Im Bücherregal meiner Mutter steht eine doppelbändige Ausgabe Tucholsky. In Augenhöhe. Schöne Stücke. Leineneinband, solide und benutzerfreundlich. Seit Jahren lacht sie mich an und bettelt darum, eingesteckt zu werden. Zwar unterliegt literarischer Besitz in der Familie einer Mischung aus Faust- und Gewohnheitsrecht, doch das Verschwinden des Tucholsky hätte sofort lästigen zu Nachforschungen geführt. Also beschränkte ich mich auf gieriges Blättern, bis ich mich schließlich durchrang und das Double erwarb. Um endlich das Zucken in den Händen loszuwerden.
Zu Weihnachten besuchte ich meine Mutter in Hamburg. Nichts ahnend deutete ich auf den Tucholsky und bemerkte, dass mir die gleiche Ausgabe vor einer Weile angelacht habe.
„Ach die“, kam es heiter. „Die ist von Irene. Die gehört dir.“
Die Patentante habe mir die Bücher zur Konfirmation geschenkt. Das Ereignis lag rund zwei Jahrzehnte zurück. Ich erinnerte meine Mutter daran, dass ich die überwiegende Zeit seither konfessionslos gefristet habe, somit als einer, der durchaus hin und wieder freigeistlichen Zuspruchs bedürfe.
„Deshalb guckten die mich immer so traurig an...“
„Die haben sich da stets sehr wohl gefühlt“, entgegnete sie. „Zumindest ist mir nichts Gegenteiliges bekannt.“
Kunststück. Stummen Anklagen braucht keiner die Ohren zu verschließen.
Dennoch freute es mich. Es passte zu Irene. Oder vielmehr zu dem Verhältnis, das ich zu ihr hatte. Das meiste von dem, was sie sagte, brauchte Jahrzehnte, um bei mir anzukommen.
Irene muss seherische Fähigkeiten gehabt haben. Lange bevor irgendein Pfarrer Hand anlegen konnte, gab sie mir den ersten Namen. Als mein Geschlecht noch über Monate ein Geheimnis bleiben sollte, taufte sie mich bereits ‘der Dackel’. Das Tier im Namen trippelte mir bis zur Einschulung nach. Selbst heute frage ich mich manchmal, ob meine etwas zu kurz geratenen Beine auf ihr frühes Geschenk zurückgehen.
Irene sprach und gab sich anders als die meisten Erwachsenen. Weshalb, dämmerte mir erst im Nachhinein. Doch es tat gut. In ihrer Gegenwart litt ich nie unter Platzangst. Für sie musste ich kein ‘prachtvoller kleiner Kerl’ sein oder einen ‘hübschen Diener’ machen. Dressur und pädagogisch stimmungsvolle Shows lagen ihr nicht. Sie erzählte mir auch nie, wie groß ich in der Zwischenzeit schon wieder geworden sei. Trotzdem war es immer aufregend, wenn sie uns besuchen kam. Sogar ohne Süßigkeiten.
Sie verabscheute Etikette, Konventionen und Nierentische. Als Frau um die Sechzig kleidete sie sich nicht in dunklen, dezenten Farben, wie es die Heerscharen dauertrauernder Kriegerwitwen und geschlechtsloser später Mädchen ihres Jahrgangs zu tun pflegten, sondern zeigte Lidschatten, Strass und Lippenrot. Außerdem flocht sie gern amerikanische Häppchen in ihre Sätze. Das irritierte viele. Alle, für die der Untergang des Abendlandes eigentlich erst mit ‘GI Joe’, Nylons und dem ‘Sentimental Journey’ richtig ins Rollen gekommen war. Mithin die meisten. Gelegentlich fluchte sie sogar laut. Das galt als unfein. Ich entsinne, wie meine Mutter sich mal darüber echauffierte, dass sie „ihren phantasielosen Fäkalwortschatz“ vor uns Kindern ausbreite.
