Im Spiegellabyrinth

Um kopfüber in Abgründe zu purzeln, muss man nicht unbedingt über exotische Höhen hangeln. Das heimatliche Flachland tut es auch. Woher Andreas und ich diesen Abend kamen, entsinne ich nicht mehr. Wahrscheinlich streunten wir bloß so durch Eppendorf, wie häufiger im Alter von fünfzehn.

Der Mann hockte in der Knauerstrasse, ein Dutzend Schritt neben dem Eingang meiner alten Schule, den Rücken gegen die Mauer gelehnt, die Beine abgespreizt vor dem Rumpf. Stöhnend versuchte er, sich aufzurichten. Als sei er verletzt. Aber er war bloß blau. Zu blau, um noch hochzukommen.

Die Nacht war mild. Wir hätten ihn liegenlassen können. In unserem Viertel war es nicht Sitte, Betrunkene auszurauben. Trotzdem packten wir ihn und zogen ihn hoch. Damit die Hunde ihn nicht anpissten.

Bevor er Tritt fasste, kämpft er eine Weile mit den Füßen. „Es geht schon, Jungs“, lallte er dann und stieß uns beiseite. Torkelnd strebte er in Richtung Fahrdamm, trat jenseits des Kantsteins ins Leere und nahm schwungvoll wieder Platz. Nun lag er mitten auf der Strasse. Andreas stöhnte genervt.

„So wird er überfahren.“

Ich beugte mich zu dem Mann runter.

„Wo wohnen Sie?“

Er versuchte den Arm zu heben, rutschte weg, fluchte und deutete hinter sich.

„Da...“

„Grandios“, flötete Andreas.

„Ihre Adresse.“

Es kostete ihn mehrere Anläufe.

„Gustav Leo...“

„Welche Nummer?“

„Sechs.“

„Ist gleich da drüben“, beruhigte ich den Freund.

„Na hoffentlich. Sonst kotzt er uns unterwegs noch voll.“

Drei Minuten später standen wir vor einem vierstöckigen Klinkerbau aus den Zwanzigern. Er wohnte rechts unten Parterre. Ich klingelte, obwohl die Tür zum Hausflur offen war. Gebell ertönte. Das eigentliche Foyer befand sich hinter einem dreistufigen Absatz. Dort waren zwei mannshohe Wandspiegel angebracht, einander gegenüber, so dass man in eine endlose Schlucht optischer Echos blickte. Als Kinder haben wir zwischen solchen Wundergläsern gefeixt und Grimassen geklont.

Wir hievten den schlaffen Körper die Stufen hoch und lehnten ihn gegen einen der Spiegel. Ich hielt ihn fest. Andreas drückte auf den Lichtschalter. Gleißende Helle durchflutete den Raum. Der Mann, der bis eben mit herab gesacktem Kinn und halb geschlossenen Augen vor sich hin gestiert hatte, hob blinzelnd den Kopf. Fettige Strähnen vollen, schwarzen Haares, das er sonst nach hinten kämmte, hingen ihm in die Stirn, bis an die Nasenwurzel. Seine Augen saßen tief und glosten. Auf der grobporigen Haut glänzte Schweiß. Er war kalkweiß. Und zehn Jahre jünger, als ich im Dunklen geschätzt hatte. Höchstens fünfzig. Er glotzte ins eigene Abbild.

Durchs Jackett spüre ich, wie er die Muskeln anspannt. Da rutscht der Stoff mir auch schon aus den Fingern. Er wankt zwei Schritte auf den Spiegel gegenüber zu. Etwas fängt die Bewegung ab. Für Bruchteile von Sekunden scheint er zu erstarren. Auf einmal zieht er die Schultern zurück und reckt das Kinn vor. Hände wandern auf die Hosennaht. Er wendet den Kopf ab. Uns zu. Hacken knallen. Sein rechter Arm fliegt in die Luft. Dann brüllt er los.

In einem Haus wie seinem legt man Wert auf Ordnung und ungestörte Nachtruhe. Hier wohnen Angestellte, die morgens mit grauen Gesichtern und knitterfreien Plastikhemden zur Arbeit schleichen. Rentner, die Kinder anfauchen oder vor Langhaarigen ausspucken. Nun salutiert ihr Parterre-Rechts sturztrunken vorm Spiegel und zerkreischt ihr Heiligstes. So laut, dass die Daunen noch einen halben Block weiter Schüttelfrost kriegen.

Anfangs kapiere ich keine Silbe, begaffe bloß fasziniert das Spektakel. Schwankend, den Arm in die Luft gereckt, als suche er dort Halt, spuckt er Wortfetzen, Satzbrocken und militärische Ränge. Erst stückweise dringt der Sinn zu mir durch.

Mein schadenfrohes Grinsen gefriert.

Ein ‘Unterscharführer Teschke’ meldet sich vom Einsatz zurück. Bei ‘Teschke’ habe ich gerade geklingelt. Wie viele es gewesen sind, bekomme ich nicht mit. Er nennt die Zahl, bevor mir dämmert, was er ansagt. Der Munitionsverbrauch ist „normal“, die Disziplin „ein-wand-frei“ gewesen. Sogar die Uhrzeit weiß er noch. „Ende der Aktion um neunzehn Uhr siebenundfuffzich...“

Mir dämmert, dass der Ort, an dem er sich befindet, östlich von Hamburg liegt. In einer anderen Gegenwart. Ungefähr drei Jahrzehnte zurück.

Ein kläffender schwarzer Pudel schießt ins Foyer, springt an Teschke hoch. Der wankt, doch seine Füße bleiben wie angenagelt. Hinter dem Köter taucht eine verhuschte Gestalt im Morgenmantel auf.

„Mein Gott, Karl-Heinz, still doch! Komm’ rein! Denk’ an die Nachbarn.“

Ihre Linke ist um den Kragen gekrallt, am Hals, oberhalb der Brust. Mit der Rechten versucht sie, ihren Mann in die Wohnung zu zerren. Unterscharführer Karl-Heinz Teschke nimmt weder sie noch den Köter zur Kenntnis, aber verstummt. Die Frau zittert. Ihre Hand wandert vor den Mund, zur Faust geballt, als wolle sie alle Fingernägel gleichzeitig kauen.

Sie wimmert: „Oh Gottogott, Karl-Heinz...“

Er rührt sich nicht. Starrt nur glasig ins Leere. Ihre Hand sackt herab. Sie sieht uns an. Aus hellen, rot geränderten Augen.

„Das stimmt nicht, was er da sagt.“

Als wir nicht antworten, besinnt sie sich. Keift: „Was habt ihr mit ihm gemacht?“

Andreas bleibt ganz kühl.

„Wir wollten ihn bloß abgeben. Vielleicht hätten wir das besser lassen sollen.“

Den letzten Satz hört sie gar nicht mehr. Jammernd klammert sie an Teschkes Arm. Ohne Rücksicht auf ihren Busen, der faltig zwischen rosa Rüschen baumelt. Der Unterscharführer ignoriert sie. Aber sein Schub ist vorüber. Er fegt sie zur Seite, strauchelt und klatscht lang hin. Auf das frisch gebohnerte, hellbraune Linoleum. Es gibt ein schmatzendes Geräusch. Heulend sackt sie in die Hocke, zerrt wimmernd an ihm rum und redet auf ihn ein.

Als die Haustür hinter uns zuschlug, tanzte der kleine schwarze Pudel noch immer zwischen den Spiegeln. Er schien sich zu amüsieren.

.