Das Spiegellabyrinth entstand Anfang bis MItte der 1990iger. Es ist ein Kurzgeschichtenroman in drei Teilen, der die Nachwehen von Krieg und Holocaust behandelt.

Rampe von Birkenau 2005, Foto David Sutherland
Obwohl es eine Reihe enthusiastischer Fürsprecher hat, gelang mir nie, einen Verlag dafür zu begeistern, die Gesamtpublikation zu wagen. Möglicherweise ist das Konvolut tatsächlich zu unverdaulich. Oder die Verleger unterschätzen den Mut der Leser. Ich bin geneigt, Letzteres zu glauben. Wer sich traut, kann also hier ins Labyrinth.
Am Hamburger Stephansplatz, neben dem Dammtor-Bahnhof, nicht weit von der Sammelstelle vor dem Logenhaus, steht ein Steinquader aus dunkelgrauem Muschelkalk, etwa fünf Meter hoch, acht Meter lang und vier Meter breit. Er ist 1936 errichtet und den Toten „76ern“ gewidmet. Die starben bei Langemarck, einem Flecken in Westflandern. Der war im Herbst 1914 wochenlang umkämpft und wurde zum Mythos für jugendliche Opferbereitschaft, nachdem dort Kriegsfreiwillige mit der ersten Strophe des Deutschlandliedes auf den Lippen in feindliches Feuer liefen. Das geschah am 11. November, genau vier Jahre, bevor der Waffenstillstand um elf Uhr elf das Massenschlachten des Weltkriegs vorläufig beendete...
Souvernis gibt das Motto für den ersten Teil der Trilogie vor. Eine Collage, als Einstimmung auf die Gesamtkomposition.
Um kopfüber in Abgründe zu purzeln, muss man nicht unbedingt über exotische Höhen hangeln. Das heimatliche Flachland tut es auch. Woher Andreas und ich diesen Abend kamen, entsinne ich nicht mehr. Wahrscheinlich streunten wir bloß so durch Eppendorf, wie häufiger im Alter von fünfzehn.
Der Mann hockte in der Knauerstrasse, ein Dutzend Schritt neben dem Eingang meiner alten Schule, den Rücken gegen die Mauer gelehnt, die Beine abgespreizt vor dem Rumpf. Stöhnend versuchte er, sich aufzurichten. Als sei er verletzt. Aber er war bloß blau. Zu blau, um noch hochzukommen.
Die Nacht war mild. Wir hätten ihn da liegenlassen können. In unserem Viertel war es nicht Sitte, Betrunkene auszurauben. Trotzdem packten wir ihn und zogen ihn hoch. Damit die Hunde ihn nicht anpissten...
Zwei Jungs stolpern erst über einen Betrunkenen, dann stürzen sie in ein Zeitloch.
Lubliner Altstadt, Eingang zum ehemaligen Ghetto, Foto: David Sutherland
Sonnabendmorgen in Berlin. Ich schiebe mich durch das Gewühl des Wochenmarkts auf dem Karl-August-Platz. Vorfeiertägliches, buntes Treiben. An den Bäumen aalt sich letztes Laub in der Spätherbstsonne, als wäre erst Oktober. Einer der Stände bietet ‘Obst aus den Vierlanden’ an. Untersetzt und drall steht der Händler hinter seinen Kisten. Er trägt einen abgeflachten Bleistift hinterm rechten Ohr und schaufelt Äpfel in Packpapiertüten. Die Ärmel seines Wolltroyers sind hochgeschoben, die Hände von der Morgenkälte noch blau angelaufen. Ein fast heimatlicher Anblick. Ebenso gut könnte er auf dem Altonaer Spritzenplatz stehen. Oder in der Isestrasse, unter dem Hochbahn-Viadukt.
