Vorspiel
I.
Die Straße windet sich durch den Geestrücken über der Elbe. Hinter den Bäumen am Hang schimmert der Fluss, ein silbriges Band zwischen dem Ocker der Sandbänke und satten Grün der Marsch. Flieder blüht. Der Frühling bricht sich Bahn. Doch er hat wenig Sinn für die Reize der Natur. Er fährt die Strecke täglich, das nutzt die pastorale Idylle ab. Außerdem ist er in Eile.
Ungefähr einen Kilometer vor der Kurve läuft ein Rucken durch die Lenkung. Er versteift instinktiv die Arme, aber belächelt sofort die eigene Nervosität. Vermutlich nur eines der vielen Schlaglöcher. Schließlich hat er die Bremsen erst gestern nachgesehen. Seit der Eskalation des Konflikts ist er total überreizt. Höchste Zeit, dass er die Sache hinter sich bringt. Er gibt wieder Gas. Das tut gut. Nimmt den Druck. Sein Trommelfell vibriert, als der Motor aufröhrt und ihn in den Sitz presst. Er liebt diesen Klang. Es ist furioses, kaum bezähmtes Grollen, hungrig und energiegeladen, wie das einer echten Raubkatze. Seine Finger gleiten über das Lenkrad. Früher konnten die Briten eben noch richtige Sportwagen bauen.
„Relax, baby“, murmelt er. „Bald hast du’s geschafft.“
Er sucht sich wieder auf die Musik zu konzentrieren. Glenn Gould ist gerade bei der Pathetique angelangt. Die erinnert ihn immer an seine erste Nacht mit dem hohen C. Damals hat sie auch diese Sonate aufgelegt und ihm erklärt, sie hielte Ludwig van für wesentlich erotischer als Chopin.
Er entsinnt ihr laszives Lächeln, den Duft ihrer Haare, das schwere Parfüm und die Laute, die sie dann machte, später, nachdem sie ihn bestiegen hatte, ihr Becken über ihm kreiste, bis ihr Atem in kehliges Stöhnen überging, ihre Schenkel erstarrten, sie den Oberkörper zurückwarf und es lang gezogen aus ihr hervorbrach. Deshalb hat er sie so getauft.
Er fühlt, wie das Blut ihm ins Glied schießt. Wart’s ab, denkt er. Wir sind nicht fertig miteinander. Aus dir locke ich noch ganz andere Töne ‘raus.
Ein Schlag vorn rechts unterm Kotflügel lenkt ihn für Sekundenbruchteile ab. Wohl nur ein Zweig. Er versinkt wieder in der lieblichen Heiterkeit des Adagios, das nach der Wucht des Grave beinahe seicht dahin plätschert, stellt sie sich vor, auf dem Bauch liegend, die makellos gebräunten Beine leicht gespreizt, während seine Zunge ihre Waden erkundet.
Hinter der Biegung kommt die Kurve kommt in Sicht. Der Asphalt wird abschüssig. Er will gerade runterschalten, um das Tempo zu drosseln, als der Jaguar ins Schlingern gerät. Verflucht, doch die Lenkung. Wieso? Egal. Er muss den Wagen abfangen oder er schmiert da vorne raus. Bäume, dann gleich die Böschung. Fraglich, ob das Chassis das durchhält. Mit verzogenem Rahmen ist der XK Schrott. Sechzigtausend im Eimer. Er tritt das Bremspedal bis Anschlag durch. Brandneuer Hartkautschuk, vor drei Wochen frisch aufgezogen, für fast hundertfünfzig pro Reifen, krallt sich kreischend in den Asphalt. Aber er spürt, der XK ist zu schwer. Seine Hände krampfen um das Lenkkrad. Gib’, dass es bei der Karosserie bleibt, betet er, die kann man richten.
In dem Moment löst sich das rechte Vorderrad. Für zwei Sekunden klemmt es noch verkeilt im Kotflügel, dann schießt es durch die Luft. Die optische Information ist so grotesk, dass sein Verstand sich sträubt, sie zu verarbeiten. Der Jaguar scheint zu zögern, taumelt in der Schwebe, bevor er vornüber krängt und zahllose Stunden Mühe und Fleiß in einem triumphalen Funkenregen auf dem Rollsplitt verglühen.
