Äpfelklau

Sonnabendmorgen in Berlin. Ich schiebe mich durch das Gewühl des Wochenmarkts auf dem Karl-August-Platz. Vorfeiertägliches, buntes Treiben. An den Bäumen aalt sich letztes Laub in der Spätherbstsonne. Einer der Stände bietet ‘Obst aus den Vierlanden’ an. Der Händler trägt einen abgeflachten Bleistift hinterm Ohr und schaufelt Äpfel in Packpapiertüten. Die Ärmel seines Troyers sind hochgeschoben, die Hände von der Morgenkälte noch blau angelaufen. Ein fast heimatlicher Anblick. Ebenso gut könnte er auf dem Altonaer Spritzenplatz stehen. Oder in der Isestrasse, unter dem Hochbahn-Viadukt.

Die Vierlande liegen im Südosten Hamburgs, in der Elbmarsch unterhalb des Bergedorfer Geestrückens. Die Dörfer, denen die Gegend den Namen verdankt, Curslack, Kirchwerder, Alten- und Neuengamme, hocken zwischen Obstbäumen und Gewächshäusern auf fettem, lehmigen Boden, der die Bauern schon vor Jahrhunderten reich gemacht hat. In der Kirche von Curslack protzen Lübische Leuchter zwischen barock bemalten Eichenbalken. Ein Stück weiter zur Elbe hin, beim Anleger in Zollenspieker, macht der Fluss eine Biegung. Das Fährhaus steht direkt hinterm Deichkamm. Sommers kann man hier unter Kastanien faulenzen und Möwen zusehen, wie sie durch das tanzende Licht über dem Strom gleiten. Wenn es nicht diesig ist, reicht der Blick ein Dutzend Kilometer weit in den Süden. Gelegentlich kreisen hier noch Graureiher und Störche. Als Junge habe ich mir Mark Twains Mississippi so vorgestellt.

Ein Stück landeinwärts, am Rand von Neuengamme, wo heute das Gefängnis und der Jugendknast stehen, befand sich früher Hamburgs größtes Konzentrationslager. Die Häftlingsbaracken sind verschwunden, der Bunker und das Krematorium gesprengt. Über der Stelle, wo die SS auf Betreiben der Wehrmacht sowjetische Kriegsgefangene vergaste, wächst Gras.

Doch das Torhaus steht noch, auch die SS-Garagen und das monströse Klinkerwerk, wie die Fabrikgebäude der Firmen Messap, Jastram und Junghans. Um die Längsseite des Areals abzulaufen, braucht man eine halbe Stunde. Zwischen Löwenzahn, Melde, Schutt und Autowracks finden sich hier und da Betonpfosten, rostige Haken für Keramikisolierungen und Reste von langstieligem Stacheldraht. Auf dem Stichkanal zur Doven Elbe, ein paar Dutzend Schritte von der Rampe des Klinkerwerks, wo die Loren der Todeskommandos verrotten, dümpelt neben einem verdreckten Kajütboot eine vergessene Schute.

So sah es zumindest aus, als ich das erste Mal dort spazieren ging. Das Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, ist keine dreißig Kilometer entfernt.

Die Tüte Äpfel fliegt in die Waagschale. Der Händler knallt die Gewichte daneben, nennt den Preis. Auf Hochdeutsch. In Hamburg hätte er jetzt „fief fiefundörtig“ gesagt. „Giff mi een Heiermann. Wiel hüüt Sünnavend is.“

Falls er noch Platt spräche.

Ein Liedchen fällt mir ein. Man hört es nicht mehr oft, aber bei Kaffeefahrten und Straßenfesten holen es Hamburger immer wieder gern aus der Mottenkiste. Der Refrain ist in Missingsch. Das birgt durch lange Vokale und weich gerollte R’s genügend Zungenhürden, um Eingeborene ausweisen, ohne ortsfremde ‘Quiddjes’ zu überfordern.

„Klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun, ruck’ zuck övern Zaun, ein jeeden aver kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sien.“

Das Objekt der Begierde hat von jeher begeistert. Eine ältere Variante geht so:

„Und das Weib schaute an, dass von dem Baum gut zu essen wäre, und lieblich anzusehen, dass es ein lustiger Baum wäre, weil er klug mache; und nahm von der Frucht, und gab ihrem Mann auch davon; und er aß.“

An einem Abend im Spätsommer des dritten Kriegsjahrs gingen drei Soldaten Äpfel klauen. Sie waren Rekruten in der Kaserne bei Wentorf. Die Kaserne liegt nur ein paar Kilometer Luftlinie von den Plantagen der Vierlande entfernt.

Der Bauer überraschte sie. Er rief die Polizei. Der Dorfpolizist nahm die Diebe fest. Einen traf er mit leeren Händen an. In den Tornistern der beiden anderen fanden sich frisch gepflückte Äpfel. Den Rekruten war die Sache peinlich. Sie machten Scherze und suchten die Sache runter zu spielen. Der Gendarm ließ sich nicht darauf ein.

Der Fall kam vors Militärgericht. Anfangs witzelten die Angeklagten noch. Das Delikt schien eine Bagatelle. Sie stellten sich auf Urlaubsentzug oder höchstens ein paar Tage Haft ein.

Der ohne Tornister wurde freigesprochen. Mundraub war nicht strafbar. Die anderen waren des versuchten Diebstahls überführt. Doch es sei Krieg. Deshalb müsse das Gericht die Tat als Plünderung ansehen und sie zum Tode verurteilen. Wenige Tage später wurden die beiden erschossen.

Die Namen dieser zwei Jungs habe ich nie erfahren. Vermutlich waren sie keine Hamburger. Laut Lied muss man ja Hamburger sein, um Äpfel zu klauen.

Ich bin Nachkriegskind. Das Todesurteil an den Rekruten scheint weit weg, abgerückt in düstere Vergangenheit. Trotzdem wirkt das Rechtsbewusstsein vertraut. Der Erfüllungswahn wütet weiter. Sei es in Asylverfahren oder Abschiebehaft. Die Logik ist dieselbe. Egal, wie weichgespült es obenhin zugeht.

Muttersprache und Heimatklänge: Zwischen ‘Entsorgungspark’ und ‘finalem Rettungsschuss’ bleibe ich an dem Text eines harmlosen Kinderlieds hängen, und sehe vor mir punschrosige Rentnergesichter, die in Verzückung geraten, sobald auf Ausflugsdampfern die ersten Noten intoniert werden. Das ist echte Folklore.

Danach kommen dann meist die anderen Töne. Hochdeutsch entstellte Seemannsshanties und großdeutsche Marschlieder. Darauf greifen die Veranstalter von Geselligkeiten gern zurück. Die Trefferquote ist da auch unter Jüngeren noch erstaunlich hoch und garantiert aufgeräumtes Gejohle. Manchen allerdings hat sein früheres Mitgesinge so angestrengt, dass er schon vom bloßen Hören heiser wird.

Meinen Vater, zum Beispiel.

Ich sehe ihn als Rekrut vor mir, so wie er von sich erzählte. Bei Regen: müde, lustlos, durchnässt, die Finger klamm. Oder in der Augustsonne: Verschwitzt und durstig, mit verrutschten Fußlappen und einer Maschinengewehrlafette im Nacken, die Zehen wund gewetzt an zu engen Knobelbechern, deren genagelte Sohlen ständig auf dem Kopfsteinpflaster wegglitschen. Dazu die Order eines Unteroffiziers, ‘ein Lied, zwo, drei’. Zur Aufmunterung der Truppe. Er rollte die Augen beim Sprechen. Noch immer werde ihm speiübel, wenn er diese Lieder höre. Hunderte, tausende Male habe er den Dreck grölen müssen, „bis zum Erbrechen“. Er verschleppte die letzten Silben und seine Zunge unterstrich das Wort, während ich mir auszumalen suchte, wie sich ‘Das Wandern ist des Müllers Lust’ wohl in den Ohren einer Bäuerin angehört hatte. Etwa bei Smolensk. Um 1942 herum.

Ansonsten sang mein Vater übrigens gern.

Er weinte, als er das erste Mal über das Ende der zwei Apfeldiebe sprach. Da lag der Vorfall über dreißig Jahre zurück. Es dauerte, bis ich begriff, dass er der Dritte gewesen war, derjenige, der damals keinen Tornister dabei gehabt hatte. Absurd. Aber nicht absurder als das meiste, was er aus dieser Zeit berichtete.