Zur Taufe schenkte Irene mir eine Gesamtausgabe von Erich Kästner. Die stand bei den Eltern im Regal. Als mein Vater irgendwann bemerkte, die sieben Bücher mit dem blauen Rücken gehörten übrigens mir, ließ mich das zunächst kalt. Mit fünfzehn las ich dann „Fabian“, war hingerissen und verlieh den Band herum, bis er verschwand. Seither erinnert sein Fehlen mich an die Risiken missionarischen Eifers.
Gesprochen habe ich mit ihr über den Roman nie. Leider. Irene stammte aus Berlin und man starb nicht vor Langeweile, wenn sie den Mund aufmachte. Sie muss die Stadt geliebt haben. Obwohl sie seit Jahrzehnten woanders lebte, berlinerte sie mit Hingabe. Für sie lag der Nabel der Welt am alten Alexanderplatz. Der Times Square, an den es sie später verschlug, galt ihr bestenfalls als dessen schlechte Kopie. Trotzdem zog sie nach dem Krieg nicht wieder an die Spree, sondern fuhr immer nur auf ein paar Tage. Zu lange dürfe sie bleiben, erklärte sie. Es täte ihr zu weh.
„Allein schon der Anblick.“
Mein Vater schürzte die Lippen, wog bedauernd die Luft über seinen Handflächen, hob die Augenbrauen und erklärte, dass in Hamburg während der ‘Wiederaufbaujahre’ weit mehr zerstört worden sei als durch alliierte Luftangriffe. Es sollte wohl tröstend klingen. Sie quittierte seine Bemühungen mit einem bemühten Lächeln.
„Es geht ja nicht nur um das, was Bomben und Abrissbirnen angerichtet haben. Das sind ja bloß die sichtbaren Narben.“
Da hüstelte er. Und schwieg.
Irene zog viel um. Zeitweilig lebte sie auch in Göttingen. Einmal wollte mein Vater wissen, wie sie es dort aushielte. Sie verzog den Mund.
„Unerträglich? Was ist schon erträglich? Was macht es dir hier erträglich? Ist Hamburg so viel wohltuender?“
„Immerhin ist es groß.“
„Womöglich das Tor zur Welt?“
Ihr Lacher mischte sich mit einem Seufzer.
„Das ist sehr relativ. Lädt bloß zu Missverständnissen ein...“
Sie klopfte eine Zigarette aus der Packung. Ihr Feuerzeug schnappte und sie sog den Rauch tief ein.
„Sprache ist mir das Wichtigste. Außerdem weiß ich in Göttingen wenigstens, woran ich bin.“
Sprache ernährte sie. Irene übersetzte vom Amerikanischen ins Deutsche. Sie war Remigrantin. Als die Behörden ihr nahe legten, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, hatte sie mit ihm Berlin verlassen. Im Frühjahr 1939.
Die Schweiz versuchten sie gar nicht erst, weil er ein ‘J’ im Pass hatte. Über Holland und Belgien landeten sie in Paris. Dort kamen sie bei Bekannten unter. Im folgenden Sommer okkupierte die Wehrmacht den Norden Frankreichs. Sie flohen in den unbesetzten Süden. Von Marseille bis New York brauchte Irene über ein Jahr.
Als ihr Gatte längst in den USA war, hing sie noch monatelang in Havanna fest, bis das ‘Office of Immigration’ ihren ‘Affidavit’ bestätigte und sie einreisen durfte. Dabei war die deutsche Quote nicht ausgeschöpft und sie besaß einen Bürgen. Wie ihr ging es vielen.
In Marseille hatten sie und ihr Mann lange auf eine Passage gewartet. In der Zwischenzeit nervten sie Gendarmerie und Fremdenpolizei, verfielen ihre Visa, mussten neu beantragt werden, verpassten sie Schiffe, weil sie keine gültigen Transits hatten. Dann, als sie sich fast damit abgefunden hatte, wieder interniert und an die Deutschen ausgeliefert zu werden, ergab sich eine Passage über Lissabon.