Mein schöner XK, durchzuckt es ihn empört. Welcher Teufel hat da seine Finger im Spiel? Die Frage ist die Antwort. Nein, schreit es in ihm. Das kann nicht sein. Wie hätte er das einfädeln sollen? Doch es geschieht, es geschieht wirklich, und er begreift, dass sein Trotz müßig ist. Ein unsichtbarer Riese hat den Jaguar gepackt und lässt ihn wie einen Kreisel über den Asphalt tanzen. Dann kehrt Stille ein. Alles ist verlangsamt. Der Horizont beginnt sich zu drehen. Ich überschlage mich, denkt er. Mein Gott. So ist das also. Völlig absurd. Staunend registriert er das lichte Grün des zarten Laubs, die in buntem Grau badenden Wolken. Wieso hat er diese Fülle nie zuvor wahrgenommen? Welche Verschwendung, sie ihm erst jetzt zu zeigen.
II.
Durch die Glaswand hinter den Monitoren sieht er, wie die Schwester ihm zunickt. Alles ist bereit. Sein achter Eingriff heute. Drei Minuten zuvor haben die Pfleger den Patienten von der Rollbahre auf den Tisch unter dem schwenkbaren Röntgengerät gehoben. Inzwischen ist er an das Elektrokardiogramm und den Blutdruckmesser angeschlossen. Ein steriles Tuch bedeckt seinen Körper, bloß der Kopf und die Haut in der rechten Leistenbeuge sind frei, wo die Assistentin eben nach der Beinschlagader tastet. Hat sie die Arterie gefunden, kann das Gefäß punktiert werden, um die Schleuse zu legen, durch die er dann die Katheter zum Herzen schieben wird.
Er macht einen letzten Check. Der Mann hat keine Allergien, seine Nierenwerte und die Schilddrüse sind in Ordnung. Also besteht kein Risiko, durch das Kontrastmittel eine thyreotoxische Krise auszulösen. Im Aufstehen zupft er sich den linken Gummihandschuh zurecht und strafft seine Schultern. Die Bleischürze, die er unter dem Kittel trägt, spürt er kaum. Er spielt Tennis und schwimmt. Täglich tausend Meter.
Fünf Sekunden später sitzt er neben dem Patienten und fragt ihn, wie er sich fühlt. Vor Untersuchungen fragt er die Leute grundsätzlich, wie sie sich fühlen. Nicht, dass ihre Antwort ihn interessierte, aber er weiß, dass es sie beruhigt. Laut Bericht des überweisenden Kollegen klagt der Mann über Atemnot und Stiche im Brustbereich: Angina pectoris. Durchblutungsstörungen des Herzmuskels. Die schmerzhaften Vorboten des Infarkts. Ziemlich unangenehm. Doch seine Anteilnahme hält sich in Grenzen. Die meisten, die hier liegen, sind selber schuld. Sie haben ihren Organismus jahrzehntelang mit Alkohol, Nikotin und Kaffee traktiert, zu viel und zu fett gegessen, sich selten oder nie bewegt. Wider besseres Wissen. Gegen alle Warnsignale. Bis ihr System streikt. Wenn sie Glück haben, landen sie auf seinem Tisch, bevor der Notarzt den Totenschein ausstellt. Flehen ihn mit großen Augen an. Wie das Wohlstandswrack hier, das aussieht wie Mitte sechzig, aber erst dreiundfünfzig ist. Das Antlitz des Mannes glänzt teigig.
„Den Umständen entsprechend, Herr Professor“, stammelt er.
Nachdem er seine Gesundheit erfolgreich zugrunde gerichtet hat, darf die Medizin nun zaubern und ihm Absolution erteilen. Das Mittelalter nannte Völlerei noch eine Todsünde. Die Neuzeit ist da wesentlich dezenter. Sie spricht nur von Zivilisationskrankheiten. Die lassen sich kurieren. Zumindest symptomatisch.
