Meine Parabellum

Erinnerungen sind immer auch das Ergebnis von Zensur. Und ab und zu rächt sich das Gedächtnis. Ein bestimmter Geruch, eine Farbe oder ein Klang lässt die komplizierten Schotten, die unsere Entwürfe von Vergangenem absichern, aus den Fugen geraten. Ungefiltert und roh dringt Verdrängtes ins Jetzt, zerstört die niedlichen Kompositionen, die wir als wahre Abbilder gestriger Wirklichkeit hegen.

An einem Frühsommertag des Jahres 1961 rammte meine Mutter die Linde vor unserem Haus. Sie saß in einem DKW und nahm die Kurve etwas zu zügig. Der Baum überstand ihr Einparken, der geliehene Wagen nicht.

Minuten zuvor hatten Ärzte der Universitätsklinik ihr Röntgenbilder gezeigt. Aufnahmen einer Lunge voller Schatten und Löcher. Ihrer Lunge. Was sie für einen verschleppten Husten gehalten hatte, entpuppte sich als Tuberkulose. Die konnte man damals zwar schon heilen, doch die wunderbaren Medikamente, die es heute gibt, existierten noch nicht. Tuberkulose bedeutete Isolierstation, Chirurgie, Liegen. Monate, manchmal Jahre.

Sie müsse sofort in Behandlung.

Es gäbe da drei Kinder. Sie könne nicht von heute auf morgen fort. Ihr bleibe keine Wahl. Sie brauche jetzt alle Kraft für sich: Und Glück. Viel Glück.

Ihre älteste Tochter war zehn, die jüngere fünf und ich zweieinhalb. Uns musste jemand tagsüber hüten. Etwa zehn Wochen übernahm das Ilse Felsmann, eine allein stehende Frau von Mitte fünfzig. Sie gab sich wenig Mühe. Wenn sie die Wohnung verließ, um Einkäufe zu tätigen, wurden wir in die Wäschekammer gesperrt. Einmal befreite uns unsere Schwester. Darauf zog Frau Felsmann stets den Schlüssel ab. So hockten wir in dem muffigen Verließ. Da sie gern ausgiebig fort ging, hatten wir uns nicht selten in die Hosen gemacht, bis sie wieder erschien. Wir waren, wie sie es ausdrückte, ‘unartig’ gewesen. Dafür musste sie uns dann bestrafen. Frau Felsmann hielt auf Strenge. Die war ihr mindestens so wichtig wie Schaufensterbummeln.

Wir müssen ziemlich erbärmlich geschrieen haben. Irgendwann beschwerten sich die Nachbarn. Der Vater fragte seine älteste Tochter. Die druckste herum. Er bekam einen roten Kopf. Warum sie ihm nichts davon erzählt habe? Sie wolle nicht, dass wir wegkämen ins Heim. Wieso ins Heim? Das habe Frau Felsmann ihr so erklärt.

Frau Felsmann tauchte nie wieder auf. Wir kamen trotzdem nicht ins Heim. Eine Zeitlang betreute uns die Mutter meines Vaters. Die war herzkrank und alt. Ende des Sommers fuhr er dann mit uns für vierzehn Tage aufs Land. Zu Hannelore und Carl Kiesler.

Kieslers lebten in einem verschlafenen Nest am Rand der Lüneburger Heide. Nebenbei betrieben sie eine Pension. Wir waren dort schon häufiger zu Besuch gewesen. Außerdem lag dieses Dorf keine zwanzig Kilometer von Wintermoor entfernt, wo unsere Mutter in einem zur Lungenheilstätte konvertierten Wehrmachtslazarett auf ihre Operation wartete.

Am Ende der zwei Wochen boten Kieslers Vater an, uns Kleinen in Pflege zu nehmen. So blieben wir. Meine Schwester ging ab dem Frühjahr in die Dorfschule. Mir gab Onkel Carl ein Kaninchen, das ich füttern durfte, bis ich eines Morgens seinen Stall leer vorfand, nachdem es einer Verwechslung zum Opfer gefallen und im Kochtopf gelandet war. Den angebotenen Ersatzhasen lehnte ich ab.

Unsere Mutter stieß im folgenden Spätsommer wieder zu uns, geheilt entlassen. Sie blieb einige Tage, bevor wir zurück in die Stadt fuhren. Doch seit diesem Jahr waren wir auf dem Hof der Kieslers zu Haus. Bis wir eigene Wege gingen, verbrachten wir fast alle Ferien dort. Auch ohne Eltern.