Sie sprach vom Gefühl, es geschafft zu haben, der Erleichterung, auf ein Schiff gekommen zu sein, dessen Kapitän sie in den Zielhafen brachte und sie nicht irgendwo außerhalb der Drei-Meilen-Zone aussetzte, vom Schock nach der Ankunft in Kuba, allein auf einem fremden Kontinent, ohne Spanischkenntnisse, Geld und Arbeitserlaubnis, schilderte, wie sie nach tagelangem Warten mit trockenem Hals vor dem Schreibtisch eines Konsulatsbediensteten stand, einem Menschen in akkurat gebügeltem Hemd, sauber rasiert und wohlgenährt, der sie mit entsetzlich gelangweilten Bürokratenaugen musterte, während sich ihr vor Hunger, Hitze und Anspannung der Magen umdrehte und die Knie einzuknicken drohten, wie sie ihre Zunge verrenkte, ihn anflehte, in erbärmlichem Englisch, bitte zu prüfen, ob die eidesstattliche Erklärung des Bürgen, der erlösende Affidavit, nicht doch längst vorläge.
Schließlich lag der Affidavit vor, aber dann waren noch verschiedenste Formulare auszufüllen und der Vertretung unter Dutzenden von eher nebensächlichen Vordrucken zufällig gerade das entscheidende Formblatt ausgegangen. Das musste nun erst wieder in Washington bestellt und nach Havanna geschickt werden, bevor es vorschriftsgemäß komplettiert zurück an die Einwanderungsbehörde in den Vereinigten Staaten gesandt werden konnte. Fristgerecht.
„Von Cuba bis Key West sind es rund neunzig Meilen“, sagte sie. „Die kann man fast schon schwimmen...“
Beim Erzählen mokierte sie sich über Mitteleuropäer in den Tropen, ihre grotesken Versuche, trotz mörderischer Temperaturen gewohnte Garderobe und Tagesabläufe zu pflegen, beschrieb die binnen Minuten triefend nass geschwitzten Blusen, wenn sie beim Konsulat darauf wartete, vorgelassen zu werden und sich hübsch gemacht hatte, sprach von den allgegenwärtigen Deckenventilatoren, die sinnlos die schwüle Hitze zerpflügten, indes ihr mit der Schminke die mühsam inszenierte feminine Respektabilität zerfloss.
Unterwegs lachte sie viel und laut. Sie hatte ein gluckerndes, tiefes Lachen, fraulich und warm, in dem Spott, Zweifel, Lust und Hoffnung perlte. Es kam ebenso unverhofft wie es abstarb. Dann wieder klang ihre Stimme plötzlich heiser und sie wirkte müde.
Sobald sie von den Älteren sprach, denen von über fünfzig und mehr, zu alt, um sich umzustellen und die Schikanen der Bürokratie zu ertragen: gestrandet, Heimweh gebeutelt, verzagt. Menschen, die bis zu ihrer Vertreibung in geordneten Verhältnissen gelebt hatten, brav, bieder, bescheiden, manchmal erfolgreich. Kleine Leute, Bürger und Akademiker, Kriegsteilnehmer, die ihre Orden und Veteranenspangen ins Exil mitgeschleppt hatten. Sie erinnerte sich des Journalisten aus Berlin, dessen Herz vor Freude über den ‘Permit’ versagte, und des Buchhändlerehepaars aus Leipzig, das sich mit Veronal im Doppelzimmer einer Absteige einschloss. Sie wusste sogar noch die Namen.
Neunzig Meilen bis Key West.
Das muss Ende 1941 gewesen sein. Da trug mein Vater das Wehrmachtskhaki des Afrikakorps, langweilte sich in irgendwelchen Stellungen südlich von Bengasi und jauchzte vor Begeisterung, als er seine ersten vier Engländer erschoss. Er war knapp zwanzig, Irene Anfang dreißig.
Bei Kriegsende kehrte sie nach Deutschland zurück. In der Uniform eines ‘Captain’. Allein. Blieb als Zivilist. Behielt trotzdem den blauen Pass. Auf ihre amerikanische Staatsbürgerschaft legte sie großen Wert.
„Eine Ausbürgerung reicht.“
Als Zehnjähriger hatte ich das Wort ‘Ausbürgerung’ noch nie gehört.
