Skandal.“
„Hab’ ich durchaus begriffen. Nur, hier scheißen sie ja auch in die Parks.“
„Weil man sie ins ‘Kempinski’ nicht ‘rein lässt.“
„Logisch. Ich hätt’ auch keine Lust, hinterher ihre Kacke von den Wänden zu pulen.“
„Wer nicht zur Hygiene passt, hat eben Pech...“
„Von deiner Moral wird keiner satt. Siehst du denn nicht, dass das alles Sozialfälle sind? Die kosten nur Geld und verschaffen den Rechten Zulauf.“
„Schuld am Wahlverhalten der Deutschen sind also die Roma?“
„Nein. Aber ihr Auftreten bedient alle Vorurteile. Du wirst kaum leugnen können, dass das Wasser auf die Mühlen der Hetzer ist.“
„Jeder, der anders ist, ist Wasser auf deren Mühlen. Auch der sympathische Kurde, der politisch korrekt im Sitzen pinkelt. Klar sind diese Leute nicht so pflegeleicht wie andere. Die kommen aus einer kaputten Kultur. Trotzdem. Anfangen könnte man damit, sie wie Menschen zu behandeln. Selbst wenn die erste Generation nie lernt, mit ‘nem Wasserklosett umzugehen.“
Sie schwieg wütend. Ich legte nach.
„Ein Siebenbürgener hat mir mal dazu gesagt: Integrieren oder vergasen. Etwas Drittes gäbe es nicht.“
„Was war das denn für’n Spinner?“
„Das war kein Spinner. Der wusste, wovon er sprach.“
Der Mann war vor Ceausescu nach Berlin geflohen, schon älter, sprach ein schönes, antiquiertes Deutsch, verabscheute stubenreine Diktion und kannte die „Zigeuner“, wie er sie nannte, aus seiner Jugend vor dem Krieg.
Er beschwor mich: „Sie müssen wissen, wie diese Menschen ins Unglück geraten sind. Dafür interessiert sich keiner. Niemand darf glauben, dass es schon immer so war.“
Er schilderte, wie die Roma früher lebten, als Viehhändler, Handwerker und Landarbeiter, sprach über Antonescu, Codreanu, vom Krieg, von den Drangsalierungen der Ceausescu-Ära, den weihrauchschwingenden Popen, Hasstiraden der Nationalisten, der Gleichgültigkeit der Behörden und dem Achselzucken der Liberalen. Er zeigte mir Fotos und Dokumente. Ich erfuhr, dass die Pogrome vom Geläute der Kirchenglocken eingeleitet wurden und New York eine Hochburg der ‘Legionäre des Erzengels Michael’ war.
Dann kam er zum Abschiebeabkommen zwischen der Bundesrepublik und Rumänien. Er nannte es „die Vorstufe zu einen ungeheuren Verbrechen.“ Rumänien hätte alles getan, um seine Roma loszuwerden. Sie dorthin zurückzuschicken, sei mehr als kriminell.
„Dafür gibt es keine Erklärung. Außer“, lachte er böse auf, „die Deutschen wollen sich in fünfzig Jahren erneut auf Leichenberge hocken und Vergangenheitsbewältigung treiben...“
„Heute werden sie nach Rumänien zurückgeschickt“, sagte ich. „Was morgen oder in fünf Jahren da mit ihnen geschieht, schert keinen. Der Krieg in Jugoslawien hat Maßstäbe gesetzt. Wen kratzt, was in Temesvár passiert?“
„Ach wo.“
„Vieles ist möglich, von dem wir bis vor kurzem noch glaubten, es geschehe nie mehr. Zumindest nicht in Europa.“
„Du übertreibst.“
„Hoffentlich.“
Das Gespräch versandete. Hinterher sagte ich mir, dass ich meiner Schwester besser eine Geschichte hätte erzählen sollen, nämlich die einer Unterlassungssünde.
Es liegt lange zurück. Der Ort ist weit weg. Die anderen Beteiligten sind vermutlich längst tot. Doch mitunter drängt es sich mir auf. Wie gestern.
Diese Tage liest man ab und zu in der Zeitung über den Bürgerkrieg im Südsudan. Dass dort Menschen verhungern, weil die Transportwege von den jeweiligen Kriegsparteien abgeschnitten sind. Doch es gibt keine Bilder wie aus Somalia oder Äthiopien. Für den Rest der Welt vollzieht sich das Sterben unbemerkt. Sarajewo, Srebrenica, Bosanski Brod oder Tuzla sind medienträchtig. Juba, Wau, Mongalla oder Malakal sind es nicht. Bosnien ist uns gegenwärtiger. Täglich auf dem Bildschirm. Und? Wir wechseln den Kanal oder stellen den Ton leise.
