Milch und Ananas

Neulich fragte mich ein Freund: „Wie viel Zeit willst du mit einem Toten verbringen?“

Gute Frage.

Die einzige Antwort, die mir einfiel: so viel, wie Not tut. Um Abschied zu nehmen, und das, was liegen geblieben ist, zu ordnen. Falls es sich ordnen lässt. Das kann eine halbe Stunde dauern. Oder ein halbes Leben.

In den Notizen, die mein Vater rund fünfzehn Jahre nach seiner Gefangennahme angefertigt hat, steht unter der Überschrift:

„Mein militärisches Gesamtergebnis

5 oder 6 deutsche Angriffe mitgemacht, ferner ca. 2.000 Kilometer Rückzugsgefechte; 2, vielleicht auch 3 mal Mut gezeigt, mindestens 100.000 mal Angst gehabt. Letzter Dienstgrad: Obergefreiter.

Meine Mitbringsel aus dem Krieg

9 Esslöffel (silbern); 12 Teelöffel (18. Jahrhundert); 1 Oberleutnant, englisch, verwundet; 1 Oberleutnant, englisch, gesund; 2 eiserne Kreuze; 7 amerikanische Soldaten, gesund; 1 Handgranatensplitter im Kopf; 2 Wolldecken; 1 Kochgeschirr, amerikanisch.“

Wann der Krieg für ihn vorbei war, weiß ich nicht. Vielleicht kurz vor seinem Tod. Da wirkte er endlich frei.

Er sagte häufiger, jeder Tag ab dem Herbst 1944 sei „ein Geschenk“ gewesen. Danach habe er zwar noch gehungert, zumindest bei den Franzosen, aber sich langsam wieder an die Vorstellung gewöhnen dürfen, den nächsten und übernächsten Morgen zu erleben. Das hatte er in den Jahren davor verlernt. Da sei bloß entscheidend gewesen, ob ein Engel für Bruchteile von Sekunden gerade hin- oder wegsah. Wie bei der verpassten Mitfahrgelegenheit, über die er mir mal eher beiläufig berichtete.

Das war irgendwo auf einer Bergstrasse in Italien, während eines der vielen Rückzüge. Neben ihm hielt ein schwerer Panzer. Weiter vorn in der Kolonne war ein Laster liegen geblieben, der den Weg versperrte und beiseite geschoben werden musste. Auf dem Panzer saß eine Gruppe Soldaten. Drei davon kannte er. Ob er was Richtiges zum Rauchen habe? Er hatte. Sie luden ihn ein, zu ihnen raufzuklettern. Gegen ein paar Zigaretten bekäme er von ihrem Wein ab.

Er war müde. Der Chianti lockte. Zwei Mann halfen ihm gerade hoch, da pfiff ihn ein Offizier zurück. Fluchend sprang er ab. Sekunden später jaulten die Motoren des Panzers auf. Ruckend fuhr er an. Entweder eine der Ketten fasste nicht oder der Fahrer beschleunigte zu stark. Jedenfalls geriet der Stahlkoloss ins Rutschen, durchbrach das Steinsims neben der Strasse und stürzte in die Schlucht.

Ich hob die Augenbrauen. Er kam mir zuvor.

„Keiner.“

Mein Vater saß am ovalen Esszimmertisch, den Rücken zum Fenster. Die Zeitung lag ausgebreitet vor ihm. Dazwischen stand die Saftflasche, sein Glas, aus dem ich mit trank, und ein halbvoller Aschenbecher.

„Was Menschen mit Menschen anstellen, ist schon ziemlich phantastisch. Andere Tiere legen sich hin und sterben, wenn sie die Schnauze voll haben. Menschen kann man bei Schneeregen wochenlang in offene, Bauchnabel hohe Stacheldrahtverhaue sperren, wo sie nur im Schlamm kriechen dürfen. Das geht. Die meisten überleben und man sieht ihnen bald nichts mehr an.“

Ihn hatten die Amerikaner auch in einen dieser Käfig gesteckt. Davon berichtete er beinahe amüsiert. Tiefer beeindruckt hatte ihn anderes.

„Quälst du ein Pferd oder ein Maultier, nimmt es irgendwann Platz und steht nicht mehr auf. Da nutzt auch kein Prügeln. Wir sind Kreaturen mit Hoffnung. Deswegen kann man uns so viel zumuten. Der Mensch glaubt an alles. Außer an den eigenen Tod. Den kann er sich nicht vorstellen.“

Er schwieg, als befürchte er, mich unterwegs verloren zu haben.

„Ich hör’ zu“, sagte ich.

„Es gibt so was wie ein konservatives Prinzip, das dich am vertrauten Elend festhalten lässt. Die Lage, in der du dich gerade befindest, und sei sie noch so beschissen, scheint dir kalkulierbar, allein weil du sie kennst. Vorm Schritt ins Unbekannte schreckst du zurück, weil der bedeuten würde, diese vermeintliche Sicherheit aufzugeben.“

„Aber du bist doch ganz risikofreudig und konntest dich dem Gegner erklären.“

Er spielte mit der Zigarettenschachtel.