„Das erkläre ich dir ein andermal“, sagte mein Vater.
Seine Frau kam ihm zu Hilfe.
„Vielleicht dürfen sich die Erwachsenen endlich mal in Ruhe unterhalten?“
Ich warf Irene einen flehenden Dackelblick zu. Sie grinste.
„Freut euch doch, dass der Bengel überhaupt fragt.“
Mein Vater grunzte gequält. Erwartungsvoll hing ich an ihren Lippen.
„Das deutsche Reich hatte beschlossen, dass ihm meine Nase nicht passte und ich keine Deutsche mehr sein durfte.“
„Wie geht das?“
„Ganz einfach. Indem es meine Papiere nicht verlängert hat.“
Sie kramte in ihrer Handtasche, zückte ein kleines, dunkelblau glänzendes Heft und drückte es ihn mir in die Hand.
„Da steht drin, ob du Deutsche oder Französin oder Polin bist. Oder Amerikanerin. Alle paar Jahre wird das Ding verlängert oder du gibst es ab und bekommst einen neuen.“
„Warum?“
Sie beugte sich vor und schlug eine der hinteren Seiten auf. Ich beäugte die bunten Visa und handschriftlichen Eintragungen.
„An der Grenze kriegst du jedes Mal einen Stempel. In dem Land meldest du dich bei der Polizei. Da gibt es wieder einen Stempel. Oder eine Marke. Und bald ist vor lauter Stempeln und Marken kein Platz mehr in dem Pass. Dann ist er voll und du brauchst einen neuen.“
„Für neue Stempel?“
„Du hast es erfasst.“
„Warum stempelt man nicht einfach ein bisschen weniger?“
„Das habe ich mich auch oft gefragt.“
Mein Vater mischte sich ein, sein Ton sachlich und knapp.
„Menschen werden älter. Ihr Aussehen verändert sich und entspricht nicht mehr dem Foto von früher. Das soll ja Auskunft darüber geben, wer man ist. Klar?“
Ich nickte gehorsam.
Irene fuhr fort.
„Eines Tages jedenfalls waren meine Papiere nicht mehr gültig. Die Leute im Konsulat, bei denen ich frische beantragte, schauten in einer Liste nach und sagten, sie seien nicht länger für mich zuständig. Ich habe das Recht verwirkt, Deutsche zu sein...“
„Einfach so?“
„Ja. Obwohl sie genau wussten, dass ich ohne Pass aufgeschmissen war. Besser gesagt, weil sie es ganz genau wussten.“
„Und dann?“
„Bin ich Amerikanerin geworden.“
„Aber du bist doch deutsch?“
„Natürlich bin ich deutsch. Aber ich war keine Deutsche mehr. Das ist ein Unterschied. Deshalb konnte ich Amerikanerin werden. Mit ein paar Umwegen und etwas Warten.“
Sie deutete auf den Pass.
„Da steht ‘citizen’. Das heißt Staatsbürger. In Amerika ist es ganz in Ordnung, Amerikanerin und deutsch zu sein. Keiner findet was dabei. Andere Leute sind Amerikaner und italienisch. Oder irisch. Oder russisch.“
Ich staunte.
„Daran stört sich niemand. Alle sind Amerikaner. Aber in Deutschland darf eine Deutsche nur deutsch sein. Sonst nichts.“
Es dauerte, bis ich begriff, dass es verschiedene Arten von Logik gibt. Und dass menschlich sich zu völkisch verhält wie Wasser zu Öl. Unabhängig von der Dosierung.
Irene übersetzte Literatur. Sie fertigte Rohtexte an, denen ihr frischer Gatte den letzten Schliff gab. Er war ein Kriegskumpel meines Vaters und ein gutes Dutzend Jahre jünger als sie. Die beiden hatten kurz nach der großdeutschen Götterdämmerung geheiratet. Doch da sie uns meist ohne ihn besuchte, und über längere Phasen hindurch getrennt von ihm lebte, vermute ich, dass sie die Ehe eher aus Routine als Zuneigung beibehielt. Oder aus aufenthaltsrechtlichen Gründen.
