Das arme Schwein

Vor einiger Zeit begleitete ich Corinna zu ihrer Großmutter. Nach Övelgönne. Övelgönne ist eine der Augenweiden zwischen Altona und Blankenese. Ein- bis zweistöckige Backsteinhäuser ducken sich zu Füßen des Geestrückens an den Hang. Davor liegen Gärten und Elbstrand. Wenn man sich die dürftig mit Pappeln camouflierten Raffinerien am Südufer wegdenkt und stromab sieht, kann man den Blick kilometerweit über Wasser und Marsch schweifen lassen. Sonn- wie feiertags führen Hanseaten und solche, die es werden wollen, hier gern ihre zahlreichen Hunde und weniger zahlreichen Kleinkinder aus. Hamburg hat hässlichere Ecken.

Die Großmutter lebte in einer der ersten größeren Villen jenseits der Lotsensiedlung, einem Kasten aus dem letzten Jahrzehnt des Kaiserreichs. Hinter hohen Buchenhecken inmitten eines sauberen, Blumenbeetgeschmückten Gartens. Als wir die Pforte am Wasser öffneten, kam sie uns entgegen. Sie war weit über siebzig, schlank und hielt sich gerade. Das gepflegte, graue Haar war im Nacken geknotet. Bei der Begrüßung fielen mir ihre wohlgeformten Hände auf. Sie erinnerten mich an die Corinnas. Hände mit langen, grazilen Fingern und sanft gewölbten Nagelbetten, die sich gut zum Klavierspielen und Tragen großer Ringe eignen.

Sie rief den braunen Boxer zur Ordnung, der sabbernd mein Hosenbein inspizierte und bat uns hinein. Es gab Kaffee. Der geräumige Salon hatte einen lichten Erker mit drei Fensterfronten. Der Raum dahinter wirkte düster. Dunkle Täfelung, schwere Teppiche, Messingleuchter und Eichenmöbel mit Tischläufern. An den Wänden Gemälde von Schiffen, Hamburgensien und maritime Souvenirs: Seekarten, Ferngläser, Sextanten, Barometer, Glasenuhr.

Die Gastgeberin erläutert, dass ihr verstorbener Gatte seinerzeit als Kapitän für die ‘Hamburg-Süd’ gefahren ist. Nach dem Krieg hat sie ihn häufiger auf seinen Törns begleitet. Das Schiff war auf ‘Tramp’ unterwegs, also ohne feste Routen. Einmal klapperte es ein dreiviertel Jahr lang die Küsten Lateinamerikas ab, bevor es wieder auf Heimreise ging. Damals betrugen die Liegezeiten in den Häfen noch mehrere Tage, so dass sie viel zu sehen bekommen hat.

Corinna will wissen, wie lange das zurückliegt.

„Ach“, lacht die Alte, „da war dein Vater schon groß. Neunundfünfzig durfte ich das erste Mal mit.“

Wie ihr Mann zur Seefahrt gekommen ist, erkundige ich mich. Er habe schon immer mit Schiffen zu tun gehabt, sagt sie. Vermutlich hat sie mich missverstanden. Corinna hakt nach. Vor dem Krieg sei er Polizist im Hamburger Hafen gewesen.

Also habe man ihn während des Krieges zur Marine eingezogen, vermute ich laut. Meine Frage ist ihr unangenehm. Sie zögert.

Dann setzt sie sich etwas auf, blickt von Corinna zu mir und sagt: „Sind Sie Jude?“

Ich verschlucke mich fast. Volltreffer. Dabei war es eine reine Routinefrage. Weshalb gibt sie sich diese Blöße? Warum sondiert sie nicht erst, sagt, „Ach, Ihr Vater war wohl auch bei der Marine?“ Oder klärt ab, ob er gedient hat. Nach dem Motto: „Verraten Sie mir erst mal, welche Mörder Sie in Ihrer Familie haben, bevor ich aus dem Nähkästchen plaudere...“

Will sie vielleicht wirklich Rücksicht auf meine Gefühle nehmen?

„Nicht dass ich wüsste“, antworte ich. „Warum? Seh’ ich so aus?“

„Nein, nein“, lacht sie erleichtert auf, „aber es hätte ja sein können. Man weiß das ja nie so genau...“

In der Tat. Gesetzt den Fall, jetzt säße hier einer und löge sie an? Vielleicht sogar einer mit Taufschein und christlich unversehrter Vorhaut. Was könnte der ihr tun? Außer, in seine Kaffeetasse zu kotzen. Hat sie Angst um ihre Damasttischdeckchen?