„Ich habe meine Gefangennahme immer hinausgezögert.“

„Warum?“

„Überlaufen war meine letzte Freiheit...“

Wir sprachen mal wieder über das Ereignis, das nie stattfand: seine Desertion.

Bekanntlich nutzt nachträgliches Verweigern wenig. Doch wie rechnet man mit einer Vergangenheit ab, wenn die Rechnung nicht aufgeht? Aus heutiger Sicht hatten unsere Gespräche über das Desertieren den Charakter eines absurden Examens, das Prüfer und Prüfling gemeinsam zu bestehen suchen, obwohl beide wissen, dass der Kandidat längst durchgefallen ist. Vor der entscheidenden Hürde hat er versagt. Trotzdem lassen sie sich Dutzende von Zusatzfragen einfallen, gestatten einander Ausflüchte in theoretische Varianten oder lenken mit Anekdoten ab. In der Hoffnung, dass sich aus deren richtiger Beantwortung am Ende doch noch ein ’Bestanden’ zimmern lässt, ohne allzu offensichtliches Schummeln, das sie später dazu zwingt, Spiegel zu meiden und sich beim Rasieren zu schneiden.

Nun erzählte er mir, was einmal geschah, als er eigentlich hatte abhauen wollen. Da war er Spähtrupp auf amerikanischem Gebiet. Die Spähtruppvariante, wie er es nannte, sei ihm die liebste gewesen. Da habe er die Bedingungen seiner Gefangennahme beeinflussen können. Auch bei Infanterieangriffen wäre er gern vorgegangen. Das galt als couragiert. Allerdings ging er immer außen, in gebührendem Abstand zu den anderen. Ein Einzelner zog weniger Feuer auf sich.

Als ich klein war, wechselte er bei Spaziergängen manchmal unvermittelt in den Schatten der Bäume. Nur ein paar Schritte. Sprach meine Mutter ihn dann an, lachte er ertappt auf und kehrte auf den Weg zurück.

Nach seinem Tod berichtete sie, wie sie mit ihm durch die Normandie gefahren sei. Ihre erste gemeinsame Reise ins Ausland, Anfang der Fünfziger. Sie schliefen in einem Dorfgasthaus. Nachts wachte sie auf, weil er gellend schrie. Er kauerte in einer Ecke des Zimmers, die Arme um seinen Kopf gekrallt. Er hatte von feindlichen Panzern geträumt.

Von den Tanks hat er mir berichtet, auch wie es hinterher aussah, wenn sie über den Erdlöchern eine halbe Drehung gemacht hatten.

„Das amerikanische Camp lag ungefähr zehn Kilometer hinter unseren Linien. Ich war mit einem anderen zusammen. Die gaben einem immer noch einen mit, damit man nicht auf Gedanken kam. Der blieb außerhalb des Lagers und versteckte sich. Ich trug ‘ne Tarnjacke. Die sah aus wie die amerikanischen Parkas. Ich glaube, die war von der SS. Die Wehrmacht hatte solche Dinger nicht. Ich bin einfach ins Lager gelatscht. Kein Mensch nahm Notiz von mir. Die wollten mich gar nicht haben.“

„Du hättest die Arme hochheben können.“

„Ach“, kam es unwillig.

Er schwieg einen Augenblick.

„Beim Küchenzelt, das etwas abseits lag, habe ich mir dann jedenfalls erst mal ordentlich Ananassaft gegriffen. Der stand da unbewacht ‘rum und langweilte sich. Hunderte Dosen voll echtem Ananassaft. Übersetz’ das mal in Ressourcen und Logistik. Was für eine immense volkswirtschaftliche Macht dahinter stand! Das war doch purer Luxus. Militärisch völlig überflüssig! An so was hätte bei der Wehrmacht niemand auch nur zu denken gewagt.“

In seinem Erstaunen schwang noch immer eine Spur hilflosen Entsetzens mit.

„Wir kamen nicht mehr mit dem Nachschub für das Nötigste hinterher, krebsten ‘rum, lebten von erbärmlichem Ersatz, und die Amerikaner schafften locker tonnenweise Ananassaft über den Atlantik. Wohlgemerkt auf dem Vormarsch...“

Wie aussichtslos es war, gegen einen derart übermächtigen Gegner anzutreten, hatte er möglicherweise erst angesichts der Batterien von Blechdosen begriffen. Es dauerte ein paar Sekunden, bevor er sich fing.

