Souvenirs

Am Hamburger Stephansplatz, neben dem Dammtor-Bahnhof, nicht weit von der Sammelstelle vor dem Logenhaus, steht ein Steinquader aus dunkelgrauem Muschelkalk, etwa fünf Meter hoch, acht Meter lang und vier Meter breit. Er ist 1936 errichtet und den toten „76ern“ gewidmet. Die starben bei Langemarck, einem Flecken in Westflandern. Der war im Herbst 1914 wochenlang umkämpft und wurde zum Mythos für jugendliche Opferbereitschaft, nachdem dort Kriegsfreiwillige mit der ersten Strophe des Deutschlandlieds auf den Lippen in feindliches Feuer liefen. Das geschah am 11. November, genau vier Jahre, bevor der Waffenstillstand um elf Uhr elf das Massenschlachten des Weltkriegs vorläufig beendete.

Rings um das Steingeviert sind Soldatenkolonnen gemeißelt. Im Halbrelief, von links gesehen, so dass man ihre Ausrüstung besser erkennt. Sie tragen Gewehre mit aufgepflanzten Bajonetten. Und Stahlhelme. Das ist ungenau, zumindest wenn der Quader die Toten von Langemarck ehren soll. Denn die marschierten noch mit Pickelhaube. Stahlhelme führte das Heer erst 1916 ein. Doch bei der Abnahme des Entwurfs spielte historische Detailtreue eine untergeordnete Rolle. Man dachte voraus. Pickelhauben waren Geschichte, Stahlhelme zukunftsweisend. Wie der Satz, der stumm über den Köpfen der versteinerten Krieger tönt: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen.“

Jahrzehnte, nachdem zuletzt im nationalen Kollektiv gestorben worden war, erhitzte der graue Kubus die Gemüter. Dafür sorgten Spuren der Farbeier und Graffiti, die eine Zeitlang ständig auf dem Muschelkalk prangten. Auch mein Vater und ein Freund stritten mal darüber. Bei einem Abendessen, in Gegenwart ihrer Frauen. Da waren sie beide längst ergraut und der zweite Waffenstillstand fast doppelt so alt wie der erste kurze Scheinfriede.

Der Freund meines Vaters war im Krieg Pilot gewesen. Als Junge schenkte er mir ab und zu Plastikbausätze von Maschinen, die er geflogen war. So lernte ich die „Me 109“ kennen, die „He 111“ und die „Ju 88“. Oder erfuhr, dass man die schon damals veraltete „Ju 52“ liebevoll „Tante Ju“ genannt hatte, auch, weil sie noch in der Luft blieb, wenn bereits zwei ihrer drei Motore zerschossen waren.

Der Freund sprach von Russland. Er erinnerte sich an den Anblick deutscher Gefangener, Burschen von siebzehn und achtzehn, denen sowjetische Bewacher die Hoden weggetreten hatten. Das habe er mit eigenen Augen angesehen. Es sei ihm unerträglich, dass sich nun welche hinstellten und das Andenken dieser Toten besudelten. Wer das Leben gegeben habe im Glauben, sein Land zu verteidigen, besäße ein Recht darauf, dass man sein Andenken wahre. Ihn im Nachhinein zu verhöhnen, wie die Schmierfinken, die das Ehrenmal schändeten, sei Verrat. Der übelste Verrat, den er sich an den Toten vorstellen könne.

Wer sich hier von wem habe verraten lassen, fragte ihn da mein Vater.

„Oder haben die Russen sie vielleicht gebeten, in ihr Land einzufallen?“

„Glaubst du, die hatten irgendeine Wahl? Die taten bloß ihre Pflicht. Es war Krieg. Das müsstest du eigentlich wissen. Oder willst du jetzt leugnen, dass du selber dabei warst?“

Nichts wolle er leugnen, entgegnete mein Vater. Er frage sich lediglich, was die jungen Deutschen vorher veranstaltet hätten.

„Sagst du jetzt etwa auch, dass unsere Soldaten Mörder waren?“

„Wer hat den Spaß denn angefangen? Wer, wenn nicht wir?“

„Wäre Hitler ihm nicht zuvorgekommen, hätte Stalin uns überfallen.“

„Das gab uns das Recht, auf Frauen und Kinder zu schießen?“

„Hast du je gegen Partisanen gekämpft?“

„Das sollen alles Partisanen gewesen sein?“

„Außerdem kannst du die Schweinereien der SS nicht den Frontsoldaten in die Schuhe schieben...“

„Der Dreck war allein Sache der SS? Und die Wehrmacht blieb sauber?“

„Als ob wir nicht beide wüssten, wie die Rote Armee im Osten gehaust hat!“

„Das war nicht annähernd so übel wie das, was wir uns bei ihnen geleistet haben. Hätten die das uns in gleicher Münze heimgezahlt, sähe Deutschland heute anders aus...“

Die Frauen unterbrachen das Wortgefecht. Man schied im Streit.