Die Vierlande liegen im Südosten Hamburgs, in der Elbmarsch unterhalb des Bergedorfer Geestrückens. Die vier Dörfer, denen die Gegend den Namen verdankt, Curslack, Kirchwerder, Alten- und Neuengamme, hocken zwischen Obstbäumen und Gewächshäusern, auf fettem, lehmigen Boden, der die Bauern schon vor Jahrhunderten reich gemacht hat. In der Kirche von Curslack protzen Lübische Leuchter zwischen barock bemalten Eichenbalken. Ein Stück weiter zur Elbe hin, beim Anleger in Zollenspieker, macht der Fluss eine Biegung. Das Fährhaus steht direkt hinterm Deichkamm. Sommers kann man hier unter hohen Kastanien faulenzen und Möwen zusehen, wie sie durch das tanzende Licht über dem Strom gleiten. Wenn es nicht diesig ist, reicht der Blick ein Dutzend Kilometer weit in den Süden. Gelegentlich kreisen hier noch Graureiher und Störche. Als Junge habe ich mir Mark Twains Mississippi so vorgestellt.
Ein Stück landeinwärts, am Rand von Neuengamme, wo heute das Gefängnis und der Jugendknast stehen, befand sich früher Hamburgs größtes Konzentrationslager. Die Häftlingsbaracken sind verschwunden, der Bunker und das Krematorium gesprengt. Über der Stelle, wo die SS auf Betreiben der Wehrmacht sowjetische Kriegsgefangene vergaste, wächst Gras...
Die böse Geschichte eines harmlosen Dumme-Jungen-Streichs.
Erinnerungen sind immer auch das Ergebnis von Zensur. Aber ab und zu rächt sich das Gedächtnis. Ein bestimmter Geruch, eine Farbe oder ein Klang lässt die komplizierten Schotten, die unsere Entwürfe von Vergangenem absichern, aus den Fugen geraten. Ungefiltert und roh dringt Verdrängtes ins Jetzt, zerstört die niedlichen Kompositionen, die wir als wahre Abbilder gestriger Wirklichkeit hegen...
Bei einem Zeitzeugeninterview mit einem Überlebenden der Evakuierungstransporte aus Auschwitz begegnet der Interviewer auf einmal seiner eigenen Kindheit.
Die jüdische Akademie in Lublin 2005, Foto: C. Ernst
Neulich fragte mich ein Freund: „Wie viel Zeit willst du mit einem Toten verbringen?“
Gute Frage.
Die einzige Antwort, die mir einfiel: so viel, wie Not tut. Um Abschied zu nehmen, und das, was liegen geblieben ist, zu ordnen. Falls es sich ordnen lässt. Das kann eine halbe Stunde dauern. Oder ein halbes Leben.
In den Notizen, die mein Vater rund fünfzehn Jahre nach seiner Gefangennahme angefertigt hat, steht unter der Überschrift:
„Mein militärisches Gesamtergebnis
5 oder 6 deutsche Angriffe mitgemacht, ferner ca. 2.000 Kilometer Rückzugsgefechte; 2, vielleicht auch 3 mal Mut gezeigt, mindestens 100.000 mal Angst gehabt. Letzter Dienstgrad: Obergefreiter.
Meine Mitbringsel aus dem Krieg
9 Esslöffel (silbern); 12 Teelöffel (18. Jahrhundert); 1 Oberleutnant, englisch, verwundet; 1 Oberleutnant, englisch, gesund; 2 eiserne Kreuze; 7 amerikanische Soldaten, gesund; 1 Handgranatensplitter im Kopf; 2 Wolldecken; 1 Kochgeschirr, amerikanisch.“
Wann der Krieg für ihn vorbei war, weiß ich nicht. Vielleicht kurz vor seinem Tod. Da wirkte er endlich frei.
Er sagte häufiger, jeder Tag ab dem Herbst 1944 sei „ein Geschenk“ gewesen. Danach habe er zwar noch gehungert, zumindest bei den Franzosen, aber sich langsam wieder an die Vorstellung gewöhnen dürfen, den nächsten und übernächsten Morgen zu erleben. Das hatte er in den Jahren davor verlernt. Da sei bloß entscheidend gewesen, ob ein Engel für Bruchteile von Sekunden gerade hin- oder wegsah. Wie bei der verpassten Mitfahrgelegenheit, über die er mir mal eher beiläufig berichtete...
Die groteske Schilderung einer gescheiterten Desertion.