Die Stimme des Mannes bebt beim Sprechen. Trotz der Sedativa. Er ist den Ton gewöhnt. Die übliche Mischung aus Ehrfurcht und Angst. Der Mann erhofft sich ein Wunder. Von ihm. Und er wird dieses Wunder bewerkstelligen, so wie er es schon ungezählte Male bewerkstelligt hat. Denn das ist sein Job. Er ist ein Virtuose auf seinem Gebiet, ein moderner Schamane, der die Folgen von vierzig Jahren Rauchen in dreißig Minuten beseitigt.
„Keine Sorge“, erklärt er milde. „Das wird wieder. In spätestens einer dreiviertel Stunde sind Sie so gut wie neu.“
Der Patient versucht ein tapferes Grinsen. Es missrät zur grotesken Fratze. Im Liegen ist sein Gesichtsfleisch nach hinten gesackt, bis an die zu groß geratenen Ohren. Er wendet sich ab. Sein Blick flieht auf die fünf Bildschirme, die über ihm hängen. Einer davon registriert Blutdruck und Herzfrequenz. Auf den vier übrigen wird er gleich erkennen, wo sich Ablagerungen in den Arterien festgesetzt haben, sobald er das Pedal zu seinen Füßen drückt und der Röntgenfilm läuft.
Für eine Routineuntersuchung braucht er drei Katheter. Bedrohlich verengte Partien weitet er dann indem er einen länglichen Ballon an die kritische Stelle bugsiert, den er aufpumpt, bis die Ader sich dehnt. Oder er setzt Stents, Rundgitter, die von Innen gegen die Gefäßwand drücken. Perfekt ist keine der Techniken. Doch wie nachhaltig der Eingriff das Organ funktionsfähig hält, hängt nicht von ihm ab. Zunächst mal rettet er Leben. Das zählt. Außerdem zahlt die Kasse für jede Intervention einen Pauschalsatz von 3600 Euro. Bei der entsprechenden Indikation. Und bei ihm gibt es eigentlich immer eine Indikation.
„Na, dann wollen wir mal.“
Er nickt der Schwester zu und hebt die Hände. Sie streift ihm den Mundschutz über. Die Haut über der Leiste ist desinfiziert und betäubt. Als die Kanüle in das Gefäß dringt, quillt seitlich etwas Blut hervor.
Im Vorzimmer seines Büros hält derweil die grauhaarige Sekretärin den Telefonhörer ans Ohr gepresst. Sie hat sich von ihrem Schreibtisch abgewandt und starrt mit leerem Blick auf den Christstern, der unzeitgemäß auf der Fensterbank blüht.
„Gewiss“, sagt sie gerade. „Ich werde dem Herrn Professor sofort Bescheid geben. Danke, dass Sie uns gleich benachrichtigt haben.“
Als sie auflegt, zittert ihre Hand.
1.
Der schwarze Springer fegte den weißen Läufer beiseite und bedrohte meinen König und die Dame.
„Schach“, sagte Axel schmatzend, streichelte sich den Ziegenbart und lächelte mir über seine Kompottglasbrille zu. Etwa so, wie andere eine Fliege anlächeln, der sie beide Flügel ausgerissen haben. Er lehnte sich zurück wippte selbstgefällig auf seinem Drehstuhl. Das ist das Möbel, mit dem er zwischen Computer, Herd und Tisch pendelt. Den faltbaren Rollstuhl benutzt er nur, wenn er ausgeht.
Axel und ich wohnen im selben Haus. Er im Erdgeschoß, ich drei Stock darüber. Ursprünglich waren wir bloß Nachbarn. Dann passierte die Sache mit der Made und er schlug mir vor, unsere Fähigkeiten zu kombinieren. Seitdem sind wir Partner. Seine Küche dient uns als Büro.
