Terra Nullis

Die zentralaustralische Wüste überwältigt. Ästhetisch und physisch. Die Weite von rotem Sand und Fels unter strahlend blauen Himmel ist grandios. Doch ohne Wasser lebt hier keiner länger als einen Tag. Nicht umsonst ermahnen Autokarten, bei Fahrten durch diese Gegend reichlich Trinkvorrat mitzunehmen. Im Sommer klettert das Thermometer oft auf über fünfzig Grad. Im Schatten. Und Schatten ist rar.

Gelegentlich findet sich mal ein Geistereukalyptus oder eine Wüsteneiche. Ansonsten gibt es nur gelbgraues Spinifexgras, Sand und ausgetrocknete Salzseen. Daß Menschen hier leben, ist schwer vorzustellen. Doch die Aborigines können das. Zumindest konnten sie es früher. Bei der Wanderung durch den Kings Canyon, einer zweihundert Meter tiefen Sandsteinschlucht im Watarrka National Park, gut eine halbe Tagesreise mit dem Jeep vom Ayers Rock entfernt, stoßen wir auf ihre Spuren. Unter einem Felsvorsprung sind die Konturen von kleinen Händen zu sehen. Im Halbkreis angeordnet. Kindergraffiti. in Sprühtechnik, mit den Händen als Schablone. Vermutlich haben sie dunklen Sand oder Ruß gekaut, um dann die Pigmente im Mund mit Wasser zu mischen und die Farbe über ihre Finger zu prusten. Wie sie es genau gemacht haben, kann keiner mehr verraten. Ebensowenig wie den Namen dieser Schlucht. Oder die „Träume“, die sich Menschen hier mal erzählt haben. Brad sagt, es sei ein ziemlich großer Klan gewesen. Über zweihundert Menschen. Doch wie der Stamm hieß, weiß er nicht.

Ein paar Wochen zuvor, auf der Fahrt von Byron Bay nach Sydney, hören wir vom Massaker in Port Arthur. Über das Autoradio.

Die ehemalige Gefangenenkolonie ist Tasmaniens größte Touristenattraktion. Mehr als 200.000 Besucher kommen jährlich, um sich die zartrosa Mauerreste anzusehen. Der Gefängniskomplex, 1830 auf einer unzugänglichen Halbinsel errichtet, um deportierte Kriminelle, die in der Kolonie straffällig wurden, wegzusperren, war berüchtigt. Schon aus damaliger, gewiß nicht sehr zimperlicher Sicht. 1877 wurde Port Arthur auf Druck der Öffentlichkeit geschlossen. Später brannten einige der Gebäude aus. Das Areal zerfiel. Bis das Fremdenverkehrsamt es wieder entdeckte. Robert Hughes, dessen Studie über die Besiedelung des fünften Kontinents durch Sträflinge und Zwangsarbeiter noch immer die australischen Gemüter erhitzt, skizziert ihren bitteren Charme so: „Australien hat viele Parkplätze und wenige Ruinen... (Port Arthur) ist unser Paestum und Dachau in einem.“

An diesem Sonntag nun berichten alle Sender davon, daß ein gewisser Martin Bryant, ein durchgeknallter Surfer von Mitte zwanzig, hier mit einem Schnellfeuergewehr um die dreißig Touristen nieder gemäht hat. Männer, Frauen und Kinder. Danach hat er Geiseln genommen und sich in einem Haus verschanzt. Die genaue Zahl der Toten steht noch nicht fest. Zwischen Newsclips und Werbejingles gibt es Umfragen zum Thema Waffenkontrolle. Übers Telefon.

Australien hat liberale Waffengesetze. Fast jeder, der will, kann sich ein bürgerkriegstaugliches Arsenal anlachen. Von einer Baretta bis zur AK 47. Die Debatte über Waffengesetze erinnert an die der hierzulande um Tempolimits. Die Geister scheiden sich längs der Geschlechter. Befürworter von strengeren Kontrollen sind meist Frauen. Daß Feuerwaffen so leicht zugänglich seien, lüde zur Gewalteskalation ein. Mit einem Messer hätte der Killer höchstens einen oder zwei Menschen töten können, argumentiert eine. Andere berichten, wie sie selber mit Schußwaffen bedroht oder verletzt worden sind. Männer wiegeln ab. Das Massaker sei die Tat eines Amokläufers, eines verrückten Einzeltäters. Nicht Waffen seien gefährlich, sondern Menschen. Den Widerspruch indes, daß ein Wahnsinniger ohne Maschinengewehr harmloser ist als einer mit, vermögen sie nicht aufzulösen. Da geht es dann plötzlich nicht mehr um die „blutige Ausnahme“, sondern das Prinzip. Freiheit und Selbstbestimmung berge nun mal Risiken. Die hätten alle gemeinsam zu tragen. Oder einige etwas mehr. Die dreijährige Madeline und ihre doppelt so alte Schwester Alicia etwa, die ein paar Stunden zuvor Bryants Kugeln zu langsam auswichen und neben der Leiche ihrer Mutter auf dem englischen Rasen vorm Touristencafé verbluteten. 