Als mein Vater mir davon berichtete, war er ganz verzagt. Er wisse nicht mehr, wie er mit dem Freund reden solle. Ihn trennten Welten.

Dann sprach er über die Toten.

„Was soll ehrenvoll daran sein, in einem fremden Land zu verbluten? Die Frage ist immer, wofür man blutet. Mag sein, dass die sich persönlich im Recht wähnten. Na und? Tatsächlich haben sie sich missbrauchen lassen, um Europa zu terrorisieren und unterwegs alles kaputt geschlagen, was je für Ehre stand. Wenn wir das nicht begreifen, er und ich, wer dann? Heute darüber zu sprechen, als sei ihr Tod etwas Heiliges, ist pervers. Selbst wenn du dem Einzelnen irregeleitete Ideale unterstellst, wird es dadurch um nichts besser. Du kannst den Toten keine Würde andichten, bloß weil du dich schuldig fühlst, selber noch zu leben. Das ist der beschissene Witz.“

Die Tochter des Freundes fragte mich einige Wochen später: „Sag mal, sind unsere Eltern noch zu retten? Die sind seit vierzig Jahren befreundet. Zählt das nicht mehr?“

Der Freundschaft sollte man treu sein, denke ich. Nicht der Kumpanei. Aber manchmal muss man auch den Feind im Freund ertragen. Ohne in den Abgrund zu fallen.

Überhaupt, das Fallen. Unsere Sprache treibt da einen seltsamen Keil zwischen die Geschlechter. Vielleicht sollten Menschen zur Abwechslung mal das Aufstehen üben. Gemeinsam.

Wenn einer neben ihm umkam, sagte mir mein Vater, mischte sich in das Grauen, die Wut und den Schmerz auch immer ein Funken Erleichterung. Die Dankbarkeit, dass es den anderen getroffen hatte. In der Lotterie des Sterbens verbesserte jeder Tote die eigenen Chancen aufs Weiterleben. Irgendwann wäre das Morden vorbei. Je länger man durchhielt, je mehr vor einem auf der Strecke blieben, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, selber dem Fleischwolf zu entkommen.

Die wenigsten, die es überstehen, sind so vermessen sich einzubilden, sie verdankten ihr Entrinnen persönlicher Pfiffigkeit. Wer hinterher noch atmen darf, weiß, dass er es denen schuldet, die neben ihm gestorben sind.

Die haben den Blutzoll entrichtet. Sagt man. Tatsächlich geht es um Scham. Den Ekel, den einer vor der triumphierenden Feigheit in seinem Inneren später empfindet. Die er abstreiten will und trotzdem erinnert. So intensiv wie den Geruch des Erdreichs, in das er sich krallt, wenn zum ersten Mal Leuchtspurmunition durch die Grashalme streicht und der Sand um ihn herum zwischen Granatsplittern tanzt.

Der Toten Ehre als Schild. Vor dem, was aufbricht, sobald man sich der Einsicht stellt, dass alle Leiden und Opfer sinnlos gewesen sind.

Achteinhalb Jahre nach der Enthüllung des „76er Ehrenmals“ bekamen meine Großeltern Post. Am 28. Dezember 1944. Von Oberfeldwebel A. Taprogge, aus der Ortsunterkunft, datiert auf den 10. Dezember.

Ich habe die bittere Pflicht, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Sohn ... seit dem 1.11. 1944 vermisst ist.

An diesem Tag war die Kompanie bei Vacqueville, ostwärts Baccarat (Meurthe et Moselle) in schwere Kämpfe verwickelt, nach deren Verlauf über den Verbleib Ihres Sohnes nichts mehr bekannt wurde. Es bleibt nur zu hoffen und zu wünschen, dass Ihr Sohn, falls er in Gefangenschaft geraten sein sollte, selbst von sich hören lässt. In diesem Falle würde ich Sie bitten, die Kompanie davon in Kenntnis zu setzen.

Ich spreche Ihnen zugleich im Namen aller Kompanieangehörigen zu diesem tragischen Geschick Ihres Sohnes meine wärmste Anteilnahme aus. Eberhard war durch sein Pflichtbewusstsein, seine stete Einsatzbereitschaft, seinen Kameradschaftsgeist und seine fürsorgliche Bescheidenheit bei Vorgesetzten und Kameraden gleich beliebt.

Ich grüsse Sie in aufrichtigem Mitgefühl!

Taprogge, Hauptfeldwebel.

Kein ‘Heil Hitler’ oder ‘Mit deutschem Gruß’.

Nachdem ich den Brief zum ersten Mal gelesen hatte, fragte ich meinen Vater, ob es Taprogge noch gebe. Nein, meinte er. Der sei „auf den letzten Drücker gefallen“.

Wie Henner, der Mann, dem ich meinen zweiten Vornamen verdanke.