Sie hasste den Umgang mit Behörden. Beamte kosteten sie Nerven und Magenschleimhaut.
„Sobald sie begreifen, dass ich Amerikanerin bin, behandeln die meisten mich ähnlich vertrauensvoll wie einen Staatsfeind.“
Ein kurzes Auflachen.
„Nein. Nicht so wie ihr denkt. Immer hübsch korrekt. Zu mehr fehlt ihnen die Traute. Trotzdem wird mir ganz schlecht, wenn ich mir vorstelle, was wäre, wenn die dürften, wie sie wollen.“
Das Feuerzeug klickte. Ihr Blick glitt ins Leere. Mein Vater räusperte sich angestrengt. Das Unbehagen war ihm von weitem anzusehen.
„Eigentlich kein Wunder. Nur der Lack ist frisch.“
Dann schwiegen sie eine Weile. Bis meine Mutter fragte:
„Sag mal, Irene, an was sitzt du denn so zurzeit? Dem Heller?“
Irene plauderte gern über Autoren, Stories und Plots, auch wie sie sich mit dem Verfasser auf die eine oder andere Entsprechung verständigt hatte. Für Joseph Heller schwärmte sie. Als sie von ihm sprach, hatte sie ihn gerade in New York getroffen. Ihre honiggelben Augen schimmerten verzückt.
„Wie ist er denn so?“
Sie atmete durch.
„Viele Autoren sind Langweiler. Aber der ist auch als Mann nicht ohne.“
„Aha“, grinste meine Mutter. „Ihr seid euch näher gekommen?“
„Leider nur in Grenzen“, gurrte Irene. „Ich wäre nicht unbedingt abgeneigt gewesen.“
„Ich muss doch sehr bitten.“
Die Frauen überhörten den Einwurf meines Vaters, obwohl der noch rasch etwas über den heiligen Stand der Ehe nuschelte.
„Wie sieht er denn aus?“
„Blendend.“ Irene wühlte in ihrer Handtasche. „Auf dem Schutzumschlag ist ein Foto.“
„Na Gott sei Dank.“ murmelte der Alte. „Ich kann mir unter dem Wunderknaben nicht so irre viel vorstellen.“
„Du bist ja bloß neidisch“, wies ihn seine Frau zurecht.
„Was weiß ich? Nachher hat er zwei Köpfe oder seine Schnurrbartenden um die Ohren gewickelt, damit sie ihm beim Tippen nicht in die Schreibmaschine geraten…“
Mittlerweile hatte Irene Hellers Konterfei zutage gefördert. Ein markanter Endvierziger mit silbergrau durchwobener Lockenpracht bleckte gut erhaltene Zahnreihen in die Kamera. Soweit ich es beurteilen konnte, machte er wirklich was her. Auch ohne Bart.
„Wie soll ich ihn euch als Typ beschreiben“, sinnierte sie. „Er ist eben ein echter New Yorker.“
Keiner verstand, was gemeint war.
Irene grinste.
„Na Mensch, Ebbo“, wandte sie sich mit gespieltem Erstaunen an meinen Vater, als erwartete sie zumindest von dem, dass er es begriff, „die amerikanische Version der Berliner Vorkriegsausgabe.“
Sie lachte breit und unbefangen. Doch er zuckte bloß ein paar Mal mit dem Mund.
„Ach so.“
Meine Mutter meinte: „Weiht ihr mich ein?“
Statt einer Antwort prüfte er seine Stimmbänder.
„Ist er damals auch emigriert?“
„Nein“, sagte Irene. „Er ist bereits in New York geboren.“
Ihr Lächeln war verflogen.
Die Szene spielte sich bei einer unserer letzten Begegnungen ab. Irenes Besuche wurden seltener. Mit siebzehn ging ich für ein Jahr in die USA. Während meines Aufenthaltes dort schrieb mir mein Vater, dass sie sich getötet habe. Er wisse nichts Näheres.
