Timor-Notizen

Im Flugzeug von Darwin nach Kupang treffe ich einen Japaner. Er ist um die zwanzig, sitzt in der letzten Reihe und dreht eine Zigarette. Seine Haarspitzen sind orange, die Unterlippe ziert ein Ring. Er spielt Schach, hat ein Jahr in Australien gejobbt und ist auf dem Heimweg. Über Land durch Asien. Indonesien ist ihm ebenso neu wie mir.

Kupang, die größte Stadt Timors und des Archipels Nusa Tenggara, liegt 483 Kilometer von der australischen Nordküste entfernt. Seit 1986 gehen wöchentlich zwei Flüge nach Darwin. Dies Jahr soll eine Fährverbindung eingerichtet werden. Wir landen auf einer holprigen Betonpiste zwischen langstieligem Gras und hohen Palmen. Daneben stehen ein paar flache Gebäude mit verrosteten Wellblechdächern. Es ist über dreißig Grad, schwül und wimmelt von Uniformen. Susanne und ich werden willkürlich aus der Herde der Wartenden zur Paßkontrolle gerufen und bekommen ein Sechzig-Tage-Visum. Beim Umtauschen gibt es für 100 Mark 148.000 Rupien. Gemeinsam mit Atsushi, dem Jungen aus Kyoto, latschen wir zur Hauptstraße. Dort verkehren Sammeltaxis in die zwölf Kilometer entfernte Stadt. „Bemos“ sind eng, aber billig.

Die schrill lackierten Kleinbusse, kaum länger als vier Meter, fassen bis zu achtzehn Menschen. Trotz unseres Gepäcks lächeln die anderen Fahrgäste uns zu, rücken und machen Platz. Aus der Seitentür hängt ein Knabe, der Fahrgeld kassiert und brüllend Passanten zum Einsteigen animiert, während die Hand des Chauffeurs auf der Hupe klebt und aus vier Lautspecherboxen ohrenbetäubender Pop plärrt. Kupangs Bemos sind rollende Discotheken. Nach Dämmerung kurven sie mit wummernden Bässen und greller Lightshow durch die Stadt, um die Nummernschilder Neonstreifen, in den Kotflügeln türkise, pinke oder giftgrüne Spots, behängt mit zahllosen Lichterketten, die im Takt der Musik hungrig aufflackern. Längs der Straße stehen einstöckige, grasgedeckte Holz- und Bambushütten, gelbgrau, zwischen Palmen und Bananenstauden. Der Weg ist voller Menschen. Die allermeisten sind jung und zu Fuß. Es gibt kaum Fahrzeuge, außer ein paar Mopeds nur Bemos, Laster oder mal einen Bus. Zum Stadtkern hin sieht man mehrstöckige Gebäude. Viele sind aus rohen Zementziegeln oder Gußbeton. Wenige wirken älter als zehn oder fünfzehn Jahre. Aus halbfertigen Dächern ragen rostige Stahlruten. Im Zentrum stauen sich Sammeltaxen.

Für die meisten Reisenden ist Timor nur Durchgangstation. Die Insel bietet keine spektakulären Naturwunder. Außerhalb Kupangs ist sie touristisch kaum erschlossen. Fahrten in engen, alten Bussen auf schlaglöcherübersäten Bergstraßen kosten viel Zeit und strengen an. Fremde fliegen gleich weiter oder warten in Kupang, bis die Fähre oder ein Pelni-Schiff nach Westen geht. Das hätten wir vermutlich auch getan, wären wir nicht Willy begegnet.

Willy heißt eigentlich Wilhelmus und ist einer der Handvoll offiziellen Fremdenführer in Nusa Tenggara. Er ist Mitte zwanzig, klein, sehnig, zäh und könnte ebensogut als Nordafrikaner durchgehen. Willy schlägt uns Dreien vor, mit ihm eine Woche durch den Westen der Insel zu reisen. Dafür sollen wir ihm zwanzig US-Dollar pro Tag zahlen, zuzüglich Kost, Logis und Transport. Das Angebot lockt. Unter ortskundiger Obhut können wir uns in Regionen trauen, wohin sich selten andere Touristen verirren. Abends, in „Teddy´s Bar“, legen wir die Route fest. Wir wollen quer über die Insel an die Nordküste in die osttimoresische Exklave Oecussi. Zwischen Soe und Kefamenau will uns Willy ein Bergdorf zeigen, Boti, wo die Leute noch wie „in alten Tagen“ leben, mit eigenem Kalender, Ahnenkult und Göttern. Er grinst: „Das ist eine andere Welt...“ Doch für uns ist alles fremd. Selbst das „Avalon“, die Absteige für Rucksackreisende, wo viele „local guides“ verkehren und wir Willy kennenlernen.