Erinnerte er sich an Szenen bei Luftangriffen, die Schreie derer, die ein paar Meter neben ihm in einem verschütteten Keller erstickt waren, oder schilderte, wie Menschen, die aus brennenden Straßenzügen zu entkommen suchten, sich vor seinen Augen in lebende Fackeln verwandelt hatten, blieb er nüchtern, fast kalt. Sein Ton verlor dabei selten die herbe Ironie, mit der man über bittere Suppen spricht, die man sich selber eingebrockt hat. Im Nachhinein, sagte er, seien das Leiden, das Sterben und der Zufall des eigenen Überlebens nur noch entsetzlich banal.

Erwähnte er jedoch die Erschießung der Rekruten, veränderte er sich. Seine Stimme wurde hell und glitt weg. Für Sekunden verlor er die Fassung. Er klagte. Das tat er sonst nicht.

Als mein Vater mir von sich zu erzählen begann, war ich fünfzehn und er etwas über fünfzig. In den vorausgegangenen Jahren hatten wir uns gemieden, angeschwiegen, nur die nötigsten Worte gewechselt. Unser Verhältnis entkrampfte sich erst, nachdem er aus dem Krankenhaus zurückkehrte. Er war drei Monate fort gewesen. Während dieser Zeit sah ich ihn ein Mal. Auf Drängen meiner Mutter. Vor seiner letzten Operation.

Durch die Flure waberte der Gestank von Lysol, kaltem Schweiß, ungelüfteten Matratzen und Pfefferminztee. Ich würde einige Anstandsminuten absitzen und mich wieder trollen. Falls er in den nächsten Stunden tatsächlich starb, hätte ich die zumindest Geste gemacht. Vielleicht tröstete das seine Frau.

Denn bis ich die elfenbeinweiß gelackte Tür des Zweibettzimmers öffnete, war alles ganz einfach. Zwischen mir und ihm herrschten klare Verhältnisse. Mein Besuch war eine reine Pflichtübung. Dann sah ich ihn. Und erschrak. Der, der da lag, hatte mit dem, den ich kennen glaubte, nichts mehr zu tun.

Trotz seiner Größe wirkte er schmächtig. Er ertrank zwischen Kissenbergen. Kanülen staken ihm im Arm. Das Gesicht eingefallen, bar jeder früheren Feistheit. Darüber ungekämmtes, schütteres Haar, stellenweise weiß. Die Haut schimmerte wächsern, ums Kinn verschattet von blaugrauen Bartstoppeln. Er konnte die Zunge nicht kontrollieren und lallte. Aber er erkannte mich und schien sich sogar zu freuen. Immerhin lächelte er und streckte beide Arme aus. Zögernd schob ich einen Hocker an sein Bett. Die Kälte, mit der ich mich gewappnet wähnte, wich namenlosem Gefühlsbrei. Er suchte meine Hände, ergriff sie, hielt mich fest.

Seit über zwei Jahren hatten wir jede Berührung vermieden.

Mittags, bei Tisch, aus irgendeinem nichtigen Anlass, hatte er mich ins Gesicht geschlagen. Sofort schoss mir das Wasser in die Augen. Nicht, dass die Ohrfeige wehtat. Ich war derlei gewohnt. Er schlug häufiger zu. Bis ich zehn war, schillerte mein Rücken gelegentlich so bunt, dass ich auf die verquersten Ausreden verfiel, nur um mich beim Turnen nicht vor den anderen umziehen zu müssen. Nein, es war kein Schmerz. Es war die Art, wie er mich demütigte. Selbstverständlich. Ungeniert. Vor aller Augen.

Zitternd lege ich das heruntergefallene Besteck neben den Teller und stehe auf.

„Setz’ dich sofort wieder hin!“

Sein Stuhl schabt über das Linoleum. Vor mir sein gerötetes Gesicht, die Schläfenadern geschwollen.

„Auf der Stelle!“

Mein Herz wummert. Ich balle die Hände vor dem Hals. Keuche würgend an Tränen und Hass.

„Wenn du mich noch einmal schlägst, Alter, nur ein einziges Mal, schlage ich zurück.“

Sein Lid zuckt. Sonst nichts.

Ich nenne ihn ‘Alter’. Ebenso gut könnte ich ‘Atze’ oder ‘Typ’ sagen. Es stellt uns auf eine Stufe. Er ist stärker als ich. Größer. Schwerer. Kräftiger. Doch das ist egal. Es zählt nur, dass ich mich endlich wehre. Allein dadurch werde ich gewinnen. Diesmal muss er mich totschlagen. Eher höre ich nicht auf.

Er ist plötzlich kalkweiß. Zwischen seiner Nase und Oberlippe perlen winzige Schweißtropfen. Die Ewigkeit von zwanzig Sekunden starren wir einander an. Dann mache ich auf dem Absatz kehrt. Die Tür knallt hinter mir zu.

Bis zum Treppenhaus sind es sechs Schritte. Ich nehme drei Stufen auf einmal. Zwei Häuserblocks weiter bleibe ich stehen. Gönne mir Luft.

Er hatte mich nie wieder angefasst. Und nun? Ich ließ es zu, dass er meine Hand hielt. Er betastete sie, klopfte sie sacht mit den Fingern. Wie die eines Kindes. So wie damals, als ich das erste Mal Schüttelfrost bekam. Mit fünf oder sechs. Ich zitterte vor Fieber. Und vor Angst. Da trug er mich in sein Bett, legte sich neben mir hin und wärmte mich. So lange, bis Zähneklappern und Gliedertanzen verflogen.

Nur wieso fiel mir das gerade jetzt ein? War ich so dumm und berechenbar, dass mir der Anblick seiner Schwäche im Nu den mühsam errungenen Abstand raubte? Hatte er nicht oft genug auf mich eingeprügelt, bis ich nur noch ein wimmerndes, Rotz triefendes Etwas war? Ich kämpfte dagegen an, weich zu werden, und spürte, wie ich verlor. Es war zum Kotzen. Ich verfluchte seine Frau, weil sie mich an dieses Krankenbett gezerrt hatte. Ihr Kalkül ging auf.

Ich erinnerte mich. An anderes.

Früher hatten er und ich mitunter ‘Männerspaziergänge’ gemacht. Nur wir zwei, ohne Schwestern und Mutter, in die Stadt oder an den Hafen, ins Moor oder in den Brook. Irgendwann, wenn wir eine Weile unterwegs waren, packte er dann eine seiner ‘Stories’ für mich aus. Ich entsinne sogar noch den eigentümlichen Klang, den seine Stimme dabei annahm. Der trug mich fort. Auch wenn es nieselte oder der Novemberhimmel in Grau getaucht war.

Mal segelten wir den Nil rauf, mal ritten wir über die Anden. Wir besuchten Amazonasindianer und Goldgräber am Klondike. Bis heute höre das Knarren gefrorener Stiefelsohlen auf den Planken des Saloons von Dawson City, das mit dem Klimpern des verstimmten Pianolas und Kichern der Barmädchen im Rücken der Pokerspieler wetteifert. Und sehne mich nach Alaska.

Sein Lächeln war weggewischt. Kinn und Mund bewegten sich, aber es kam nur Lautbrei. Er verzog das Gesicht, wog den Kopf, schüttelte ihn in Zeitlupe, strich mir mit der Rechten über den Handrücken, hielt die Linke um meine Fingerspitzen geklammert. Seine Augen waren groß, braun und nass.

Ich blieb länger als geplant. Haute erst ab, als mich ein Drachen mit Rot-Kreuz-Häubchen verscheuchte. Es sei schon weit über die Besuchszeit. So ginge das wirklich nicht. Wo wir denn hinkämen, wenn das alle täten?

Ein paar Wochen später wurde er entlassen. Er wirkte ruhiger, milder. Nahm keinen Anstoß mehr daran, dass ich spät kam. Etwas war verändert. Die Feindschaft hatte sich verabschiedet. Trotzdem blieb unser Frieden sprachlos. Bis zum Sommer darauf.

Abends saß er häufig über Zeitungen gebeugt im Balkonzimmer. Oft noch nachdem alle anderen längst schliefen. Eines Tages lud er mich ein, ihm Gesellschaft zu leisten. Die Luft war lau und die Fenster standen offen. Man sah auf die Wipfel der Linden. Über den Schornsteinen wuchs sanft das Blau. Ich entsinne nicht mehr, wie lange wir so zusammen saßen. Lange genug immerhin, um zu entdecken, dass wir gemeinsam lachen konnten. Und er mir noch viel zu erzählen hatte. Fortan checkte ich beim Nachhausekommen, ob ein Lichtstreifen durch die Türschwelle zum Balkonzimmer rieselte.