„Der Saft mundete mir vorzüglich. Literweise hab’ ich das Zeug weg gesoffen. Stundenlang. Es war himmlisch.“

Er lächelte versonnen. Dann fragte er:

„Findest du es bescheuert, dass ich mich so an dem Ananassaft hochziehe?“

„Überhaupt nicht.“

Ich sah einen jungen Mann im Gras hinter einem großen, olivgrünen Zelt, zwischen Küchenabfällen, Propangasflaschen, leeren Kanistern und achtlos abgestellten Konservendosen. Er lag auf der Seite, so dass er mit einer Wendung des Oberkörpers überblickte, ob sich jemand näherte. Vielleicht wurde in der Feldkantine gerade gekocht und er hörte das Fluchen des schwarzen Küchenbullen aus Chicago, dem das Bratfett ausgegangen war und der sich seelisch auf den Anschiss des weißen Sergeanten aus Georgia vorbereitete.

Oder es ist still. Er lehnt gegen die Zeltwand, eine Dose Pineapple Juice zwischen den Beinen, spielt mit dem Blech des Deckels, guckt in den Himmel, lauscht den Lerchen, und träumt von einem Mädchen.

Die ersten Schlucke schlürft er so gierig, dass ihm der Saft über sein Kinn in den Kragen läuft. Betörend süß perlt es auf der Zunge. Es schmeckt nach Sonne und Unbeschwertheit. Fast wie Frieden. Wie kann einer, der so was trinkt, noch kämpfen? Da verliert man doch jede Lust. Aber die verliert man sowieso. Vermutlich sind die Amerikaner nicht trotz, sondern wegen ihres Safts so erfolgreich. Bei den Deutschen fehlt es hinten und vorne. Die Zugänge werden immer jünger.

Unlängst, als sie in einem Wäldchen lagen, fielen bei einem Feuerüberfall auf seine Kompanie von fünfundneunzig Mann siebenundsiebzig aus. Anschließend war da bloß graue, zerpflügte Erde und ein Haufen nasses, zersplittertes Kleinholz. Von fünfzig Neuen, die zehn Tage zuvor eingetroffen waren, blieben ganze sechs übrig. Die Jungen wussten nicht, wann sie sich hinschmeißen mussten. Doch jetzt erwischte es auch die Alten, die schon länger draußen waren. Es geht auf den Rest. Der Endsieg ist im Eimer. Alle vollmundig gefeierten Frontbegradigungen täuschen darüber nicht hinweg. Und nach der Niederlage? Was dann? Es gibt Gerüchte.

Er erinnert sich an die Szene auf der Strasse in Warschau, Frühjahr 1943.

Da war er ein paar Tage in Polen gewesen, weil er nach Russland sollte. Vor der Ostfront hatte er Manschetten. Also zog er sich die Afrika-Uniform an und fälschte den Marschbefehl. Den Bürohengsten auf der Frontleitstelle versicherte er, es sei ein Irrtum. Er müsse zu seiner alten Division zurück. Sie schickten ihn nach Griechenland. Als er dort ankam, hatten die Deutschen Nordafrika gerade geräumt.

Auf dem Weg zurück zur Unterkunft geht vor ihm eine Polin, elegant, nicht mehr ganz jung. Der Bürgersteig ist schmal. Vorher hat er beobachtet, dass Zivilisten auf dem Trottoir einen Bogen um die Besatzer machten. Offenbar gibt es da eine Order. Davon weiß die Polin anscheinend nichts. Oder sie träumt. So läuft sie direkt auf einen deutschen Hauptmann zu, der ihr entgegen kommt. Sie ist fast an ihm vorbei, da fegt er sie mit einer Armbewegung beiseite. Sie stürzt auf den Fahrdamm. Er verstellt dem Offizier den Weg. Was ihm einfiele, eine Dame zu schlagen? Der Ranghöhere glotzt ihn an, mit offenem Mund, als sei er ein Geschöpf von einem fremden Stern, bevor er kopfschüttelnd weitergeht. Nach einigen Schritten dreht er sich noch mal um, als könne er es wirklich nicht fassen.

Hätte der Hauptmann arrogant oder wütend reagiert, wäre ihm wohler gewesen. Aber das Erstaunen des anderen scheint echt. In welche Welt ist er hier geraten, wo es sich mit der Ehre eines deutschen Offiziers verträgt, wehrlose Frauen in den Schmutz zu prügeln?

Was hat sich im Osten abgespielt? Die Heeresgruppe Mitte ist in Auflösung. Die Rote Armee steht vor Warschau. Er weiß noch genau, was der Zivilist ihnen damals erzählt hat, während des Truppentransports nach Italien.

Der Mann war schon älter gewesen, der einzige Zivilist in ihrem Abteil. Er sprach darüber, dass in den besetzten Gebieten Juden ermordet würden. Zu Tausenden. In Kaunas sei er Zeuge geworden, wie litauische Sträflinge sie mit Eisenstangen totgeschlagen hätten. Vor Augen von Wehrmachtangehörigen und SS. Die hätten lachend daneben gestanden und zugesehen.

