(Arbeitstitel)
Die Akteure:
Axel hockt gern vorm Computer
Dr. Julius Becker hat einen ungesunden Hang zu Seilschaften
Dietmar Berkenkopff wird sauer, als man ihn feuert
Lisa Berkenkopff merkt zu spät, was gespielt wird
Carlo besitzt Muskeln und Hirn
Conny kann mehr, als Labskaus kochen
Fabian schläft schlecht
Fräulein Jensen hat begnadete Waden
Goldlocke trägt teure Sonnenbrillen
Knut Görlich bleibt verschwunden
Dr. Richard Hinrichs taucht nur am Telefon auf
Jim mag keine Bigotterie
Jules mag Jim
Paul träumt von einer Harley
Lothar Paulsen fällt mehrmals aus allen Wolken
Dr. Britta Sommerfeld macht den Mund auf
Dr. Friedhelm Stumpke hat außerordentlichen Appetit
Gerda Stumpke erscheint nicht auf Familienfotos
„Rich relations may give you a crust of bread and such,
‘you can help yourself, but don’t take too much’,
mama may have, and papa may have,
God bless the child that’s got his own.“
Billie Holiday
1.
Daß ich in die Sache reingeriet, liegt an Max. Max lebt in Hamburg-Harvestehude und müßte inzwischen sieben sein. Vor etwas über einem Jahr habe ich ihn entführt, aus Sydney, über Bangkok. Meine Auftraggeberin war völlig verzweifelt. Deren Gatte hatte ihn sich beim Verlassen der gemeinsamen Wohnung angeeignet. Da die Ehe kinderlos geblieben war, hing sie an ihm. Ich fand raus, daß Max inzwischen in Australien wohnte, zusammen mit dem Ex und einer brasilianischen Tänzerin, die ungefähr drei Mal so alt der vermißte Rüde. Bei einem Morgenspaziergang durch Glebe lief er mir zu, beziehungsweise der läufigen Hündin nach, die ich von einem Züchter in Rockdale geborgt hatte. Acht Tage später tollte er wieder an der Alster. Die einzige Hürde waren seine Dokumente. Bis Max meinen Weg kreuzte, hatte ich keinen Schimmer, wie viele Impfzeugnisse ein Dobermann braucht, bevor er sich ins Flugzeug setzen darf.
Nach dem Studium bin ich jahrelang Taxe gefahren. Nachts, dann sind die Straßen leer. Ich hasse es, im Stau zu stehen, während nervöse Fahrgäste mir in den Nacken hecheln oder vor roten Ampeln alternative Routen vorschlagen, weil sie sich für besonders gewieft halten und glauben, man linke sie mit einer faulen Route ab. Doch auf die Dauer ödete mich auch das nächtliche Kutschen an. Als die Sache mit der Made passiert war, brachte mein Freund Axel mich auf die Idee.
Ich inserierte. Seither bin ich eine Art Wiederbeschaffer. Geht einem etwas flöten, das ihm teuer ist, hole ich es zurück, seien es Papiere, Perserkatzen oder Porsches. Ich springe ein, wo Behörden schlampen oder schnarchen, liefere unbürokratisch, zügig und einigermaßen legal. Außerdem koste ich nie mehr, als meine Klienten zahlen können. Der Bedarf ist überraschend groß. Dinge entwickeln in letzter Zeit einen starken Hang zur Mobilität. Ich kann davon leben, auch wenn sich zwei Drittel der Anfragen von vornherein erübrigen. Ich bin kein Leihmuskel oder Schuldeintreiber, zumindest nur selten. Es gibt Grenzen - der Moral, des Geschmacks und meiner Geldgier.
Das wußte Becker nicht. Er wußte nur von Max. Und daß ich mindestens schon einmal in Bangkok gewesen war.