Laut sage ich: „Es gibt doch gar nicht mehr so viele Juden in Deutschland...“

„Ja“, meint sie gedehnt. „Das stimmt.“

Übrigens hätte sie nie etwas gegen die gehabt, versichert sie dann.

Sie misstraut mir. Ich warte. Nun wird sie gleich sagen, dass sie kaum welche gekannt hat, um einen Halbsatz weiter zu beteuern, dass die Rosenzweigs oder Hirschbergs ganz besonders reizende Leute gewesen sind. Richtiges Geld, Ehrenhanseaten sozusagen. Und die Fanni Rosenzweig, was war die immer elegant, manchmal zwar etwas dick aufgetragen, aber na ja. Die habe ihr als junges Ding mal einen abgelegten Silberfuchs überlassen. Mit Seidenfutter. Herrlich warm. Todschick. Was aus denen eigentlich geworden ist? Nie wieder was gehört. Sicher alle noch rechtzeitig ausgewandert. Bevor es richtig losging.

Womit? Womit schon. Den Bomben natürlich.

Dabei hießen die Rosenzweigs oft Fuchs, Klein, Meier oder Pietsch und sie hörten nicht auf Chaim, Nathan, Lea und Rahel, sondern auf Anton, Heinrich, Otto, Klärchen, Martha oder Stephanie.

Den Silberfuchs erspart sie uns. Ansonsten beginnt wieder das übliche Herumgerätsel über das Verschwinden der Juden. Das große deutsche Preisraten. Wortreich und ergebnislos. Sie starrt vor sich hin und sinniert.

„Plötzlich waren die weg. Alle weg. Futschikado.“

Kindersprache für Kindereien. Futschikado. Das klingt wie Mikado. „Hoppla, jetzt ist dir das Stäbchen aber doch runtergefallen. Musst eben besser acht geben. Uhuups. Selber Schuld. Dein Pech.“

„Schrecklich...“

Unterstreichend schüttelt sie den Kopf und fährt mit der Hand vor ihrem Gesicht hin und her, als wolle sie ein lästiges Bild verscheuchen. Dann blickt sie auf. Nun müsste eigentlich gleich die treuherzige Beteuerung folgen: „Unsereins hat davon ja gar nichts mitgekriegt. Und wenn wir was gesagt hätten, hätte man uns doch nur eingesperrt.“

Mir ist nach Gehen zumute. Ich habe nichts gegen die alte Frau. Wenigstens hatte ich nichts gegen sie, bis eben. Ich trinke ihren Kaffee, kaue mehr gierig als höflich auf den überzuckerten Blätterteigbrezeln herum und nicke interessiert. Während sie von der Küste Brasiliens berichtet, stelle ich mir die Sailors an Deck eines Zehntausendtonners auf Reede in Santos vor, wie sie den sechzehnjährigen Deckshänden von den Puffs an Land vorschwärmen. Oder lasse mich von den blaugrünen Augen ihrer Enkelin ablenken und vergesse Sailors, Santos und Dockschwalben.

Vor drei Minuten hätte ich keinen zweiten Gedanken auf die Beamtenkarriere Ihres Mannes verschwendet. Nun wird mir eng. Mein Blick wandert über die Täfelung, die Mitbringsel an den Wänden, die teuren, noch nicht einmal geschmacklosen Teppiche. Dumpf, breiig, zähe quillt es aus der Staubgewischten Wohlanständigkeit hervor.

Im Märchentantenton, so, als spräche sie immer noch von ihren Seereisen, plätschert sie vor sich hin. Beiläufig, harmlos. Erdrückend. Doch ich bleibe und lasse sie gewähren. Obwohl sie mich mit jedem Satz, der unwidersprochen passiert, vom Mitwisser zum Mitverschwörer macht. Sie seufzt und setzt ein resigniertes Altmädchenlächeln auf.

„Politik ist ein schmutziges Geschäft.“

Das gehört zum Standardrepertoire, wenn Deutsche laut über ihre Geschichte grübeln. Ob nach 1945 oder nach 1989. Mit den hässlichen Seiten haben immer nur die anderen zu tun.