Der Sudan ist eine andere Welt. Ein pechschwarzes Loch, dort, wo Afrika am schwärzesten ist. Doch ich war mal da. Nicht in Bosnien, im Sudan.
Mitunter holen mich bestimmte Gerüche, Stimmungen, Klänge dahin zurück. Dann erinnere ich mich an die Weite des Horizonts, die Silhouetten der Bäume über der Ocker getönten Steppe, die Farbenpracht in den kurzen Minuten der Dämmerung, den von Sternen übersäten Nachthimmel und das Kreuz des Südens, lausche den Trommeln, die Freitagabends am Rand von Juba geschlagen werden, beim Tanz, sehe die nackten, sehnigen Leiber der jungen Dinka-Krieger, die Speere und Keulen schwingend rhythmisch durch den grauen Sand stampfen, blicke in ihre stolzen, schwitzenden Gesichter voll lang gezogener Ziernarben, höre das Kichern der Mädchen, das helle Klimpern ihrer Armreifen, wenn sie klatschen oder sich beim Lachen die Hand vor den Mund halten, rieche das ‘Bongo’, das Holz im Feuer, den gebratenen Flussfisch und das muffige Hirsebier. Manchmal spüre ich sogar die Fasern von unreifen Mangos zwischen den Zähnen. Dabei habe ich seit damals keine Mango mehr angerührt.
Ich entsinne mich, wie ich im Mai 1979, kurz nach dem Rückflug aus Khartum, in Hamburg zu ‘Safeway’ ging. In den Monaten zuvor hatte ich keinen Supermarkt von weitem gesehen und fast vergessen, wie so ein Ding von Innen aussieht. Nun stand ich unverhofft im Schlaraffenland. Die Fülle erschlug mich. Dabei fiel mir bereits schwer, mich wieder daran zu gewöhnen, dass Wasser aus einem Rohr in der Wand kam. Das klingt zum Lachen. Ich habe auch gelacht und es mir minutenlang über die Finger laufen lassen. Bis ich merkte, dass mein Gesicht ganz nass war.
Nicht lange her, da würgte ich tagelang nur an grauer, Chlor versetzter Brühe. Nach einem Achsenbruch und achtundvierzig Stunden ohne Wasser in der Steppe. Mein Reisekumpan und ich hatten zwei Wochen auf der Ladefläche eines überladenen Bedford-Lasters verbracht, der im Konvoi mit vier anderen Fahrzeugen Hilfsgüter von Port Sudan in den Süden brachte. Ziel war Juba, Hauptstadt der südlichen Provinzen. Die Lorries sammelten uns im Morgengrauen auf dem ‘Suq’ in Omdurman ein. Ab dem Flusshafen Kosti, wo die Bahngleise aufhörten, gab es kaum noch Wegmarkierungen. Gelegentlich ein Autowrack oder ein abgeknickter Telegraphenmast.
Im dreißig Kilometer Tempo ging es über Staubpisten. Durch Wüste, Savanne und Busch. Immer wieder verdreckten die Luftfilter der überheizten Motore, fraßen sich die Pneus im Sand fest, brach eine Federung, versackten die Räder bis über die Naben im Sumpf. In Mongalla, sechzig englische Meilen nördlich von Juba, gab es frisches Wasser. Mongalla liegt am Nil. Vierzehn Tage lang hatten wir Sand gekaut, geschluckt und gerotzt. Unsere Hemden starrten vor Dreck und Schweiß, kratzten und stanken. Am Anleger lag ein Flussdampfer vertäut. Auf dem Achterdeck stand eine mannshohe Pumpe. Wir vergaßen Bilharziose und Cholera, gossen uns gegenseitig minutenlang das lauwarme, braune Nass über den Leib, soffen es mit Nase und Mund. Die Schwarzen, die dabei zusahen, lachten wohlwollend.
Wasser aus der Wand: Sauberes, klares Wasser, kühl und trinkbar. So viel Wasser, wie du Durst hast.
Bei den Dosen mit Hundefutter blieb ich stehen, las Inhaltsangaben. Auf einem Etikett stand: Ohne Pansen. Einmal hatten wir unterwegs Pansen gegessen. Ein Festschmaus, nur etwas für Reiche, die Kategorie Mensch, die sich ab und zu eine Büchse Milchpulver leisten kann. Getrocknetes Eiweiß aus bunt bedrucktem Blech.
