Das Geständnis 

Ich war ihm auf Anhieb verfallen. Ein heißes Kribbeln schoß mir über den Nacken. Er wirkte zierlicher als alle, die ich zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Und das waren eine Menge. Seine straffe Taille beschrieb einen weichen, langgezogenen Bogen, bevor sie in einer festen Gerade mündete. Hinreißend griffig. Ich hatte kaum die Nerven, die Hände zu zügeln. Doch der Versuchung, die Finger über den rassigen Leib gleiten zu lassen und mich mit seinen zarten Wölbungen vertraut zu machen, war eine Schaufensterscheibe im Weg...

Das Geständnis umreißt die dramatischen Folgen einer scheinbar harmlosen Leidenschaft und gewährt Einblick in verschwiegene Berliner Milieus.

 Volvo PV 444 ES, Baujahr 1953, Foto: C. Ernst

 

Bucklige Affäre

Alte Autos begeistern mich seit jeher. Optisch und überhaupt. Da ich von Technik jedoch im Zweifelsfall noch weniger verstehe als der Papst von Cunnilingus, alte Verbrennungsmotore ökologisch uncool sind und die meisten Frauen auf Annäherungsversuche ölverschmierter Kerle eher barsch reagieren, blieb meine Leidenschaft lange bloß auf sehnsüchtige Blicke beschränkt...

Alternde Jungs haben zu Autos oft ein ähnliches Verhältnis wie Cowboys zu Pferden, eine Art Erotik, die vielen Frauen rätselhaft bleibt.    


Schloss Charlottenburg, Berlin, 1990, Foto: David Sutherland

 

Bye, bye Caymans

Morgens gegen acht stehe ich am Flughafen Fuhlsbüttel vorm Spiegel, fletsche die Zähne und begutachtete meine Krone. Höllisch teure Keramik, aber gelungen. Der Farbton wirkt echt. Selbst bei Kunstlicht. Mein Betriebskapital. Schlechte Beißer können sich nur noch Putzkräfte leisten, wie der verlotterte, feiste Bursche mit Rasta-Locken und Kompottglasbrille, der gerade einen Eimer Seifenwasser durch die Tür schiebt und penetranten Parfümdunst absondert.

Ein Immobilienberater lebt von seinem Lächeln, besonders, wenn er erst dreißig ist. Da ich in Hamburg arbeite, wo sich heftige Gefühlsäußerungen nicht selten an fros-tigen Echos verkühlen, habe ich mein Lächeln auf artiges Understatement ge-trimmt. So harmoniert es mit der aktiven Langeweile, die mein dunkelblauer Volvo verbreitet. Heute allerdings werde ich etwas mehr als das gut sitzende Grinsen brauchen...

Ein Kurzkrimi, als Hommage an Ed McBain, der in seinen hinreissenden New York-Roman "Downtown" die Vorlage für dieses hanseatische Berlin-Drama lieferte.

 

"Klare Ansage", Krakau Kasimierz 2005, Foto: C. Ernst

 

Literarischer Genius oder der Red Adair Effekt

Dass die Linsen seiner Hornbrille beschlagen waren, störte ihn nicht weiter. Er hielt die Lider halb geschlossen und genoß, wie die Flüssigkeit ihm die Gurgel streichelte. Speckiges, feuchtes Haar hing ihm wirr in die Stirn. Er rückte das Gesäß zurecht und ließ den Blick durch das Ambiente schweifen.

An der Fensterfront zur Straße langweilten sich drei Yuccas, davor parkte Jugendstilstuhlwerk um Marmortischchen. Kandinsky-Abklatsch lachte hinter Glas, Zeitungen zierten die Vorderseite des verspiegelten Tresens. Der Barkeeper stammte aus der Berliner Levante. Ein lockiger Beau, dessen basedowsche Kirschenaugen aussahen, als bade er sie regelmäßig in Belladonna. Er begrüßte alle weibliche Gäste mit Küsschen und tätschelte ihnen dabei versiert den Steiß. Zur Hand ging ihm ein blasser Hänfling von Anfang zwanzig mit wasserstoffblondem Crew-Cut und Tattoo auf der nackten Schulter. Das Publikum war beiderseits von Trend und Zeitgeist: Studies, alternde Punks, Yuppies mit und ohne Lederchic. Zur multikulturellen Abrundung gab es zwei türkische Taxifahrer über einem Backgammonspiel, sowie ein schwarz-weiß-schwules Pärchen.

Kein ‘Deux Magots’, dies Café, aber an einem trübseligen Herbstabend erträglich genug, um sich nach einigen Gläschen Soave daheim noch kurz im Schonraum öffentlicher Anonymität zu entspannen...

Geist und geistige Getränke gehen eine unheilige Allianz ein.

   

Ostberlin 1989, Foto: David Sutherland  
Der Tagestourist

Er hat eine Stunde fürs Filzen am Übergang eingeplant und ist entschieden zu früh dran, nachdem die Grenzer ihn ohne längeres Warten reingelassen haben. So steht er unverhofft zügig auf der zugigen Friedrichstraße, unter der Gedenkplakette für den Deserteur, der hier in den letzten Kriegstagen aufgehängt worden ist, und riecht verbranntes Ölgemisch, das blau aus den Auspuffen hell rotzender Zweitakter quillt...

