Susanne Osthoff bei Reinhold Beckmann - eine Hinrichtung

Beckmann ist in Gönnerlaune. Er lädt Susanne Osthoff, die von deutschen Medien nach ihrer Entführung erfolgreich zur mutwillig selbstmörderischen, fanatisch unbelehrbaren Irren gestempelt worden ist, zum Nachschlag. Damit sie sich entschuldigen kann. Öffentlich. Dafür, dass sie Schröder, Herzog und all den anderen abgehalfterten Politikern, die sich dazu herabgelassen haben, in Zwei-Minuten-Statements um ihr Leben zu bitten, nicht gebührend Dank erwiesen hat. Besonders dem Herrn Altkanzler und den Millionen in der Heimat, die vor den Fernsehern bei Chips und Bier mit ihr gelitten haben.

Beckmann gibt sich alle Mühe, er baut Osthoff goldene Brücken, liefert ihr Vorlagen, aber sie beißt nicht an. Sie bebt nicht vor Ergriffenheit, sie findet das, was man für sie getan hat, völlig normal, weil sie es jederzeit für andere tun würde. Auf die Frage, ob sie andere warne, sagt sie bloß, es sei doch absolut selbstverständlich, Landsleuten zu helfen. Das Minimum. Auch wenn sie für den BND arbeiten, fragt Beckmann? Natürlich, sagt sie. Sie ist nicht geschmeidig genug, ihm ausdrücklich zu erklären, schließlich geht es hier um Menschen. Darum, Unglück zu verhüten.

Ja, sie ist nicht sonderlich geschmeidig, die Osthoff. Sie ist zu hart, zu direkt, zu wund. Zu echt für einen wie Beckmann. Sie will nicht gefallen. Sie will sich erklären, ihm das Erlittene, ihre Not, ihre Todesangst, ihren Schock und ihre Traumatisierung verständlich machen. Sie glaubt, das interessiere ihn. Sie denkt, deshalb habe er sie eingeladen. Sie bildet sich tatsächlich ein, er sei neugierig. Sie hat überhaupt nicht begriffen, wo sie sitzt und wozu sie hier sitzt. Denn Beckmann will nichts verstehen. Beckmann weiß alles längst. Ein Beckmann wird dafür bezahlt zu wissen, was zählt. Dankbarkeit für Gerhard Schröder. Und die vielen, vielen anderen, die daheim eine Kerze angezündet haben. Wie es sich anfühlt, wenn man mit einer Wumme an der Schläfe in den Staub gezwungen wird und hinterher blutend, geknebelt und mit Kabelbindern verschnürt stundenlang im heißen, stickigen Kofferraum eines wie irre hin und her schlingernden Fahrzeugs durch den Bagdader Bleiregen gekutscht wird, interessiert nicht. Ebenso wenig, wie es ist, über Stunden, Tage, Wochen gefesselt und frierend mit verbundenen Augen kniend auf Beton zu kauern, plötzlich in Autos gezerrt zu werden, nicht schlafen, reden, pinkeln zu dürfen. Das versteht er erst, wenn diejenige, die davon berichtet, genauso demonstrativ in die Kamera winselt wie die Plastikgeschöpfe, die sonst bei ihm hocken und sich ihr emotionales Repertoire im Fernsehen abgeguckt haben. Osthoff winselt nicht. Sie ist eine stolze Frau. Obendrein eine, die nicht lügen will. Selbst dann nicht, wenn Beckmann die mörderischen Spekulationen über ihre angebliche BND-Mitarbeit weiter auswalzt, und dabei so tut, als ob er nicht wisse, dass er sie damit in Lebensgefahr bringt. Sie ist ein beschädigter Mensch, ein Mensch, dem man versucht hat, die Würde zu nehmen, und der sich trotz mörderischer Widrigkeiten seine Würde bewahrt will. Keine Gebrochene, nur eine, die schwer verletzt ist, und immer noch steht. Zu sich und ihren völlig unmodernen Ehrbegriffen. So etwas kommt den Beckmännern selten unter. Das überfordert sie. Beckmann redet auf Osthoff ein, bedrängt sie, will endlich echte falsche Gefühle sehen, die Sorte stereotyper Bekenntnisse hören, die seine medienversierten Menschendarsteller ihm sonst so vorsetzen, ein paar Häppchen appetitlich zartrosa Frischfleisch, das, wonach sein Publikum lechzt. Osthoff kämpft mit den Tränen, aber sie bleibt tapfer. Ihr Widerstand ist ihm zutiefst suspekt. Er setzt seine Zauberworte ein, beschwört Mutter- und Tochterliebe, den Brief ihres Kindes, appelliert an ihr Selbstmitleid, ihre Rachegelüste. Osthoff bleibt stur. Sie schenkt ihm keine Schwäche. Sie ist viel zu verwundet, um sich derlei Luxus leisten zu können. Sie hat die Hölle hinter sich und sie steckt noch immer mittendrin. Sie redet um ihr Leben, ihre Würde, ihr Kind. Sie redet um ihr Seelenheil. Beckmann merkt es nicht. Er will es nicht merken, er muss sie klein machen, sie bewerten, sich selber erhöhen. Er will alles, außer sie verstehen.

Und dann, am Ende, als er sie nach ihren größten Wünschen fragt, völlig verhältnisblödsinnig, so, wie es eben nur einer fragen kann, der noch nie etwas entronnen ist, und so viel Herzenswärme wie ein Gefrierschrank besitzt, da spricht Osthoff von ihrer Liebe zu den Menschen und der Landschaft und der Natur und Gott, und der Schönheit dieser Menschen in dieser Landschaft und Natur. Sie wünscht ihnen Frieden, eben das, was sie sich selber ersehnt, was man ihr geraubt hat, und was man diesen Menschen täglich raubt, Menschen die sie liebt und mit denen sie leidet und für die sie kämpft, um ihrer selbst willen.

In diesem Moment ist alles gesagt. Wer verstehen will, kann jetzt verstehen, mit ihr empfinden, zur Kenntnis nehmen, dass sie ihre Entführer nicht hasst oder ihre Liebe für andere größer ist als ihr Hass, weil es im Irak eben nicht nur Blut und Gewalt und Vernichtung gibt, sondern offenbar auch Mut, Lachen und Wärme, eine Art Wärme, die Osthoff so nie in ihrer alten Heimat hat kennen lernen dürfen, obwohl es sie vielleicht sogar hier gibt. Bloß eben nicht bei Beckmann. Denn für den sind es die falschen Menschen, das falsche Land und der falsche Gott. Die Fronten müssen gefälligst klar bleiben. Ein deutsches Entführungsopfer hat Pflichten. Wir wollen hier keine Gefühlsduseleien über leidende Araberkinder oder die Magie des Orients oder einen Gott, der größer ist Beckmann.

In diesem Augenblick von Blöße und Hoffnung, wo Osthoff zum ersten Mal ihr Visier runterlässt, sich so zeigt, wie sie vielleicht auch sein kann, wenn man sie vorher nicht wochenlang durch die Mangel dreht, an diesem Punkt, wo jeder mit einem Gran Anstand den Mund hielte, fällt dem Tropf nichts Dümmeres ein als: "Sie wollen also doch zurück in den Irak."

Sauber. Auf den letzten Drücker. Überführt und abgeschossen. So tötet man die Freiheit im Namen der Freiheit. Erbarmungslos blind unter der Maske der Toleranz. Wir sagen alle artig Dankeschön für diese Lektion.