Er rief an einem verregneten Mittwochvormittag an. Ich lag gerade in der Badewanne, beäugte Zehen und meditierte über die Symbiose von norddeutschem Wetter und protestantischem Charakter, als der schwarze Selbstanschließer von 1929 schrillte und mich so nackt wie naß ins schlecht geheizte Dasein riß. Ein soignierter Bariton mit dezentem Hamburger Akzent wollte wissen, ob ich einen gültigen Paß besäße und für ein paar Tage abkömmlich sei. Beides traf zu. Ob ich ihn umgehend in seiner Kanzlei aufsuchen könne? Es sei dringend.
Dreißig Minuten später stand ich in den Colonnaden.
Ich ziehe vor, Kunden auf ihrem Terrain zu begegnen. Dort sind sie in der Regel entspannter. Zur Not tut es auch ein Café. Meine Geschäftsräume machen nicht sonderlich viel her. Der Briefkasten, den jemand für mich leert, kostet mich im Monat zwei Scheine. Ich wohne woanders. Ansonsten gibt es Telefon und E-mail. Wer sich die Mühe macht, stöbert mich auf. Doch das dauert.
Dr. Julius Becker arbeitete ohne Sozius. Wenigstens nannte das Messingschild an der Straßenfront keinen Partner. Sein Büro lag im zweiten Stock und duftete nach Geld. Eine blonde Endzwanzigerin, die mit gelungenen Schenkeln grauen Tweed wölbte, führte mich durch eine Flucht heller, modern eingerichteter Räume ins Zimmer ihres Chefs.
An Deck des niedlichen Schlachtschiffs, das ihm als Schreibtisch diente, saß ein schlanker, silbern ergrauter Mittfünfziger und teilte Geheimnisse mit einem Diktaphon. Als ich eintrat, orderte er schwungvoll Kaffee und kam mir mit ausgestreckter Hand entgegen. Er besaß auffallend helle Augen, wie ein Husky, und trug genau den Hauch Sonnenbräune im Gesicht, den man sich bei gelegentlichen Wochenenden in Nordfriesland holt. Jackett und Binder verrieten gediegenes Understatement. Konservativ und britisch. Oder zumindest das, was Hanseaten dafür halten.
Um ihn herum wütete Tradition. Hinter dem Schreibmöbel beeindruckten tonnenschwere Bücherschränke aus gebeizter Eiche. Ein Janssen hing an der Wand, als gezähmte Konzession an etwaige Nostalgien seiner Klienten, abgemildert von drei Stichen mit Jagdszenen, vermutlich Englisch, spätes achtzehntes Jahrhundert. Das Fischgrätenparkett ertrank unter einem üppigen Buchara. Knapp vier Meter darüber schwebte eine dunkle Kassettendecke. Wen dieser Raum nicht erschlug, der erlag seinem Charme.
Becker strahlte mit jeder Pore Tatkraft, Kompetenz und Solidität aus. Selbst das Lächeln wirkte echt. So wie die Brücke in der rechten Seite des Oberkiefers. Nahezu perfekt. Sein Rasierwasser war unaufdringlich, der Händedruck fest. Eine Art stählerner Abiturient. Oder ewiger Oberstleutnant. Viele Hamburger stehen auf diesen Typ. Auch in Zivil.
„Wollen wir uns nicht setzen?“
Der Vorschlag kam, noch während er meine Hand drückte. Dabei legte er mir die Linke auf den Oberarm und schob mich in Richtung eines der drei Clubsessel, die als Inselgruppe um einen niedlichen Rauchertisch auf dem Buchara dümpelten. Teures Rindsleder knirschte. Sekunden später erschien die Sekretärin, in den Händen ein Tablett. Das parkte sie auf dem Tischchen und machte Anstalten, zwei Tassen zu füllen.
„Danke, Frau Jensen, wir schenken uns selbst ein.“
Als sie im Abgehen schwingende Kurven bot, wandte er sich mit einladender Geste wieder an mich: „Bitte.“
Damit meinte er leider bloß den Kaffee. Ich nahm mir und zückte ein Pack Prince.