Ein Ost-West-Drama, Teil einer Kurzgeschichtensammlung, die im Berlin der späten Achtziger angesiedelt ist und die Alltagsgrotesken der Mauerstadt thematisiert.

   

Der Krieger

Ich bin nicht der, für den man mich hält. Viele denken, ich sei nur ein heruntergekommener Sailor, der hier gestrandet ist und unten am Pier herumhängt, aber ich zähle nicht zu dem weißen Menschenmüll, der sonst so in den Häfen der Tropen angetrieben wird. Ich bin Krieger.

Das sage ich ohne jeden Stolz. Mit siebzehn wurde mir die Blutgruppe unter den Oberarm tätowiert. Ich trat in den Ardennen an, bis meine Division vollständig aufgerieben war und ich in Gefangenschaft kam. Die Yankees reichten mich an die Franzosen weiter, zur Zwangsarbeit bei Oran. Dort gab es nur Linsensuppe und Wasser. Dann stellten sie uns vor die Wahl, entweder an der Linsensuppe zu verrecken oder zur Legion gehen. Ich entschied mich für die Legion...

Der Krieger war mein Beitrag zum letzten Projekt der "Tippgemeinschaft", einer literarischen Collage, die sich an Bob Dylans und Jaques Levys Ballade "Black Diamond Bay" anlehnt. Wir komponierten unsere etwas andere Version, nahmen uns jeweils einen oder zwei der Charaktere, erzählten ihre Geschichte und verflochten diese dann miteinander bis zum bittersüßen Ende.

Schloss Charlottenburg, 1990, Foto: David Sutherland

Nachfolgend der Text der Erstveröffentlichung "Desire", 1976

  




Up on the white veranda
She wears a necktie and a Panama hat.
Her passport shows a face
From another time and place
She looks nothin' like that.
And all the remnants of her recent past
Are scattered in the wild wind.
She walks across the marble floor
Where a voice from the gambling room is callin' her to come on in.
She smiles, walks the other way
As the last ship sails and the moon fades away
From Black Diamond Bay.

As the mornin' light breaks open, the Greek comes down
And he asks for a rope and a pen that will write.
"Pardon, monsieur," the desk clerk says,
Carefully removes his fez,
"Am I hearin' you right?"
And as the yellow fog is liftin'
The Greek is quickly headin' for the second floor.
She passes him on the spiral staircase
Thinkin' he's the Soviet Ambassador,
She starts to speak, but he walks away
As the storm clouds rise and the palm branches sway
On Black Diamond Bay.

A soldier sits beneath the fan
Doin' business with a tiny man who sells him a ring.
Lightning strikes, the lights blow out.
The desk clerk wakes and begins to shout,
"Can you see anything?"
Then the Greek appears on the second floor
In his bare feet with a rope around his neck,
While a loser in the gambling room lights up a candle,
Says, "Open up another deck."
But the dealer says, "Attendez-vous, s'il vous plait,''
As the rain beats down and the cranes fly away
From Black Diamond Bay.

The desk clerk heard the woman laugh
As he looked around the aftermath and the soldier got tough.
He tried to grab the woman's hand,
Said, "Here's a ring, it cost a grand."
She said, "That ain't enough."
Then she ran upstairs to pack her bags
While a horse-drawn taxi waited at the curb.
She passed the door that the Greek had locked,
Where a handwritten sign read, "Do Not Disturb."
She knocked upon it anyway
As the sun went down and the music did play
On Black Diamond Bay.

"I've got to talk to someone quick!"
But the Greek said, "Go away," and he kicked the chair to the floor.
He hung there from the chandelier.
She cried, "Help, there's danger near
Please open up the door!"
Then the volcano erupted
And the lava flowed down from the mountain high above.
The soldier and the tiny man were crouched in the corner
Thinking of forbidden love.
But the desk clerk said, "It happens every day,"
As the stars fell down and the fields burned away
On Black Diamond Bay.

As the island slowly sank
The loser finally broke the bank in the gambling room.
The dealer said, "It's too late now.
You can take your money, but I don't know how
You'll spend it in the tomb."
The tiny man bit the soldier's ear
As the floor caved in and the boiler in the basement blew,
While she's out on the balcony, where a stranger tells her,
"My darling, je vous aime beaucoup."
She sheds a tear and then begins to pray
As the fire burns on and the smoke drifts away
From Black Diamond Bay.

I was sittin' home alone one night in L.A.,
Watchin' old Cronkite on the seven o'clock news.
It seems there was an earthquake that
Left nothin' but a Panama hat
And a pair of old Greek shoes.
Didn't seem like much was happenin',
So I turned it off and went to grab another beer.
Seems like every time you turn around
There's another hard-luck story that you're gonna hear
And there's really nothin' anyone can say
And I never did plan to go anyway
To Black Diamond Bay.


Copyright © 1975 Ram's Horn Music