1976, mit achtzehn, kehrte ich nach zwölf Monaten USA in die Bundesrepublik zurück. Zu Hause erwartete mich Post von Georg Leber, dem damaligen Kriegsminister. Mein Musterungsbescheid. Es war Sommer. Bevor die Schule wieder anfing, wollte ich noch einige Tage nach Südfrankreich trampen, an den Strand bei Menton. Mein Vater bot an, mich ein Stück zu bringen. Wir hatten uns zwölf Monate nicht gesehen. Ich sprach Deutsch mit englischer Satzstellung und dachte ausländisch. Ein prall gefülltes Jahr lag hinter mir. Wir fuhren in die Vogesen. Über Verdun. Unterwegs zum lang gestreckten, monströsen Sarkophag des Mahnmals, an einem staubigen, heißen Nachmittag, nachdem dem wir den durstigen Soldaten, der zu seiner Mutter im Ort wollte, an einer Weggabelung abgesetzt hatten, skizzierte er mir Grabenkrieg und Materialschlacht. Auch das Konzept der Obersten Heeresleitung, den Feind ‘weiß zu bluten’, sich über Tage und Wochen und Monate hinziehende Artillerieangriffe, wie bei den Kämpfen um Höhen wie ‘304’, ‘Toter Mann’ oder das Fort ‘Douaumont’. Berichtete mir davon, dass sie sich als Gymnasiasten immer über einen ihrer Lehrer lustig gemacht hatten, dem die Tränen runter liefen, sobald es um Verdun ging. Wie sie sich mokierten, wenn der Mann von dem Trommelfeuer, dem Schlamm und den Ratten sprach.

Daran habe er denken müssen, sagte er, als er kurz vor der alliierten Landung an der nordfranzösischen Küste in einem Erdloch lag, unweit deutscher Batterien, die von englischen Schiffsgeschützen angegriffen wurden. Er hatte clever sein wollen und sich auf einen vorgelagerten Posten verzogen. Dummerweise zielten die Briten ein paar hundert Meter zu kurz, so dass er direkt im Einschlagsbereich ihrer Granaten lag. Er habe nur noch Beben um sich herum gespürt. Als ob Riesen das Erdreich schüttelten. Kaum zwanzig Minuten habe der Angriff gedauert. Drei Tage sei er davon stocktaub gewesen.

„Keine zwanzig Minuten, und mir verging alles. Sogar die Lust, noch zu beten. Gut was?“ Er lachte böse. „Bloß mal so im Vergleich zu dem, was den Leuten hier geboten wurde.“

Anschließend zeigte er mir, wie ‘schwerer Artilleriebeschuss’ und ‘Trommelfeuer’ sechzig Jahre später aussehen.

Der Streifen Land, auf dem das Massenschlachten inszeniert wurde, ist nicht sonderlich lang. Bloß eine Handvoll Kilometer. Zwischen Februar und Juli 1916 starben hier ungefähr sechshunderttausend Menschen. Auf den ersten Blick sah alles ganz harmlos aus. Historisch und bewachsen. An manchen Stellen aber war das Gelände unvernarbt, wüst, verseucht von Gift und Sprengstoffresten. Kein Gras, kein Halm, nichts. Tote Erde. Mit vielen Toten drin.

Und dann die Gräber.

An sich gehe ich gehe gern auf Friedhöfen spazieren. Es ist meist grün, ruhig, und kulturgeschichtlich aufschlussreich. Die da liegen, stört nicht, wenn man sich zu ihnen setzt, in den Himmel guckt, eine raucht und den Vögeln lauscht. Schon die Römer kosteten auf den Knochen ihrer Ahnen Lust und Vergänglichkeit aus. „Le petit mort“ als „memento mori“.

Bei Verdun graute mir zum ersten Mal vor den Gräbern. Meiner Seele wurde übel. Dabei war alles recht sauber und gepflegt. Gräber bis zum Horizont. Gräber, so weit das Auge reicht. Ein Ozean von Kreuzen. Weiß. Geduldig. Angetreten in Reih’ und Glied, als warteten sie aufs Abzählen.

Die zählt keiner mehr freiwillig ab. Der Anblick erschlägt. Das sahen auch die Leute, die sich die ‘Endlösung’ einfallen ließen. Sie lernten dazu und ließen Gräber in die Lüften schaufeln. Durch todgeweihte Sonderkommandos. In den Krematoriumsöfen der Firma Topf.

Von Verdun aus fuhren wir weiter, zu einigen der Orte, wo er im Herbst 1944 gelegen hatte, kurz bevor er in Gefangenschaft geriet. Beim Versuch, eine Brücke zu sprengen, hatten die Franzosen ihn geschnappt. Das war in der Nähe von Baccarat, am 31. Oktober 1944. Die Brücke war umkämpft und der Granatsplitter, der in seiner Schädelseite steckte, stammte von diesem Tag.

Nachdem die Franzosen die Deutschen entwaffnet und sortiert hatten, schritt ein Hauptmann ihre Reihe ab. Mit gezückter Pistole. Er war klein, dunkel, trug sein Bärtchen wie Adolphe Menjou und sprach das gerollte „R“ der Algerienfranzosen. Mein Vater, braune Augen und schwarzes Haar, war einen Kopf größer als er. Neben ihm stand ein Blonder. Blauäugig. Vor dem blieb der ‘Capitaine’ stehen. Er schrie:

„Tu es ‘SS’!“

Der Blonde grinste.

„Was sagt er?“

Bevor mein Vater antworten konnte, schoss der Hauptmann dem Blonden in die Stirn.

„Einfach so?“ fragte ich.

„Ja.“

„War er SS?“

„Nein. Bloß blond.“

„Und du?“

Er räusperte sich.

„Ich wurde einen Zahn los.“

„Wie das?“

„Ich hab’ ‘verrückt’ gesagt. ‘Qu´est ce que ‘verrukt’?’ ‘Fou.’ Da hatte ich den Lauf im Mund. Als er ihn wieder ‘raus zog, war der hier“, er deutete auf seinen linken oberen Eckzahn, „ab.“

Seine Lippen zuckten.

„Geschenkt... “

Und nach einer Pause:

„Ich lebe.“

Die Brücke bei Baccarat ist stehen geblieben. Mag sein, dass mein Vater sie mir gezeigt hat. Ich entsinne es nicht. Wir sind unterwegs über viele Brücken gekommen.

Im Fotoalbum, das er durch den Krieg gerettet hat, sind zwei Portraits von ihm, auf der ersten Seite, parallel, etwa gleich groß. Das linke zeigt ihn als neunzehnjährigen Rekruten in sauberer, vorschriftsmäßig zugeknöpfter Uniform. Mit Stahlhelm. Das Gesicht ist frontal abgelichtet, der Blick geht links am Betrachter vorbei. Es wirkt jung, frech, noch etwas pausbäckig. Mit ironisch geschürztem Mund und jugendlich eitel verzogenen Brauen. Naiv, neugierig, mit einer Spur koketter Skepsis. Ein Primaner in martialischer Pose. Auf dem rechten ist er älter. Wahrscheinlich ist es ein Frontschweinbild, das den Krieger in Szene setzen soll. Es zeigt einen schlecht rasierten Mann in verdrecktem, halboffenem Feldgrau. Nur die dichten, dunklen Locken sind säuberlich gekämmt. Die Wangen sind hohl, der Mund ist schmal und hart. Die Fluchtlinie in Brusthöhe unterstreicht die Konturen ums Kinn. Die Augen weit geöffnet, schwarz und blank, wirken hellwach und trotzdem teilnahmslos. Krass springt aus den Zügen Müdigkeit und Erschöpfung. Das Alter lässt sich nur schätzen. Ein ausgebrannter Mann von Ende zwanzig. Es könnten sogar ein paar Jahre mehr sein. Unter den Bildern steht in seiner Handschrift: „Von A bis Z“. Sonst nichts.

Das linke Bild ist 1941, das rechte 1944 aufgenommen.