Im Avalon kostet die Übernachtung mit Frühstück umgerechnet etwas über drei Mark. Unser Raum ist düsteres, erdrückend heißes Loch mit Doppelstockbetten und laut ratterndem Deckenventilator. Bevor wir unser Gepäck parken, sprüht der Chef Insektizid. Das einzige Bad wirkt viel benutzt. Neben dem Klosett befindet sich das „Mandi“, ein bauchnabelhohes Bassin, aus dem man sich mit einer Handkelle Wasser schöpft. Es ist spät. Wir bleiben. Unsere Unterkunft liegt knapp hundert Schritte von der Uferpromenade, wo sich Wasser- und Zigarettenhändler tummeln und alte Frauen hinter Jutesäcken hocken, auf denen sie grüne Betelnüsse ausbreitet haben. Nach der Abenddämmerung drängeln sich hier die Flaneure.

In Kupang leben etwa 200.000 Menschen. Vor etwas über zehn Jahren waren es knapp halb so viele. Die Provinzhauptstadt besitzt ein Krankenhaus, vier Universitäten, ein Telephonnetz und seit 1971 Straßenbeleuchtung. Strom und Wasser fallen nur noch selten aus. Für ostindonesische Verhältnisse ist der Ort eine boomende, ethnisch bunte Metropole. Man trifft auf  Melanesen, Leute aus Roti und Flores, Javaner, Araber, Eurasier und Chinesen.

Timor heißt auf indonesisch „Nusa Cendana“, die Sandelholzinsel. Ein zentraler Gebirgsrücken mit Gipfeln bis zu 2.500 Metern Höhe zieht sich über die 500 Kilometer lange Landmasse, unterbrochen von steppenartigen Hochebenen, die gute Weidegründe für Rinder bieten. Die größte der Kleinen Sunda-Inseln hatte Ende der achtziger Jahre etwa 1,2 Millionen Einwohner. 500.000 lebten in Osttimor. Neunzig Prozent der Timoresen sind Christen. Im Westen überwiegen Protestanten. Den portugiesisch geprägten Osten dominieren Katholiken. Daneben gibt es Muslime, balinesische Hindus, Buddhisten und Anhänger animistischer Religionen. Zur Kolonialzeit war Timor zwischen den Niederlanden und Portugal aufgeteilt. Nach dem Unabhängigkeitskrieg fiel der Westteil 1949 an die Republik Indonesien. Der Osten der Insel blieb bis 1975 portugiesisch.

Mit Ende seiner Diktatur entledigte sich Portugal sämtlicher Kolonien. Sieger der ersten freien Wahlen in „Timor Timur“ war die „Fretilin“, die „revolutionäre Front für ein unabhängiges Osttimor“. Anfang Dezember 1975 überfielen indonesische Truppen den eben gegründeten Staat. Der Einmarsch löste einen Guerillakrieg aus und kostete Hunderttausende das Leben. Im Juli 1976 annektierte Indonesien „Tim Tim“. Doch erst Ende der achtziger Jahre erklärte das Regime in Jakarta die Region für „befriedet“ und gestattete Ausländern, sie wieder zu bereisen. Timor gehört zum ärmeren Teil Indonesiens. Das Durchschnittseinkommen ist niedriger als anderswo, die Infrastruktur schlechter, der Analphabetismus höher.

Am Morgen nach unserer Ankunft spazieren wir zum Fischmarkt. Hinter der Strandpromenade, die ein modernes, blendend weißes Hotel mit riesiger Terrasse direkt am Wasser abschließt, beginnen die Wohnviertel der einfachen Leute. Wir bewegen uns auf Trampelpfaden zwischen Holz- und Papphütten. Es gibt ein paar Bambushäuser, aber nichts aus festerem Material. Hühner und kleine, längschnäuzige Schweine wühlen in Abfallbergen. Darüber sirren Fliegen. Verdreckte Kinder heften sich an unsere Fersen, krähen „Hello Mista“ und „Where you from“. Am öffentlichen Bassin, einem etwa vier mal sechs Meter großen Becken mit offener Wasserleitung, wird gebadet, sich gewaschen, schöpfen Frauen Wasser oder sitzen auf den Knien und walken Kleider und Bettzeug. Hinter den aus Kistenbrettern und Dosenblech zusammengezimmerten Verkaufsbuden mit Plastikhausrat, Konservenbüchsen und Reis befindet sich der eigentliche Markt. Die frische Ware ist verkauft. An den Ständen liegt nur noch Stockfisch. Der Gestank ist betäubend. Dabei wirkt der Strand ganz malerisch. Zumindest aus der Distanz. Die schmalen, bunt bemalten Langboote am Ufer, neben denen Fischer im Sand sitzen und ihre Netze flicken oder die Muschelsucher auf den von der Ebbe freigelegten Korallenbänken im Gegenlicht passen gut in eine geruchsfreie, exotische Postkartenidylle. Aber hier gibt es keinen aseptischen Hochglanz. Die Exoten sind wir. Geschöpfe von einem anderen Stern. Satte, tumbe Voyeure bei einem Ausflug in die Normalität der Mehrheit.