Der Mann rang die Hände: „So glauben Sie mir doch. Es ist ungeheuerlich, was dort geschieht. Das schreit zum Himmel. Wenn wir das nicht aufhalten, wird das Blut dieser Menschen über uns kommen.“

Sie hatten den Mann als Spinner abgetan, als einen, der sich bloß mit Gräuelgeschichten interessant machen wollte. Ein Kamerad hatte ihn hinterher noch nachgeäfft: „So glauben Sie mir doch, das Blut dieser Menschen schreit zum Himmel...“

Nun ist ihm mulmig. Er denkt an Mäxchen, Steffi, den Kantor und das verängstigte Gesicht von Herrn Gutmann. Außer Max sind alle fort. Umgesiedelt. Steffi hat er selbst zum Transport gebracht, Juli1942, an einem lauen Sommerabend.

Steffi ist die Freundin seiner Mutter. Sie sind gemeinsam zur Schule gegangen, in Lübeck, vor fünfzig Jahren. Herr Weiß, der Mann von Steffi, ist älter als seine Frau, aber den kaiserlichen Reserveoffizier sieht man ihm noch an.

Er kommt gerade aus Afrika, ist auf Urlaub. Seine Mutter bittet ihn, das Gepäck der beiden alten Leute zu tragen. Von der Judenwohnung in der Dammtorstrasse, wohin man Steffi umquartiert hat, bis zur Sammelstelle neben der Universität. Vor dem Logenhaus warten Hunderte von Menschen. Die Stimmung ist gedrückt. Die meisten sitzen stumm auf ihren Koffern, einige weinen. Auf der anderen Seite der Strasse, keine fünfzig Meter entfernt, liegen die Gleise des Bahnhofs.

Sie bringen das Paar bis an die Sperre, wo Zivilisten ohne Stern zurückbleiben müssen. Die Frauen umarmen sich. Er ist in Uniform, also trägt er ihnen die Koffer noch ein Dutzend Meter weiter. Als er sich verabschieden will und dem alten Herrn Weiß seine Hand bietet, wendet der sich wortlos ab.

Er versucht, diese Bilder zu verscheuchen, und hat dann bloß wieder andere vor Augen. Wie Max und seine Freunde feiern, in der Brahmsallee, während der großen Luftangriffe. Von den etwa dreißig Gästen geht eine Reihe ungern oder gar nicht in den Bunker. Dort werden nur dumme Fragen gestellt und Papiere kontrolliert. Also haben sich einige ihre Gläser mitgenommen und sind aufs Dach gestiegen.

Der Anblick der brennenden Stadt ist gespenstisch. Trotz Verdunkelung ist sie grell erleuchtet. Durch das Gleißen der englischen ’Tannenbäume’ tanzen die Kegel der Suchscheinwerfer. Der Himmel glüht rosa, orange und gelb. Im Osten und Süden wüten Flächenbrände. Barmbek, Hamm, der Gegend ums Berliner Tor und Rothenburgsort stehen in Flammen. Die Luft zittert, erfüllt vom Dröhnen der Bomberverbände und Orgeln des Feuers. Es stinkt nach Mörtelstaub, verbranntem Lack und Fleisch.

Sie stehen auf dem Dach und starren auf das Inferno. Ein paar prosten sich zu, grotesk, feierlich. Als ob nicht ihre Stadt in Schutt und Asche fällt, sondern die des Feindes. Angewidert stolpert er wieder nach unten. Betrunkenes Gekreisch dringt aus der Wohnung, untermalt von irgendwelchen Jazzrhythmen. Auf dem Treppenabsatz hört er heftiges Keuchen. Er tritt beinahe auf die Beiden. Sie lassen sich nicht stören. Er taumelt in die Wohnung. Dann knallen seine Sicherungen durch.

„Alle ‘raus“, brüllt er. „Stellt sofort diese Scheiß-Neger-Musik aus.“

Ob er nicht bei Trost sei? Erstauntes, ungläubiges Gelächter. Er erinnert sich der gefundenen Offizierspistole in seiner Jackentasche, schießt in die Decke: „Macht schon, haut ab.“

Verdutzte, ernüchterte Gesichter.

„Mensch, Ebi, du bist ja besoffen...“

„Raus! Ich fordere Sie zum letzten Mal auf, sofort die Wohnung zu verlassen.“

Jetzt siezt er sie. Offiziell. Arisch. Korrekt. Der einzige im Raum mit geladener Waffe. Empört murmelnd trollen sie sich. Er stakst durch das zerfeierte Wohnzimmer, wirft sich in einen der Sessel, gießt ein Wasserglas mit Schnaps runter.

Drei Nächte zuvor hat ihn die Brandwache aus dem Bunker geholt. Als er in der Dillstrasse ankommt, brennen der Dachstuhl und die oberen Etagen. Die Räume der Eltern sind noch intakt, doch der Weg durchs Treppenhaus ist versperrt. Er läuft ins benachbarte Judenhaus. Ein verstörter Mann lässt ihn ein. Vom Balkon des Vorderzimmers gelangt er in die elterliche Wohnung, rafft Briefe, Fotos, Bettwäsche und Wintersachen zusammen, wirft alles aus dem Fenster. Als das Feuer immer lauter wird und sich die Decke biegt, springt er auf die Strasse. Mäntel und Bettzeug sind gestohlen. Das übrige klaubt er auf. Tags darauf zieht die Familie zu einer Tante.

