Der Pascha-Test (oder: Wer für alles offen ist, war noch nie ganz dicht)
Bemerkungen zur Debatte um den Kriterienkatalog bei der Einbürgerung
Dass Ausländerhass pathologisch, engstirnig und zerstörerisch ist, haben inzwischen die meisten Deutschen begriffen. Das Gegenstück dazu indes finden viele noch immer attraktiv. Denn es wirkt auf den ersten Blick sympathischer. Tatsächlich jedoch ist es oft dasselbe. Niemand ist allein schon deshalb ein besserer Mensch, weil er ohne Hitler im Gepäck reist, obwohl manche Erben der SS-Schlächter gern so tun, als besäßen sie das Copyright auf Größenwahn und Bösartigkeit.
Die Internationale der Arschlöcher geht quer durch alle Klassen, Rassen, Religionen und Geschlechter. Jeder, der beansprucht, wahrhaftiger, reiner und gottgefälliger zu sein als der Rest der Menschheit, gehört dazu. Auch wenn er oder sie keine blauen Augen hat und sich gern in der Opferrolle sieht.
Das dürfen auch Deutsche endlich mal zur Kenntnis nehmen. Leider war Eigenliebe noch nie eine nationale Tugend. Lieber besaufen wir uns an stubenreinen Büßerritualen, nachdem unser Vollrausch als Herrenmenschen so gründlich in die Hose gegangen ist. Dabei ist beides gleich feige und vermessen. Denn was bezeugt einer, der der ständig seine Demut beschwört? Gewiss keine Demut.
Die Debatte um den Fragenkatalog, dem Einbürgerungswillige sich stellen sollen, wirft ein Schlaglicht auf das gestörte Verhältnis der Deutschen zu sich selbst.
Angeblich diskriminiert der Katalog Muslime, weil die Komplexe zu Verfassung, Religion, Sexualität und Toleranz besonders auf Zuwanderer islamischer Religion gemünzt sind. Mag sein. Doch obwohl jeder weiß, dass man in Prüfungen lügen kann, jault die politisch korrekte Front jault auf und redet von Gesinnungsschnüffelei. Religiöse Verbände jaulen mit und versteigen sich dazu, „Widerstand“ anzukündigen.
Wogegen? Gegen den Katalog oder dagegen, dass der Staat seinen künftigen Vollbürgern das Einmaleineins der Integration abverlangt?
Tatsächlich dreht der Streit sich weniger um die Inhalte des „Muslim-Tests“ als darum, ob Muslime, die den deutschen Pass wollen, durch die Frage, wie sie es mit der hiesigen Toleranzkultur halten, gekränkt werden. Als sei das bereits ein fortgeschritten unsittliches Anliegen.
Ist es das? Natürlich nicht.
Leute, die hier bleiben wollen und sich entscheiden, die Staatsbürgerschaft zu beantragen, sollten wissen, worauf sie sich einlassen. Sie zu fragen, ob ihnen die politischen und gesellschaftlichen Parameter vertraut sind, gebietet die Fairness. Ihnen und uns selbst gegenüber.
Immerhin müssen künftig sie den kulturellen Konsens dieser Gesellschaft mittragen, so bedingungslos, dass sie notfalls auch dafür kämpfen, eventuell sogar gegen diejenigen, aus deren Mitte sie ursprünglich stammen. Staatsbürgerschaft ist ein Vertrag, der beide Seiten dauerhaft verpflichtet. Er ist keine x-beliebige Kommodität.
Offenbar wissen das viele nicht. Oder die Zukunft ihrer Kindeskinder ist ihnen egal. Vielleicht haben sie auch nur vergessen, was ihre Kultur auszeichnet. Oder sie wollen leugnen, dass Strenggläubige damit zwangsläufig in Konflikt geraten.
Zur Erinnerung: Unsere Gesellschaft orientiert sich an den Versprechen der Aufklärung, der Trennung von Kirche und Staat, Religion und Recht. Der Einzelne darf an den Gott seiner Wahl glauben. Oder es lassen. Kants „Befreiung des Menschen des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ist zwar nach wie vor ein unerfülltes Ideal, aber die Marschroute klar. In unserem Gemeinwesen sind die Gewalten geteilt, um die Rechte des Individuums vor dem Staat und der Kirche zu schützen.
Das ist der Kern, das Wesen dessen, was wir „Moderne“ nennen, der Bruch mit einer Tradition, die seit Ende der Antike Europa beherrscht hat und noch heute die islamische Welt beherrscht. Das macht uns aus. Und das verhält sich zu einem Gottesstaat so wie Wasser zu Öl.