Ich kenne ähnliche Bilder, Szenen, Gerüche aus Afrika. Selbst die Englischfetzen der Kids klingen vertraut. Armut hat überall die gleiche Farbe: Grau. Gewiß, hier werden die meisten satt. Die Kinder lachen freier als anderswo. Ihre Bäuche sind flach. Sie brauchen ihre leeren Mägen nicht mit Pfützenwasser taub zu saufen. Keines der Kleinen hat eines der grauenhaften Greisengesichter, die ich aus dem Sudan kenne. Nur ein einziges Mal, später, unterwegs im Bus, sehe ich einen Jungen mit großen, alten, entsetzlich ernsten Hungeraugen, der uns lange mustert.

In „Lasiana Beach“, wo Städter aus Kupang sonntags picknicken, stellen Familien hundert Meter vom Strand entfernt Rohzucker her. Zahllose Blechdosen hängen in Bauchnabelhöhe an den Stämmen von Lontarpalmen. Ihr Saft wird gesammelt, in Pfannen über Erdöfen zum Sud ausgekocht und in runde, handtellergroße Flachbarren gegossen. Drei Generationen leben und arbeiten in den verrauchten, halboffenen Bambushütten. Es ist heißer als in der prallen Sonne. Die Kinder gehen nackt, die Erwachsenen in Lumpen. Keiner besitzt Schuhe. Wer über zwanzig ist, hat Zahnlücken. Wer über vierzig ist, verbraucht. Alle sind freundlich und lachen uns an. Als mich ein Mann mit Gesten zum Photographieren einlädt, fliehe ich unter dem Vorwand, mir sei zu warm. 

Nachmittags treffen wir Willy und brechen nach Soe auf. Der Ort liegt 110 Kilometer nordöstlich von Kupang. Der überfüllte Bus braucht dreieinhalb Stunden, bis er in dem kühlen, knapp 1000 Meter hoch gelegenen Bergort ankommt. Wir übernachten im „Losmen Anda“. Außerhalb Kupangs gibt es kaum Hotels, nur Herbergen für Beamte und Kaufleute. Sonst reisen wenige. Unser Gastgeber, ein Patriarch von Ende siebzig im knöchellangen Rock, empfängt uns auf Englisch. Beim Begrüßungstee brilliert er mit Deutsch und Japanisch. Nach dem Unabhängigkeitskrieg war er einer der ersten indonesischen Studenten, die in die Niederlande gingen. Auf Ressentiments sei er dort nicht gestoßen. Der Krieg sei eine Sache des Militärs und der kolonialen Eliten gewesen. Ich frage nach der Zeit der japanischen Besatzung. Der Alte zuckt die Achseln. Atsushi ist sein Gast. Statt einer Antwort greift er zur Gitarre und singt die „Lorelei“. Seine Stimme ist brüchig. Das Holländische schimmert durch, aber er trifft die Noten. Ich versuche mir einen Deutschen vorzustellen, einen seines Alters, in vergleichbarer Situation. Meine Phantasie versagt.

Später spricht er von den Errungenschaften der indonesischen Unabhängigkeit. In dem 200 Millionen Land leben rund 440 Ethnien mit unterschiedlichen Sprachen und Religionen. Allein in Timor gibt es über 30 verschiedene Dialekte. Durch das Indonesische seien alle Menschen verknüpft. „Bahasa Indonesia“, die aus dem Malay abgeleitetete Kunstsprache, sei das „nationale Esperanto“. 1950 konnten ganze sechs Prozent der damals neunzig Millionen Bewohner lesen und schreiben. Es gab keine einzige Universität. Heute stehe in jeder der 27 Provinzen mindestens eine. Die Wangen des alten Mannes glühen vor Stolz.

Im protestantischen Soe sieht man relativ viele Moscheen. Scharen von Mädchen in Schador sind uns aufgefallen. Wir fragen nach dem Verhältnis zwischen den Religionen. Das sei gut, versichert er uns. Die einzigen, die Ärger machten, seien „katholische Fundamentalisten“. Sie verübten Anschläge auf  Moslems und Protestanten. Willy ist Katholik. Er erläutert, daß unser Gastgeber die Osttimoresen meint. Der Alte nickt. Er sieht die Annektion der anderen Inselhälfte als Befreiung und vergleicht sie mit der deutschen Einheit. Willy schweigt. Wir bohren nicht nach.