„Hat mein Harald auch gesagt.“

‘Mein Harald’ ist offenbar der Polizeioffizier ohne Reichskriegsmarineerfahrung. Sie will das Thema beenden. Ich raffe ich mich ein letztes Mal auf. Wie ihr Mann denn nun von der Polizei an die christliche Seefahrt geraten ist. Jetzt antwortet sie. Als er 1948 wiedergekommen sei, habe er nicht mehr in den Staatsdienst gehen wollen.

Ob er so lange in Kriegsgefangenschaft war?

„Nein“, erwidert sie. „Er hat beim Bauern in Schleswig-Holstein gearbeitet.“

„Beim Bauern?“

„Ja, auf einem Gehöft in Dithmarschen. Dahin hat er noch im Frühjahr fünfundvierzig Pferde getrieben. Ein gutes Dutzend.“

„Woher?“

„Die hat er aus dem Osten mitgebracht.“

Durch ihr Lachen glänzt Stolz.

„Allein. In den letzten Kriegsmonaten, wie alles zusammenbrach, bevor der Russe kam, hat dein Großvater sich die Pferde geschnappt und ist mit ihnen nach Westen.“

Sie nickt Corinna zu.

„Das soll ihm mal einer nachmachen“, bedenkt sie mich mit einem kurzen Seitenblick.

„Ganz allein“, wundere ich mich, „bei Kriegsende? Da hat niemand die Pferde beschlagnahmt?“

„Nein.“

Sie führt nicht aus, welche Uniform man im Frühjahr 1945 tragen musste, um Futterung für Pferde sicherzustellen oder fliegenden Feldgerichten zu entgehen.

„Obendrein hatte Harald noch ein paar Polen dabei. Wie nennt man das?“

Sie legt die Hand an die Stirn und sucht nach dem Wort.

„Fremdarbeiter?“

„Ja, Fremdarbeiter. Genau. Die wollten wohl auch nicht in die Hände der Russen fallen, aber er musste sie unterwegs bewachen, damit sie nicht mit den Pferden abhauten. Er war der einzige Deutsche.“

Bei dem Bauer sei er dann geblieben.

„Die meisten seiner Kameraden haben die Engländer ja eingesperrt gehabt.“

„Wo?“

„Da in diesem Konzentrationslager in den Vierlanden.“

„Sie meinen Neuengamme?“

„Ja, Neuengamme...“

Neuengamme war von 1938 bis 1945 Hamburgs größtes KZ, eine Art Verschiebebahnhof für Sklaven der Kriegswirtschaft. Es hatte Dutzende von Außenlagern, verteilt über ganz Norddeutschland. Eines davon befand sich sogar auf den Kanalinseln.

Nach dem Krieg nutzten die Sieger das alte Stammlager, um dort SS-Angehörige, Parteibonzen und andere NS-Funktionäre festzusetzen. Vorher installierten sie allerdings Latrinen und legten zusätzliches Wasser. Bei vergleichsweise üppigen Rationen verhungerte nun auch kein Häftling mehr.

Doch Neuengamme war nie ein normales Kriegsgefangenenlager. Weiß sie, dass ich das weiß? Ihr Ton bleibt unverfänglich.

Nur einmal, kurz nach der Rückkehr ihres Mannes, 1948, hätten plötzlich englische Soldaten in der Tür gestanden. Man war gerade bei Tisch. Er habe die Hände an den Kopf geschlagen.

„Da ist Harald ganz bleich geworden und hat zu mir gesagt, ‘Annegret, jetzt ist alles zu spät. Nun holen sie mich, weil ich immer noch auf der Liste steh’. Ich hätt’ nicht unter meinem Namen zurückkommen dürfen. Nun ist alles aus’... Aber es war falscher Alarm.“

Ihr Lachen klingt glockenhell. Vor vierzig Jahren hat sie vermutlich genauso gelacht. Ich kenne dieses Lachen. Corinna hat es von ihr geerbt.

„Die wollten gar nichts von ihm“, sagt sie. „Die hatten keinen Schimmer. Sie haben ihn noch nicht mal nach seinen Papieren gefragt.“

„Was wollten sie denn?“

„Ach, irgendeine Auskunft über das Haus nebenan. Das hatten sie beschlagnahmt.“

Ihr Schmunzeln weicht.

„Die waren sehr höflich und entschuldigten sich sogar für die Störung.“

Nach einer Pause sage ich: „Ab 1936 sind ja alle Polizisten der SS unterstellt gewesen. Wozu hat man ihren Mann denn im Krieg eingeteilt?“

„Harald war nicht bei der SS.“ Sie ist hell entrüstet. „Er war bei der Polizei.“

„Die ist doch sechsunddreißig geschlossen von Himmler übernommen worden“, wende ich ein.

