Sex in the City und Tantra Ninjas
oder
Marie Antoinette und die Bremer Stadtmusikanten
Im Oktober des Jahres 1789 zogen die Weiber aus den Pariser Faubourgs nach Versailles, um von ihrer Königin bezahlbares Brot zu fordern. Die völlig geschockte Marie Antoinette, die an diesem Tag zum ersten Mal ihre schlecht parfümierten Untertanen zu Gesicht bekam, soll gefragt haben: Warum essen sie keinen Kuchen? Der Kuchen, den sie meinte, war zwar nur eine Art Brot und ihre Frage gar nicht so absurd wie es scheint, doch als Antwort purzelte ihr Kopf in den Weidenkorb unter der Guillotine.
Als ich klein war, gab es in einer Zeitschrift jede Woche die Abbildung von zwei Gemälden. Darüber stand „Original und Fälschung“. Die Bilder sahen auf den ersten Blick gleich aus, doch in dem einem waren Macken versteckt. Es ging darum, die Fehler zu orten und einzukreisen. Der tiefere Sinn dieser Übung leuchtete mir erst wesentlich später ein, zumal es dabei auch immer um die Frage Brot oder Kuchen geht.
Wenn du dich danach sehnst, berührt zu werden, musst du deine Rüstung ablegen, sagte eine Frau mal zu mir. Obwohl ich nur Unterhosen trug, verstand ich sofort, was sie meinte. Sie war schön und sie war warm und ich gierte nach ihrer Nähe. Doch meine Angst mich zu entblößen überwog. Also heuchelte ich Unverständnis und behielt den Panzer an.
Es dauerte bis ich begriff, dass es irre viel Kraft kostet, sich ständig in einem Panzer zu bewegen, zumal das Risiko darin zu ersticken viel größer ist, als das ohne durchs Leben zu gehen.
Überhaupt Leben.
Wirkliches Leben findet außerhalb des Panzers statt. Sage ich heute. Früher wollte ich ums Verrecken nicht ohne sein. Bis ich tatsächlich fast verreckt wäre. Dann ging es plötzlich auch ohne, und zwar viel besser als jemals mit. Solange ich allerdings noch drin hockte, konnte ich mir das nie vorstellen und erklärte jeden, der mich raus zu holen versuchte, für bösartig oder verrückt.
Es ist eben nichts so schön wie das vertraute Elend. Da weißt du wenigstens, was du hast. Oder wer du bist. Nämlich ein armes Schwein, das von der Last, die es heldenhaft trägt, langsam erdrückt wird.
So ist das. Absolut irre, aber völlig normal.
Dass Panzer schwierig zu knacken sind, liegt in der Natur der Sache. Statt Panzer kann man übrigens auch falsche Identität sagen. Oder Furcht. Und anstelle von Furcht all das, was sie zudeckt: Sucht, Geld, Karriere, Ideologie oder Sex. Reden wir über Sex. Käuflichen Sex. Nicht den, der mit Eheringen erkauft wird, auch nicht den, von dem viele behaupten, dass sie ihn schrecklich finden, obwohl sie selber am besten wissen, dass er sie und ihre GmbH vor der längst fälligen Bankrotterklärung bewahrt, sondern den, der nur noch ohne Körperkontakt stattfindet. Reden wir über den Sex der Zukunft.
Meine erste Begegnung mit dieser Art Zukunft verdanke ich dem Jahr 1983 und der Bucht vor New York. Damals pendelte ich täglich auf den safrangelben Fähren, die die Boroughs von Staten Island und Manhattan miteinander verbinden. Mit mir pendelte ein Haufen anderer, aber nur wenige davon fuhren Fahrrad. Einer der wenigen hieß Elroy. Beim Ausschiffen kamen wir ins Gespräch. Elroy musste bis zur 23ten Straße. Ich zur 42sten. Unterwegs traten wir nebeneinander in die Pedale und plauschten. Elroy war Student, Mitte zwanzig und sah aus wie ein zu mager geratener Eddie Murphie ohne Kinn. Was er studierte, ist mir entfallen. Seinen Broterwerb fand ich weit faszinierender. Elroy ließ sich von schwulen Männern anrufen. Die Anrufe kamen über eine Agentur, die ihm zuvor immer mitteilte, als was er gerade gebucht sei.