Am Abend zuvor haben wir über das Massaker von Dili gesprochen. Das liegt knapp fünf Jahre zurück. Am 12. November 1991 gaben in der größten Stadt Osttimors etwa 2000 Menschen Sebastio Gomes das letzte Geleit. Der Oppositionelle war von Sicherheitskräften ermordet worden. Militär zog auf, umstellte den Friedhof von Santa Cruz und eröffnete ohne Vorwarnung das Feuer auf die Trauergäste. Nach offiziellen Angaben starben neunzehn Menschen. Unabhängige Quellen zählten 270 Tote. In den folgenden Tagen durchkämmten Polizisten die Spitäler nach Verletzten. Verwundete, die sie mitnahmen, tauchten nie wieder auf.

Indonesien ist eine Diktatur. Seit 1965 herrscht General Suharto. Im Zuge seines Machtantritts, nach einem angeblich von Links gesteuerten Putschversuch, wurden etwa eine halbe Million „Kommunisten“, darunter viele Angehörige der chinesischen Minderheit, gelyncht und Hunderttausende eingesperrt. Bis heute lebt der bekannteste Schriftsteller des Landes, Pramoedya Ananta Toer, unter Polizeiüberwachung. Einem Touristen jedoch stoßen höchstens die allgegenwärtigen Heldenportraits des alternden Staatschefs auf, die Fülle von Uniformen und die vielen Straßensperren. Oder das Phänomen, daß jemand wie Willy nie explizit die Obrigkeit kritisiert.

Am folgenden Tag wollen wir zu einem nahen Wasserfall. Der Bemo-Stop von Soe liegt am Marktplatz, einem Karree flacher Buden, wo fliegende Händler vor den Ständen des Basars süßes Brot, Wasser, Zigaretten und Betelnüsse anbieten. Die meisten Frauen und viele der Männer tragen hier bereits „Ikats“, sarongartigen Beintücher, die bis über die Knie reichen. Am den Hüften hängt oft eine Art Handtäschchen, das „Aolmamat“, in dem man Betel, Kalk und „Sirik“-Blätter trägt. Fast alle Älteren haben grellrote Lippen vom Betelkauen. Der Saft erzeugt einen milden Rausch, betäubt den Magen und entspannt die Muskeln.

Wir geraten in einen Menschenauflauf. Am Boden hockt ein Mann. In der Linken hält er ein Mikrophon, die Rechte ist auf den Bauch gepreßt. Er kreischt, brüllt, fällt auf den Rücken und windet sich. Das Gesicht ist schmerzverzerrt. Mit zitternder Hand greift er ein Pillenfläschchen, führt ein rotes Dragee zum Mund, schluckt. Seine Augen sind angstgeweitet. Ein Moment der Stille. Dann entspannen sich seine Züge. Er lächelt erlöst. Ein Raunen geht durch die Menge. Der Mann springt er auf, stammelt selig, streckt die Pillen beschwörend in die Höhe. Er verkauft ein Wundermittel gegen Blinddarmentzündung.

Ein schnurrbärtiger Mann um die vierzig spricht mich an. Er hat sich sein Englisch selber beigebracht. Jetzt glänzt er damit vor den Umstehenden. Er ist Lehrer, Protestant, Vater von fünf Kindern und unterrichtet in einer Grundschule. Mehrere Klassen gleichzeitig, Jungen und Mädchen gemischt. Wir tauschen Zigaretten. Er raucht „Gudang Garam“, eine Sorte mit Nelkenaroma, schwer, süß und fest gestopft. Es dauert eine Viertelstunde, bis ich beim Filter anlange. Später, als wir uns schon verabschiedet haben und bereits im Bemo sitzen, tritt er ans Fahrzeug, fragt, ob er mitkommen „dürfe“. „Wenn Sie wollen“, sage ich, lege aus Höflichkeit „warum nicht“ nach. Er zögert. „Also hängt es von mir ab?“ „Gewiß doch.“ Er nickt, begreift, daß ich mich nicht darum reiße, ihn einzuladen, macht einen Schritt zurück, lächelt betreten. Mir ist flau. Später erfahre ich, daß Lehrer monatlich etwa 200.000 Rupien verdienen, also zwischen 130 und 140 Mark. Zusätzlich bekommen sie ein Deputat Reis. Sie gehören zu den Reichen. 