„Okay?“
„Sicher.“
Er lehnte sich zurück, griff zum Telefon. Frau Jensen apportierte einen kristallenen Totschläger für die Asche und entschwebte. Er musterte mich lächelnd. Ich ließ mein Wegwerffeuerzeug aufflackern, sog am Filter, wartete.
„Ich habe es mir vor einigen Jahren abgewöhnt“, bemerkte er. „Aber es stört mich nicht...“
Für einen, dessen Zeit so teuer war, wie das Ambiente suggerierte, ging er sehr großzügig damit um. Daß er dafür bezahlt wurde, zuzusehen, wie ich meine Bronchien belastete, konnte ich mir nicht vorstellen. Also fragte ich:
„Worum geht’s?“
Er räusperte sich.
„Eine Familienangelegenheit. Ich vertrete Frau Christine Paulsen. Ihr Mann ist vor vier Tagen aus einer Privatklinik bei Glinde verschwunden, die er wegen eines Alkoholproblems aufgesucht hatte. Vermutlich hält er sich jetzt in Thailand auf. Montagabend jedenfalls bestieg er die Maschine nach Bangkok.“
„Wissen Sie, weshalb er nach Thailand wollte?“
Er wog bedauernd die Hände.
„Nein. Nur, daß er noch nie in Asien war.“
Ein Säufer hält sich meist in der Nähe der Tränke auf. Dummerweise brachte diese Erkenntnis wenig. In Bangkoks Bars können ganze Armeen versacken. Dauerhaft.
„Warten Sie, bis er kein Geld mehr hat. Wenn er durstig ist, wird er sich schon melden.“
Es sei denn, er faulte längst irgendwo in der Gosse. Gefleddert.
„Vielleicht trinkt er auch gar nicht mehr so viel. Er ist immerhin vier Wochen lang therapiert worden.“
„Wie darf ich das verstehen?“
Entweder der Anwalt hatte sehr sonnige Vorstellungen von Alkoholismus, oder Paulsen war nicht süchtig.
„Ziehen Sie einfach die Möglichkeit in Betracht, daß er nichts mehr trinkt. Sein Arzt sagte mir, das sei letztlich nicht das zentrale Problem gewesen.“
„Was dann?“
Er lächelte verbindlich.
„Daß der Mann ohne jede Nachricht fort ist und meine Mandantin sich große Sorgen um ihn macht. Über alles andere brauchen Sie sich wirklich nicht den Kopf zu zerbrechen.“
Das war die gelbe Karte. Entweder hielt er mich für einen Trottel oder wollte meine Reaktion testen. Auf die plumpe Tour.
Doch ich wandte nur ein: „Bangkok ist groß...“
Da er nichts sagte, schob ich nach: „Die Chancen, ihn zu finden, sind praktisch Null.“
Er bleckte den gelungenen Zahnersatz.
„Sie genießen den Ruf, sehr effizient zu sein.“
Da Anwälte es oft mit eitlen Menschen zu tun haben und schlechter Umgang abfärbt, beschloß ich, es nicht persönlich zu nehmen. Zumindest nicht sehr.
„Ach ja? Bei wem?“
„Unter anderem bei der glücklichen Besitzerin von Max.“
Ich dachte an die sympathisch adipöse, nicht vorschriftsmäßig mager gehungerte Mittvierzigerin aus der Magdalenenstraße, die trotz ihres Geldes keine der prätentiösen Neigungen pflegte, mit denen Reiche oft weniger Betuchte quälen, und hätte gern gewußt, welcher meiner Kunden mich ihm noch empfohlen hatte. Falls überhaupt.