Als wir einmal über Erinnerungen und Wahrnehmungsverschiebungen sprachen, sagte er:

„Jeder Mensch biegt sich seine Geschichte zurecht. So lange, bis er mit ihr leben kann. Er wird schwören, dass bestimmte Situationen so und nicht anders gewesen sind. Selbst wenn du ihm beweist, dass es nicht stimmt.“

Nach seinem Tod fand ich den Brief an einen Freund, datiert auf den 4. Januar 1944. Es ist ein längeres Schreiben auf sieben Feldpostbögen. Ab November 1944 galt mein Vater als vermisst. Ich vermute, dass der Freund ihn deshalb seinen Eltern hat zukommen lassen. So blieb er erhalten.

„...Du bist so liebenswürdig mich zu fragen, wie es mir geht. Sag’ mal, willst Du allen Ernstes verlangen, dass ich eine so scheißdumme Frage positiv beantworte? Was soll ich denn sagen? Liest Du keine Wehrmachtsberichte? Danke dem Herrgott, nicht hier zu sein.

In der dicht bedruckten Zeitung ist zu gar wohl zu lesen, dass die Plutokraten auf dem letzten Loche zu pfeifen belieben. Eben das Gefühl habe ich auch, wenn 20.000 Schuss Artillerie auf einer Breite von 1,2 Kilometern in der Stunde auf uns ‘runtergehen. Die deutschen Batterien schießen 30, vielleicht 40 Schuss am Tag.

Da gerät vieles ins Wanken. Das Brüllen der Materialschlacht hat nichts mehr mit der sonstigen privaten Idiotie des Krieges zu tun. Es ist ein grandioses Erlebnis für den, der es augenblicklich überleben darf. Weißt Du, vor zwei Jahren, in Afrika, knallte es ja auch hin und wieder. Man stand daneben, beobachtete, sah die Fehler der Vorgesetzten oder bewunderte sie. Ein Gefühl wurde einem dabei zu eigen, dass man fast stolz war, dabei zu sein. Sogar für mich, der ich schon damals bestrebt war, dem Krieg gegenüber einen klaren Kopf zu wahren. Trotzdem, damals lebte noch so etwas wie Anstand und Gerechtigkeit unter den Männern, von denen nunmehr ein Gutteil irgendwo im Sand verscharrt liegt, beweint oder vergessen.

(...) Ich bekam damals den ersten Schreck vor mir selber, als ich vor fast genau zwei Jahren die ersten vier Menschen tötete - wie ich aufjauchzte, als der letzte zusammenbrach. Überlegst Du Dir eigentlich, was man anrichtet, wenn man den Finger mit Erfolg krümmt? Eine englische Mutter oder eine Negermommy weint auch. Aber solche Überlegungen stelle ich erst seit kurzer Zeit an. Warum? Ist das nun Feigheit oder Weichheit?

Warum ich das schreibe? Weil solche persönlichen Empfindungen gegenüber dem Krieg jetzt vollkommen absterben. Was ist man noch? Ich spreche nicht von der ungeheuren Schweinerei im Offizierskorps hier, von der Korruption, von der Feigheit, die mich ekeln lässt - nein, all diese kleinlichen Beschimpfungen meinerseits gegen diese Meute sind so wesenlos geworden, gegen das, was von der Feindseite über uns hereinbricht.

Es ist so fabelhaft, wie alles Menschliche nunmehr so ungeheuer klar vor uns herauskristallisiert wird - Du hast keinen Hass mehr, Du vergisst die Liebe und Deinen jeweiligen Gott. Nichts ist mehr da als das Anklammern an das jämmerlich arme, kleine Stück Ich...“

Schönheit wohnt im Auge des Betrachters. Man kann den Brief unterschiedlich lesen.

Version eins: Anfang 1944 funktionierte mein Vater noch blendend. Sein Ton schwankt zwischen Stahlgewitter-Pathos und Sentimentalität. Da der militärische Zusammenbruch sich abzeichnet, rücken Konsequenzen ins Blickfeld. Jetzt geht es ans Zahlen. Das stimmt ihn moralisch. Er schreibt von seinen „ersten vier“ Toten. Die davor und danach unterschlägt er.

Version zwei: Der Hilferuf von einem, der sich nicht länger betrügen kann. Alle Werte sind zerfallen, alle Rechtfertigungen aufgebraucht. Die Mittäterschaft an monströsen Verbrechen lässt sich nicht länger leugnen. Ekel und Selbstekel nehmen überhand. Die Flucht in Zynik scheitert. Er strandet in Ratlosigkeit.

Einem fallen noch mehr Versionen ein. Vermutlich stimmen alle und keine. Ich kann meinen Vater nicht mehr fragen.

Wenn ich damals bei ihm anklopfte, saß er meist mit dem Gesicht zur Tür, die Brille halbhoch, lüftete die Augenbrauen, während er raschelnd die Zeitung beiseite schob.

„Na?“

Dem Austausch der Tagesneuigkeiten, im Stehen, folgte gewöhnlich seine Einladung, mich noch eine Weile zu ihm zu setzen. Die Weile währte selten kürzer als eine Stunde. Nicht selten bis ins Morgengrauen. Früher oder später kamen wir unterwegs fast immer auf die Nazizeit und den Krieg. Oft gab ein Artikel, den er mir rausgelegt hatte, den Anstoß.

„Hier. Kannst mal lesen. Trifft die Atmosphäre.“

Oder: „Der ist über Rommel und den 20. Juli. Du hattest mich doch neulich mal nach ihm gefragt. Ich halte die Eloge auf seinen Widerstand für ziemlichen Stuss, aber das ist eben Teil der offiziellen Legende.“

„Wieso Stuss?“

„Sommer vierundvierzig, kurz vor dem Attentat auf Hitler, bin ich ihm mal in der Normandie begegnet. Da wurden wir an einen frischen Abschnitt verlegt, weil die Alliierten überall durchbrachen. Sein Fahrzeug musste neben uns halten. Er sah mein Abzeichen vom Afrika-Korps, fragte, wo ich gekämpft habe. Erklärte, er käme soeben vom Führer. Die Invasion werde scheitern. In spätestens vier Wochen sei der Feind vom Festland vertrieben...“

Schon waren wir mittendrin. Egal, ob wir nun über Mädchen sprachen oder übers Militär. Er verstand zu schildern, besaß Sinn fürs Detail. Ende der Dreißiger war er ähnlich alt gewesen wie ich. Unsere Entwicklung abzugleichen lag nahe. Außerdem spürte ich, dass es ihm ein Bedürfnis war, mit mir darüber zu reden. Und da war meine Gier auf Einzelheiten, das Lechzen nach Stimmungsbildern, Stöbern in Erinnerungen, der Durst, von ihm selbst zu erfahren, wie er sich damals gefühlt hatte.

Also puzzelte ich mit seinen Berichten wie mit Mosaiksteinchen, in vollster Gewissheit, sie ergäben eine zufrieden stellende Gesamtkomposition. Nur warf dummerweise alles, was er sagte, neue Fragen auf. Anfangs bekam ich die Zeitebenen dauernd durcheinander. Doch die Chronologie war das Geringste. Je mehr ich hörte, desto weniger verstand ich. Selbst wenn er auf Allgemeinplätze auswich.

„Was die Nazis politisch zum Besten gaben“, sagte er, „war aufgemotztes deutschnationales Standardsülze. Dolchstoßlegende, Heldenkult und Arierwahn gab es längst. Ludendorff, Hugenberg, der ganze Rattenschwanz von Republikfeinden, für die Weimar immer das Bankert der Niederlage blieb, hatten das Feld längst bestellt. Die Nazis fuhren bloß die Ernte ein.“

Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Er zuckte die Schultern.

„Halt’ dir die Zustände vor Augen. Kanzler und Kabinette wechselten. Egal wer gerade am Drücker war, keiner bekam mehr was auf die Reihe. Regierungen eierten ‘rum, in brüchigen Bündnissen, hangelten sich von Notverordnung zu Notverordnung. Die Masse hungerte und fror. Nichts half. Nichts besserte sich. Hitler hatte für alles eine Lösung parat.“

Er rüschte den Mund.

„Gegen Ende der Republik wirkten die etablierten Politiker bloß blass. Brüning, den hab’ ich ja noch im Radio gehört, las nuschelnd vom Blatt ab und machte lange, verschachtelte Sätze, über die er gern stolperte. Wer nicht einschlief, starb vor Langeweile. Hitler las nie ab. Er verstand meisterlich, Halbwahrheiten mundgerecht aufzubereiten. Das kam an.“

„Aber das war doch alles nur heiße Luft?“

„Was ist reizvoller, die hässliche Wahrheit oder der schöne Schein? Wenn du die Lüge appetitlich verpackst, darfst du drei Mal raten, wonach die meisten mit strahlenden Augen greifen. Die Deutschen fühlten sich betrogen. Versailles, Reparationen, Abrüstung und Inflation waren für viele nur eine grandiose Verschwörung, um das Reich kaputt zu machen.“

Er beugte sich vor.