Henner war mit der Schwester meines Vaters verheiratet, ein paar Jahre älter als Eberhard, und hatte Jura studiert. Mein Vater schilderte ihn als feinsinnigen Menschen, musisch, kultiviert, voll Ironie und leisem Humor. Einer von denen, über die er sagte, dass man es ihnen schon von weitem ansah.

„Was sah man ihnen an?“

„Dass sie nicht alt werden.“

„Wieso?“

„Na, es gab so Typen...“

Er zuckte mit dem Mund.

„Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll...“

„War er zu blöd?“

„Nein. Im Gegenteil. Er hatte bloß keinen Instinkt für den Krieg. Wer überleben wollte, durfte nicht zuviel Rücksicht auf andere nehmen. Henner war zu anständig. Solche Leute wurden nicht alt.“

Als Henner Assessor geworden war, sollte er nach Polen zum ‘Sondergericht’. Die allermeisten seiner Kollegen, die damals an solchen Sondergerichten wirkten und in den besetzten Gebieten Todesurteile fällten, kamen körperlich heil durch den Krieg. Viele avancierten hinterher in der bundesrepublikanischen Justiz.

Henner weigerte sich. Dafür schickte man ihn ins Strafbataillon, zu den ‘999ern’. Trotz der Prognose meines Vaters überlebte er. Fast bis zum Ende. In den letzten Apriltagen 1945, kurz vor der Kapitulation, als seine Einheit nach Norden verlegt wurde, auf einem Bahnhof in der süddeutschen Provinz, beschossen Tiefflieger seinen Truppentransport.

Meine Tante berichtete, wie sie Anfang der sechziger Jahre mit ihrem Sohn, der zum Zeitpunkt von Henners Tod keine zwei war, in jene Kleinstadt fuhr, um dem Jungen zu zeigen, wo sein Vater begraben lag.

Sie benutze ihr erstes Auto, einen Fiat Fünfhundert. Als sie den Ort erreichten, blieb der Wagen plötzlich unter einer Eisenbahnbrücke stehen. Aus dem Motor schlugen Flammen. Die Brücke befand sich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Es war dieselbe Brücke, auf der fünfzehn Jahre zuvor der Zug gehalten hatte, in dem ihr Mann starb.

Stimmt die Geschichte mit dem Sondergericht, ist Henner der einzige männliche Held in der Familie. Sein Bruder sagte mir zwar, es sei anders gewesen. Mein Vater habe da geschönt. Mag sein. Trotzdem. Es gibt Helden, die man sich ausdenken muss.

Eines der Souvenirs aus dem Krieg, das mein Vater aufbewahrt und in sein Fotoalbum geklebt hat, ist die Rotkreuz-Mitteilung einer Bekannten, die damals in der französischen Besatzungszone als Übersetzerin arbeitete. Seine Familie lebte im englisch besetzten Norden. Dorthin konnte er aus der französischen Gefangenschaft nicht schreiben. Erst durch diese Frau erfuhren meine Großeltern im Herbst 1945, dass ihr Sohn noch lebte.

Es ist eine Postkarte. Im dreisprachigen Vordruck steht, dass die Nachricht nicht mehr als fünfundzwanzig Worte umfassen darf:

Brief erhalten - sehr gefreut - inzwischen viel erlebt - dolmetsche jetzt hier - Haus steht - Peter noch gefallen - irgendwann wird es einen Sinn geben - schreib mal - herzlich - G.

Den Satz, dass es irgendwann einen Sinn geben wird, ist hübsch. Verstanden habe ich ihn nie.

Auf den letzten Seiten des Albums, das er über den Krieg gerettet hat, sind eine ganze Reihe kleiner Schwarzweißaufnahmen von Soldatengräbern. Schmucklose Holzkreuze, gelegentlich ein Helm darüber gestülpt. Daneben steht der Name, ein Ort und das Datum. Vermutlich, zu ihn daran zu erinnern, dass sie nicht alle bloß so zurück gelassen haben. Als Krähenfraß.

Lose beiliegend gibt es zwei vergilbte Lichtbilder mit dem Portrait eines blonden, jungen Mannes von Anfang zwanzig. Der hieß Ernst Stocks und war sein bester Freund. Mein Vater sprach oft über ihn. Noch Jahrzehnte später. Ernst Stocks erwischte es auch auf den „letzten Drücker“. Er starb an Typhus. In der englischen Gefangenschaft. Aus dem Abiturjahrgang meines Vaters hat weniger als die Hälfte den 8. Mai 1945 erlebt.

Letztens las ich, dass die Bundeswehrführung erwägt, am Brandenburger Tor öffentlich Rekruten zu vereidigen. Ich dachte an den schwarzgrauen Klotz neben dem Dammtor-Bahnhof, auf dem längst keine Farbkleckse mehr schimmern, die Ratlosigkeit meines Vaters nach dem Streit mit dem Freund, und an die Schwarzweißfotos von den kleinen Holzkreuzen. Nächstes Mal sind die Abzüge gewiss größer. Und in Farbe.

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