„Ja“, erwidert sie schnell, „darüber hat er sich ja auch beklagt. Das wollte er nicht. Er war ja nur Polizist. Die gehörten ja eigentlich gar nicht zur SS. Die sind bloß in diese Uniformen gesteckt worden.“

Das mit den Uniformen ist mir neu.

„Die bekamen SS-Uniformen?“

„Ja ja. Als man ihn dann einteilte... Glaube ich zumindest, “ korrigiert sie sich rasch.

„Wann war das denn?“

„Was?“

„Sein Einberufung.“

„Sie meinen das Jahr?“

„Ja.“

„Das weiß ich nicht mehr so genau. Unser Junge war erst ein paar Monate alt. Das muss um 1940 oder 1941 herum gewesen sein.“

Rechtzeitig, um Mitglied einer der ‘Einsatzgruppen’ zu werden, die das eroberte sowjetische Territorium ‘judenfrei’ mordeten.

„Zu was hat man ihn denn eingeteilt?“

„Das hat er mir nicht erzählt.“

„Wo war er denn?“

„Na, im Osten. Was weiß ich. Später kam er dann nach Lodz. So heißt es heute, glaube ich.“

„Sie meinen Litzmannstadt?“

Ich hätte auch sagen können: „Aha. Wir reden also über das Ghetto. Daher vorhin die Frage nach meiner Vorhaut.“

Ihr Gesicht hellt auf.

„Ja, richtig. Litzmannstadt hat es geheißen.“

Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Mich und den Jungen wollte er auch dahin holen. Aber ich bin lieber hier geblieben.“

„Wieso wolltest du nicht zu Opi?“ meldet sich Corinna.

„Mir hat es da nicht gefallen“, antwortet ihr die Großmutter. „Ich wollte lieber in Hamburg sein.“

Sie verstummt.

„Haben Sie Ihren Mann dort mal besucht?“

Sie zögert mit der Antwort.

„Einmal.“

„Und? Was hat Ihnen daran nicht gefallen?“

Sie druckst.

„Es war nicht schön. Obwohl wir in einer Villa hätten wohnen können. Aber alles andere Drumherum war so primitiv. Ganz anders als hier.“

Sie bricht ab.

„Und der Dienst Ihres Mannes?“

„Darüber hat er nicht gesprochen.“

Ich weiß wenig über Lodz. Nur, dass man von dort Zahllose in den Tod schickte. Nachdem deutsche Unternehmer wie der Herrenreiter und spätere Versandhauschef Josef Neckermann sie vorher als Billigstarbeitskräfte ausgepresst hatten.

Ich kann nur spekulieren: Vielleicht überwachte ihr Gatte die ‘Umsiedlungen’ nach Chelmo und Auschwitz. Vielleicht saß er im Zentralgefängnis und ließ ‘Arbeitseinsätze’ zusammenstellen. Jedenfalls musste er eine relativ große Nummer gewesen sein. Nur die bekamen eine Dienstvilla.

Und sie? Immerhin denkbar, dass sie während des Krieges wirklich bloß am Rande mitbekam, was ihr Harald so trieb. Jedenfalls zog sie es vor, in Hamburg zu bleiben. Angeblich aber hatte sie ihn in den über dreißig folgenden Jahren auch nie danach gefragt.

„Er wird Ihnen doch mal gesagt haben, was er da macht.“

„Nein. Was weiß ich. Ich hatte damit nichts zu tun. Ich wollte auch nichts damit zu tun haben. Ich war ja in Hamburg.“

Dann geht sie zum Gegenangriff über:

„Sie sagten doch, Sie seien kein Jude?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, wendet sie sich an ihre Enkelin:

„Corinna? Weshalb interessiert er sich so dafür?“

„Er hat Geschichte studiert, Omi.“

Die Alte starrt auf ihre Tasse, schweigt einen Augenblick, bevor sie aufblickt.