Die Berglandschaft um Soe wirkt fruchtbar. Es gibt ein paar vereinzelte Lontarpalmen, Schirmakazien und Eukalyptus. Timor ist eine der kargeren Inseln des malayischen Archipels. Außerhalb der Regenzeit zwischen November und Februar ist es ziemlich trocken. Unterwegs sehen wir die traditionellen, bienenkorbförmigen Hütten, deren Stroh- und Grasdächer bis auf den Boden reichen. Willy erzählt, daß ihre Bewohner wegen des fehlenden Rauchabzugs oft lungenkrank sind. Am oberen Ende des Wasserfalls sitzt eine Großmutter mit zwei Enkelinnen. Sie verkauft Obst. Ein paar armselige, grünbraune Orangen sind eingerahmt von kleinen Pyramiden mit Guave-Früchten. Wir hocken uns zu ihr hin, probieren. Ein Häufchen Guave kostet hundert Rupien. Die Mädchen schauen zu und kichern. Die Kleinere ist acht oder neun, die Größere ein oder zwei Jahre älter. Sie haben große Kirschenaugen. Die der älteren sind fiebrig. Sie hat einen tief sitzenden, polternden Katarrh. Jeder Hustenkrampf peitscht ihr den Lockenzopf um den Nacken. Wir haben Süßigkeiten für die Mädchen hervorgekramt. Die zögern schüchtern. Die Alte lächelt ermutigend. Ihr Gesicht ist runzelig und das dunkle Haar voller weißer Strähnen. Sie ist barfuß, ihr Hemd zerrissen und der Ikat fadenscheinig, aber ihre Augen strahlen. Wach, klar und stolz. Wie sie so hockt, die Unterschenkel parallel unter den Leib geschlagen, mit schmalen, feingliedrigen Händen die Früchte ordnet, einem der Kinder eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, besitzt sie mehr Wärme, Würde und Grazie, als die meisten in der Welt, aus der ich komme.  

Im Bus nach Boti sitzen Bauern in Röcken. Einige Männer haben lange Haare, die sie auf dem Hinterkopf mit einem bunten Tuch zum Knoten hochgebunden haben. Sie tragen Silberarmbänder. Die Unterarme der Älteren sind nach Clanszugehörigkeit tätowiert. Am Abend treffen wir nach einem Marsch von über drei Stunden an den Pforten des Dorfes ein. Ein Trampelpfad hat uns durch die grüne Hügellandschaft voller Bananenstauden, Palmen, Bambus, Eukalytus und riesigen Büschen mit Christsternen geführt. Lehmige Hänge hinab bis in ein ausgetrocknetes, steiniges Flußbett, dem wir ein paar Kilometer weit folgen. Im Mondlicht beginnen wir den Aufstieg. Zwanzig Minuten später sind wir an der Quelle zu Füßen des Orts, waschen uns den Schweiß ab und wechseln in langärmelige Sachen. Die Kinder, sagt Willy, hätten Angst vor weißer Haut. Dann macht er uns mit der Art des Händeschüttelns in Boti vertraut. Dabei wird die Linke auf den Unterarm der Rechten gelegt. Doch nur, wenn man Gleichrangigen begegnet. Trifft man auf eine Respektsperson, berührt die Linke das rechte Handgelenk.

Bis vor wenigen Jahren haben die Leute in dieser Gegend noch extrem isoliert gelebt. Sie sind Selbstversorger, Viehzüchter und Bauern, die wenigsten von ihnen sprechen Indonesisch oder können Lesen und Schreiben. Bis heute rechnen sie in Monden von Regenzeit zu Regenzeit. Ihre Woche hat neun Tage. Der neunte Tag ist heilig, den Ahnen gewidmet. Sie sind Animisten.

Zwei Gestalten tauchen aus dem Dunkel auf. Willy begrüßt sie im lokalen Dialekt. Sie tragen einen „Parang“, eine Kreuzung aus Machete und Sichel. Mit Rufen, die fast wie Jodeln klingen, kündigen sie uns den anderen an. Das Dorf ist von einem mannshohen Palisadenzaun umgeben. In der Einfriedung stehen runde und rechteckige Bambushütten. Auf der Veranda des Versammlungshauses plaudert ein Dutzend Männer. Alle außer zweien haben lange Haare. Die meisten kauen Betel. Dann erscheint der „König“, ein kleiner, magerer Mann undefinierbaren Alters, der würdevoll unsere Ehrerbietung entgegennimmt. Wir sitzen ein paar Minuten verkrampft herum, bis seine Frau auftaucht. Laut lachend tätschelt sie Susanne, bevor sie sich neben ihren Mann setzt und Willy erzählt, daß ein Freund von ihm uns angekündigt habe. Das ganze Dorf wartete, doch nach Einbruch der Dunkelheit rechnete keiner mehr mit uns. Wir unterbreiten dem Häuptling unsere Geschenke und verteilen Nelkenzigaretten. Seine Enkelin kredenzt Kaffee und in Salz geröstete Bananen.