Wir betreiben eine Art Wiederbeschaffungsservice. Kommt Leuten etwas abhanden, können sie uns heuern und wir forschen für sie nach. Werden wir fündig, schalten wir die Behörden ein oder kümmern uns selbst. Wir ermitteln ausschließlich privat. Das vereinfacht das Abrechnen. Obwohl wir nirgends inserieren und nur von Empfehlungen leben, haben wir in der Regel genügend zu tun. Leider gibt es keine Regel ohne Ausnahme.
Unser letztes Projekt hatte ich Ende Januar am Rand des Freihafens in den Schnee gesetzt, als ich zwei Holländer observierte, die antike Möbel aus einer Villa am Leinpfad gestohlen hatten. Ich folgte ihnen bis zu einem Lagerschuppen auf den Reiherstieg, wo ihr Abnehmer wartete. Dort erst dämmerte mir, dass sie die Antiquitäten offenbar umgehend zu verschiffen gedachten. Damit hatte ich nicht gerechnet. Entweder ich verzichtete auf unseren Finderlohn oder ich improvisierte. Mittlerweile bin ich vierzig. Das ist ein Alter, in dem man zu seinen Fehler steht oder sich vor den Fernseher verabschiedet. Also marschierte ich rein. Dummerweise hatte den vierten Mann übersehen. Der trug ein Kantholz. Als ich wieder zu mir kam, lag ich mit dröhnendem Schädel auf dem vereisten Vorplatz, um mich herum nichts als frostige Leere.
Seitdem herrschte Ebbe. Kaum Anfragen, keine Aufträge und alle Konten im Minus. Langsam wurde es eng. Axel brütete, was sich noch versilbern ließ, während ich erwog, wieder Taxi zu fahren. Dazu muss man wissen, dass ich mich elf lange Jahre damit durchgeschlagen habe, und zwar vor, während und nach dem Studium. Es gibt wenig, wovor mir mehr graut, als mit zehn Litern Wasser für die Abkotzer und einem Stapel Adressen für die Freier von auswärts über das nächtliche Stadtpflaster zu kreisen und mir das geballte Elend der Spaßgesellschaft einzuladen. Fast alle Fahrer von früher, die den Absprung nicht geschafft haben, sind inzwischen verblödet, verbittert oder auf Pille. Mit einer Ausnahme, aber der ist keine, weil er inzwischen selber einen Betrieb hat und sich nur selten hinters Steuer setzt.
Nun glotzte ich auf die vierundsechzig magischen Felder und rechnete Züge durch. In den letzten drei Monaten hatte ich häufiger auf dieses Brett gestarrt und gehofft, dass endlich irgendwer anrief.
Ich mag, was ich tue. Grundsätzlich zumindest. Es hat mehr Witz als das allermeiste, womit verkrachte Akademiker sich sonst so durchschlagen. Wenn uns gelingt, einem betrügerischen Bankrotteur den Gegenwert seiner S-Klasse aus den Rippen zu leiern, fühle ich mich fast wie Robin Hood. Archive waren noch nie meine Welt und für fesche Start-Ups muss man anders gestrickt sein. Axel ging es da ähnlich. Am Computer ist er unschlagbar, ein brillanter Bruder Tuck im Zombie Zoo des Shareholder Forests. Draußen ist er für die Mehrzahl bloß ein stotternder Spastiker mit schiefem Rücken und vier Dioptrin Gläsern, der bestenfalls in eine Behindertenwerkstatt gesperrt gehört.
Der Ausgang der Partie war absehbar. Ich bin kein übler Spieler, aber Axel erinnert nicht nur alles, was er mal gelesen hat, er kann auch zahllose Züge speichern, so dass es einigermaßen müßig ist, überhaupt gegen ihn anzutreten. Doch sobald er anfing, halblaut murmelnd durch die Küche zu rollen, Mahnungen zu wälzen oder ratlos in seinen Bildschirmschoner hinein zu meditieren, wurde es Zeit. Schach lenkte ihn ab.
„Los Puppe, spiel ne Karte.“
Da schellte das Telefon. Sein Grinsen erlosch. Ich fuhr hoch. Er war schneller. Mit einer abrupten Wendung schwang er den Drehsessel herum und grapschte nach dem Apparat. Er lauschte gebannt, dann wich der Elan auf seinen Zügen Ernüchterung. Er schaltete auf Raumempfang und reichte mir den Hörer.