Neben dem Nildampfer waren oft nackte Kinder hergelaufen. Viele der Reisenden machten sich den Spaß, ihnen leere Konservendosen zuzuwerfen. Eine Weißblechdose ist weit mehr als ein Wegwerfbehälter. Daraus lässt sich alles Mögliche basteln: Eimer, Töpfe, Schmuck und Waffen.
Oftmals trafen die Werfer nicht das Ufer oder zielten absichtlich zu kurz. Dann sprangen die Kinder kreischend in den Fluss und balgten sich um den Schatz. Das amüsierte die Zuschauer. Manche schlossen Wetten ab. Das vertrieb die Zeit.
Am Stand mit Backwaren strotzten Berge von Brotlaiben, quollen übereinander, glotzten aus der Vitrine, als wollten sie mich anspringen.
Mein Magen krampfte sich zusammen. Tage zuvor noch hatte ich morgens mit Hungrigen um Brot angestanden.
Das Brot reichte im Sudan nie für alle. Die Wartenden, manchmal Hunderte, drängten sich wie Vieh. Irgendwann wurde der Verschlag zur Backstube aufgestoßen. Dann begann das Stoßen, Schreien, Zetern und Zerren. Nur die Kräftigsten drangen bis vorn durch und bekamen etwas. Ich war kräftig genug und ging nie leer aus.
Bis auf das eine Mal.
Das Brot war lang gestreckt und rautenartig, etwa hundertfünfzig Gramm schwer. Es gab nur eine Sorte. Seinen dürftigen Eiweißgehalt verdankte es den Maden und Mehlkäfern, die im Teig verbacken waren.
Ich dachte an die Frau, die mich in Khartum angebettelt hatte. Sie wollte drei Piaster. Umgerechnet fünfzehn Pfennige. So viel kostete ein Brot. Im Sudan sind drei Piaster Geld. Und es gibt viele Bettler in Khartum.
„Wenn ich allen drei Piaster geben würde“, sagte ich mir bloß.
Ich war hart. Ich war sparsam. Ich sah weg.
Darauf war ich stolz. Auf meinen Geiz und die Härte. Obwohl der Kitt der Fassade bereits bröckelte. Doch ich klammerte mich an das Image vom ‘Traveller’, des Kerls, der die ‘raue Tour’ macht. So wie Kerouac oder London oder Twain oder Orwell, meine Heroen der Strasse, die hungrigen, nimmermüden Hobos.
Als ich in den Sudan kam, gierte ich nach Exotik und Extremen. Um fast jeden Preis. Der Sudan ist das größte Land Afrikas. Ich fuhr quer durch. Bis Juba. Einige Dutzend Kilometer weiter, hinter der ugandischen Grenze, war Krieg. Die Regenzeit verwandelte alle Pisten in Schlammlöcher. Wir hingen fest. Zusätzlich riegelte das Militär alle Wege aus der Stadt ab, weil in der ’Malakia’ die Beulenpest grassierte. Ein paar Tage danach erkrankte mein Reisegefährte an der Seuche. Die Reise hielt, was ich mir versprochen hatte. Ich durfte mir abholen, worauf ich scharf gewesen war. Alles. Und mehr. Es wurde die raue Tour. Rauer, als erträumt. Dass ich mich überfressen hatte, begriff ich schon unterwegs.
Die Seelenblähungen kamen erst später.
Irgendwann war ich wieder in Khartum. Unbeschadet, abgesehen von einer Ruhr. Es war am Morgen. Jener Morgen, als ich in der Brotschlange wartete.
Ich entsinne mich, wie ich ihr Äußeres abschätzte, ihre Haltung, die verhältnismäßig kräftigen Arme. Ihr Gesicht, das abgehärmt, aber fleischig war. Anders als die Gesichter der Hungernden im Süden, die bloß aus übergroßen Augen, Haut, Knochen und aufgerissenen Mündern bestanden. Ich registrierte, dass sie sogar noch Zähne besaß. Wirken tat sie wie Mitte vierzig, aber vermutlich war sie keine zehn Jahre älter als ich und höchstens Anfang dreißig.
Ich verglich sie mit der Bettlerin vor dem ‘African Hotel’ in Juba. Im Gegensatz zu der schien sie vergleichsweise wohlgenährt. Ich glaube, nein, ich weiß, dass es eben dieses Wort war, das mir da durch den Kopf marschierte.
‘Wohlgenährt’. Im Sinne von „Ach was, richtiger Hunger sieht anders aus“.
