Scheiterhaufen
Ich rauche. Darauf bin ich nicht unbedingt stolz, aber bis vor wenigen Jahren lebte ich ganz gut damit. Nun wird es eng, auch ohne Lungenemphysem.
Mittlerweile ist Tabakgenuss nur noch etwas für Absteiger, Outcasts und Unbelehrbare. In Kalifornien sind Zigaretten inzwischen fast so illegal wie Dope, in Oslos Kneipen darf man sich keine mehr anzünden, und Deutschlands Krankheitsministerium erwägt, den Konsum in privaten PKW komplett zu untersagen.
Der Kreuzzug gegen Raucher nimmt Formen an. Und mit ihm das steppenbrandartig um sich greifende Geifern derer, die im Nikotinverzehr die Wurzel allen Übels sehen. Klar, die wollen nur mein Bestes. So wie alle Puritaner. So wie Cromwell, Robbespierre, Stalin, Adolf Arschloch und Ayatollah Chomeini.
Ginge es ihnen tatsächlich um Gestank, Koronarerkrankungen oder Krebsgefahren, sähe die Welt anders aus. Vorrangig treibt sie also nur die alte, elende Gier, fremde Lust zu bestrafen, und dass sie damit auf so viel Applaus stoßen, ist ein Symptom dafür, dass die Bereitschaft, Andersartigkeit und abweichendes Verhalten zu tolerieren, abstirbt. Somit hat das, was sich da scheinbar rational unter dem Gewand lauterster Motive entfaltet, wenig mit Vernunft zu tun. Es ist vielmehr Vorbote einer Epoche, die Unduldsamkeit wieder als Tugend feiert.
Intoleranz wird sexy, wo Toleranz mit käuflichem Sex verwechselt wird, oder alle, die den angeblichen Anti-Terrorkrieg für Schwachsinn halten, zu Terroristen gestempelt werden. Zugleich kreischt der Selbsthass, den die vielen garstigen Ohnmachtgefühle, die eine komplexe, diffus bedrohliche Welt auslösen, nach Ventilen. Da müssen Sündenböcke her. Die helfen die Illusion zu nähren, zumindest ein paar fundamentale Dinge im Griff zu haben. Lassen sich Steuern, Ökodesaster, Terrorkrieger und Sabine Christiansen schon nicht bezähmen, sorgt man wenigstens für eine zigarettenfreie Grünanlage.
Das passt zu einem kranken Planeten, der ganz andere Sorgen hat, und sich genau deshalb dauernd neue Nebenkriegsschauplätze erfindet, die von Dringenderem ablenken. Noch kommt keiner auf die Idee, mich für meine Selbstgedrehten zu steinigen, aber als potentieller Mörder werde ich vorsichtshalber schon mal gehandelt.
Keine Frage, Rauchen ist teuer, sinnlos und ungesund. Doch teuer, sinnlos und schädlich ist vieles: Kartoffelchips, Fernsehen oder mit der falschen Braut Sekttrinken, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Landminen, Handfeuerwaffen, Kampfpanzer, die Atomindustrie und natürlich Sabine Christiansen im Ersten.
Jeder, der einen Mittelklassewagen bewegt, produziert binnen eines Tages mehr karzinogene Schadstoffe als ein Dutzend Kettenraucher im ganzen Leben. Obwohl indes alle Fußgänger zu Passivfahrern gemacht werden, die tagein tagaus durch Abgasschwaden waten dürfen und vor übel riechenden Blechfetischen über abholzte Straßen auf zuparkte Gehwege flüchten müssen, bleiben die selbsternannten Volksgesundheitsfanatiker da merkwürdig still.
Warum macht es mehr Spaß, auf Raucher einzuprügeln? Weil es keinen ADAC für Nikotinsüchtige gibt? Oder liegt es daran, dass Rauchen trotz allem eben nicht nur abhängig macht und stinkt, sondern auch Genuss bereitet, und dass dieser Genuss zumindest potentiell etwas mit Muße zu tun hat?
Goethe, der das dolce far niente verstand, nannte Langeweile die Mutter aller Musen. Recht hatte er. Muße ist das Gegenteil der allgegenwärtigen Götzen ökonomischer Zweckdienlichkeit. Sie ist das Reich der Phantasie, die heilige Unvernunft, der Santuarium, das jeder erwachsene Mensch besser hütet, will er dem rasenden Irrsinn blindwütiger Rationalität hin und wieder mal entfliehen. Vor diesem Ort hatten Priester und Pharisäer immer schon Angst.
Darum geht's. Mit Rauchen hat das herzlich wenig zu tun. Sondern mit Eigensinn und Freiheit, beziehungsweise der Angst davor. Weil schon der kleinste anarchische Akt, wird er denn freudvoll erlebt, Zweifel an den Wahrheiten sät, auf denen die Macht der Priester fußt. Das - und nur das - macht Rauchen subversiv.
Die Sucht des Rauchers ist ein anderes Paar Schuhe, und wahrscheinlich der einzige gute Grund, es zu lassen.
Diese Polemik erschien vor einer Weile in der Zeitschrift "Aktion".