Er schenkt sich Schnaps nach und raucht. Trotzdem. Eigentlich versteht er ganz gut, warum die sich zugeprostet haben. Es klopft.

„Ich bin’s, Max.“

„Lass’ mich in Frieden...“

Später, es dämmert bereits, lässt er sie wieder ‘rein. Prüfende, vorsichtige Blicke. Er murmelt eine Entschuldigung und trollt sich in ein Hinterzimmer. Draußen heult es Entwarnung.

Das brennende Hamburg verblasst. Er setzt die Dose an die Lippen, lässt den Saft mit der Zunge durch die Zähne zischen. So also schmeckt Amerika. Die verjudeten Plutokraten. Der verhasste Feind.

Eine Hummel summt über seinem großen Zeh. Er denkt an seine Vorgesetzten. Hier können sie ihm gar nichts. Keiner kann ihm mehr irgendetwas. Wenn er ausgetrunken hat, wird er aufstehen. Fünfzig Schritte gehen. Ganz sachte, langsam, mit erhobenen Händen, um nicht noch irgendeinen Cowboy einzuladen, sein Magazin auf ihn leer zu feuern. Stehen bleiben. Und der Krieg ist vorbei.

Doch das ist bloß, was ich mir vorstellte. Ein Puzzle aus erzählten Bruchstücken, so zurechtgelegt, dass das Bild, das ich von ihm im Sommer 1944 hatte, zu dem Menschen passte, der nun vor mir saß. Besser gesagt, zu dem, den ich in ihm sehen wollte. Aber da kam bereits sein Bubenstück mit den sieben Amerikanern.

„Irgendwann wurde mir das Herumlungern zu dumm. Ich ging zu dem anderen zurück, der außerhalb des Lagers auf mich wartete. Als es dunkel war, haben wir uns gemeinsam ins Camp geschlichen.“

Er lachte.

„Die Amerikaner fühlten sich völlig sicher. Die hatten keine Wache aufgestellt. Also sind wir in ein Mannschaftszelt, wo ein paar Figuren schliefen und haben ihre Waffen eingesammelt.“

„Die wachten nicht auf?“

„Nicht, bis wir sie weckten.“

„Und dann?“

„Haben wir ihnen befohlen, aufzustehen und mitzukommen.“

„Das haben die widerspruchslos gemacht?“

Schmunzeln.

„Alle haben sich brav erhoben.“

„Was habt ihr denen denn erzählt?“

„Nix. Die waren völlig verdattert. Wäre ich an ihrer Stelle vermutlich auch gewesen. Ich weiß nicht, ob du lange diskutierten würdest, wenn man dich mit einer Maschinenpistole hoch scheuchte.“

„Niemand hat euch aufgehalten?“

„Wer denn? Die übrigen pennten ja.“

Er grinste.

„Unterwegs habe ich dann allerdings ab und zu Namen in den Wald gerufen, denn da wurden die Amerikaner langsam unruhig, weil ihnen dämmerte, dass wir bloß zu zweit waren. Die hätten ja bloß auf die Idee kommen brauchen, stehen zu bleiben oder irgendwelche Zicken zu machen. Also sagte ich ihnen, sie könnten jetzt rauchen, wir wären auf der deutschen Seite.“

„Das funktionierte?“

„Sie packten artig ihre Zigaretten aus. Die wussten doch auch nicht, wer sie gefangen genommen hatte. Theoretisch hätten wir sie ja auch erschießen können.“

„Und dann?“

„Die deutsche Linie lag auf der anderen Seite eines Bachs. So sechs, acht Meter breit. Man konnte durchwaten. Dahinter war Brachland mit Wiesen. Der Posten an dem Abschnitt muss ziemlich schwachsinnig gewesen sein. Er kam wild fuchtelnd auf uns zugetrabt. Ohne jede Deckung. Rief dauernd: Parole, Parole.“

„Was war die Parole?“

„Keine Ahnung. Ich hatte viel mehr Muffen, dass der Idiot mit seinem Gekreische die amerikanischen Vorposten alarmierte. Die saßen uns schließlich direkt im Nacken.“

„Was passierte mit den Amis?“

„Die haben wir abgeliefert.“

„Wie ‘abgeliefert’?“

„Die kamen nach hinten. In Gefangenschaft.“

„Machst du dir heute darüber Gedanken? Was die Verhöre angeht und ihr späteres Schicksal?“

Er schüttelte den Kopf.