Später, als ich über Selektionen an der Rampe von Birkenau las und mir vorzustellen suchte, wie sich ein Dr. Josef Mengele fühlte, wenn Tausende durstiger, müder Menschen an ihm vorüber zogen, die er mit einer Bewegung seiner Reitgerte zur Arbeit oder in den Tod schickte, musste ich daran denken, mit was für Blicken ich diese Frau gemustert hatte.
Aber die Frau ließ sich nicht abweisen. Sie blieb, flehte, zog mich am Hemd, hielt jammernd ihre Hand auf, schloss die Fingerspitzen, führte sie zum Mund. Sie wurde mir lästig. Einen Moment lang erwog ich, sie mit einer Drohgebärde zu verscheuchen. Doch so in aller Öffentlichkeit traute ich mich nicht, sie wegzuschubsen.
Endlich zählte ich ihr die drei Münzen in Hand. Demonstrativ lahm. Und dann geschah es: Die anderen, die auf Brot warteten, die, die selber hungrig waren, traten beiseite und bildeten eine Gasse. Sie ließen die Bettlerin vor.
So, wie sie uns in Juba vorgelassen hatten.
Das war wenige Wochen her. Wir gingen gerade zum ‘Suq’. Knapp hundert Schritt neben unserer Herberge, dem ‘African Hotel’, lag eine Leprakolonie. Auf dem Weg zum Markt kam man daran vorbei. Die Kranken, wie viele es waren, weiß ich nicht, es können zwei Dutzend oder auch achtzig gewesen sein, lebten etwa dreißig Meter vom Rand der Strasse unter einer Gruppe magerer Schirmakazien, ihrem einzigen Schutz vor Sonne und Regen. Nackte Gestalten in grauen Fetzen. Die meisten waren bereits zu schwach, um überhaupt noch zu betteln. Manche schleppten sie sich bis an den Rand des Weges. Denen warf ich Geld zu.
Vor dem Eingang zur Herberge hockte morgens oft eine Aussätzige und greinte. Direkt an der Pforte, mitten auf dem Pfad. Um sich zu bewegen, musste sie kriechen, denn sie besaß keine Fingern und Zehen mehr, nur noch schwärige Stümpfe, die sie mit Lumpen umwickelt hatte. Ihr Antlitz war von der Lepra zerfressen, das schüttere Haar weißgrau. Außer einem Lappen über der Scham war sie nackt. Anfangs gab ich ihr regelmäßig etwas. Bald jedoch hatte ich mich an ihren Anblick gewöhnt und stieg wie selbstverständlich über sie hinweg.
Als ich sie das letzte Mal sah, waren wir gerade unterwegs zum Suq, vielleicht dreihundert Schritte vom Hotel entfernt. Wir gerieten in einen Pulk, der sich im Halbkreis vor dem Laden eines Inders drängte. Die Menge machte uns respektvoll Platz. Auf den Stufen vor dem Geschäft kauerte die Aussätzige, ihre Arme vor der Brust gekreuzt. Stöhnend wiegte sie den Oberkörper hin und her. Ihr Kopf und die Schultern waren blutüberströmt. Es schimmerte hellrot auf der dunklen Haut. Hinter ihr stand der Inder, ein feister Mann von Mitte zwanzig. Er grinste dümmlich und hielt einen Knüppel in der rechten Hand. Sie hatte wohl etwas aus der Auslage zu nehmen versucht. In den Kisten vor der Treppe lagen einige unreife Mangos, ein paar armselige Tomaten und verschrumpelte Okraschroten. Die Mangos kosteten pro Stück einen Piaster.
Möglicherweise bedauerten die Umstehenden die Frau, und sei es nur, weil sie den Inder hassten. Viele der Kaufleute im Südsudan waren Inder, verhältnismäßig reich und unbeliebt. Aber ‘reich’ heißt nicht viel. Wer ein sauberes Hemd und eine heile Hose besaß, galt als wohlhabend. Selbst wenn er barfuss ging.
Uns war nicht nach Gaffen. Doch als ich vorüberging, begegneten sich unsere Blicke und da schrie sie auf. Es war eine Mischung aus Anklage und Fluch.
Die Frau war zum Verkaufsbrett gestürzt und warf die drei Münzen auf den Tresen. Noch im Umdrehen begann sie das Brot zu verschlingen, beidhändig, auch mit der Linken, der unreinen Hand, schob es sich brockenweise in den Schlund, würgte, kaute, schob nach. Dabei hielt sie den Laib vor die Brust gepresst, so dass sie Hineinbeißen konnte, wenn ihre Finger gerade am Teig rupften. Es dauerte nur ein paar Sekunden.