Niemand kann von Fremden verlangen die deutsche Alltagskultur gutzuheißen. Ständig mit nackten Ärschen, wippenden Titten und Beischlafgegrunze konfrontiert zu werden, überfordert nicht nur Keuschheitsfanatiker. Doch die meisten Europäer betrachten derlei eben nicht mehr als gottlose Dekadenz, sondern als einen von vielen Aspekten ihrer mühsam erworbenen Freiheit.
Eine Fershta Ludin, die in Saudi-Arabien und Afghanistan aufgewachsen ist, um hier nun in Gottes Namen für ihr Recht auf Unmündigkeit zu streiten, weil sie mit westlichen Werten nichts anfangen kann und ihre repressiven Moralvorstellungen in deutsche Klassenzimmer tragen möchte, kann solche Beweggründe nicht verstehen.
Sie weiß nichts oder wenig über Ketzerverfolgungen, Scheiterhaufen, die Folterkammern der Inquisition, Hexenverbrennungen und den Dreißigjährigen Krieg. Sie hat keine Ahnung von der über tausend Jahre alten Furcht vor Muslimen, die unter der dünnen Firnis vermeintlicher Säkularisierung lauert, dem Mythos der Kreuzzüge, der sich bis zu dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion erstreckt, der Vertreibung der Juden aus Spanien, dem Abschlachten der „Marranos“, dem Pfahlhängen in Konzentrationslagern und dem Spottnamen „Muselmann“.
Aber ich weiß es.
Darum ist mir ist der Laizismus heilig, so heilig wie die Freiheit der Kunst, der Wissenschaft, der Rede und des Worts. Heiliger als die Scharia und der Pontifex Maximus. Dafür nehme ich sogar die tägliche Werbepornographie in Kauf und verteidige sie gegen die Ambitionen irgendwelcher selbsternannten Tugendbolde, die anderen Vorschriften darüber machen, wie sie sich zu verhüllen haben, um nicht das Auge Herrn zu beleidigen.
Es ist ja nicht so, dass die Freiheit hierzulande nur Freunde hätte. Im Gegenteil, es gibt genügend Fanatiker und ideologisch vernagelte Flachpfeifen, die sich heillos vor ihr fürchten, sie einzuschränken und abzuschaffen suchen. Es besteht keinerlei Bedarf, obendrein noch ihre erklärten Feinde zu importieren.
Wer den Leitbildern eines angeblich gottgefälligen Käfigs nacheifern will, mag das tun, aber er eignet sich schwerlich dafür, die Ideale eines Gemeinwesens zu vertreten, in dem Religion Privatsache bleiben muss, weil sich sonst alle gegenseitig an die Gurgel gehen.
Fereshta Ludin sieht das anders. Sie begreift nicht, an welche Tabus ihr öffentliches Frömmeln rührt. Sonst übertrüge sie ihre scheinbar privaten Ansprüche auf die Welt, aus der sie kommt. Was nicht geht. Es gibt in Saudi Arabien keine christlichen Lehrerinnen. Doch wenn es welche gäbe und sie benähmen sich wie Frau Ludin, würde man sie dafür nicht in Talkshows einladen und mit Interviews belohen, sondern auspeitschen und steinigen.
Bin ich ein Kulturchauvinist, wenn ich von Ludin Respekt für die Sitten und Gebräuche der Alteingesessenen fordere? Oder stehen die Werte meiner Kultur für sie sowieso zur Disposition, weil sie ja jetzt eine Deutsche ist und ich den Rand zu halten habe? Interessiert sie überhaupt, dass sie mit ihren klerikalen Moralvorstellungen den säkularisierten Konsens angreift, also das Fundament dafür, dass sie und ich hier überhaupt in Frieden leben können?
Keine Ahnung. Eine Fereshta Ludin tut keinem weh. Hundert auch nicht. Bei Hunderttausend wird es schwierig.
Das Gastrecht, das jeder Fremde genießt, und das Recht, Teil einer Gemeinschaft zu werden, sind zwei Paar Schuhe. Das Privileg dazu zu gehören, erwirbt nur, wer die Spielregeln des neuen Vereins akzeptiert. Das beinhaltet die Bereitschaft, dafür sein Althergebrachtes aufzugeben, sofern es mit dem Neuen kollidiert. Zumindest die Bereitschaft, es so zu modifizieren, dass es nicht mehr kracht. Sonst funktioniert es nicht. Nirgends.