Vor einiger Zeit begleitete ich Corinna zu ihrer Großmutter. Nach Övelgönne. Övelgönne ist eine der Augenweiden zwischen Altona und Blankenese. Ein- bis zweistöckige Backsteinhäuser ducken sich zu Füßen des Geestrückens an den Hang. Davor liegen Gärten und Elbstrand. Wenn man sich die dürftig mit Pappeln camouflierten Raffinerien am Südufer wegdenkt und stromab sieht, kann man den Blick kilometerweit über Wasser und Marsch schweifen lassen. Sonn- wie feiertags führen Hanseaten und solche, die es werden wollen, hier gern ihre zahlreichen Hunde und weniger zahlreichen Kleinkinder aus. Hamburg hat hässlichere Ecken.
Die Großmutter lebte in einer der ersten größeren Villen jenseits der Lotsensiedlung, einem Kasten aus dem letzten Jahrzehnt des Kaiserreichs. Hinter hohen Buchenhecken inmitten eines sauberen, Blumenbeetgeschmückten Gartens. Als wir die Pforte am Wasser öffneten, kam sie uns entgegen. Sie war weit über siebzig, schlank und hielt sich gerade. Das gepflegte, graue Haar war im Nacken geknotet. Bei der Begrüßung fielen mir ihre wohlgeformten Hände auf. Sie erinnerten mich an die Corinnas. Hände mit langen, grazilen Fingern und sanft gewölbten Nagelbetten, die sich gut zum Klavierspielen und Tragen großer Ringe eignen.
Sie rief den braunen Boxer zur Ordnung, der sabbernd mein Hosenbein inspizierte und bat uns hinein. Es gab Kaffee. Der geräumige Salon hatte einen lichten Erker mit drei Fensterfronten. Der Raum dahinter wirkte düster. Dunkle Täfelung, schwere Teppiche, Messingleuchter und Eichenmöbel mit Tischläufern. An den Wänden Gemälde von Schiffen, Hamburgensien und maritime Souvenirs: Seekarten, Ferngläser, Sextanten, Barometer, Glasenuhr...
Beim Teegeplauder verirrt man sich mitunter und landet im Nirgendwo der gestrigen Gegenwart.
Krakau-Podgorze, Hinterhof im früheren Ghetto, 2005, Foto: C. Ernst
Im Bücherregal meiner Mutter steht eine doppelbändige Ausgabe Tucholsky. In Augenhöhe. Schöne Stücke. Leineneinband, solide und benutzerfreundlich. Seit Jahren lacht sie mich an und bettelt darum, eingesteckt zu werden. Zwar unterliegt literarischer Besitz in der Familie einer Mischung aus Faust- und Gewohnheitsrecht, doch das Verschwinden des Tucholsky hätte sofort lästigen zu Nachforschungen geführt. Also beschränkte ich mich auf gieriges Blättern, bis ich mich schließlich durchrang und das Double erwarb. Um endlich das Zucken in den Händen loszuwerden.
Zu Weihnachten besuchte ich meine Mutter in Hamburg. Nichts ahnend deutete ich auf den Tucholsky und bemerkte, dass mir die gleiche Ausgabe vor einer Weile angelacht habe.
„Ach die“, kam es heiter. „Die ist von Irene. Die gehört dir.“
Die Geschichte von einer, die aus Berlin auszog.
Drei Piaster Ballade, statt einer Zigeuneroper
Neulich hatte ich Streit mit meiner Schwester. Streit ist zuviel gesagt. Es war eher eine stimmungstechnische Misshelligkeit. Wir gingen durch die Wilmersdorfer Strasse. Es war Anfang Januar. Die gesichtslose Konsummeile hat auch sommers wenig Charme. Grauer Frosthimmel macht sie nicht reizvoller. Längs der Fußgängerzone zogen sich die tristen Gerippe abgeschalteter Weihnachtsgirlanden. Die Käuferschar hatte abgespeckt. Ihre Portemonnaies litten an Sodbrennen.
Vor dem Eingang zur U-Bahn Ecke Kantstrasse hockte eine Bettlerin. Sie trug ein buntes Kopftuch und einen langen Rock. Eine Rumänin, vermutlich. Auf dem Schoss, in eine Wolldecke geschlagen, hielt sie ein Kind...
Ein Versuch über das Elend der Reichen.