„Versteh doch“, drängte er. „Der Kollaps im Herbst achtzehn kam für die Masse als ein totaler Schock. Die hatten bis zuletzt an den Sieg geglaubt. Zumindest an ein Patt. Und dann waren plötzlich alle Entbehrungen für die Katz...“

„Selber Schuld.“

„Das hört keiner gern, der sich aus Dummheit in den Dreck setzt. Der hört lieber, andere hätten ihm arglistig ein Bein gestellt.“

Mir ging seine Schilderung durch den Kopf, wie er als Junge das Mittagessen für die Familie hatte abholen müssen. Bei seiner Mutter. Die half in ihrer Pause bei der Volksküche aus. Dafür bekam das Essen für die Familie gratis. Da sie hinterher wieder zur Arbeit in die Bibliothek ging, griff er die Tagesration nach dem Unterricht bei ihr ab. In Henkelmännern. Die Suppenküche lag nur einen Steinwurf von der Schule entfernt. Weil er sich vor den besser gestellten Klassenkameraden genierte, trödelte er immer herum, bis die anderen fort waren. Daheim setzte es dann Hiebe, weil er so spät kam.

Das muss um 1932 gewesen sein. Zur Hochzeit der Wirtschaftskrise. Da war er elf.

„Hitler tröstete, spendete Zuversicht, versprach allen, was sie hören wollten: Arbeit, Brot, das Ende der Reparationen. Er erlaubte den Leuten, wieder zu hoffen. Darum wählten sie ihn. Später erlaubte er ihnen, wieder stolz zu sein. Dafür liebten sie ihn.“

Er machte einen kurzen Schnalzlaut und atmete durch.

„Selbst meine Mutter sagte: ‘Der holt die jungen Leute wenigstens von der Strasse’.“

Seine Achseln zuckten.

„Zweiunddreißig hab’ ich gesehen, wie ganze Schalmaien-Trupps des Rot-Front-Kämpfer-Bundes bei der SA mitliefen.“

Und mit einem Auflachen:

„Die waren geschlossen übergegangen. Die trugen sogar noch ihre alten Uniformen. Das musst du dir mal vorstellen...“

Stattdessen stellte ich mir vor, was sich im Haushalt seiner Eltern abspielte, bevor mein Großvater im Frühjahr 1933 in die NSDAP eintrat.

Der zählte zu den ‘Märzgefallenen’. So nannte man die Toten der gescheiterten nationalen Revolution von 1848 und die frisch gebackenen Nazis, die kurz nach der Machtübergabe ihr Herz für Hitler entdeckten. Bevor die NSDAP den Aufnahmestopp verhängte, weil sich zu viele Karrieristen um ein Parteibuch rissen.

Der Chef meiner Großmutter, schon zu ‘Systemzeiten’ als Nazi profiliert, drohte sie zu feuern, um einer Geliebten ihren Posten zuzuschanzen. Doch sie ernährte die Familie. Wohl und Wehe fünf hungriger Mäuler hing davon ab, ob sie Geld nach Hause trug. Ihr Gespons war zu alt zum Arbeiten. Einzig ein Parteieintritt hätte sie vor der Entlassung bewahrt. Doch sie sträubte sich. Es mag Stolz gewesen sein. Oder Angst. Anfangs glaubten viele noch, dass Hitler sich nicht halten und der ‘Spuk’ bald vorüber sein würde. Nach lauten Wortwechseln und Tränen und beantragte ihr greiser Gatte schließlich die Aufnahme. Er war damals dreiundsiebzig und soll gesagt haben: „Einem alten Mann wie mir wird hinterher schon nichts passieren.“

Das Räuspern meines Vaters holte mich zurück. Er zuckte mit dem Mund. Das tat er häufiger, wenn er sich amüsierte. Oder ihn etwas peinlich berührte. Oft trommelte er dann auch mit seinen Fingern auf der Tischplatte. So schlug er einen anderen Takt an.

„Zunächst schien die Rechnung ja aufzugehen...“

Ich wartete.

„In wenigen Jahren hatte Hitler den Weltkriegsverlierer in die stärkste Militärmacht Europas verwandelt. Er besetzte das Rheinland und rüstete auf. Keiner griff ein. Die Sieger von gestern kuschten. Zur Olympiade kam alle Welt nach Berlin und klatschte respektvoll.“

Offenbar deutete er meine gerunzelten Brauen als Einwand.

„Ich bin mir sicher, dass die Nazis 1938 oder 1940 wesentlich mehr Leute hinter sich hatten, als im Frühjahr 1933.“

„Wieso?“

„Weil sie so erfolgreich waren.“

Er rüschte die Lippen.

„Was Hitler anfasste, gelang. Wer gegen Ende der Dreißiger die Leistungen der Nazis kritisierte, wurde ausgelacht. Als Miesmacher.“

„Und die Opposition?“

„Welche Opposition? Die Kommunisten verschwanden sofort in den Lagern. Der Rest machte sich klein. Spätestens nach dem ‘Röhm-Putsch’ schien sich alles zu normalisieren. Die SA war gezähmt und Hitler schmuste mit der Reichswehr. Die Produktion zog an und die Arbeitslosigkeit ließ nach. Es ging spürbar aufwärts.“

Er zog die Schultern hoch:

„Wen hat die Unterdrückung denn tangiert? Nur die, die persönlich betroffen waren. Die übrigen bekamen davon wenig mit.“

„Weil sie nichts mitbekommen wollten.“

„Verrat’ mir mal Spaßeshalber, wer sich heutzutage für Haftbedingungen in Hochsicherheitstrakten interessiert? Über die dunklen Seiten sieht man weg. Oder redet sie sich schön. Mag sein im Flüsterton. Trotzdem. Für die Masse überwog das Gute.“

Ich schüttelte den Kopf. Er legte nach.

„Wer, bitte sehr, fand den ‘Anschluss’ denn nicht wunderbar? Das war die Erfüllung eines nationalen Traums.“

„So wie von der Hetze gegen Juden?“

Sein Mund verzog sich.

„Was im ‘Stürmer’ stand, nahm keiner für voll.“

„Und die ‘Kristallnacht’?“

„Man sagte sich, dass das bloß Auswüchse seien. Ließ sich lieber von Hitlers außenpolitischen Erfolgen beeindrucken. Die stellten alles Übrige in den Schatten...“

Es dauerte Jahre, bevor mir dämmerte, was da in den Schatten gestellt wurde. Und sich in den Wochen und Monaten nach dem Pogrom abgespielt haben muss. Im Hellen. Als jüdische Fabriken, Geschäfte, Grundstücke, Häuser und Wertpapiere geraubt, erpresst, und für Spottgelder übernommen wurden.

Neben den Haien der Oberliga, wie der Dresdner Bank, die mit Hilfe der SS den Grundstein für ihren Nachkriegsreichtum zusammenplünderte, wüteten zahllose Piranhas. Man braucht bloß mal den Kurfürstendamm abzulaufen. In die Schaufenster der großen Geschäfte zu blicken. Etwa beim Wäscheladen von Max Kühl. Oder ein Stück weiter, in die Fasanenstrasse, wo sich, ein paar Schritte neben der Synagoge, am Portal eines der teuersten Berliner Hotels, die Arisierer mit dem Namen derer zieren, die sie in Exil und Tod getrieben haben.

Nur so. Als Vorschlag. Falls man sich fragt, was damals los war. Während des ersten Wirtschaftswunders. Lange vor Auschwitz.

So meinte ich bloß:

„Wie geht das?“

Er räusperte sich.

„Der Blitzsieg über Frankreich hat die Leute völlig besoffen gemacht. Im Weltkrieg waren Millionen an der Westfront verblutet. Danach errichteten die Franzosen die Maginot-Linie. Die galt als uneinnehmbar. Dann war der französische Widerstand in sechs Wochen gebrochen und das britische Expeditionskorps vom Kontinent gefegt. Praktisch ohne eigene Verluste. Schon trabte die siegreiche Wehrmacht über die Champs Elysees. Das übertraf die kühnsten Hoffnungen. Wer wagte da noch, am Genie des Führers zu zweifeln?“

„Und du?“

„Ich war begeistert.“

Er reinigte seine Stimmbänder.