„Steinhausen.“
Stephan Steinhausen war Journalist und arbeitete für die Berliner Zeitung. Wir kannten uns seit Ende der Neunziger, als ich es mit einem Holsteiner Tierarzt zu tun hatte, der in großem Stil Hormone verschob und englische Risikorinder eindeutschte. Steinhausen wusste über die Praktiken an Holsteiner Schlachthöfen Bescheid und verschaffte mir Kontakt zu einer Veterinärin, die mutig genug war, den Mund aufzumachen. Ich revanchierte mich bei ihm mit einem Dossier über den korrupten Viehdoktor und dessen Hintermänner. Seitdem tauschten wir uns regelmäßig aus. War er in Hamburg, kam er vorbei. Musste ich nach Berlin, nächtigte ich gelegentlich auf seiner Charlottenburger Couch.
„Stephan“, frohlockte ich. „Schön dich mal wieder am Ohr zu haben.“
„Dito. Störe ich?“
„Leider nein.“
„Leider?“
„Sonst würden Scheine rascheln. Wenigstens schenkst du meiner Dame noch eine Galgenfrist.“
„Welcher Dame?“
„Weiß. Auf C4.“
„Schach?“
„Axel behauptet, das sei gut für meine grauen Zellen. Ich halte es da eher mit Ray Chandler. Der hielt es die größte Verschwendung menschlicher Intelligenz außerhalb einer Werbeagentur.“
„Ah ja.“
„Worum geht’s?“
„Einen Gefallen. Ich hänge hier fest. Kannst du ein paar Unterlagen für mich abholen? Drei Stunden. Länger dauert es hoffentlich nicht.“
Axel schielte gequält. Ich zuckte die Achseln.
„Was für Unterlagen?“
„Sagt dir das Herzzentrum Hitzacker was?“
Axel nickte und flüsterte halblaut, es handele sich um eine Spezialklinik für Kardiologie.
„Vage“, sagte ich. „Axel ist im Bilde.“
Steinhausen räusperte sich.
„Ein Arzt hat von dort hat mich angesprochen. Er ist Chirurg. Du weißt doch, dass ich gelegentlich auch für Fachjournale schreibe…“
In seine Worte mengte sich das Kreischen einer Straßenbahn. Offenbar rief er von der Redaktion aus an. Die lag Ecke Karl Liebknecht Straße und guckte auf den Alexanderplatz.
„Er sagt, dass da bei Angioplastien gepfuscht wird.“
„Angioplastien?“
„Eingriffen mit Herzkathetern. Angeblich sparen sie an Hygiene und rechnen falsch ab. Offenbar geht es um viel Geld. Er sprach von Beträgen in Millionenhöhe. Es sei ein himmelschreiender Skandal. Er hat alles dokumentiert und will, dass ich die Sache publik mache. “
Ich hörte, wie Steinhausen sich eine anzündete. Er rauchte Gitanes. Ohne Filter.
„Wo liegt das Problem?“
„Er will seine Papiere nicht der Post anvertrauen.“
„Es gibt Faxe und Kurierdienste.“
„Das ist für ihn das gleiche.“
„Warum besucht er dich nicht in Berlin?“
„Er kann da nicht weg. Außerdem hat er die Hosen voll. Er glaubt, dass man ihn überwacht. Ein Typ, der als Reporter auftrat, hat versucht ihn auszuhorchen.“
„Wer soll dahinter stecken?“
„Sein Chef. Mit dem hat er sich wegen der Katheter überworfen.“
„Warum erstattet er keine Anzeige?“
„Er befürchtet, dass die Staatsanwaltschaft die Sache unter den Tisch kehrt. Die Klinik ist ein Wirtschaftsfaktor in der Region. Niemand habe Interesse daran, den Laden ins Gerede zu bringen. Ohne öffentlichen Druck liefe da gar nichts.“
Während Steinhausen sprach, zog Axel die Brauen hoch und zupfte skeptisch an seinem Bärtchen.