Podgorze, Barockbau am Südwestrand des früheren Ghettos, 2005, Foto: C. Ernst
Sie fiel mir sofort ins Auge. Das lag nicht nur daran, dass man vom Zapfhahn hinter dem Tresen direkt auf den Windfang sah. In einer Kleinstadt fallen Fremde auf. Mit ihrer Baskenmütze und dem alten Mantel erinnerte sie an eine Schönheit aus dem Maquis, die sich um drei Dutzend Jahre und ein paar Hundert Kilometer nach Norden verirrt hatte. Obwohl ihr rodeotaugliches Schuhwerk dazu nicht passte.
Der Auftakt zu einer unmöglichen Liebe.
Vier Jahre nach der Rückkehr aus dem Sudan saß ich mit Karen an einem Teich im Central Park und beobachtete Stockenten. Es war einer der ersten lauen Abende im späten März. Tags darauf wollten wir nach Jacksonville fliegen, an die Nordgrenze von Florida. Um von dort aus die Küste von Georgia nach South Carolina hoch zu radeln. Wir hatten Schlafsäcke gekauft. Nun lagerten wir neben unseren Rädern und picknickten.
Ich kaute gerade an einem Stück Brot herum und genoss die Dämmerung, als er hinter uns auftauchte. Karen stieß einen leisen Warnlaut aus. Ich erhob mich, ging ihm ein paar Schritte entgegen. Er war jung, noch keine zwanzig, vielleicht erst siebzehn. Schwarz. Ein Ghetto-Kid, den Schal ums Kinn geschlungen, seine Mütze halb über die Augen gezogen. Fragte nach einer Zigarette. Ich hielt ihm meinen Tabak hin.
Er schleuderte das Päckchen auf den Boden. Mit der Rechten. Die Linke blieb in der Jackentasche. Ich solle keine Bewegung machen oder er blase mir den Kopf weg. Fast hätte ich laut aufgelacht. Am Nachmittag hatte ich dreihundert Dollar abgehoben. Beinahe alles, was ich besaß...
Schwarz-weiße Anekdoten aus dem Großstadtdschungel.
Als Karen in Frankfurt wohnte, sprach sie der alte, verhutzelte Zigarettenverkäufer am Kiosk eines Tages auf Jiddisch an. Sie habe ihn zunächst gar nicht verstanden. Wie er gesehen habe, dass sie Jüdin sei, fragte sie ihn. Das Hutzelmännchen wog die Hände und lächelte verschmitzt. Sie sei eben so ein schönes Kind.
Woher er käme, wollte Karen wissen. Aus einem Dorf in der Nähe von Boryslaw, bei Lemberg. Ob sie wisse, wo das sei? Ja. Wie es denn hieße? Das Männchen schüttelte traurig den Kopf. Der Name sage keinem mehr etwas. Er sei der einzige von dort, der den Krieg überlebt habe. Da nannte Karen den Namen des Orts, in dem ihr New Yorker Großvater geboren war. Der Alte fing an zu lachen und zu weinen. Er erinnerte Jannek. Es war sein Dorf.
Dies ist eine andere Geschichte. Sie fängt drei Tage vor Karens Abflug nach Israel an, knapp vierzehn Tage vor Ende meines New York Aufenthalts. Wir waren am Riverside Drive verabredet. Gegen drei Uhr nachmittags, im Süden, dort wo der Park beginnt...
Mehr Anekdoten aus dem Großstadtdschungel und die Gegenwart des Gestern im Heute
Berlin erlebt dieser Tage ein Wunder: seine jüdische Renaissance. Zumindest in Feuilletons und Politikermündern. Wunder bleiben selten ohne Folgen. Auch für daran weniger Beteiligte.
Unlängst haute mich auf der Auguststrasse ein bierseliger Frühfünfziger an. Es war gegen Abend und ich unterwegs zu Bekannten. Er verstellte mir leise schwankend den Weg.
„‘Tschuldijen Se. Wissen Se, det sich glei’ da hint’n ma ne jüdische Synargoje befunden hat?“
Seine Augenbrauen tanzten Beifall heischend.
„Is wahr“, legte er zutraulich nach. „Könnse ma jlooben. Det war hia allet ma jüdisch.“
An seiner Rechten baumelte eine halbleere, braune Flasche. Er spreizte den Arm ab, ließ die Flüssigkeit mit einer vagen Kreiselbewegung im Rücken rotieren und stieß halblaut auf. Statt zu fragen, wo hier die nächste christliche Synagoge stand, gönnte ich ihm ein herzhaftes „Prost“.