„Versteh’ mich recht. Immerhin kam mir sehr gelegen, dass ich nun selber nicht mehr ‘ran brauchte. Auf meine persönliche Chance zum Heldentod war ich nie besonders scharf.“

Und mit einem Zähneblecken.

„Doch diese Freude war bekanntlich etwas verfrüht.“

Ich schluckte. Angesichts der Vorstellung der Siegesparade Unter den Linden, Frühsommer 1940, den strahlenden Soldatengesichtern, dem orgiastischen Jubeln Tausender, die Straßen säumten, sich den Arm schwenkend ihre Kehlen heiser schrieen, dem Knallen der Champagnerkorken aus beschlagnahmten Beuteflaschen, dem Geläute der Kirchenglocken und dem Meer von Hakenkreuzflaggen, die das Land überschwemmten, aus Fenstern, von Fahnenstangen und Dächern, als Dreieckswimpel in den Händen kleiner Kinder. Irgendwo da drin mein Vater. Mit glänzenden Augen.

„Wenn alle hinter Hitler standen“, meinte ich ratlos, „wozu dann die Gestapo, die Lager, der riesige Unterdrückungsapparat?“

Er betrachtete einen Augenblick lang intensiv seine Fingernägel.

„Für alle, die nicht mitspielen wollten...“

Und nach einer kurzen Pause:

„Oder durften.“

„Also Kommunisten und Juden?“

„Auch ein paar Sozialdemokraten und Christen. Doch wer von denen sich nach ein paar Wochen ‘Schutzhaft’ ruhig verhielt, den ließ das Regime meist in Frieden.“

Sein Blick schweifte durch den Raum.

„Anteilig zur Gesamtbevölkerung waren das verschwindend wenige.“

Er begann mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln.

„Es ist Quatsch, wenn heute gesagt wird, dass alle immer nur vor Angst zitterten. Sicher gab es Terror. Doch es war anders als bei Stalin, wo der Terror jederzeit jeden treffen konnte. Die Nazis beschränkten sich auf identifizierbare Minderheiten. Für die Masse war die Welt in Ordnung. Gezittert haben die Leute vielleicht zu Anfang ein bisschen. Vor der SA. Und um ihre Stellungen. Dann erst wieder sehr viel später. Vor den Bomben der Alliierten und der Rache der Roten Armee. Über weite Strecken musst du dir das System viel freiwilliger vorstellen, als es geschildert wird. Sicher, der Durchschnittsmensch hatte Respekt vor der Gestapo. Du musstest ausloten, wie offen du reden konntest. Es gab Zwänge, Rituale von kollektivem Gehorsam. Doch es funktionierte, weil die Menschen an Hitler glaubten und ihn wie einen Halbgott verehrten. Das galt übrigens auch für Nichtnazis. Bei irgendwelchen Schweinereien lautete der Standardkommentar stets: ‘Wenn das der Führer wüsste’. Nie war Hitler schuld, immer ein untergeordneter Parteifritze. Der ‘Führer’ blieb über jeden Zweifel erhaben.“

„Und für dich?“

Er hob ratlos die Hände.

„Ich entsinne mich, wie ich als Soldat während des Krieges mal ein Bild von ihm in die Hand nahm. Da war mir ganz mulmig zumute.“

„Inwiefern?“

„Na, ich betrachte dieses Gesicht. Dachte mir, das ist also der Mensch, auf den du deinen Eid geschworen hast. Was geht in dem vor? Der spricht keine Fremdsprache, aber führt mit der ganzen Welt Krieg. Dem bist du und der Rest Deutschlands auf Gedeih’ und Verderb’ ausgeliefert.“

„Wann war das?“

„Ziemlich spät.“

„Vor oder nach Stalingrad?“

„Vermutlich danach.“

Eine Weile lang hörte man nur den hellen Trommelwirbel seiner Fingernägel.

„Wir waren ungeheuer verbogen.“

„Wie, ‘verbogen’?“

„Im schlechten Sinne unpolitisch. Das bisschen eigenständige Denken wurde uns systematisch abgewöhnt. Besser gesagt, wir haben es uns abgewöhnen lassen. Das lässt sich heute schlecht vermitteln. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich es selber fassen. Doch es funktionierte.“

„Was funktionierte?“

„Unsere Ideologisierung. Das Verinnerlichen von Werten der Führung. Jeder Lebensbereich war nationalsozialistisch besetzt. Überall die gleichen Phrasen. Ob in der Schule oder bei der HJ. Das ging nahtlos über in Arbeitsdienst und Militär. Alles eine Soße. Also hörte man weg, versuchte, es nicht zur Kenntnis zu nehmen. Genau das tat man natürlich doch. Es prägte ja unsere Sprache und unser Denken. Klar, wir machten Witzchen und Sprüche. Aber der Effekt war, dass man sich fügte. Über Politik redeten wir nicht, jedenfalls nie so wie heute. Über Politik zu reden, galt als unfein. Wer sich gepflegt unterhielt, floh ins Schöngeistige. Vielleicht war das eine Frage des Alters. Oder Verdrängungsstrategie. Vermutlich beides.“

Seine Lippen zogen sich ein paar Mal rasch zusammen.

„Außerdem bot der Krieg genug Gesprächsstoff. Man tauschte zwar ein paar Andeutungen, um zu klären, wo sein Gegenüber stand. Ich kannte Leute, von denen ich wusste, dass sie Kommunisten oder Gewerkschaftler gewesen waren. Trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, mit denen über Politik zu sprechen.“

„Gab’s Witze?“

„Schlechte jede Menge. Man verhohnepipelte Propagandalosungen und mokierte sich über Parteibonzen. Über Goldfasane oder Typen wie Ley durften Scherzchen gemacht werden. Das wurde geduldet. Zumindest solange der Krieg einigermaßen lief. Als Ventilfunktion. Ähnlich wie das Gemotze beim Militär. Über die SS wurde Bemerkenswerterweise nie gewitzelt.“

Sein Mund zuckte.

„Zu Beginn des Krieges, als Hilfsschweißer bei ‘Blohm und Voss’, bin ich mal angezeigt worden, weil ich in einer Pause sagte, ein Nazi und ein Deutscher seien für mich nicht dasselbe. Da bekam ich eine Vorladung zur Gestapo.“

„Und?“

„Ich redete mich ‘raus. Beim Verhör drehte ich den Spieß um. Nicht jeder Deutscher sei automatisch ein guter Nationalsozialist. Das haben sie geschluckt.“

„Weißt du, wer dich denunziert hat?“

Er lüftete die Achseln.

„Unter den Werftarbeitern gab es bis dreiunddreißig viele Kommunisten. Folglich war das Bespitzeln da schärfer.“

„Als wo?“

„Als in bürgerlichen Kreisen. Die hatten vor der Machtergreifung national oder völkisch gewählt. Aus der Ecke brauchte das Regime nichts zu befürchten. Kommunisten wurden totgeschlagen oder kamen ins KZ.“

Zur Begleitung des Stakkatos seiner Finger zischte er durch die Zähne. Dann schloss er mit zwei harten Trommelwirbeln ab und griff den Faden wieder auf.

„Folglich erfüllte die Propagandamaschine ihren Zweck. Nicht, dass man ihr alles glaubte. Das taten die wenigsten. Es reichte völlig, dass sie einen von anderen Ideen abhielt. Einleuchtend?“

Ich glotzte entgeistert.

„Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafften Welten. Irgendwann muss man doch mal darüber stolpern.“

„Tat ich aber nicht. Oder zu wenig. Und vor allem zu spät.“

Er griff zur Zigarettenschachtel und drehte sie zwischen den Fingern:

„Während des Krieges bekam ich mal ein Flugblatt der ‘Weißen Rose’ in die Hand. Als ich das einem anderen zeigte, wurde der ganz blass. Das müsse ich sofort vernichten, sonst würden wir erschossen.“

„Und?“

„Ich fand seine Angst lächerlich. Trotzdem hab’ ich’s vorsichtshalber zerrissen und in die Latrine geschmissen.“

„Was dachtest du dir dabei?“

Er hob die Achseln.

„Nichts weiter.“

„Und der Inhalt?“

„Weltfremd. Zur Lektüre brauchte man mindestens Abitur. Der Text war so abgehoben, dass ein normaler Arbeiter ihn nie verstanden hätte. Das war kein Aufruf zum Widerstand, das war ein philosophisches Traktat...“

Es blieb still. Ich rätselte, welche Art Deutsch mein Vater damals gesprochen hatte.