„Amerikaner wurden gut behandelt. Wirklich. Anders als Russen.“

Als wir vorher mal darüber sprachen, sagte er, er habe erst nach dem Krieg erfahren, dass man sowjetische Kriegsgefangene systematisch verhungern ließ. Über die Hälfte von denen sei in deutschen Lagern umgekommen. Mehr als drei Millionen Menschen. Ich solle mir „die Zahl mal auf der Zunge zergehen“ lassen. Dabei hielt er sich die Stirn. So, als habe er plötzlich heftige Kopfschmerzen.

1945 wäre er dann aufrichtig erstaunt gewesen, dass Stalin „nicht sofort zwanzigtausend deutsche Offiziere“ habe erschießen lassen.

„Kein Deutscher hätte das damals für übertrieben gehalten. Im Gegenteil.“

„Nein“, setzte er noch mal nach. „Die werden mit Sicherheit überlebt haben. Aber die Aktion war völlig überflüssig. Wie der Krieg ausgehen würde, war ja grundsätzlich bekannt. Daran änderten solche Mätzchen auch nichts mehr.“

Für diesen Beitrag zum Endsieg bekam mein Vater eines seiner Eisernen Kreuze. Er besaß ziemlich viele Orden. Zu welchem Anlass man ihm ansonsten was verliehen hatte, behielt er für sich. Nur zum Eisernen Kreuz erster Klasse erklärte er mir mal, das sei eine hohe Auszeichnung für einen einfachen Soldaten gewesen. Unter den Mannschaftsgraden habe es weniger Leute damit gegeben als Ritterkreuzträger bei den Offizieren.

Als kleiner Junge hatte ich mir seine Orden ab und zu angeguckt. Sie lagen in der Kommode, in einer braunen Pappschachtel neben den Pässen. Kleine und große Metallplaketten, Abzeichen und farbige Stoffbänder. Am spannendsten waren die Spangen mit den Panzern. Besonders gut spielen konnte man allerdings nicht damit.

„Und?“, erkundigte ich mich. „Wo sind deine Eisernen Kreuze jetzt?“

„Die hab’ ich vor ein paar Jahren weggeschmissen.“

„Warum?“

„Was soll ich noch mit dem Dreck.“

Ich dachte an die Leutnantsmütze seines Cousins. Die probierte er bei dessen Besuch in der elterlichen Wohnung an. Der Vetter war unterwegs zur Front auf einen Sprung vorbeigekommen, um bis zur Abfahrt des Zuges noch etwas Zeit totzuschlagen.

Ich stellte mir meinen Vater vor, wie er, seine Lippen süffisant geschürzt, die linke Augenbraue gewölbt, Gesichter unter der Schirmmütze zog. Mal schneidig adrett, mal leger draufgängerisch. In diesem Augenblick vor dem Spiegel hätte er ernstlich erwogen, sich zu einem Offizierskursus zu melden. Die Mütze habe ihm so blendend gestanden.

Anschließend begleitete er den Vetter zur Bahn. Der Leutnant mit der schicken Kopfbedeckung war drei Tage später tot. Er starb in Russland. Davon erfuhr mein Vater noch während seines Heimaturlaubs. Er blieb zeitlebens gemeiner Soldat.

Einmal, wir sprachen gerade mal wieder darüber, wieso er nie desertiert sei, weinte er. Es ging um eine Frau, die seinen Durst stillte, als er wie ein gehetztes Kaninchen vor den Engländern weglief. Das war irgendwo in der Normandie, Wochen nach der alliierten Landung, an einem heißen Sommertag. Die Deutschen hatten die Gegend längst geräumt. Er war versprengt, ein verirrter Nachzügler auf der Flucht durch Feindesland.

Vor Augen habe ich Szenen des deutschen Rückzugs aus Frankreich, sehe verdreckte Soldaten Vieh wegzerren, unter den Flüchen und Klagen der Bauern, denen sie die letzte Ziege nehmen. Oder spaßeshalber erschießen. Eine besiegte Armee, die plündernd ostwärts zieht. Verwundete und Sterbende an den Straßenrändern, Kolonnen von Lastwagen, bepackt mit dem privaten Beutegut der Offiziere, Möbeln, Gemälden und Teppichen, die mit Vollgas an ihnen vorüber rollen.

Er kam zu einem einzelnen Gehöft. Auf dem Hof sah er eine Frau. Er ging zu ihr und bat sie um Wasser. Sie führte ihn in die Küche und lud ihn ein, sich zu setzen. Er lehnte seinen Karabiner an die Wand und fiel auf einen Stuhl. In der Küche war es angenehm kühl. Sie holte den Krug mit der Milch und das halbe Brot, das vom Morgen übrig geblieben war, schob ihm beides hin und schenkte ihm einen Becher voll. Er war so ausgelaugt, dass er zitterte und den Becher zum Trinken zwischen beide Hände nehmen musste. Kurz darauf kamen drei Männer herein.