Er blieb unbeirrt.
„Det weeß ick janz jenau. Ick bin nämlich in Mitte jroß jewor’n.“
Anscheinend suchte er nach einer eleganten Lösung, um ein paar Märker für frischen Treibstoff abzugreifen und improvisierte als Zeitzeuge. Normalerweise vermutlich ein ganz einträgliches Geschäft. In der Tat waren dort, wo er hinzeigte, ungefähr ein Dutzend Jahre vor seiner Geburt mal jüdische Kinder zur Schule gegangen.
„Hia is det ehemalije Scheun’viertel, wo früha ville Juden jelebt haben...“
Bevor er sich ins Zeug legte, bremste ich ihn.
„Wat’n“, nuschelte er enttäuscht. „Biste etwa nich aus’m West’n?“
Für seinen Promillegehalt besaß er noch einen erstaunlich scharfen Blick. Trotz fortgeschrittener Dämmerung...
Heimatkunde in der Fremde - oder aus der Ferne ganz nah

Der Marktplatz von Zamosc. Ungefähr 200 m von der Stelle, wo das Bild aufgenommen ist, steht das Haus, in dem Rosa Luxemburg geboren wurde. Foto: David Sutherland
Mein Großvater, der so lust- wie glücklose Hamburger Kaufmann, handelte mit Stockfisch aus Norwegen. Sommer 1938 setzte sich sein jüngster Sohn aufs Fahrrad und besuchte die Familie des früheren Geschäftspartners in Alesund. Rund vierzig Jahre später erzählte er mir, wie ihn dort damals ein paar gleichaltrige Bengels wegen seiner Jacke aufzogen.
„Das war so ein billiges Stück aus beschissenem Material, das nie richtig saß. Die Norweger trugen alle Tweed. Ich war neidisch. Trotzdem erklärte ich, ich zöge deutsche Textilien vor, weil ich mich darin weit wohler fühle als in englischem Stoff.“
„Und?“
„Der Witz ist, dass ich sofort meine nationalistischen Instinkte mobilisierte. Statt mich zu fragen, warum das Reich so miese Textilien herstellte.“
„Du hattest eben Komplexe. Ist doch harmlos.“
Er zuckte mit dem Mund.
„Sicher. Im Kleinen mögen die ja noch ganz harmlos sein...“
Ich lachte.
„Nun weiß ich wenigstens, warum du ständig in dem Zeugs rum läufst.“
Mein Vater liebte Tweed. Er besaß zwei Jacketts aus schottischer Schurwolle, die er sich in konservativem Schnitt hatte fertigen lassen. Das für offizielle Anlässe unterschied sich von dem anderen bloß dadurch, dass das Wildleder an den Ellenbogen nicht speckig schimmerte. Die Alltagsjacke trug er das ganze Jahr über. Nur sommers bequemte er sich gelegentlich in Leinen. Als ich ihn mal darauf ansprach, nannte er sie „zeitlos aufregend“ und streifte in gespielter Selbstgefälligkeit über den Stoff.
„Arm sein ist teuer. Kein Witz. Die hier spart Geld. Hält Jahrzehnte.“
Ein halbes Leben, bevor er das erste Mal Tweed trug, besaß mein Vater einen Smoking. Den ließ er sich im Frühjahr 1940 von einem jüdischen Schneider nähen, für neunzig Reichsmark. Da war er achtzehn und in Ostpreußen beim Arbeitsdienst.
Das Arbeitsdienstlager lag zwischen Stallupönen und Pillupönen, an der Vorkriegsgrenze zu Polen. Bis Litauen war es ein Dutzend Kilometer. Der Schneider lebte in einem polnischen Ort, dessen Namen mein Vater vergessen hatte. Ich nehme an, es war Kopsodzie. Das liegt knapp zehn Kilometer von Pillupönen und etwas über fünfzehn von Stallupönen entfernt. Es kann auch Wierzbolow oder Wysztyten gewesen sein.