„Man machte es uns schrecklich einfach, das Herrschende als einzig denkbare Variante zu begreifen. Hinterfragen hatte ich nicht gelernt. Ich habe erst hinterher gefragt. Als es zu spät war.“

Ich schüttelte verständnislos den Kopf.

„War das nicht wahnsinnig anstrengend?“

„Nein. Es war ungeheuer bequem. Man brauchte nichts selber zu entscheiden. Es wurde einem alles vorgegeben. Du musstest nur gehorchen. Außerdem hielten die dich ständig in Trab. Mit irgendwelchen sinnlosen Tätigkeiten. Und du warst fast nie allein. Beim Arbeitsdienst und Militär gab’s keine Privatsphäre. Zum Nachdenken bin ich erst gekommen, als ich in Kriegsgefangenschaft war. Nicht bei den Franzosen. Bei den Amerikanern. Da war die Anspannung weg und ich hatte auf einmal Zeit.“

„Neulich“, sagte er darauf, scheinbar unvermittelt, „habe ich eine alte deutsche Wochenschau gesehen. Von 1942. Die zeigte russische Partisanen. Auf dem Weg zum Galgen. Im Hintergrund lachende, deutsche Soldaten. Unterlegt mit dem Kommentar des Sprechers, du kennst die Stimme, es ist immer die gleiche, so ein großmäulig, nassforsches Durchhaltedeutsch. Der sagt in etwa: ‘Diese feigen, bolschewistischen Banditen, die aus dem Hinterhalt Wehrmachtsangehörige überfallen haben, gehen hier ihrer gerechten Strafe entgegen.’ Genau dieselbe Wochenschau hatte ich schon mal während des Krieges gesehen, irgendwo in Afrika.“

„Was waren das für Leute?“

„Bauern. Männer und Frauen. Bettelarme Gestalten. Teilweise barfuss.“

Er brach ab. Aus seinem Mund kam ein Pfeiflaut.

„Und?“

„Als ich die Wochenschau das erste Mal sah, nahm ich überhaupt keinen Anstoß an den Bildern. Im Gegenteil. Es erfüllte mich mit Befriedigung, dass diese Menschen aufgehängt wurden. Hättest du mich damals gefragt, ob ich den Vorgang abscheulich und grausam fände, hätte ich dir vermutlich einen Vogel gezeigt.“

Ich stellte mir ein Frontkino in der libyschen Wüste vor. Ein großes, sandfarbenes Zelt, in dem Projektor und Leinwand aufgestellt sind. Dazwischen zusammenklappbare Holzbänke, auf denen sich ausgelassene junge Männer drängen. Viele rauchen, es stinkt nach Tabak, Schweiß, Staub und stockigem Leinen. Als die Bilder von den Partisanen über die Leinwand flimmern, vernimmt man zustimmendes Gejohle und Klatschen.

„Taten sie dir nicht leid?“

„Nein. Das waren Feinde. Von denen fühlte ich mich bedroht. Schließlich schossen die ja auf meinesgleichen.“

Seine Kinnmuskeln zuckten.

„Ich habe nicht einen einzigen Gedanken darauf verschwendet, mich zu fragen, warum die gegen uns kämpften. Aus Spaß haben die sich sicher nicht gegen gut bewaffnete, kampferprobte Soldaten gestellt.“

Er kaute leer und starrte vor sich hin. Dann lachte er ratlos auf und sah mich wieder an.

„Der Witz ist, ich hatte nie was gegen Russen. Zwar hatte ich Angst davor, nach Russland zu kommen, weil ich einen Gegner vorzog, dem das Territorium, auf dem er gegen mich antrat, genauso fremd war wie mir. Aber ich hegte gegenüber Russen nie feindselige Gefühle. Außerdem war mir grundsätzlich bekannt, dass sie uns nicht gebeten hatten, sie zu überfallen. Doch das blendete ich komplett aus.“

Wieder dieser abstürzende Lachlaut.

„Ich finde meine Phantasielosigkeit so phänomenal.“

Er saß vornüber gebeugt, hatte die Ellenbogen aufgestützt. Die Fingerspitzen seiner Hände berührten sich. Im Sprechen drückte er sie gegeneinander, als knete er die Luft zwischen den Handflächen. Ab und zu, wenn er sich unterbrach und schwieg, rutschten die Finger zusammen und er faltete die Hände. Wie beim Beten.

„Du fragst mich oft, was ich in bestimmten Situationen empfunden habe. Das ist eine beschissene Frage. Denn ich weiß es nicht mehr oder erinnere mich nur noch an die Erinnerung eines Gefühls. Hier jedoch, bei der zweiten Begegnung nach so langer Zeit, erkannte ich mich plötzlich wieder.“

Jahre, nachdem er zum ersten Mal die Erschießung der beiden Rekruten erwähnt hatte, gestand er mir, dass er mal zu einem Exekutionskommando eingeteilt worden sei. Ich war zwei- oder dreiundzwanzig, etwa so alt wie Vater, als aufhörte, Soldat zu sein.

Auf meine vorherigen Fragen, ob er Menschen getötet habe, hatte er immer ausweichend geantwortet.

„Wen hast du da erschossen?“

„Zum Tode verurteilte deutsche Soldaten.“

„Wie viele?“

„Zwei.“

„Wann?“

„Anfang des Krieges.“

„Wo?“

„Hier.“

Ich schluckte.

„Wie bitte?“

„In Wentorf.“

Mein Nacken brannte, als hätte mir jemand einen Schwall heißes Wasser in den Hemdkragen geschüttet.

„Was waren das für Leute?“

„Die waren vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden.“

„Wie alt?“

„So wie ich. Achtzehn oder neunzehn.“

„Kanntest du sie?“

„Ja.“

„Woher?“

„Wir waren derselbe Rekrutenjahrgang.“

Wollte ich es wirklich aus seinem Mund hören? Was lag mir daran? Wem nutzte das jetzt noch?

„Wofür hat man sie verurteilt?“

Er knetete seine Finger und sah an mir vorbei.

„Plünderung.“, kam es schließlich. „Auf Plünderung stand Todesstrafe.“

„Was hatten sie denn geplündert?“

Seine Augen waren nass. Er schluchzte auf.

„Äpfel.“

Zwei Silben. Wie Basstöne, die man mit dem Zwerchfell spürt. Darum also hatte er geklagt. Nicht den sinnlosen Tod der beiden Rekruten, sich selbst hatte er beweint, den Neunzehnjähriger mit pausbäckigem Kindergesicht, in dessen Wangen der Riemen des Stahlhelms rote Striemen zeichnete.

Wartend. Ein paar Schritte vor ihm an der Mauer die beiden Jungs, mit denen er ein paar Tage zuvor albernd über einen Zaun gestiegen ist. In der Sekunde, nachdem die Stimme des Offiziers bellt:

„Zum Schuss fertig...“

Abwechslung vom Kasernenfraß. ‘Esst Obst’ steht manchmal noch auf den rosa und hellgrünen Packpapiertüten, die es beim Gemüsehändler gibt. Echte Vorkriegsgraphik. Als kerniger Appell an alle aufrechten Volksgenossen.

„Legt an...“

„Was denn? Los, Mensch, sei keine Pfeife. Is’ doch nix bei. So wie die uns anlachen, betteln die drum. Das geht ruck zuck.“

„Gebt Feuer...“

Ich weiß nicht, ob die beiden mitbekamen, wer auf sie zielte. Ob ihre Augen verbunden waren oder mein Vater ihnen ins Gesicht sah, als er abdrückte. Ich fragte nicht mehr viel. Plötzlich war ich gar nicht mehr so neugierig.

Ob er wirklich habe schießen müssen, es keine Möglichkeit gab, sich zu entziehen?

Nein. Es habe es sich um das Urteil eines Kriegsgerichts gehandelt. Er wäre Soldat gewesen, kein SS-Freiwilliger. Außerdem sei seine Einteilung nicht zufällig erfolgt. Seine Vorgesetzten hätten ihm eine Lektion erteilen wollen.

Ob er denn keine Eingabe habe machen können? Er zuckte mit den Schultern. Ich solle ihm mal verraten, an wen er die hätte richten sollen.

Beim Antworten brach er manchmal unvermittelt ab. Sah angestrengt weg. In Richtung Fenster.