„Tough Shit“, in der Kurzform „T. S.“. Das ist Soldatenslang aus dem Zweiten Weltkrieg. Es bedeutet soviel wie „zähe Scheiße“, ist Unmutsäußerung, Kommentar oder Betroffenheitsbekundung, kann mit Wut, Zorn, Entzücken, Respekt oder philosophischer Abgeklärtheit gepaart sein.
Als ich vierzehn war, an Pickeln in meinem Gesicht herumdrückte, mir die Stimme zerbrach, unterm Bartflaum nach Spuren von Männlichkeit forschte, angestrengt dem weiblichen Mysterium hinterher rätselte und harte Flecken im Bettlaken hinterließ, gab Irene mir ab und zu eine Zigarette ab, tröstete mich über die Wehen des Erwachsenwerdens und brachte mir bei, wie man diese Redewendung über die Zunge rutschen lässt.
„‘Taff’ mit weichem, kurzem ‘T’. Ja... so... Hier vorn an den Zähnen. Guck’ mal! ... Ja, gut! Hartes ‘A’ und scharfes ‘F’, wie in ‘Kaff’ oder ‘Haff’... Wunderbar! ... ‘Schitt’ ist ganz einfach. Willst du es raffiniert aussprechen, dehnst du das ‘I’ und baust am Ende des Lauts noch die zarte Ahnung eines ‘Ä’s ein. So... Ja, genau. Du hast es! Phantastisch! Besser als mit der Muttermilch. Klingt wie 125. Strasse und Lenox Avenue... Wann führst du mich in New York aus?“
Die Zeilen meines Vaters starrten mich an. Ich glotzte auf eine orange gestrichene Wand, hörte sie lachen, dachte an ihre Augen, die Falten um den Mund, das Clownrot der Lippen. Die Wärme unter ihrem Spott. Auch an die ihre Erzählung von dem Ehepaar aus Leipzig, die Absteige und das Veronal.
Richtig vermisst habe ich sie allerdings erst Jahre danach.
Nicht nur wegen des Spitznamens, der Bekanntschaft mit Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Mascha Kaleko und anderen. Oder weil sie vorlebte, wie eine Einzelne inmitten verbissener Maulkörbigkeit ein freies Mundwerk pflegen kann. Sondern weil sie sich nicht aus der eigenen Geschichte fort zu lügen brauchte.
Deswegen auch, nehme ich an, galt sie, die in New York nicht hatte heimisch werden können, weil sie zu deutsch war, in ihrem eigenen Land als Fremde. Als Verräterin, die dem Vaterland den Rücken gekehrt hatte. Wegen eines ‘Judenbengels’.
Das ließ man sie spüren, sobald sie die Uniform der Feindarmee ausgezogen hatte. Wenn sie verwundbar war und ankommen wollte. Zu Hause. Sie zahlte: Für die Luckies, die Nylons, den Swing, die Kaugummistreifen und Hershie-Bars. Für das Zittern der anderen, ihr Betteln und Buckeln vor Besatzern, Fragebögen und Spruchkammern. Doch die, die sich an ihr rächten, dachten weder an Marshall-Plan noch Hollywood-Schaukel, sondern an Bombennächte, Nürnberg und die Entnazifizierung. Daran, dass die ‘verjudeten Plutokraten’ sie gezwungen hatten, ihrem Heiland abzuschwören, dem einzigen, der ihnen je erlaubte, sich beim Gehorchen mächtig zu fühlen.
Ihre Rückkehr war gescheitert. Das, wonach sie sich gesehnt hatte, fand sie zerstört und ausgemerzt. Bleibend waren nur die Verluste, geblieben bloß die Ausmerzer. Sie gehörte zu den Verlierern. Und dann fehlte ihr die Kraft für den zweiten Absprung. Wer hat schon Lust, im Nirgendwo geplatzte Illusionen zu zählen?
Wir kamen nicht mehr dazu, gemeinsam durch New York zu streifen, mit Karl Valentin im Gepäck, als Fremde in der Fremde. Obwohl ich ein paar Jahre dort gelebt habe. Und oft an sie denken musste.