„Was für Karten hast du da drin“, fragte ich. „Oder glaubst du ihm die Geschichte und träumst von einer abgefahrenen Enthüllungsnummer?“
„Nun“, meinte Steinhausen gedehnt und blies den Rauch in die Muschel, „er erwähnte nebenbei einen Pharmavertreter, der aus der Schule geplaudert hat und deswegen gefeuert worden ist. Das ist schon seit Jahren mein Thema. Es gibt in der Branche kaum Leute, die gehen und anschließend auspacken.”
Ich lachte auf.
„Deshalb der Umstand? Wieso fragst du ihn nicht einfach nach dem Kontakt?“
Ich erntete ein indigniertes Knurren.
„An der Sache könnte immerhin was dran sein. Dann wären’s zwei Vögel mit einem Stein.“
Steinhausen benutzte gern englische Redewendungen. Er hatte eine Weile in Yorkshire gelebt, irgendwo an der Küste bei Scarborough.
Axel verdrehte die Augen und tippte sich mehrmals gegen die Stirn. Dann wog er die leeren Handflächen, hob resigniert die Schultern und rieb den Daumen am Zeigefinger. Ich nickte, obwohl die Frage müßig war, zumindest was Steinhausen betraf.
Seine Tochter Meike lebte bei der Geschiedenen. Die war Schwäbin, fand als diplomierte Psychologin angeblich keine Arbeit und bestand auf pünktlichem Unterhalt, weil sie außer sich und Meike auch noch Marek durchfütterte, den polnischen Kunststudenten, der ehedem Trennungsgrund gewesen war. Kam ihr Ex-Gatte mal zwei Tage mit der Überweisung in Verzug, fackelte sie nicht lang und ließ sein Gehalt pfänden.
„Winkt da irgendwo ein Honorar?“
„Ich dachte an den Gegenwert meiner Fahrkarte“, sagte er. „Plus ein Grüner für deinen Schweiß.“
Ich hustete hart.
„Das Geld fürs Benzin nehme ich gern, aber dich wollte ich nicht melken. Was ist mit dem Doktor? Du sagtest doch, er fürchtet sich vor deinem angeblichen Kollegen.“
„Versuchs. Keine Ahnung, ob du das in einen Auftrag umsetzen kannst.“
„Wie erreiche ich den Mann?“
Axel schob mir Papier und Stift zu.
Der Chirurg hieß Groth, mit Vornamen Markus. Er wohnte auf der Südseite der Oberelbe, in Bleckede, einer Kleinstadt zwischen Lauenburg und Hitzacker. Ende der Achtziger war ich in dem Ort gewesen. Ich erinnerte mich an ein verträumtes Kaff, umgeben von Marschwiesen, Brachland und Wald, wo buckliges Kopfsteinpflaster vor Fachwerkhäusern döste.
Damals war hier die Welt zu Ende gewesen, wenigstens die westliche Welt. Mitten im Braun des sich träge dahin schleppenden Stroms prallten zwei verfeindete Systeme aufeinander, obwohl man davon wenig spürte, wenn man den Wildgänsen zusah, die über dem Schilfgürtel kreisten und sich einen Dreck um Ideologie scherten. Hübscher Fleck, dachte ich, da müsstest du mal mit Conny hin, Graureiher gucken. Solang sie noch Lust hat, Ausflüge zu machen. Bevor das Kind kommt und sich alles wieder ändert.
„Er ist ab acht zu Hause“, sagte Steinhausen. „Gib mir Bescheid, wenn der Kontakt steht. Und denk dran, vielleicht wird er tatsächlich überwacht.“
„Schon gut.“
Ich nahm die Warnung nicht ernst. Steinhausen hatte eine Abhörmacke. Allein die Lauschcomputer des MAD seien auf achthundert Reizwörter programmiert, erklärte er. Mag sein, sagte ich da bloß. So geniale Algorithmen für ihre Suchprogramme haben die noch nicht. Irgendwer muss die Datenflut schließlich auch auswerten. In diesem Fall allerdings hätte ich seinen Rat besser beherzigt.
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