„Da war es eine reine Kostenfrage. Hier läuft es auf einen Ausflug ins Blaue hinaus. Sie wären besser beraten, eine Weile abzuwarten. Bis er mit Plastik zahlt.“
„Gewiß“, seufzte er. „Dazu fehlt uns allerdings leider die Zeit. Jetzt besteht vielleicht noch eine Chance, ihn zu finden. Sobald er Bangkok verläßt, ist es dafür vermutlich zu spät.“
Er ließ seine letzten Worte sacken, deutete ein Räuspern an und legte nach:
„Mein Vorschlag: Sie fahren nach Thailand, tun sich dort acht bis zehn Tage um. Sollten Sie ihn finden, brauchen Sie uns bloß seinen Aufenthaltsort mitzuteilen. Um alles Weitere kümmere ich mich dann selbst. Für jeden Tag, von heute an gerechnet bis zu ihrer Rückkehr, bieten wir Ihnen tausend Mark, plus Spesen. Machen Sie ihn ausfindig, winken zehntausend zusätzlich. In Bar. Sie verreisen und sperren ein wenig die Augen auf. Nun? Was sagen Sie?“
Sein Blick wirkte offen, die Stimme überraschend warm. Ein Profi, der bei Plädoyers die Herzen der Beisitzer zu rühren verstand und gewohnt war, keine lästigen Widerworte zu ernten. Also sagte ich fünfzehnhundert, obwohl ich den Riesen schon ziemlich freigiebig fand. In Anbetracht der Erfolgsaussichten. Wir einigten uns auf dreizehn.
„Schön, daß Sie es versuchen wollen...“
„Möglicherweise“, bremste ich ihn.
„Frau Paulsen sorgt sich um ihren Gatten...“
„Warum sagt sie mir das übrigens nicht selbst?“
„Sie ist leider verhindert.“
Seine Stimmbänder raschelten bemüht.
„Ich habe alle Informationen, die Sie brauchen.“
Er schürzte die Lippen und schenkte mir wieder eines von den perfekten Lächeln. Die mußte er im Dutzend eingekauft haben. Oder seine Brücke war brandneu und er probierte noch ihren Effekt aus.
„Können Sie das Rätsel für mich lösen?“
„Welches?“
„Das ihrer Abwesenheit.“
Er grunzte irritiert.
„Nun, ich vermute, sie hat Termine.“
„Die kann man verschieben.“
„Sie hat vier Kinder. Die wollen versorgt sein...“
Es war an der Zeit, etwas klarzustellen. Denn den Job anzunehmen, selbst wenn er goldig bezahlt wird, ohne daß einem der Auftrag einleuchtet, ist das beste Rezept, um hinterher dumm dazustehen. Falls man dann noch stehen kann.
„Sollte Ihnen daran liegen, daß ich für Sie arbeite, können wir uns Spielchen sparen. Entweder Sie reden Klartext. Oder wir lassen es.“
Damit drückte ich meine Zigarette aus und steckte die Prinzen ein.
„Nun gut. Ich will ganz offen mit Ihnen sein...“
Die Ansage, sich beim Lügen etwas mehr Mühe zu geben, kam in Kombination mit einem Hüsteln.
„Es ist alles ein wenig komplizierter, als es auf den ersten Blick aussieht. Frau Paulsen hat viel mitgemacht. Sie bot ihr Erscheinen zwar an, signalisierte mir jedoch, daß sie nur ungern über die bedauerlichen Vorgänge der letzten Monate spricht...“
„Wovon ist die Rede?“
„Der Krankheit ihres Mannes...“
Er atmete durch und wechselte das übergeschlagene Bein.
„Herr Lothar Paulsen leidet unter schweren psychischen Störungen. Nach seiner letzten Krisis begab er sich daher in stationäre Behandlung zu Professor Reinhard Rombach. Der leitet den ‘Eichengrund’ bei Glinde.“
„Wer ist Rombach?“
Sagt Ihnen der Name wirklich nichts?“
Der Anwalt tadelte mich mit einem verwunderten Schmunzeln. Ich verneinte.