Elroy bediente alle Vorlieben, modulierte Akzente wie Knetmasse, konnte sich hart, zart, verträumt und pathologisch geben. Er gönnte mir Kostproben von der Perücken bewehrten Drag Queen aus dem West Village, die auf Plateausohlen in Netzstrümpfen durch die Christopher Street paradiert, nuschelte wie eine verklemmte Schwuchtel mit Eigenheim in Westchester, mimte den bösen, Muskel bepackten Knastneger aus dem tiefen Süden, zwei Meter lang, schweißtriefend und mit Riemen bis zum Knie, oder den puertoricanischen Lederfreak von der 125ten und Lexington, der vor keinem Gloryhole und Faustfick zurückschreckt. Den blonden, sommersprossigen Harvard Absolventen, der beim Abspritzen so distinguiert stöhnt, dass man automatisch auf eine Rosette aus Neuengland schließt, sparte er natürlich auch nicht aus.
Daheim hatte Elroy sich ein Wandtelefon mit extra langer Kordel angeschafft, um bei Telefonaten parallel Hausarbeiten erledigen zu können, etwa Wurzeln schaben. Er komme eher nach Hause als seine Freundin, drum übernehme er meist das Kochen. Sie liebe ihn für seine Küche.
Mir gefiel, wie er grinste. Das erinnerte mich an Mister Ed, das sprechende Pferd, der als Urahn von Flipper durch die Reruns der Tagesprogramme geisterte. Ansonsten entzauberte sein Oberkiefer-Überbiss die mich erst Jahre danach auf heimatlichen Bildschirmen heimsuchenden 0190 Nummern. Bei jedem „Ruf mich an“ sehe ich Elroys bedrohlich grinsendes Pferdegebiss und frage mich, was für Gemüse er wohl gerade putzt, während er raunt, dass er mich jetzt gleich in den Mund nimmt.
Mit Telefonsex verhält es sich wie mit leckerer Leberwurst. Soll sie dir schmecken, fragst du besser nicht, was drin steckt. Allerdings gibt es auch echte Leberwurst. Mitunter sogar am Telefon. Außerdem ist es nur ein Irrglaube, dass unsere Spezies scharf darauf wäre, sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu verabschieden. Von der Wahrheit wollen die Leute nichts wissen, selbst wenn sie ihnen mit dem Gesäß ins Gesicht springt. Sonst hätten die Leute sich kaum so hemmungslos in Hitler verknallt.
Inzwischen ist der Führer tot wie und es herrscht die Postmoderne. Besser gesagt das neue Vormittelalter. Denn ob auf die Post- noch eine Hypermoderne folgt, ist fraglich. Jedenfalls brauchen wir uns mit der leidigen Wahrheit nicht mehr abzuplagen, es sei denn, wir wollten uns sofort als Steinzeitintellektuelle outen.
Jedes Kind weiß, Realität ist relativ. Folglich kann auch nichts, was wir daraus ableiten, objektiv oder gar wahr sein. Wirklich ist nur die Vielfalt verschiedener Wirklichkeiten. Wer clever ist, zerbricht sich darüber nicht lange den Kopf, sondern sucht sich rasch zwei Dutzend davon aus, setzt sich in die Ecke und spielt damit wie weiland Leibniz mit seinen Monaden.
Wozu über Telefonsex lamentieren? Wir jammern sowieso zu viel. Alle Händler verkaufen Illusionen, und meist wohnt die Schönheit der Ware nur im Auge des Kunden. Ohne dessen Gier, sich die eigenen Trugbilder andrehen zu lassen, ist jeder Händler aufgeschmissen.