Kieslers bewohnten das ehemalige Herrenhaus, einen großen Backsteinbau mit Mansardenfenstern. Es lag auf einer Anhöhe, versteckt zwischen Blautannen, Kiefern und Eichen. Über der barock geschwungenen Eingangstüre in der Mitte der Front thronte die Veranda, von der aus man auf die ovale Auffahrt, das mit Beeten gesäumte Rondell und das Becken des vor Jahrzehnten trocken gelegten Springbrunnens blickte. Das Haus hatte sich ein obskurer Erfinder errichten lassen, der Anfang des Jahrhunderts hierher gezogen war. In einer dusteren Ecke des Kellers, neben Regalen mit zahllosen Weckgläsern, geisterte noch sein Gesicht. Eine hagere, spitzbärtige Totenmaske, die unter Spinnweben an einem rostigen Nagel hing.

Längst war die frühere Pracht verfallen. Efeu wucherte an den Fassaden, als üppiger, dunkelgrüner Teppich, der bis ans Walmdach leckte. Eidechsen huschten durch das rissige, Moos und Flechten besetzte Bassin. Sommers, wenn wir in lauen Nächten auf dem Balkon schliefen, spürten wir das Flattern der Fledermäuse.

Ursprünglich stammten Kieslers aus Westpreußen. Früher hatten sie Kieslowsky geheißen, doch den polnischen Namen eingedeutscht. Carl Kiesler war zehn Jahre älter als mein Vater und Fischermeister in der Nähe von Deutsch-Eylau gewesen. Bis Kriegsende blieb er freigestellt. Herbst ’44, als die Wehrmacht zurückwich und die Rote Armee an die Tür klopfte, zog man ihn schließlich ein. März 1945 ergab er sich den sowjetischen Truppen. Irgendwo im Osten der Tschechoslowakei.

In jenem Winter flohen die Frauen, Kinder und Alten Hals über Kopf nach Westen. Kieslers Sohn war damals ein halbes Jahr alt. Ihr Treck geriet zwischen die Fronten und wurde überrollt. Lore Kiesler redete nicht gern darüber. Anders als viele der Flüchtlingsfrauen. Die sprachen das Wort ‘Russen’ so aus, dass man sofort Bescheid wusste. Wir wurden bei solchen Gesprächen raus geschickt, mit dem üblichen: „Geht mal spielen...“

Durch die halb geschlossene Tür hörten wir dann Sätze wie: „Siebzehn Mal hintereinander, am helllichten Tage, im Schnee. Was wir da durchgemacht haben, kann sich keiner vorstellen.“

Das ‘durchgemacht’ kam gerollt, mit ostisch breitem „R“ und weichem „G“, das fast wie ein „J“ klang. Die Männer blieben bei diesem Thema immer merkwürdig leise.

Carl Kiesler wurde 1952 aus einem sibirischen Bergwerk entlassen.

Kieslers gehörten zu den drei, vier privilegierten Flüchtlingsfamilien, die von den Eingesessenen akzeptiert wurden. Sie wohnten im Dorf. Die übrigen Vertriebenen hausten einen guten Kilometer außerhalb in der ‘Ostlandsiedlung’, waren arm, konnten im Laden nicht anschreiben lassen und bezogen beim Schützenfest regelmäßig Prügel.

Es waren die Nachwehen der fünfziger Jahre. Im Vorderhaus wohnten Kieslers und ihr Sohn, der Müllerbursche mit Frau und sechs Töchtern, sowie der Dorflehrer. Außerdem vermieteten Kieslers an Sommerfrischler aus der Stadt. Über der Waschküche mit dem riesigen, Holz befeuerten Zuber, in einem eigenen Gebäude untergebracht, befand sich Lottchens Kammer. Lottchen war die schlesische Magd. Das Zimmer daneben teilte eine Witwe aus Kongresspolen mit zwei Kindern und wechselnden Onkels. Schob deren Mutter, eine ältere Frau, die am Rand der Ostlandsiedlung wohnte, kein „Ü“ aussprechen konnte und statt dessen immer „I“ sagte, ihr klappriges Fahrrad den staubigen Sandweg hoch, machte sie vor Carl Kiesler stets einen tiefen Knicks. Meinem Vater versuchte sie einmal die Hand zu küssen, nachdem der ihr zwanzig Mark zusteckte. Er wurde knallrot und zog seine Finger weg. Hinterher stotterte er etwas von „Mittelalter“.

Nur im Hauptgebäude gab es fließend Wasser. Auf dem Hof stand eine Handpumpe. Die Klosetts waren hinter dem Schweinestall, neben dem Schuppen, wo das Brennholz lagerte.