„Er ist eine der Koryphäen der deutschen Psychiatrie. Hat sich vor drei Jahren aus dem universitären Bereich zurückgezogen und widmet sich seither ausschließlich der Praxis. Doch da er ab und an in den Medien auftaucht, hatte ich vermutet...“
„Ich hasse Talkshows.“
Das ließ sein Grinsen absterben. Er räusperte sich.
„Jedenfalls diagnostizierte er bei Herrn Paulsen eine akute Katathymie.“
„Eine was?“
„Katathymie...“
Ich verstand bloß, daß Paulsens offenbar schon mehrere Krisen hinter sich hatte, die nicht unbedingt auf sein Saufen zurückzuführen waren. Außerdem versuchte Becker mich mit bedeutenden Namen zu beeindrucken und knallte mir Medizinergriechisch vor den Latz. Bloß wozu? Profis drücken sich verständlich aus. Das unterscheidet sie von Fachidioten und Schaumschlägern. Entweder er streute Nebelkerzen oder bohrte dünne Bretter.
„Das sind erlebnisreaktive Wahnvorstellungen“, erläuterte er eben. „Ausgelöst durch bestimmte Reize kann der Erkrankte nicht mehr zwischen Realität und Phantasie unterscheiden. So hat Professor Rombach es mir erklärt. Ein Normalsterblicher würde vermutlich von Paranoia sprechen.“
„Seit wann?“
„Das weiß niemand genau. Meine Mandantin beobachtete die ersten Symptome Anfang November letztes Jahres. Da warf er ihr plötzlich vor, ihn zu betrügen. Zunächst glaubte sie, er scherze, schließlich hatte er in den knapp elf Jahren ihrer Ehe nie irgendwelche Anzeichen von Eifersucht an den Tag gelegt. Doch er verrannte sich in immer groteskere Hirngespinste. Bald bezog er auch die Kinder mit ein, stiftete sie sogar dazu an, der eigenen Mutter nachzuspionieren. Alles, was sie ihm über sie erzählten, selbst harmloseste Nebensächlichkeiten, münzte er in Beweise ihrer Untreue um. Es muß absolut traumatisch für sie gewesen sein. Noch heute fällt ihr schwer, überhaupt darüber zu sprechen...“
„Warum hat sie ihn nicht verlassen?“
„Elf Jahre Ehe wirft niemand leichtfertig fort. Außerdem gab es zwischendurch wohl immer wieder lichtere Momente, in denen er seine Vorwürfe zurücknahm, sich bei ihr entschuldigte und vorschlug, gemeinsam einen Therapeuten aufzusuchen.“
Ein paar Sekunden lang beschäftigte er sich gedankenverloren mit seiner Tasse, bevor er aufsah und mich wieder fixierte.
„Sehen Sie, die Frau liebt ihren Mann. Trotz allem, was er, beziehungsweise seine Krankheit, ihr angetan hat. Ich vermute überdies, daß sie sich heute, wo sie weiß, was die Schrecken der letzten Monate verursacht hat, mehr an ihn gebunden fühlt als je zuvor...“
„Und?“
„Irgendwann hielt sie es schließlich doch nicht mehr aus und zog mit den Kleinen zu ihren Eltern. Das war Mitte Januar. Wahrscheinlich löste die Trennung bei ihm einen Schub aus. Immer wieder rief er bei ihr an, verfolgte sie, belagerte sie Tag und Nacht. Sagte, er wolle seine Kinder sehen, fing sie nach der Schule ab. Drohte ihr mit Gewalt.“
„Was macht er beruflich?“
Seine Stimme blieb beiläufig.
„Er ist Kraftfahrzeugmechaniker. Beim Hamburger Verkehrsverbund.“
„Wie bitte?“
Einen Moment lang drohte mein Unterkiefer auf Wanderschaft zu gehen. Kein Automechaniker verdient so viel, daß seine Gattin sich einen Anwalt wie Becker leisten kann. Ohne regelmäßige Erbschaften, Lottogewinne, Heroinhandel oder Bordellbesitz.