Für eine Anprobe beim Schneider brauchte mein Vater fast einen Tag. Dreieinhalb Stunden zu Fuß hin, vier zurück. Über Moorpfade und Schotterwege, die durch eine sumpfige Birkenbruchlandschaft führten. Begegnete er unterwegs Elchen, die auf dem Reisig unterfütterten Knüppeldamm ästen, dauerte es mitunter auch länger.
Der Schneider war ein Mann um die vierzig, hatte eine Frau und vier kleine Kinder. Die Werkstatt, in der er Kunden empfing, diente zugleich als Wohnraum und Küche. Als er aufgewachsen war, hatte sein Dorf noch zu Russland gehört. Im Ersten Weltkrieg dann war es von Deutschen besetzt gewesen. Die müssen sich gegenüber jüdischen Zivilisten korrekt verhalten haben, anders als die zaristische Obrigkeit vorher. Darauf bezog er sich, als er gegenüber meinem Vater mal feststellte: „Nun wird alles besser. Nun können wir in Frieden leben. Mit den deutschen Herren kommt Recht und Gesetz.“
Mag sein, dass er das nur sagte, um den jungen Deutschen wohl zu stimmen, doch als verpickelten Primaner stelle ich mir meinen Vater wenig respektheischend vor, und so, wie er es mir schilderte, sprach der Mann ganz ernsthaft.
„Nun können wir in Frieden leben. Mit den deutschen Herren kommt Recht und Gesetz.“
Stattdessen kamen die SS-Einsatzgruppen.
Viel Gelegenheit, seinen Smoking auszuführen, hatte mein Vater übrigens nicht. Kurz nach seiner Entlassung vom Arbeitsdienst kam er zum Militär. Der Smoking verbrannte zwei Jahre später, Ende Juli 1943, bei den großen Luftangriffen auf Hamburg.
So etwas wie einen Smoking habe ich nie besessen und die ersten jüdischen Sätze hörte ich nicht in Hamburg, sondern in Jerusalem, als ich bei einem Trödler eine betagte britische Armeejacke erwarb.
Der Trödler war ein hagerer, blasser Mensch mit wässrigen, müden Augen. Er war Ende vierzig und verstand kein Englisch. Also sprach ich Deutsch und er Jiddisch. Das klappte überraschend gut. Sogar mit einem gemeinsamen Lacher.
Nachts in der Wüste, zwei Wochen später, rettete mich diese Jacke aus einer peinlichen Lage. Ich war mit Janet unterwegs. Janet kam aus England. Wir arbeiteten im selben Kibbuz und trampten vom Toten Meer Richtung Jerusalem. An der Weggabelung, wo man uns raus gesetzt hatte, warteten fünf junge Soldaten...
Manche glauben, Gegenstände seien beseelt. Und dass der Geist des Vorbesitzers auf den, der sie nutzt, abfärbt. Ob man es will oder nicht...
Es war ein Freitagnachmittag. In den Gängen vor den Abteilen stapelten sich Menschen und Gepäck. Eben verließ der Zug den Münchner Hauptbahnhof. Die Fahrt sollte knapp vier Stunden dauern. Ich floh in den Speisewagen. Der war ebenso überfüllt. Bis auf einen Platz am Vierertisch vor der Küchenanrichte. Dort saßen drei ältere Männer.
„Bittschön, nehmen’s doch Platz.“ Der, den ich für Ältesten hielt, machte eine einladende Geste. Er war um die Siebzig und sah aus wie ein sizilianischer Pate. Mit Eichenlaub und Hirschhornknöpfen am Revers. Sein verschwitzter, flachsblonder Nachbar nickte beifällig. Der Dritte, ein sehniger Typ mit quittengelbem Trappergesicht, rückte zur Seite. Sie schienen gemeinsam zu reisen.
Als ich die Tasche unter die Sitzbank geschoben und mich gesetzt hatte, spürte ich mein Zwerchfell. In wenigen Stunden sah ich Karen wieder. Ich dachte an die letzte Begegnung, ihre eineinhalb Tage in München, unseren Weg durch den verschneiten englischen Garten, nachdem ich sie von der Bahn abholt hatte und sie noch ein paar Schritte gehen wollte. Wie wir stumm nebeneinander her durch den Schnee gestapft waren, vorbei an Dutzenden blauschwarzer Raben, die uns von nackten Ästen aus beäugten. Bis Karen mich plötzlich küsste. An das anklagende Aufkreischen des Küchentischs, dessen Holzbeine über den Beton schrabten, zwanzig Minuten später, in dem schäbigen, überheizten Kellerloch, wo ich zur Untermiete wohnte. Ihr kehliges Schreien und die Kratzer auf meinem Rücken. Ihre Tränen, und daran, wie wir uns in einem Café in der Ungererstrasse an unseren Tassen festgehalten hatten, auf der Suche nach Worten für uns und das, was mit uns geschah.