Kieslers hielten ein Dutzend Säue, Karnickel, Hühner und Enten für den Hausgebrauch. Sie besaßen einen großen Gemüsegarten, ein paar Obstbäume und einige Hektar Acker. Winters fuhr Kiesler in einem durchgerosteten Opel über die Dörfer und versuchte den Bauern zwischen Scheeßel und Lüneburg elektrische Wolldecken und Heizkissen zu anzudrehen. Kehrte er abends von seinen Touren heim, brachte er uns immer eine Kleinigkeit mit, meist Schokoladenwaffeln in Stanniolpapier. Sobald wir das Röhren des ‘Olympia’ hörten, liefen wir die Auffahrt runter. War es ein guter Tag gewesen, stieg er aus, fragte grinsend: „Na, wer zuerst?“, packte uns unter den Armen, schwang uns in die Luft und drehte sich solange im Kreis, bis wir kreischten. Das nannten wir Karussell spielen.

Hatte er auf dem Hof zu tun, trottete ich häufig hinterher. Er nahm mich mit, wenn er ins Kühlhaus oder in die Räucherei fuhr, zu benachbarten Bauern oder Ferkel kaufen. Mitunter fragte er mich sogar, ob ich ihm nicht ‘helfen’ wolle. Ich vermute, es machte ihm Spaß, mit mir herumzuziehen. Oder er holte etwas nach. Schließlich war ein eigener Sohn fast schon neun gewesen, als er aus Russland zurückkam. Den hatte er nur als Säugling erlebt.

Auch als er sich eines Tages das Tesching überhängte, um Eichhörnchen zu schießen, begleitete ich ihn. Obwohl er sagte, ich solle besser bei den anderen Kindern bleiben. Es gab ziemlich viele Eichhörnchen. Sie räuberten Vogelnester aus. Onkel Carl traf das Tier mit dem ersten Schuss. Es hielt sich ein paar Sekunden in der Baumkrone, bevor es durch die Äste vor unsere Füße fiel. Es lebte noch, hatte die Augen weit geöffnet und sah uns an. Sein Bauchfell war aufgerissen. Ich konnte erkennen, wie das Herz schlug. Rasend schnell. Ob ich es nicht mitnehmen und gesund pflegen könne, bat ich.

Onkel Carl schüttelte den Kopf.

„Das ist kaputt.“

Ich solle wegsehen. Dann drehte er das Gewehr um und zertrümmerte ihm den Schädel.

Lange nach seinem Tod erzählte mein Vater, dass Kiesler bei der SS gewesen sei.

„Der hatte keine Wahl. Volksdeutsche kamen automatisch zur SS.“

Wo er eingesetzt gewesen sei, wollte ich wissen.

„Auf dem Rückzug. In Böhmen oder der Slowakei war Sense. Zum Kämpfen sind die gar nicht mehr gekommen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nie auf einen einzigen Russen geschossen hat. Er hatte Pech. Wäre er ein paar Kilometer weiter westlich in Gefangenschaft geraten und zu den Amerikanern gekommen, hätte er seine Frau ein halbes Jahr später wieder gesehen. So bescherte ihm die Uniform sieben Jahre Workuta.“

Über diese Sätze sollte ich nachdenken, als mir Jahre später einer berichtete, wie er als Zwölfjähriger Ende Januar 1945 von Auschwitz über Gleiwitz nach Sachsenhausen geschafft wurde. Die Bewacher waren schon älter, das Kommando unterstand der SS. Wer auf den sechzig Kilometern Marsch bis Gleiwitz zusammenbrach, den erschossen sie am Straßenrand. Viele erschlugen sie auch mit Gewehrkolben. Das sparte Munition. Die übrigen sperrten die Deutschen auf dem Bahnhof in offene Güterwagen und verfrachteten sie nach Westen.

Es fror und schneite. Die Häftlinge aßen Schnee und deckten sich mit den Körpern der Toten zu. Der Zug fuhr durch Böhmen. Von den Brücken über den Gleisen warfen Leute Brote hinab. Die Wachmannschaften antworteten darauf mit Kugeln. Als der Transport Tage danach bei Berlin ausgeladen wurde, lebten noch vierzig Menschen in seinem Waggon. Sechzig waren unterwegs erfroren. Einer von ihnen hieß Marisch.

Marisch war ein Kind aus Polen. Sie hatten sich gegenseitig gewärmt, bis er irgendwann merkte, dass Marisch tot war. Da musste er weinen. Sein Schluchzen machte die Erwachsenen nervös. Also packten sie den Jungen und warfen ihn in den nachfolgenden Anhänger.