Der Anwalt verzog die Lippen, amüsiert über den Effekt seiner Enthüllung.
„Ihr Herr Vater unterstützt sie hier und da.“
„Ach so. Der hat.“
„Ja.“
„Darf ich fragen, wie er heißt?“
„Friedhelm Stumpke.“
„Muß ich den auch kennen?“
Er lächelte, entspannter jetzt.
„Ich denke, solange Sie kein Vieh mästen, nein. Herr Dr. Stumpke ist Tierarzt. Unter Züchtern im norddeutschen Raum genießt er einen ausgezeichneten Ruf.“
Ein kleines, dazwischengeschobenes Räuspern. Becker zählte zu den Leuten, die dauernd belegte Zäpfchen haben.
„Wir sind seit über zwanzig Jahren befreundet. Hier und da fungiere ich als sein Rechtsberater.“
„Daher das Mandat seiner Tochter?“
Er nickte knapp.
„Wann hat sie Sie bemüht?“
„Im Januar. Ich erwirkte eine einstweilige Anordnung gegen ihren Mann. Sie wollte keine Scheidung. Das ich schlug ihr zwar vor, aber sie lehnte ab. Es ginge ihr ausschließlich um die Kinder.“
Er hüstelte.
„Herr Paulsen behauptete, sie hätten den Wunsch, bei ihm zu bleiben. Weil er bereits einmal in die Psychiatrie hatte eingeliefert werden müssen, sah ich mich gezwungen, das Familiengericht zu bemühen...“
„Wann?“
„Mitte Januar, glaube ich...“
„Parallel zum Auszug seiner Frau und der Kinder?“
Er nickte.
„Nach einem Gespräch mit Frau Paulsen und ihrem Gatten Ende Januar habe ich dann noch einmal geschrieben. Ich begegnete einem zutiefst gestörten Menschen, der dringend in Therapie gehörte.“
„Wie hat das Gericht entschieden?“
Becker gönnte sich ein schmallippiges Lächeln.
„Gar nicht. Ein paar Wochen später zog sie zurück zu ihm...“
Er hatte mir nicht zuviel versprochen. Es klang in der Tat ein wenig komplizierter, als es auf den ersten Blick schien.
„Wie landete Paulsen schließlich in der Klinik?“
„Indem es so kam, wie es kommen mußte. Nach einer Phase vorübergehender Besserung verschlechterte sich sein Zustand wieder. Er war nach wie vor ein sehr kranker Mann. Als er dann schon bei Rombach war, warf er ihr vor, sie habe versucht, ihn mit Psychopharmaka um den Verstand zu bringen. Die Versöhnung sei ein abgekartertes Spiel gewesen, um besser an ihn heranzukommen...“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Ihr Ziel sei, ihn mit Drogen in den Wahnsinn zu treiben...“
Er sah mich einen Moment lang an, als prüfe er, ob ich seine Gefühle teile.
„Ich kenne Frau Paulsen. Sie ist sozusagen der Prototyp der treusorgenden Ehefrau und Mutter...“
Sein Ausatmen kam hörbar.
„Sehen Sie, mein Beruf bringt es mit sich, daß man Leute einschätzen lernt. Natürlich habe ich im Laufe meines Lebens Fehler gemacht und mich ab und an getäuscht, aber im Großen und Ganzen darf ich von mir sagen, daß ich über eine einigermaßen solide Menschenkenntnis verfüge...“
Ein kurzes Zögern.
„Diese Frau in der Rolle der arglistigen Giftmischerin zu sehen, übersteigt wirklich alles, was meine Vorstellungskraft zu leisten vermag...“
Auf einmal wirkte er ratlos und müde. Gar nicht mehr wie der muntere Macher aus Stahl. Entweder die Sache ging ihm tatsächlich nahe. Oder er verdiente für die letzten neunzig Sekunden einen Oscar.