In der sauberen neuen Welt autistischer Triebabfuhr löhnt der Freier eben für die Illusion der Illusion, Gelüste zu teilen. Obwohl er weiß, dass diejenige, die da laut stöhnend „ohh ja, gib es mir, gut so, tiefer“ grunzt, sich gerade Pickel ausquetscht.
Ansonsten ist es dieselbe Nummer wie bei Adolf aus Brauau, dem adrett frisierten Herrn von der Citibank oder dem feuchten Blick der Rothaarigen hinterm Zapfhahn. Es stillt die tiefe Sehnsucht nach Selbstbeschiss, den Drang, vor der Düsternis der trüben Realität in den heiteren Glanz der Wunschwelt zu fliehen. Der Führer wird’s schon richten. Sofort Bargeld. Darauf einen Dujardin. Geile Frauen live am Telefon.
Klar, irgendwann flattert die Rechung ins Haus. Dann setzt der Kater ein. Wie konnte ich bloß? Zwölfhundert Euro. Das muss ein Irrtum sein. Nie wieder fass ich das Telefon an. Ich lass die Nummer sperren. Gemach. Der nächste Anfall kommt so sicher wie die Werbepause. Schließlich ist der Weg in die Hölle seit jeher mit guten Vorsätzen gepflastert. Apropos Hölle. In der Ära von Aids rettet Telefonsex Leben, und wo Seelsorger entsorgt sind, spendet 0190 Trost, macht Hässliche hübsch, suggeriert Kontaktkrüppeln Zweisamkeit, wandelt Schlappschwänze in Potenzprotze. Hätte es vor 1933 bereits bezahlbaren Telefonsex gegeben, wäre der nationale Priapismus wahrscheinlich weit weniger extrem ausgefallen. Wer bin ich, darüber zu urteilen?Ja, verdammt noch mal, wer bin ich? Gute Frage.
Unter anderem ein konservativer Sack, der gern riecht, schmeckt und fühlt, die Sinfonie der Sinne mag, das Wechselspiel von Fremdheit und Nähe, die Magie der Intimität, sich nach der Wärme des anderen sehnt, seinem Lachen, dem Zauber des Augenblicks. Dem, was in der Bibel mit Erkennen gemeint ist. Telefonknochen und Flachbildschirme transportieren davon herzlich wenig.
Autistensex hat mit Erotik so viel zu tun wie Torquemada mit der Bergpredigt, dreht die Lust durch den Fleischwolf und sterilisiert unterwegs alles, was Liebe nahrhaft macht. Er gleicht Junkfood: Täuscht Sattheit vor und zerstört den Appetit auf echte Vitamine. Womit wir wieder beim Problem von Original und Fälschung wären, beziehungsweise der Fälschung der Fälschung, und der Frage, was passiert, wenn der Ersatz vom Ersatz mit der wirklichen Sache verwechselt wird. Dann produziert das Surrogat nämlich nur noch Mangel, und obwohl dieser Mangel trotz Blähungen und Sodbrennen vielleicht sogar gespürt wird, fällt es immer schwerer, ihn überhaupt als solchen zu identifizieren, weil keiner mehr eine Ahnung hat, wie das Original schmeckt. Wer auf Labbertomaten und Geschmacksverstärker getrimmt ist, für den ist echtes Aroma entweder zu kräftig oder zu fade. Bei Skorbut frisst er eben mehr Müll, bis der ihm aus den Ohren quillt, ihm die Zähne ausfallen und er krepiert. Fühle ich mich einsam und sehne mich nach Nähe, rufe ich „Wichs dein Konto weg“ an und lasse mir von einer Stimme erzählen, ich sei der schärfste Hengst der Galaxis. Hinterher geht’s mir nicht besser, sondern schlechter, also schelle ich gleich noch mal durch und werde Saugapostel oder bekomme den Goldenen. Hauptsache, es knallt mich an und macht mich weg. Das kann ich treiben, bis beide Arme lahm sind oder der Schwanz streikt. Den entsetzlichen Druck meiner inneren Leere werde ich trotzdem nicht los. Also brauche ich schärferen Stoff, härteren Stoff, Stoff, der richtig dröhnt und mir garantiert die Schädeldecke wegpustet.