Einer von ihnen war der Bauer, der andere sein Bruder und der dritte ihr Cousin. Vielleicht war es auch gar nicht ihr Mann, sondern ihr Onkel, oder ihr Vater mit den beiden Knechten. Keine Ahnung. Jedenfalls begutachteten die Drei den ungebetenen Gast tuschelnd. Der hockte derweil teilnahmslos am Tisch und war vollauf damit beschäftigt, beim Kauen nicht einzuschlafen. Bis einer der Männer sein Gewehr nahm, es auf ihn richtete und durchlud. Nun begriff er, was sie da eben besprochen hatten.

Er war ihre letzte Chance, in diesem Krieg noch einen Krümel Ruhm abzugreifen. Sie würden ihn vor die Tür schleifen und dort totschlagen. Oder erschießen. Dann würden sie ihn ausstellen. Als Beweis ihrer Tapferkeit. So dass ihre Nachbarn kommen konnten, um sie zu beglückwünschen, und die englischen Soldaten ihnen später auf die Schulter klopften und Zigaretten spendierten. Es war ein Fehler gewesen, hier um Wasser zu bitten. Keine Stunde, und die Fliegen, die über der Milch kreisten, krochen in seinen Augen.

Da fängt die Frau an zu schreien. Sie geht auf dem Mann mit dem Gewehr los, ohrfeigt ihn links und rechts, und reißt ihm die Waffe aus den Händen. Sekunden später dröhnen draußen Dieselmotore. Englische Lorries rumpeln vor das Haus. Er schrickt panisch hoch. Sie legt ihm die Hand auf den Arm:

„Reste la! La guerre est fini pour toi.“

Doch er gehorcht seinem Fluchtreflex, springt auf und packt das Gewehr. Da lässt sie ihn durch die Hintertür raus.

Als er ihre Sätze wiederholte, schluchzte er lachend auf. Kurz. Nur ein entgleister Laut. Dann hob er die Schultern, wog die Hände in der Luft und sah mich an. Seine Augen waren groß und braun und nass.

„Verstehst du?“

Nur so viel, dachte ich: Da war eine, die das Spiel nicht mitmachte. Die dem Wahnsinn um sie herum widerstand. Die dir Milch gab, als du nach Wasser fragtest. Und Brot. Das Brot der Gnade. Die dir die Freiheit schenkte, mit dem Töten aufzuhören, aber dich nicht hielt. Fürs Leben entscheiden musstest du dich selbst.

Sie war wirklich frei. Mehr Mensch als du und ich oder die Engländer und die Burschen in ihrer Küche. Sie ist der erste Held, von dem du mir erzählst.

Laut fragte ich ihn bloß, warum er nicht geblieben sei. Ob aus Angst oder aus Scham?

Er kaute leer, zuckte die Achseln, sagte, das wisse er nicht mehr. Sein Blick floh in die Luft und die Kiefermuskeln tanzten.

Er habe befürchtet, die Engländer würden ihn erschießen, erklärte er ein paar Sekunden später. Die wären schließlich gerade auf dem Vormarsch gewesen. Da könne man keine Gefangenen machen. Gefangene seien lästig. Die müsse man bewachen. Das binde Zeit und Kräfte.

„Die konnten doch gar keine Gefangenen machen...“

Ob und wie oft er die eigenen Gefangenen getötet hat, blieb sein Geheimnis. So, wie er damals meine Frage verneinte, steht mir immerhin frei, ihm zu glauben.

Ich weiß nicht, wie viele Franzosen 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt waren und hinter Lagerzäunen hungerten, und ob die Frau das wusste, als sie das verstörte Tier in Herrenmenschenuniform rettete und laufen ließ. Oder ob sie es hinterher bereute. Vielleicht tat sie es auch, weil ihr Sohn in einem Rüstungsbetrieb bei Hannover zwölf Stunden am Tag Rohlinge für Granaten schleppte und sie betete, eine deutsche Mutter möge sich seiner erbarmen und gnädig mit ihm sein. So dass ihr Kind lebte und sie es wieder sah. Oder sie tat es für sich selbst und die Götter. Weil das Gastrecht heilig ist, heiliger als Rache und Hass. Ich habe keine Schimmer.

„Hattest du Angst vor der Gefangennahme?“

„Eigentlich nicht. Ich wollte bloß lieber zu den Amerikanern als den Franzosen.“

„Wieso?“

„Die Franzosen behandelten ihre Gefangenen schlecht. Außerdem hatten sie selber nichts zu fressen.“

Die Franzosen hatten ihn nach Algerien geschafft, in ein Lager bei Oran. Zum Straßenbau. Dort wurde viel geschlagen. Es gab nur Linsensuppe. Er bekam Skorbut und Ruhr. Hätte ein Freund ihn nicht mit frischen Aprikosen gefüttert und ihm ein Außenkommando besorgt, so dass er die Mülltonnen der Städter nach Essensresten durchforsten konnte, wäre er in Oran geblieben.