Die Umstehenden waren verstummt. Ich wich ihren Augen aus, zuckte die Schultern, mimte den Ungedulden und trollte mich.
Wie viele Tage war das her? Vier, fünf? Oder doch schon sieben? Plötzlich war mir flau. Ich drängte an der Kasse des Supermarkts vorbei ins Freie. Auf die Strasse. Lief durch das vertraute, entsetzlich fremd gewordene Eppendorf. Floh vor den obszön drapierten Backwaren, der grellen Fülle von Luxusverpackungen, dem selbstgefälligen Grinsen der hellhäutigen Reisenden, die sich über die Reling gelehnt an Knäueln nackter, schwarzer Kinderkörper weideten, dem Drängen der Bettlerin, deren Fingern über aufgesprungenen Lippen stocherten, den Augen der Wartenden vor dem Brotstand, die mich hindurch sahen wie durch hohles Kristall. In meinen Ohren klang das Greinen der Aussätzigen, ihr Jammern und der Schrei.
Es hörte nicht auf.
„Na, du Hobo? Jetzt bist du auf einmal gar nicht mehr stolz. Dabei hast du doch blendend funktioniert. Hast dich vom Dreck, dem Kot, Gestank, Kreischen, der Hitze, den Nabelbrüchen und aufgeblähten Wasserbäuchen nicht umwerfen lassen. Selbst in die wunden, Eiterumrandeten Seelenlöcher hast du mit klinischer Neugierde geblickt. Obwohl dir zum Speien zumute war. Weißt du noch, der Junge in Malakal? Der, den der chinesische Arzt euch zeigte, als ihr durch das Spital gingt, der Dreijährige mit dem Greisenblick? Dessen Haut schon hellgrau war und er längst zu schwach zum Weinen. Die Fliegen krochen überall an ihm herum, blauschwarz und träge, in Nase und Mund. Direkt in den kleinen Mund hinein. Lutschten an seinen Augäpfeln. Dabei lebte er noch.
Du hast den Kopf gewogen, tief durchgeatmet, dir die Lippen gebissen und vorgebetet. Nur nicht weich werden. Wenn du weich wirst, bist du Geschichte. Dann wirst du verrückt und bist verdammt, auf ewig hier zu bleiben.
Dann hast du geflucht. Auf dich, und auf das große Arschloch der Welt mit seinen zahllosen Falten.“
Ich ging durch den Kellinghusen-Park, die Goernestrasse lang, am Holthusen-Bad vorbei, vorbei an dem roten Klinkerkasten aus den Gründerjahren, wo ich meine ersten Schuljahre gefristet hatte. Hinter dem alten Pastorat lief ich über die Brücke, bis an den Winterhuder Kai. Dort wird der Fluss zum Teich. Ich setzte mich auf eine Bank, rauchte, sah übers Wasser zu den Pappeln am anderen Ufer. Ich liebte diese Pappeln. Das Flirren ihrer Blätter im Wind, der Wechsel der Farben, wenn Ober- und Unterseite bei einer Böe hin und her schwingen, das helle Säuseln in den Zweigen.
Als flüsterten sie.
Irgendwann ebbte der Selbstekel ab. Die Pappeln, die Alster, der norddeutsche Himmel: Alles wie früher, vor meiner Abreise. Nahezu unverändert. Ich suchte mir einzureden, dass das hier mein Zuhause war. Und dass man mir nichts ansah. Doch ich wusste, nichts war mehr wie früher. So, wie ich wusste, dass ich das, wonach ich mich sehnte, selber mutwillig fortgeworfen hatte. Nicht einmal aus Not. Es gibt eine Art von Phantasielosigkeit, für die keiner mildernde Umstände geltend machen kann.
Davon habe ich meiner Schwester nie berichtet. Bisher habe ich kaum darüber gesprochen, höchstens, wenn ich besoffen war. Über grüne Mangos, Rautenbrot und das Blut der Aussätzigen, die wunden Seelenlöcher der sterbenden Kinder, den Eiter und das Geschmeiß.
Bis die Leute aufstanden. Oder mir das Glas zuschoben und sagten: „Los komm, Bruder, trink noch einen...“
Die Roma erinnert mich daran, wie viel ich früher wusste. Mit vollem Magen. Von echtem Hunger. Heute weiß ich weniger. Das setze ich besser nicht aufs Spiel.