So sieht’s aus.
Virtueller Sex spiegelt den Zustand unseres Gemeinwesens. Wir leben in einer fortgeschrittenen Suchtgesellschaft, wissen bestens Bescheid, aber haben keinen Schimmer was uns bekommt. Unser Sinn für das Maß ist ebenso flöten wie der für Qualität. Was unter anderem daran liegt, dass wir zwar ständig über Werte faseln, aber kein Schwein mehr welche hat, weil die längst vom Preis ersetzt sind. Der Rest ist beliebig, bloß eine Frage des Preises. Preise gehorchen dem Markt und der Markt ist heilig. Er regelt alles, wie einst Gott. Außer, dass dem immer noch der Beelzebub gegenüber saß.
Was teuer kostet, muss gut sein. Wir sind nicht nur käuflich, wir glauben inzwischen auch, dass alles käuflich ist. Schließlich leben wir, um zu kaufen. Consumo, ergo sum. Wer das nicht kann, ist asozial. Bloß Lohnnebenkostenfaktor. Die übrigen strampeln im Überfluss und ringen darum, nicht unterzugehen. Als willige Sklaven einer Ideologie, die ihre Freiheit auf ihre Kaufkraft reduziert und ihre Würde auf den Rahmen ihres Überziehungskredits. Wohlstandseunuchen in einer Welt des schönen Scheins, die sich ständig einreden müssen, dies sei die einzig erstrebenswerte Daseinsform, zu der es eh keine Alternative gibt. Dass die Veranstaltung längst weh tut, betäuben wir. Aber wer Schmerzen ständig betäubt und tut, als fehle ihm nichts, hat auf die Dauer schlechte Karten. Marie Antoinette verdrängte, bis das wütende Volk sie holen kam und ihr hübscher Kopf im Weidenkorb landete.
Was also unterdrücken wir da so hartnäckig? Ist es die Angst, dass der faule Zauber zu Bruch geht und all die Dämonen, die wir weggesperrt haben, ans Tageslicht kriechen und uns erschlagen?
Kann sein. Wir sind reif und wir ahnen, bald sind wir fällig. Könnte aber auch sein, dass wir bloß im Sumpf des vertrauten Elends hocken und vor lauter Feigheit zu blöd sind, auf unseren Selbstbeschiss zu verzichten, weil wir darauf getrimmt sind und es viel bequemer scheint, uns immer wieder an irgendwelche Instanzen zu verraten, statt Verantwortung für die Katastrophen im eigenen Leben zu übernehmen.
Was unterscheidet Sklaven von Freien? Nur die Idee, keine Wahl zu haben, und der schale Trost, bloß ein irregeleitetes Opfer zu sein.
Eines der schönsten Märchen meiner Kindheit ist das von den Bremer Stadtmusikanten. Es ist die Geschichte einer erfolgreichen Rentnerrebellion. Vier ausgemusterte Nutztiere tun sich zusammen, beschließen aufzubrechen. Ihr Motto: Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden.
Uns geht’s ähnlich. Entweder wir entscheiden uns für den Weidenkorb. Oder wir machen’s wie die vier glorreichen Rentner. Noch haben wir die Wahl.Jeder einzelne von uns. Dann können wir das nächste Mal vielleicht über Erotik reden.
"Sex in the City" ist das Begleitessay zur Ausstellung von Jo Scholar, der in der Galerie Morgenlanderotische Skizzen aus dem "Salambo" zeigte.