In den folgenden Tagen springen Balkenüberschriften von Frontseiten der Zeitungen. Port Arthur in allen Details. Der Ablauf der Schießorgie, Portraits des Mörders und seiner Opfer, Augenzeugenberichte, psychologische Analysen, Spekulationen über die Verschärfung der Waffengesetze. Im Flau des Herbstlochs ist der Horror auf der Insel im Südosten des Kontinents ein willkommener Auflagenanheizer. Immer wieder lese ich den Satz vom „größten Massaker in der Geschichte Australiens“. Doch die Menschen sind tatsächlich schockiert, ihre Verstörung ist echt. Im Rotlichbezirk von Sydney lädt man per Handzettel zu einem Trauergottesdienst ein. Spontan. Unter freiem Himmel. Im Regen. Huren und Obdachlose beten für die Angehörigen der Opfer. Ein Pfarrer sammelt Geld zur Unterstützung der Hinterbliebenen. Knapp zehn Tage später, in Adelaide, wird Daniel laut. Wir reden über die Berichterstattung der Medien.

Daniel ist normalerweise ein ruhiger Typ. Er spricht bedacht, hat Humor und gleicht aus. Tasmanien kennt er ganz gut. Dort hat er mal ein Jahr im Busch gelebt, Forellen mit der Hand gefangen, wilden Hanf geraucht und Kaninchen gejagt. Mit einer alten Schrotflinte. Doch jetzt hat er einen dicken Hals. Er flucht auf die Zeitungen. Selbst eine Tragödie wie diese nutzten sie noch, um die Geschichte zu zerlügen. Dann erzählt er von „Quambie’s Bluff“.

Quambie’s Bluff  ist eine malerische Schlucht auf  Tasmanien. Das Klima feucht und milde, die Vegetation üppig und strotzend grün. Der „Bush“, wie der Urwald hier heißt, wirkt wie ein Garten Eden. Er habe sich oft beim Bluff herumgetrieben, sagt er. Und über den eigentümlichen Namen gewundert. Er fragte und erntete Achselzucken. Niemand wußte so recht, was das Wort bedeutete. Bis auf einen alten Mann. Der sagte, diese zwei Silben hätten die Aborigines immer geschrien, wenn sie springen mußten. Als die Weißen sie von einem Felsvorsprung in den Abgrund trieben.

Daniel lacht: „Das größte Massaker der australischen Geschichte? In Tasmanien gibt es keine Ureinwohner mehr. Wenigstens keine, deren Vorfahren vor den Europäern da lebten. Die wurden so lange gejagt, bis alle ausgerottet waren.“

Australien ist ein Land der Extreme. Auf den ersten Blick wirkt es jung und unverbraucht, voll Verve, Elan, erfrischender Unbefangenheit. Und Weite. Nicht so kompliziert, verbürokratisiert, angstbesetzt und eng wie die alte Welt. Zugleich ist es uralt. Älter als alle europäische Zivilisation. Die Schwarzen leben seit über dreißigtausend Jahren hier. Sie kennen die Küsten, Gebirge, Savannen, Wüsten und den „Bush“, wo sie seit Urzeiten gejagt und gefischt haben. Bevor die Weißen kamen, zogen sie Stammesverbände herum, verständigten sich in unterschiedlichsten Sprachen, so verschieden wie Deutsch und Chinesisch. Doch Kriege, wie Seßhafte sie kennen, führten sie nicht. Was sie untereinander verband, waren die „Traumpfade“ ihrer Ahnen, ein Netz unsichtbarer Wege, auf denen die mythischen Vorfahren aus der „Traumzeit“ sich über den Kontinent bewegten. Die ruft ein Aboriginal ins Dasein zurück, indem er ihren Schritten folgt und in die Gegenwart singt. Oder sie malt. Die Kunstgalerie von New South Wales stellt einige solche Bilder aus.„Sie sind ein wenig wie Kinder“, erklärt die füllige Museumswärterin ungefragt. „Wer?“ „Die Aborigines.“ „Manchmal verschwinden sie einfach für ein paar Wochen oder Monate, gehen auf ihren ‘Walkabout’. So heißen ihre Wanderungen. Was sie dabei machen, weiß keiner so genau.“ Ihr Auflachen klingt hilflos. „Sie passen einfach nicht in unsere Zivilisation.“ Da hat sie Recht. Hellhäutige und Aborigines trennen Welten. Anders als in Neuseeland, wo Europäer und Maori seit Generationen rechtlich gleichgestellt sind und heiraten, gibt es in Australien kaum Mischehen. Die Masse der Schwarzen, die man in den Städten sieht, sitzt als physische Wracks vor den Alkoholläden. Ihr Einkommen, ihre Lebenserwartung und ihr Bildungsstandard läßt sich mit dem der übrigen Australier kaum vergleichen. Ihre Kultur scheint zerstört, ihr Geist und Lebenswille gebrochen.