Der, der noch heute um Marisch trauert, war elf oder zwölf, als er über Lodz nach Auschwitz kam. Vor der Selektion riet ihm ein älterer Häftling, er solle sagen, er sei schon fünfzehn. Dann käme er zur Arbeit. Nur die, die größer als ein Meter fünfzig waren, durften arbeiten. Zur Kontrolle gab es einen Stab. Mit einem Metermass. Wer ohne Anstoßen darunter hindurchgehen konnte, kam ins Gas. Er wusste, er war zu klein. Also ließ er die Hose um die Knöchel rutschen. So konnte er unbemerkt auf Zehenspitzen schlurfen. Gegen die Meßlatte.

Beim Zuhören geht mir durch den Kopf, was mein Vater von Carl Kiesler und der Slowakei erzählt hat.

Plötzlich sehe ich das verschmitzte Verschwörergrinsen von Onkel Carl. Seine hellen, blauen Augen zwinkern mir inmitten vieler Lachfältchen zu. Er fragt, ob ich mal mit einer richtigen Pistole spielen will. Natürlich will ich. Er geht zum Schlafzimmerschrank und holt aus dem obersten Bord ein schwarzes, in grünes Filztuch eingeschlagenes Etwas heraus. Das hält er von seinem Körper ab auf den Boden gestreckt. Es klickt. Dann gibt er mir das Ding in die Hand. Es ist überraschend kühl und so schwer, dass ich die Linke zu Hilfe nehmen muss, um es zu halten.

„Kann man damit schießen?“

„Ja.“

„Richtig schießen?“

Er lacht:

„Richtig schießen. Jetzt sind aber keine Patronen drin.“

Dann zeigt er mir, dass man was aus dem Griff herausziehen kann. Das heißt Magazin. Da kommen die Kugeln ‘rein. Wenn man einen kleinen Schalter zur Seite schiebt, lässt sich der Abzug nicht durchdrücken. Die Einkerbung am Ende des Laufs nennt man Kimme, den Kamm vorne Korn. Beim Abdrücken müssen Kimme und Korn auf einer Linie mit dem Ziel sein. Das ist wichtig. Zum Treffen.

„Ist das ein Colt?“

„Nein. Das ist ‘ne ‘P 08’.“

„Woher hast du die?“

„Ach, die hab’ ich mal geschenkt bekommen.“

„Darf ich damit spielen?“

Er nickt.

„Ja. Nur immer schön vorsichtig.“

Viel habe ich nicht von meiner Luger. Als ich damit in die Küche marschiere und sie Hannelore Kiesler unter die Nase halte, wird die ganz bleich.

„Um Gottes Willen, Kind, wo hast du das her? Sofort gibst du mir das!“

Sie greift nach der Pistole. Ich weiche zurück.

„Aber die hat mir Onkel Carl geschenkt.“

„Der ist wohl von allen guten Geistern verlassen. Gib sie her! Auf der Stelle.“

Ihre Stimme klingt schrill. Sie macht zwei Schritte auf mich zu, reißt mir die Waffe aus der Hand und legt sie mit einer raschen Bewegung aufs Bord. Dann beugt sie sich zu mir, packt meine Schultern, schüttelt mich.

„Das darfst du nie wieder machen, Jungchen. Nie wieder, hörst du? Man zielt nicht mit so was auf Menschen. Auch nicht im Spaß. Das ist gefährlich, verstehst du? Tu das nie wieder.“

Sie ist auf ihre Knie gesackt, so dass unsere Augen auf gleicher Höhe sind. Auf ihren liegt ein eigentümlicher Film. Ganz heftig zieht sie mich plötzlich an ihre Schulter.

„Mein Gott, Jungchen.“

Sie riecht säuerlich. Nach Weißkohl. Die Umarmung dauert zwei Sekunden. Dann steht sie auf, mit abgewendetem Gesicht, langt zum Brett und greift die Pistole. Die Küchentür knallt. Vom Flur aus ruft sie den Namen ihres Mannes.

Zwanzig Jahre später hocke ich hinter einem Tonbandgerät, blicke in das Antlitz des kleinen Mannes, der vom Sterben seines Freundes erzählt, sehe, wie sich sein Gesicht verzerrt, er würgt, auflacht, höre, wie ihm die dünn gewordene Stimme zerbricht. Denke an Schokoladenwaffeln, bunt bedrucktes Stanniolpapier, die Krähenfüße um Onkel Carls Augen, das breite Lachen, wenn er mich aufhob, um Karussell zu spielen, seine schwieligen Hände, die mir tröstend über den Nacken fuhren, wenn ich plärrend zu ihm gerannt kam. Auch daran, wie er das „kaputt“ aussprach, bevor er den Gewehrkolben benutzte. Und schäme mich.