Der Alte lädt uns ins Gästehaus ein. An den Wänden des langestreckten Raums stehen Stühle, Sessel und bunte Vitrinen. Darüber hängen Photos, Postkarten, das obligatorischen Suharto-Bild, eine Mariendarstellung und Medaillen. In der Nachbarkammer hat die Enkelin ein Buffet hergerichtet. Es gibt Reis, Papayagemüse, Mais und grüne, geraspelte Kokosnußflocken mit Chili. Abgekochtes Wasser steht in einem breiten Bambuskrug. Getrunken wird aus zwei halben Nußschalen, die wie Römer aussehen. Unsere Wohltäterin steht im Schatten der Tür und beobachtet, ob es uns schmeckt. Wir grinsen ihr kauend zu, nicken Verbeugungen und reiben uns demonstrativ die Bäuche. Sie lächelt scheu. Als Susanne wohlig grunzt und Atsushi verzückt „wonderful“ stöhnt, wirft sie leise lachend den Kopf in den Nacken, schlägt kichernd die Hand auf den Mund und schüttelt sich vor Freude. Der Häuptling spricht ein einziges Wort Englisch, „yes“. Damit beantwortet er alle Fragen. Es sei denn, Willy übersetzt. Nachdem der leidenschaftliche Münzsammler uns sämtliches Kleingeld abgeknöpft hat, döst er ein.

Später ist Tanz. Nach Ende der Regenzeit, erklärt Willy,  feiern die Leute von Boti jeden Abend. Auf dem Versammlungsplatz kauern die Männer im Halbdunkel, straffen über der Glut die Häute von Trommeln. Der Dorfmusiker zupft am „Leku“, das entfernt an eine Laute erinnert. Die Frauen sitzen singend und klatschend im Schein eines größeren Feuers. Kinder und junge Mädchen stampfen rhythmisch die nackten Zehen auf den Boden und drehen sich um die eigene Achse. Nach ein paar Minuten legt die Enkelin uns breite, bunt gewebte Stoffschals um die Schultern und zieht uns auf die Tanzfläche. Danach sind die Männer dran. Fünf Frauen hocken sich hinter verschieden große Bronzegongs. Bongos und Pauken werden herbeigerollt. Während das Quintett auf den Gongs eine Melodie zu schlagen beginnt, bearbeiten zwei andere Frauen mit langen Klöppeln die Schlaginstrumente. Unter wildem Geheul erscheint der erste Tänzer. Seine Fußsohlen trommeln in rasendem Tempo auf den Lehm. An den Fersen trägt er Büschel mit Ziegenhaaren. Er wirbelt wie ein Derwisch im Kreis, reckt ein Schwert die Luft und hält die Scheide mit der Öffnung zum Boden. Das Schwert steht für die Lebenden, die Scheide für die Toten. Nach und nach tauchen mehr Männer auf. Ihr Gejauchze, Trillern und Brüllen symbolisiert den Triumph eines jungen Kriegers, der mit dem Kopf eines Feindes aus dem Kampf zurückgekehrt. Damit hat er seine Männlichkeit bewiesen und darf heiraten. Willy grinst maliziös. Alle Schwerter, sagt er, die bei diesem Tanz benutzt werden, hätten schon „Blut getrunken“. Erst vor ein paar Jahren habe die Regierung die Schädelschreine aus Boti entfernen lassen.

Am nächsten Morgen schlendern wir durchs Dorf. Nachts hat es geregnet. Es ist grün und sauber, mit Gärten voller betäubend duftender Bougainvilleas. Wir sehen den Frauen beim Spinnen und Weben zu. Sie hocken auf Strohmatten unter einem Dach im Freien. Für ein Stück Stoff von 1,20 Meter Länge und 40 Zentimeter Breite brauchen acht von ihnen etwa vier Wochen. Mit Baumwolle aus der Fabrik geht es doppelt so schnell. Das fertige Tuch verkaufen sie für 20.000 bis 35.000 Rupien. Der Erlös einer Einzelnen beträgt zwischen einer Mark sechzig und zwei Mark neunzig.