Bis vor ein paar Jahrzehnten noch waren Aborigines quasi Unpersonen, deren Dasein der Staat leugnete. Zwar gab man ihnen 1968 schließlich Bürger- und Wahlrecht. Doch es dauerte noch sechsundzwanzig Jahre, bis das offizielle Australien sich von dem Mythos verabschiedete, James Cook hätte 1770 einen jungfräulichen Kontinent betreten, den keiner bewohnte. Erst 1994, als Eddy Mabo, ein Aboriginal, in einer Landrechtsfrage klagte, erklärten Richter die Fiktion von der „terra nullis“, der Erde, die niemandem gehörte, für nichtig.

Die Ressentiments gegenüber den „Abos“ äußern sich in dummen Witzchen und abfälligen Bemerkungen. Je mehr Alkohol, desto krasser. Nicht selten kommt der Rassismus auch in paternalistischen Spendierhosen anmarschiert. Gepaart mit pädagogischer Ungeduld. Man tue wirklich alles, um Schwarze zu integrieren, baue ihnen Schulen und Siedlungen, entwerfe Förderprogramme für sie, gebe ihnen das Land zurück, lasse sie in ihren Reservaten nach Belieben schalten und walten. Nichts helfe. Letztlich verschwende man nur Steuergelder. Sie wollten nun mal wie Tiere leben. Es sei zwar schrecklich, was man ihnen in der Vergangenheit angetan habe, aber sie könnten sich nicht immer darauf berufen. Irgendwann müsse mal Schluß damit sein, ständig die Greuel von Vorgestern aufzuwärmen. Der Tenor klingt vertraut. Ähnliches hört man hierzulande, ist beispielsweise von rumänischen Roma die Rede.

Ein paar Wochen nach dem Massaker von Port Arthur stehe ich im Kings Canyon vor der Felsgraffiti. Brad erzählt, was hier vor knapp neunzig Jahren geschah.

Ein Weißer vergewaltigte eine schwarze Frau. Sie gehörte zu dem Stamm, der in diesem Tal lebte. Daraufhin ging ihr Mann und suchte den Weißen. Es kam zum Kampf. Der Weiße starb. Seine Freunde zogen los, um ihn zu rächen. Sie überfielen die Aborigines und töteten die Hälfte des Klans. Aus irgendeinem Grund erfuhr der Gouverneur Südaustraliens, der zu der Zeit noch für das Territorium zuständig war, von dem Gemetzel. Es mißfiel ihm. Strafexpeditionen fielen in sein Ressort. Also beauftragte er eine Kommission, den Vorfall zu untersuchen. Als Chef ernannte er den lokalen Sheriff. Es war derselbe Mann, der die Mordmeute angeführt hatte. Der Sheriff trommelte seine Kumpane zusammen. Sie ritten wieder hinaus in das Tal. Dieses Mal brachten sie die restlichen Aborigines um. So erübrigte sich die Untersuchung.

Verdrängt bleibt der Genozid unter der Oberfläche immer präsent. Wie das helle Rot der Wüste. Das ahnen die Weißen. Und auch, daß die Aborigines seit Jahrtausenden mehr über Australien wußten, als sie je wissen werden. Was die Europäer nicht begriffen, haben sie zerstört. Nun ist der Schlüssel fortgeworfen.

Deshalb haben sie kein Verhältnis zu den Schwarzen, wirkt jede Begegnung belastet und belastend. Die Erbsünde sitzt ihnen im Nacken. Und ähnlich wie in Deutschland, wo viele den Juden alles verzeihen, außer Auschwitz, während andere die Ermordeten postum zu moralischen Lichtgestalten stilisieren, treibt die Schuld auch in Australien schräge Blüten. Vermutlich ist das Phänomen, die eigenen Opfer zu hassen, weil sie an die Tat erinnern, so alt wie das christliche Abendland. Und zumindest ideologisch gehört Australien noch immer dazu.

A propos „gehören“. Ob die Europäer den fünften Kontinent tatsächlich besitzen, ist fraglich. Fast alle ihre Siedlungen liegen an der Küste. So, als warteten sie noch immer darauf, hier gelegentlich wieder abgeholt zu werden. Das „Outback“, die Wildnis, das riesige, ungezähmte Land, beginnt ein paar Kilometer hinter den äußeren Suburbs. Und die wenigen, die dort ohne moderne Technik überleben, sind schwarz.

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