Beim Abschied sagte sie, dass sie mich wieder sehen wolle. Und im gleichen Atemzug, dass das nichts ändere. Trotz der letzten dreißig Stunden. Das kam bereits durch das Abteilfenster, Sekunden, bevor die Stimme des Stationsvorstehers aus dem Lautsprecher quäkte und seine Trillerpfeife in ihre Worte schnitt. Dann rief sie mir noch zu, sie müsse ihre Gefühle sortieren. Sie werde schreiben. Einige Tage später kam ihr Brief. Sie wolle nicht in alte Muster zurückfallen. Wir hätten uns genug wehgetan. Sie dürfe ihre mühsam zurück gewonnene Kraft nicht verlieren, habe Angst vor meinen Erwartungen, brauche die Scheidung. Als Voraussetzung, neu auf mich zuzugehen. Nur dann könne sie mich wiedersehen...
In der Bahn treffen die merkwürdigsten Menschen aufeinander. Da kann man manchmal schon richtig was erleben, auch wenn sonst fast gar nichts passiert.
Das Mahnmal von Belzec am Rand des Geländes, auf dem 1942/1943 die Tötungsfabrik befand, in der in etwas über einem halben Jahr 500.000 jüdische Menschen aus Südostpolen ermordet wurden. Foto: David Sutherland
Ecke Goethestrasse und Wilmersdorfer tritt ein kahl geschorener Mittzwanziger von einem Bein aufs andere. Er trägt Doc-Martins und wühlt kauend in einer McDonalds-Tüte. Neben ihm warten Dreijahresfichten, dazu verdonnert, als Weihnachtsbäume die Charlottenburger Wohnzimmer zu erobern. Sie stehen säuberlich aufgereiht, wie eine kleine Baumschule auf Beton. Im Vorübergehen suche ich nach den Jungs, die sie den Käufern nach Hause tragen. Früher gab es dafür je nach Strecke und Gewicht zwei bis vier Mark. Ich zog die kleineren Bäume vor und ging lieber allein. Da mussten die Leute hinterher nicht am Trinkgeld sparen.
Ich mag den Geruch von Fichten, doch jetzt erinnert er mich bloß an klamme Finger und den hamburgernden Händler, der seine räudigen Restposten im Dunkel des Dezemberabends anpreist: „Allens nur erste Ware. Hier: Kerzengrader Wuchs. Schlägt jede Silbertanne. Ächt nachgeworfen.“
Vor Jahren ist mir mal einer begegnet, der auch mit Bäumen handelte. Das war an einem Sonnabend im Winter, in einer Bar in Frankfurt, wo ich Karen treffen wollte. Die arbeitete dort bei einer Theatergruppe. Ich war auf der Durchreise nach Hamburg und besuchte sie übers Wochenende...
Unter anderem eine Geschichte von Schuld und der Unmöglichkeit von Sühne.
Orte atmen Atmosphäre. Sie spiegeln Gegenwart und Vergangenheit. Manche sind Symbole. Andere geben über Bewusstseinszustände Auskunft. Und wieder andere bezeugen, was unterschlagen, beerdigt und weg gelogen werden soll, weil das, was aufbricht, wenn wir den Ort unzensiert für sich sprechen lassen, uns sonst zu erschlagen droht...
Den letzten Text schrieb ich zur Eröffnung einer Ausstellung des Künstlers Heiner Studt, der verschiedene Ansichten der im Krieg zerbombten alten Synagoge in der Hamburger Neustadt auf Fotografien festgehalten und grafisch verfremdet hat.
Falls es je zu einer Buchveröffentlichung des "Spiegellabyrinths" kommt, wäre eines dieser Bilder mein Wunschkandidat für den Schutzumschlag.