Ein paar Schritte weiter steht eine Hütte, wo Schals, Ikats, Betelbehälter, Handtäschchen, Schmuck, geschnitze Figürchen und Kokosbecher verkauft werden. Die Frühform eines Touristen-Shops. Seit 1989 kommen Fremde nach Boti. Die Anreise ist beschwerlich, die Wanderung verlangt gute Konstitution. Bisher tauchen höchstens ein oder zwei Mal im Monat weiße Gesichter im Dorf auf. Willy bringt nur kleine Gruppen mit, nie mehr als vier oder fünf Leute. Er sagt ihnen vorher, wie sich benehmen müssen, erklärt, übersetzt oder glättet die Wogen, falls mal einer etwas mit der „unreinen Hand“ weitergibt. Noch tanzen die Leute von Boti für sich selbst. Wann immer sie wollen. Sie können lachen. So, wie man es zwischen Palermo und Hammerfest längst verlernt hat. Morgen bietet einer die Tour nach Boti im Landcruiser an. Ein Toyota schafft die Hänge schon heute. Übermorgen rollen die Kleinbusse ins Dorf, spucken sonnenbebrillte Nasen aus, die über so etwas wie umständliche Begrüßungszeremonien bestenfalls noch müde grinsen. Schließlich haben sie für ihren Phototermin mit dem Kopfjägerhäuptling 89 US-Dollar hingelegt. Inklusive Lunchpaket.

Wir sind Wegbereiter. Und Willy? Boti ist seine Hauptattraktion. Er weiß, daß und wem er es ausverkauft. Er kennt seine Kundschaft. Besser als der Sohn des chinesischen Hoteliers, bei dem wir uns in Oecussi eingenistet haben. Der sagt eines Abends, alle bewunderten den Westen. Wieso, frage ich. Er entblößt teigig lächelnd eine Zahnlücke: „Weil der Westen das Beste ist...“

Willys Verhältnis zu uns ist gebrochen. Wir faszinieren ihn. Als Spezies. Zugleich stoßen wir ihn ab. Wir besitzen fast alles, was Geld kaufen kann. Ansonsten fehlt uns eine Menge, nicht zuletzt Phantasie und Takt. Er spricht unsere Sprache, ist unser Manager, verdient gut. Das macht ihn interessant. Glücklich macht es ihn nicht. Einmal gesteht er Atsushi, sein Job widere ihn an, aber er könne es sich nicht leisten, aufzuhören.

Er ist zu intelligent, um sich dauerhaft darin zu gefallen, den Mittler für Luxusgeschöpfe aus der fremden, sagenhaft reichen Welt zu spielen. Einer Welt, die er nur aus Erzählungen kennt, die ihm verschlossen bleibt, solange er zu arm ist, die Visumshürde zu nehmen. Jeden Tag, den er mit uns verbringt, muß er sich unseren verhältnisblödsinnigen Fragen stellen, erlebt den Irrwitz unserer Kaufkraft, das dümmliche, zufrieden erstaunte Grinsen, mit dem wir heillos überzogene Preise als „billig“ quittieren. Und hört dazu die Kommentare seiner Landsleute. Die sind nicht immer nett, auch wenn die meisten höflich bleiben und lächeln. Niemand versteht das besser als Willy. Das Spektrum zwischen Enthusiasmus, Befremden, Neid und Haß, das der Anblick von Weißen auslöst, ist sein täglich Brot. Die Ambivalenz wird deutlich, wenn wir allein und in der Öffentlichkeit sind. Privat wirkt er locker, fragt viel, ist neugierig, scherzt. Auf der Straße achtet er auf Abstand, geht lieber mit dem Asiaten Atsushi. Da fällt er weniger auf. Werden wir angemacht, versteinert sein Gesicht. Bei Szenen wiegelt er ab: „Bloß ein Verrückter.“ Doch wer braucht für den Zuruf „Yankee pig“ einen Übersetzer? Er will mir nicht sagen, was die Bauern verdienen, welche Augenkrankheit die vielen Blinden haben oder weshalb er uns nicht durch Osttimor führen mag. Fragen, die ihm peinlich sind, weicht er aus. Die nimmt er mir übel. So, als wolle ich ihn damit bloß vorführen. Er ist nicht besonders souverän. Doch wer wäre das schon an seiner Stelle? Bei einer Gelegenheit erzählt er, er habe versucht, Soldat zu werden. Die Armee wollte ihn nicht haben. Was ihn am Militär reize? Er lacht kurz auf: „Der Respekt.“ „Welcher Respekt?“ „Der Leute.“ „Der ohne Uniform?“ „Genau.“