„Und dann interessiert man sich so dafür? Wissen Sie“, sagt sie, und ihre Stimme hat einen drängenden Ton, „ich habe wirklich nichts gegen Juden. Meine eigene Tochter hat einen geheiratet. Meine eigene Tochter, verstehen Sie? Ich habe sie nicht davon abgehalten.“

„Ach, Omi“, wirft ihre Enkelin ein, „Onkel Richard ist mit Ach und Krach Halbjude. Und getauft ist er auch.“

„Ob getauft oder nicht. Jude bleibt Jude.“

Beim Abschied bedankte ich mich artig für den Kaffee und das Teegebäck. Sie brachte uns vor die Haustür. Der Blick von der Terrasse über den Fluss war zauberhaft. Das Licht der Abendsonne tanzte auf den Wellen, versprühte Tausende gleißender Funken. Ein Schwarm Möwen kreischte über dem Wasser. Das Fährboot aus Finkenwerder pflügte durch flüssiges Gold. Die Luft roch nach Dieselöl, Gras, Brackwasser und den Blüten der gepflegten, prächtigen Blumenbeete.

Sie lebte seit Ende der Dreißiger in dem Haus. Damals habe es ihr Mann ganz günstig erstanden. Ich klemmte mir die Frage nach dem Namen der Vorbesitzer.

Sie winkte uns hinterher.

„Kommen Sie gern einmal wieder. Ich freue mich immer, wenn Corinna nette Bekannte mitbringt.“

Für eine Weile latschten Corinna und ich wortlos nebeneinander auf der Promenade. Offenbar ließ sie das, was wir eben über ihren Großvater erfahren hatten, ziemlich kalt. Sie wolle jetzt nicht drüber sprechen, wehrte sie ab. Doch sie klang dabei nicht etwa aufgewühlt, sondern eher missgelaunt. Als empfände sie es als Zumutung, wie viel Zeit ich bereits mit dem Gegenstand verplempert habe.

Im Gehen betrachtete ich ihr ebenmäßiges Profil, das rotblond gelockte Haar, ihre helle, sommersprossige Haut. Sie war hübsch. Eine, die gewiss auch in ‘BDM’ Kluft sexy aussah. Wahrscheinlich wusste sie gar nicht, wofür Lodz stand. Dafür wusste sie, dass ihr Onkel bloß ‘Halbjude’ war.

„Ich habe nichts damit zu tun. Ich will auch nichts damit zu tun haben.“

Ganz die Großmutter.

Warum hatte ich deren Haus nicht eher verlassen? Was hielt mich? Wieso war ich nicht aufgestanden und gegangen? Bloß weil ihre Enkelin so hinreißend vögelte?

Ich kannte derlei Gespräche zur Genüge. Es waren ewig die gleichen Satzhülsen und Leerformeln. Die hatte ich aus Dutzenden verschiedenster Münder gehört, in sich stets ähnelnden Varianten. Bestenfalls stieß man unterwegs mal auf eine etwas originellere Version der Legende, nie aber auf wirkliche Ratlosigkeit.

Die Hoffnung, dass da irgendwo unter den Trümmern des Vergessens ein paar Brocken Erinnerung schlummerten, die bettelten, bloß gelegt zu werden, war naiver Größenwahn. Das Ritual der Amnesie war längst Folklore, bevor ich das erste Mal fragte. Eine Katharsis fand und fände nie statt, weil diejenigen, die es anging, lieber gezielt wegsahen. Mein Beharren darauf verkam zur leeren Geste. Man kann niemanden zwingen, Verluste zu betrauern, die er nicht spürt. Was also suchte ich noch?

Für Corinnas Großmutter reichte es, nicht nach Lodz gezogen zu sein und hinterher keine Fragen gestellt zu haben. Es bereitete ihr keine schlaflosen Nächte, neben einem Mann zu liegen, der durch das Blut Unschuldiger gewatet war. Vielmehr war sie stolz darauf, dass ihr Gatte so schlau gewesen war, mit ein paar polnischen ‘Fremdarbeitern’, die in Wirklichkeit wahrscheinlich eher ukrainische SS-Leute gewesen waren, ein Dutzend Pferde nach Westen zu treiben, um sich damit Unterschlupf bei einem Ortsbauernführer zu erkaufen. Das zählte. Mit allem übrigen hatte sie nichts zu schaffen.

Und Corinna?

Mein Blick glitt über ihr weiches Profil, die vollen Lippen, ihre Pfirsichhaut. Wie sie so neben mir herging, schön, sprachlos, erbärmlich kalt, keinen halben Meter weit weg und Lichtjahre entfernt. Eine Eisprinzessin.

„Du arme Sau“, dachte ich. Und meinte mich.