Catania Kinetik
Ein Sommermorgen in Catania, auf der Via Vittorio Emanuele II: Blechlawinen wälzen sich über den kochenden Teer, wie Lavazungen über die Hänge des nahen Etna. Inmitten der Abgasschwaden schieben, stoßen, drängeln Kleinwagen, Limousinen, Dreiräder und Laster. Nutzen jeden Quadratzentimeter Platz. Unablässig hupend. Ohne Rücksicht auf Rotlichter oder Vorfahrtsregeln. Zeigen lädierte Kotflügel und Rückleuchten. Als Ziernarben der brüllenden Enge. Dazwischen irren Fußgänger, rollt der eine oder andere Handkarren. Und jaulen die allgegenwärtigen Vespas. Schlängeln sich mit halsbrecherischen Volten durch das mobile Labyrinth.
Sizilien bezaubert. Fast jeden, der seine fünf Sinne beisammen hat. Doch dort ein Auto zu bewegen, weckt gemischte Gefühle. Abgesehen davon, daß es auf der ganzen Insel vermutlich nicht halb so viele Ampeln gibt wie in einer durchschnittlichen deutschen Kleinstadt, handhabt man Verkehrsregeln hier eher lax. Nach Gusto. Oder Intuition. Jedenfalls ohne Verbissenheit. Die Gurtpflicht etwa erstreckt sich zwischen Syrakus und Palermo nur auf Ausländer. Einheimische fahren grundsätzlich ohne. Auch ohne Helm. Die ‘Vespen’ bieten weitere Varianten kinetischer Kicks: Sie treten meist in Schwärmen auf, kennen weder Einbahnstraßen noch Bürgersteige, bewegen sich nachts gern ohne Licht. Zudem sind sie latent anglophil, zögern nie, auch links präsent zu sein.
Auf den ersten Blick wirkt Sizilien wie die Hölle des automobilen Wahns, ein Vorspiel zur entsprechenden Vesper: anarchisch und blutrünstig. Ein Dorado für Unfallärzte und Beerdigungsunternehmer. Doch der Eindruck trügt. Das, was dem Mitteleuropäer da den Atem verschlägt, ihm die Ohren betäubt und seinen Adrenalinpegel in luftige Höhen treibt, hat Stil. Und Kultur. Denn die meisten Sizilianer können fahren. Sogar ziemlich gut. Überraschend umsichtig, rücksichtsvoll und zivil.
Statistisch gesehen lebt man auf der Via Vittorio Emanuele länger als auf einer verträumten Allee im Brandenburgischen. Auch wenn die wenigsten Fahrzeuge mit der passiven Bewaffnung aufwarten können, die Automobilisten anderswo in Sicherheit wiegen. ABS, Airbag und Seitenaufprallschutz interessieren hier keinen. Man fährt geruhsam. PS-Protze sind selten, die meisten Wagen eher klein, um in den vielen engen Gassen nicht stecken zu bleiben. Hauptsache, die Bremsen funktionieren. Einigermaßen. Und die Hupe, die man laut Straßenverkehrsordnung in riskanten Situationen betätigen soll. Reaktion zählt. Wendigkeit. Phantasie. Und Fairneß. Bei dichtem Verkehr halten auch mal die, die eigentlich Vorfahrt haben. Bedenken den, der sich völlig regelwidrig vor ihnen einfädelt, nicht mit erbosten Flüchen, sondern Gleichmut. Oder Grinsen. Wer stoppt und wer Gas gibt, entscheidet ein Blick. Oder ein kurzes Nicken. Die anderen Fahrer sind keine Feinde, sondern Mitspieler. Alle wollen irgendwie ans Ziel. Und das geht nur gemeinsam. Also arrangiert man sich. Wer das begriffen hat, den wundert nicht mehr, wie ein altes Mütterchen bei dichtem Verkehr seelenruhig über den Fahrdamm humpeln kann. Oder warum auch auf der Hauptstraße niemand rast. Falls es mal kracht - was vorkommt - nimmt man Kratzer und Beulen in Kauf. Autos sind Transportmittel, keine Identitätsspender oder Ersatzgötter. Keine Mordinstrumente für die tägliche Schlacht auf dem Asphalt, wo Recht des Stärkeren gilt. Und man die Sau ‘rausläßt, sobald man darf.
Doch das ist ein anderes, eher deutsches Thema. Gehört zu einer Gesellschaft, die sich wie keine zweite in Europa rühmt, Schußwaffen zu kontrollieren und ihre Bürger statt dessen auf die Straße schickt. Ohne Tempolimit. Unter Alkohol. In Sizilien hat man derlei nicht nötig. Zumindest Im Straßenverkehr. Da herrscht Augenmaß und Witz. Das Gegenteil von Paragraphengläubigkeit eben.
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