Später betonte er noch, dass nicht alle Patronen, die vor einer Erschießung ausgegeben würden, scharf seien. Er sprach auch davon, dass er seine Munition fortgeworfen und auf dem Dachboden der Kaserne an dem Gewehr manipuliert habe. Doch die Frage, ob er Platzpatronen abfeuerte oder danebenschoss, ist zweitrangig. Er hat auf die Rekruten gezielt. Nicht auf den befehlenden Offizier.

„Jeder Mensch biegt sich seine Geschichte zurecht. Bis er mit ihr leben kann...“

So also schmiedete die großdeutsche Wehrmacht sich ihr frisches Menschenmaterial. Mit einem Kameradenmord als Lektion in seelischer Wehrertüchtigung. Im gleichen Augenblick, in dem mein Vater auf die beiden Rekruten abdrückte, erschoss er sein kleines, ziviles Selbst, sein bisschen Würde, Anstand und Ehre. Mir begann zu dämmern, warum seine Generation, die in den Heiligen Krieg zog, um den Namen ihres Erlösers mit Blut, Feuer und Schwert vom Atlantik bis an den Ural zu tragen, vom Nordkap bis in die libysche Wüste, von Babi Yar bis Bergen Belsen, weiter marschierte, als ihre morschen Knochen längst zitterten und alles in Scherben gefallen war. Wie in dem Lied, das sie vorher immer gebrüllt hatten.

Auch mein Vater war ein ‘guter Soldat’ geworden, vergleichsweise tapfer, zäh und hoch dekoriert. Beinahe ein richtiger Kriegsheld.

Er hatte seine Lektion gelernt. Vielleicht aber doch nicht so gut, wie die meisten seiner Altersgenossen, da er sonst dem Sohn nicht von den beiden Morden berichtet hätte. Das wäre ein hübscher Schluss zu einer hässlichen Story. Nur ließe der dummerweise etwas Entscheidendes aus: Die Geschichte mit Matthias Meier.

Es war einmal ein dickes, tumbes Kind. Kräftig, vergleichsweise gutartig und nicht besonders alert. Das spielte mit Matthias Meier auf der Strasse. Meier war ein halbes Jahr älter und wohnte zwei Häuser weiter.

Langweilte sich Meier beim Spielen, ärgerte er den Dicken. Gern trat er ihn ins Gesäß, etwa während der Dicke vor einem Sandhaufen hockte und Strassen für Spielzeugautos anlegte. Oder log ihn an, er solle rasch heim kommen, es gäbe Kuchen. Der Dicke ließ sich regelmäßig übertölpeln, um danach wutentbrannt hinter Meier her zu rennen. Aber der war flinker, streckte ihm feixend die Zunge raus und lief weg.

Häufig heulte der Dicke, wenn er nach Hause kam. Doch da es kaum andere Kinder in der Strasse gab, verrauchte seine Wut rasch, er spielte wieder mit Meier und der trieb weiter seine Späßchen mit ihm. Das ging so eine ganze Zeit.

Die beiden Knaben besuchten denselben Kindergarten. Manchmal wurden sie zusammen nach Hause gebracht. Bis der Vater des Dicken sie eines Tages mit dem Auto abholte. Als sie losgefahren waren, drehte er um und sagte zu seinem Sohn:

„Jetzt kann er dir nicht weglaufen. Jetzt hast du ihn in der Falle.“

Das dicke Kind begriff nicht. Meier wurde blass.

„Na, den, der dich immer hänselt. Jetzt seid ihr allein.“

Da verstand das dicke Kind.

„Das ist doch mein Freund.“

„Wirklich? Sonst beklagst du dich immer, wie er dich triezt. Hier läuft er dir nicht weg. Jetzt kannst du ihm was verpulen. Vielleicht erinnert er sich daran und lässt dich zukünftig in Frieden.“

Matthias Meier schaltete sich ein.

„Das dürfen Sie nicht machen. Das sage ich meiner Mutter.“

„Ich mache gar nichts. Mein Sohn macht. Nicht wahr mein Junge?“

Er fuhr jetzt langsamer. Sie waren beinahe zu Hause. Der Wagen hielt.

„Vati“, bat das dicke Kind.

Der Vater drehte sich um, griff den Arm seines Jungen und zwackte ihn. Dieses Kneifen wandte er häufig in Gegenwart Dritter an, wenn sich sein Sprössling nicht so verhielt, wie er es erwartete. Damit signalisierte er ihm, dass er bei weiterem Widerspruch mit einer Tracht Prügel zu rechnen hatte.

„Na los, mach’ schon. Wehr’ dich gefälligst.“

Der Arm tat weh. Meier wurde bleich. Er zog die Hände vors Gesicht. Der dicke Junge hatte plötzlich einen trockenen Hals. Sein Vater schlug ihn häufiger. Erstaunt bemerkte er, dass Meiers Sommersprossen ganz käsig aussahen.

„Los! Auf die Nase...“

Das dicke Kind zögerte.

„Willst du wohl.“

Da schlug der dicke Junge zu. Fest, gezielt, so, wie sein Vater es ihm gezeigt hatte. Direkt auf die Nase von Matthias Meier. Die fing sofort an zu bluten. Helles, Rotoranges Blut unter einer bleichen Nase, auf der man viele graue Sommersprossen erkennen konnte.

„Noch mal.“

„Er blutet.“

„Dem wird der Spaß schon vergehen. Los, noch mal.“

Meier wehrte sich nicht, saß in die Ecke des Rücksitzes gekauert und bibberte.

„Aber er blutet.“

„Schlag gefälligst zu. Soll er sich doch verteidigen.“

Ich weiß nicht, ob ich noch mal zugeschlagen habe. Meier und ich wurden fortan nicht mehr zusammen vom Kindergarten abgeholt. Kurz darauf folgte meine Einschulung. Unsere Wege trennten sich. Von der Szene blieb bloß ein ungutes Gefühl, das unterging in dem Wust anderer unguter Gefühle, die das Vergessen meiner Kindheitsjahre begleiteten.

Als ich neunzehn war, zeigten Staat und Obrigkeit kein gesteigertes Interesse, meine schlummernden Anlagen zu kultivieren. Ich blieb ungedient. Der Zufall, ein paar Jahrzehnte später als mein Vater geboren zu sein. Mein Glück. Doch auch die Nachgeborenen bekommen ihr Fett weg.

Da saß ich nun, zwischen seinen Erschossenen und ihm. Kaute am Apfel meiner kleinen Erkenntnis. Als was? Richter oder Erbe? Ich wollte zwar wissen, wer er war und warum er so war, wie er war, aber die Art Nachlass hätte ich mir gern erspart.

Außerdem wurmte mich etwas. Ich fühlte mich betrogen und rätselte, warum. Zerbrach mir den Kopf. Über die Empfindungen, die seine sadistischen Vorgesetzten in ihm zu wecken verstanden hatten. Suchte mir die Not vorzustellen, das Gefängnis seiner Angst. Sah plötzlich wieder Meier vor mir. Zusammengekauert. Spürte das Zwacken im Arm. Schmeckte meine trockene Zunge. Dachte an meinen Gehorsam und das hellrote Blut.

Heute sage ich mir manchmal, dass der Vater den Sohn nur zwingen wollte, sich zu wehren. So wie er mir Boxen beibrachte, damit ich auf der Strasse zurechtkam. Dass es eigentlich keine Verbindung gibt zwischen den beiden Ereignissen. Außer der Angst. Und der Feigheit unseres Gehorsams.

Es gibt keinen netten Schluss zu dieser Geschichte. Jedenfalls fällt mir keiner ein. Dabei bewegt mich am Rande doch noch die Frage, in welchem Rang die Offiziere, die in Wentorf die Befehle gaben, ab 1956 in der Bundeswehr dienten, oder aus welchem Chateau an der Loire, das sie in der zweiten Hälfte 1944 ärgerlicherweise etwas überhastet verlassen mussten, ihr gediegenes Tafelsilber und der entzückende Gobelin stammt. Und was sie sonst noch so in die Nachkriegsrepublik hinüber retteten. An Techniken der Rekrutenschulung beispielsweise.

Also schiebe ich mich durch das Gedränge des Wochenmarkts in Charlottenburg, bleibe mit den Augen am Vorkriegsdesign der rosa und hellgrünen Packpapiertüten hängen, vergleiche die Preise für ‘Cox Orange’, ‘Ingrid Marie’ und ‘Boskop’, spekuliere, wie die Apfelsorten früher hießen und was ein Pfund Äpfel gekostet haben mag, damals, im Herbst 1941.

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