Dass die Deutschen dreißig Jahre lang verschlafen haben sich dazu zu bekennen, ein Einwanderungsland zu sein, ist das Eine. Das Andere ist die Binsenweisheit, dass Integration immer auch eine Bringschuld ist, die Mühe und Opfer fordert. Suchen Neuzugänge den kulturellen Konsens zu unterlaufen, muss dieser Prozess scheitern.
Islamisten haben zu den Idealen der Aufklärung ein ähnlich inniges Verhältnis wie Hitler zum System von Weimar. Muss jemand, für den der Hodscha das Sagen hat, der Chomeini für einen Heilsbringer hält und der in der Hamas die Zukunft des befreiten Palästina sieht, das zwingend mit deutschem Pass in der Tasche tun? Wem ist damit gedient? Der Zivilgesellschaft? Den muslimischen Frauen? Den jungen Männern, die ohne Perspektive in den Einwanderghettos verkommen? Oder der bornierten Arroganz derjenigen Mehrheitsdeutschen, die Konfliktscheue mit Toleranz und Gleichgültigkeit mit Großmut verwechseln?
Wie kommt es, dass manche die Diskussion darüber gar nicht erst aufkommen lassen, weil sie es bereits für diskriminierend halten, wenn solche Fragen thematisiert werden? Geht es da um Rücksicht auf die Befindlichkeit der anderen, oder ist das einzige, was geschont werden soll, die heile Welt des eigenen Wunschdenkens?
Denn so verkehrt sich der politisch korrekte Antirasissmus in sein genaues Gegenteil. Er bereitet klerikalen Faschisten den Weg, die muslimische Migranten in diesem Land auf einen Nenner einschwören wollen. Er stärkt Kräfte, die noch nie etwas mit den friedlichen Potentialen einer pluralistischen Gesellschaft am Hut hatten, sondern die westliche Kultur und die Früchte der Aufklärung für Satanswerk halten.
Somit verraten die angeblichen Ausländerfreunde weit mehr als nur sich selber und ihre vermeintlichen Ideale. Sie lassen alle im Stich, denen je an Integration lag. Die ersten Opfer dieser irregeleiteten Antidiskriminierung sind weltliche Muslime, die vor den Hodschas und Mullahs und kleinen Paschas in den Westen geflohen sind, die Grenzgänger, Aufklärer, Tapferen, diejenigen, die Brücken zwischen den Kulturen bauen.*
Sind die egal, so egal wie die Zukunft unserer Enkel? Braucht keiner mehr zwischen Mensch und Mensch zu unterscheiden, weil wir uns innerlich schon längst auf den kommenden Krieg der Kulturen gerüst haben?
Wohin die bisherige Praxis führt, zeigt Frau Ludin. Oder das Brüderpaar vom „Muslim Markt“, das Mordaufrufe gegen vermeintliche Islamkritiker vom Stapel lässt und „antizionistische“ Schlachtgesänge komponiert.
Was hält uns davon ab, die Konsequenz aus Fehlern zu ziehen und künftig vorher zu klären, wen wir uns ins gemeinsame Bett holen. Nur um die gröbsten Schnitzer zu vermeiden. Sonst wachen wir morgen verkatert auf und übermorgen brennen die Ghettos, und all diejenigen, die sich heute noch um uns bemühen, haben sich entweder abgewandt oder sind längst als „Christenfreunde“ und „Verräter“ totgeschlagen, während eben die Leute, die jetzt vorgeben, auf Seiten der muslimischen Immigrant/innen zu stehen, zusammen mit denen, die sich das schon immer erträumten, zum Halali auf Türken und Araber blasen.
Noch gibt es den Raum zu gestalten, die Chance auf eine gemeinsame Zukunft von Muslimen und Christen, Arabern und Europäern. Aber die Frist wird knapp.
*Farak Fouda, der ägyptische Politologe und Aufklärer, der Anfang des letzten Jahrzehnts von islamischen Fundamentalisten erschossen wurde, war solch ein Brückenbauer. Er pflegte die Islamisten „Nazis“ zu nennen. Als wir 1989 miteinander sprachen, wussten weder er noch ich, dass die Muslim Brüderschaft in seinem Heimatland seit den späten 1920iger von der NSDAP Auslandsorganisation gesponsert worden war, doch fanden wir beide damals schon die soziokulturellen, historischen und ideologischen Parallelen beeindruckend.