Drei Tage, nachdem ich in der Stadt angekommen war, radelte ich durch Harlem. Nördlich von ‘Washington Heights’, etwa auf der Höhe der ‘Cloisters’, verfuhr ich mich. Da macht der Broadway macht einen Bogen. Ostwärts. Manhattan und Bronx sind nur durch einen schmalen Kanal getrennt. In der Süd-Bronx zwischen hungrigen Ratten und Autoskeletts durch ausgebrannte Straßenzüge zu irren, reizte mich wenig. Meine helle Haut und das Rennrad strengten bereits in Harlem genug an. Doch da die meisten Leute Latinos waren, scheiterte der Versuch mich durchzufragen an den Klippen meines mangelnden Spanisch.
Schließlich entdeckte ich eine ältere Weiße mit Einkaufstasche. Ich fuhr einen Schlenker, bremste neben ihr auf dem Bordsteig und setzte an, mein Sprüchlein aufzusagen. Als ich sie auf einen Meter Entfernung sah, musste ich heftig schlucken. Sie war Mitte sechzig, trug Pagenschnitt, hatte Sommersprossen und hellbraune Augen. Bevor ich den zweiten Satz zu Ende gebracht hatte, unterbrach sie mich.
„Sind Sie aus Deutschland?“
Sie musste es gerochen haben. Andere brauchten länger.
Ich nicke verwirrt. Sie erklärt mir den Weg. Gewöhnlich ortet mein Gehör einigermaßen rasch, in welcher Region jemand aufgewachsen ist. Zumindest grob. Bei ihr versagt es. Eigentlich müsste sie berlinern. Mit diesem Bernsteingelb in der Iris. Und diesen Lippen. Dem Spott und der Zärtlichkeit und dem Schmerz darin.
Ich danke ihr hastig.
„Gern geschehen.“
Dann will sie wissen, wo ich her bin.
„Hamburg“, stammele ich.
Es fällt mir schwer, mich zu sortieren. Ich weiß, dass in der Gegend viele Emigrés leben, Oskar Maria Graf und Remarque hier irgendwo um die Ecke gewohnt haben, Henry Kissinger ein paar Straßenzüge weiter noch lange „Heinzi“ gerufen worden ist. Und klar, es ist New York. Hier sprechen die verschiedensten Leute alle möglichen Zungen, haben schräge, schrille und mitunter grauenhafte Geschichten im Gepäck. Trotzdem.
„Wie wussten Sie, dass ich da her bin? Der Akzent?“
Sie lächelt. Ihre neugierigen, warmen Augen, die Selbstironie um den Mund, sogar der Klang ihrer Stimme.
Ich denke: „Es gab mal eine, die besaß Augen wie Sie. Changierend. Mal gelb, mal grün. Die hat mir gezeigt, wie man auf Amerikanisch flucht. Die hätt’ ich Verschiedenes gern noch gefragt, aber ich hab’ sie verpasst. Das Veronal lag näher. Keiner da, der ihr das ausgeredet hätte.“
„Nein.“ Sie zögert einen Moment. „Sie werden lachen. Sie erinnerten mich an jemand...“
Aber ich lachte nicht.
Darf man sich wildfremden, älteren Damen an den Busen werfen, oder anfangen zu heulen, bloß weil sie einem liebenswürdig Auskunft erteilten?
Ich stotterte, dass es ein Irrtum sein müsse. Ich wäre erst drei Tage in der Stadt und hätte mich nur verfahren. Damit stieß ich das Rad von Kantstein ab und trat in die Pedale. Floh. Ohne mich umzublicken. Sechs, acht Blocks weit. Bis mein Atem flog. Dann bremste ich, hielt fluchend. Wendete.
Ich suchte sie gewiss eine halbe Stunde, aber sie blieb verschwunden. Eineinhalb Jahre danach, als ich in dem Viertel wohnte, schaute ich oft nach ihr aus, auf der Strasse, bei Spaziergängen im Fort Tryons Park oder in den Geschäften der 181.
Ich sah sie nie wieder.