Als sein Trupp ein paar Tage an den Quais arbeitete, haute er ab, schlich sich auf ein Schiff nach Marseille und kroch unter die Persenning des Rettungsboots. Die Überfahrt dauerte zwei Tage. Im Hafen versteckte er sich und wartete, bis er wusste, wie das Militär die abgehenden Züge kontrollierte. Dann brach er einen Güterwagen auf, der schon durch die Sperre gewunken war.

Neun Tage lang reiste er durch das Rhone-Tal nach Norden. Auf Zügen. Oder bei Nacht zu Fuß. Unterwegs ernährte er sich von unreifem Obst. Als er sicher war, auf Amerikaner zu treffen, hielt er einen ihrer Lastwagen an. Er war völlig verschmutzt und stank wie ein Fuchs. Der Fahrer brachte ihn zu einer Feldkantine. Gaffende GIs umringten ihn und wiesen den Koch an, ihm immer wieder Nachschlag zu geben. Bei dieser Gelegenheit lernte er gebackene Bohnen kennen. Die aß er seither „für sein Lebtag gern“.

Die beiden Militärpolizisten, die ihn anschließend abholten, waren weit weniger wohlwollend. Erst als sie begriffen, dass er kein entlaufener SS-ler war, verfrachteten sie ihn in ein Gefangenenlager.

„Ich verstehe es nicht“, sagte ich schließlich. „Jeder halbwegs vernünftige Mensch in deiner Lage hätte sich verpfiffen. Wem oder was hast du da die Treue gehalten?“

Er knetete seine Hände.

„Wer wusste denn, wie lange der Spaß noch dauern würde? Was, wenn der Vorstoß der Alliierten erlahmte und es wieder zu einem Stellungskrieg kam, so wie im Ersten Weltkrieg?“

„Und dir lag nichts daran, das zu verpassen?“

„Doch“, er lachte hart auf, „aber, und das ist entscheidend, wie bald Deutschland zusammenbrach, wusste ich nicht. Das konnte sich theoretisch noch über Jahre hinziehen. Meine Einschätzung wechselte da von Augenblick zu Augenblick. Mal dachte ich, höchstens Monate. Dann wieder, mehrere Jahre. Obwohl ich täglich am eigenen Leib erfahren durfte, um wie vieles besser die Alliierten ausgerüstet waren.“

„In einem Atemzug sagst du, der Krieg hätte sich noch Jahre hinschleppen können, im nächsten schilderst du die haushohe Überlegenheit der Gegner. Das ist völlig schizophren.“

„Klar. Das waren ja auch ungeheuer zwiespältige Gefühle. Ich hatte Angst davor, was geschehen würde, wenn Deutschland den Krieg verlor, aber mir auszumalen, was geschah, wenn wir doch noch gewannen, war fast noch bedrückender. Es fiel mir irre schwer, meine Chancen abzuwägen. Ich hatte keine Lust, fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft festzusitzen. Wäre ich desertiert, hätte das auf unbestimmte Zeit das Ende der Verbindung nach Hause bedeutet. Davor hatte ich Angst. Meine Eltern waren ausgebombt und alt, die Wohnung meiner Schwester abgebrannt, mein Bruder ein Krüppel, der ohne Mutter aufgeschmissen war. So konnte ich der Familie wenigstens schreiben und ihnen ab und zu was schicken. Aus der Gefangenschaft ging das nicht. Nicht während des Krieges.“

Er sprach schnell und angestrengt.

„Es gab hunderttausend Gründe. Dafür und dagegen. Sicher. Du hast Recht. Gute Gründe gab es nur dafür…“

Er atmete pfeifend aus.

„Heute würde ich mich wesentlich wohler fühlen, wenn ich den Bettel hingeschmissen hätte. Heute weiß ich auch, dass in den Konzentrationslagern nur so lange gemordet werden konnte, wie die Wehrmacht die Front hielt. Heute weiß ich vieles besser. Hinterher ist man immer schlauer.“

Mitunter, wenn Leute sich gegen die Einsicht abschotten, dass die eigenen Verletzungen oft nur ein milder Abglanz dessen sind, was sie oder Dritte in ihrem Namen zuvor anderen zugefügt haben, denke ich an die Französin. Und an den Satz meines Vaters: „Überlaufen war meine letzte Freiheit.“

Nein, sage ich mir dann. Umgekehrt. Du bist weggelaufen. Vor der Freiheit. Der einzigen, die dich vielleicht hätte retten können. Deshalb ließ der Krieg dich nie los.

Doch begriffen habe ich das erst, als ich lange nach unserem letzten Gespräch auf dem Balkon einer Wohnung in der Hamburger Brahmsallee saß und auf das Haus Nummer dreizehn sah. Dasselbe Haus, in dem er mit Max und seinen zwangsverpflichteten Freunden gefeiert hatte, Ende Juli 1943, als es Phosphor vom Himmel regnete und ein Drittel der Stadt im Feuersturm verglühte. Die Bomben hatten es verschont. Nur lebte da längst keiner mehr, dem ich hätte zuprosten können.

Manches lässt sich eben nicht ordnen. Trotz aller Liebe.

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