Als wir längst in Oecussi sind, der Exklave Osttimors an der Nordküste, eine halbe Tagesreise hinter Kefamenanu, wo Susanne und ich in Badezeug wechseln und von einer menschenleeren Mole zwei Kilometer außerhalb der Stadt ins Wasser springen, meint er zu Atsushi, er verabscheue die Freizügigkeit der Westler. Insbesondere die der Frauen. Zwei deutsche Mädchen, die er mal nach Oecussi mitnahm, hätten dort nackt gebadet. Es habe ihn angewidert. Die Kategorien von Anstand und Moral differieren in der Tat erheblich. Zieht man sich am Strand um, umringen einen sofort kreischende Kinder. Unauffällig gesellen sich Männer wenig später dazu, blieben einen Meter weiter stehen oder machen es sich im Sand neben dem Handtuch gemütlich. Sogar in der Metropole Kupang gehen Einheimische, falls sie überhaupt baden, meist bekleidet ins Wasser. Männer wie Frauen. Nackt sind nur die Kinder der Parias. Schultern oder bloßen Oberkörper zeigen allein die Armen. Die äußere Erscheinung spielt eine große Rolle. Wo die hygienischen Bedingungen bescheiden und viele zu arm sind, um sich eine heile Hose zu leisten, ist saubere Kleidung eine Demonstration. Auch in ärmlichen Vierteln bemühen sich die Leute um Bügelfalten. Gerade dort. Sehen sie betont lässige Touristen in verschwitzten, ausgelatschten Unterhemden, fühlen sie sich verhöhnt. 

Oecussi liegt an einer Serie von Buchten und kleinerer Kaps, direkt einer steilen, vulkanischen Hügelkette vorgelagert. Die Stadt war bis 1974 portugiesisch. Sie wirkt wohlhabend und gepflegt. Damals wie heute ist sie ein Verwaltungszentrum, in dem fast nur Regierungsangestellte leben. Es gibt eine Reihe älterer Steinhäuser, ein portugiesisches Fort und öffentliche Sportplätze. An der Wasserfront rosten ein paar alte Kanonen, am Strand dahinter stößt man auf bunte Fischerboote zwischen Korallenscherben. Man kann schwimmen und schnorcheln. Oder Fischer anhauen, mit einem hinauszufahren. Nur das kulinarische Angebot in den beiden Garküchen ist sehr übersichtlich. Wir ernähren uns von Reis und Papaya. Doch außerhalb Kupangs muß sich der westliche Gaumen eh an einheimische Kost gewöhnen oder auf Kekse und Dosenfisch aus den Chinesenläden beschränken. Die Luft ist mild, das Umland tropisch grün und der Sonnenuntergang immer atemberaubend schön. Das einzig Störende sind die verwitterten Plakatwände, auf denen in martialischer Pose die „Befreiung“ Osttimors gefeiert wird. Oecussi war die erste Stadt, in die indonesische Truppen im Herbst 1975 einrückten. Viele der Chinesen sind damals geflohen.

Eine Händlerin erzählt uns von den Verwandten, die seither von Melbourne bis Hongkong verstreut leben. Sie ist Mitte vierzig und spricht fließend Portugiesisch, Holländisch und Englisch. Außerdem beherrscht sie den lokalen Dialekt und Bahasa Indonesia. Mit Mann und Kindern redet sie Chinesisch. Chinesen sind polyglott, anders als die übrige Bevölkerung. Sie besitzen in allen größeren Siedlungen Geschäfte. Als Kaufleute sind sie relativ wohlhabend, bleiben unter sich, werden beneidet und sind unbeliebt. Doch in ihren Läden findet man fast alles. Falls nicht, helfen sie einem weiter. Atsushi spricht ein paar Brocken Mandarin. Er bringt uns „Hallo“ und „Danke“ bei. Das wirkt Wunder. Einmal, als die indonesische Staatsbank in Kefa geschlossen hat, gehen wir in einer Eisenwarenhandlung tauschen. Die Chefin ist schon älter und hat um die Nasenwurzel harte Hökerfalten. Während ihr im Mundwinkel eine filterlose Zigarette klemmt, prüft sie unsere Dollarnoten zwischen Handballen und Mittelfinger, bevor sie sie mit zusammengekniffenen Lidern mustert. Doch sie gibt uns einen guten Kurs. Und auf unsere Verbeugung und das „Ché chè“ plappert sie gleich fröhlich los.

Nach sieben Tagen sind wir zurück in Kupang, trennen uns von Willy. Drei Tage später geht ein Fährschiff nach Flores. Wir sprechen ein paar Worte Indonesisch, sind ein oder zwei Pfund leichter, haben erfahren, daß Atsushi und ich wenigen Timoresen beim Schach das Wasser reichen können und Wanzenbisse nachhaltiger jucken als Flohstiche. Die meisten Leute, die wir unterwegs getroffen haben, sind uns freundlich begegnet, offen, gastfrei, geduldig und hilfsbereit. Dabei besitzen viele kaum mehr, als sie auf dem Leib tragen. Füllige oder gar Übergewichtige haben wir nirgends gesehen.

Doch Armut hat viele Gesichter. Wer Timor bereist, kommt nicht umhin, immer auch auf die eigene zu stoßen. Die der Satten.