"Jolly Roger" von John Rackham
Diese Homepage zeigt die Symbole der Freibeuterflagge von Calico Jack, einem Helden meiner Kindertage. Calico Jack hieß bürgerlich John Rackham und fuhr als Quartiermeister bei Charles Vane, den er als Kapitän von dessen Brigantine beerbte. Sein Spitzname rührt angeblich von den blau weiß gestreiften Hosen her, die er nie wusch. Sie starrten vor Dreck und galten als kugelsicher.
Calico Jack in zeitgenössischer Darstellung. Rackhams Leichnam wurde unweit von Port Royal auf einer Insel namens "Dead Man's Cay" ausgestellt, als Warnung für andere. Heute heißt dieses Eiland "Rackham's Cay".
Calico Jacks Leistungen als Pirat sind eher bescheiden. Sein Wirken fällt in die Spätphase der karibischen Freibeuterei, als feste Stützpunkte wie Tortuga und Nassau längst der Vergangenheit angehörten und das sündige Port Royal von einem Erdbeben zerstört worden war. Immerhin gelang ihm ein wesentlich größeres spanisches Kriegsschiff aufzubringen, eine Fregatte mit über 300 Mann Besatzung. Rackham schickte sie sämtlich unverletzt in die Boote, bevor er Lunten an die Pulverkammer des geplünderten Orlogs legen ließ.
Abgesehen von dem imposanten Design seines „lustigen Rüdigers“, dem längst schwarz gefärbten „joli rouge“ aus den Zeiten von Morgan oder Lolonois, sind es vor allem Anne Bonny und Mary Read, die für Calico Jacks Ruf bei der Nachwelt sorgten. Die beiden Damen gingen in Männerkleidern an Bord. Sie behielten die Hosen auch gegenüber Rackham an und waren am Ende die einzigen, die kämpften wie Kerle.

Was weibliche Begleitung angeht, hält Calico Jack den urkundlich verbrieften Rekord. Es gab damals kaum Frauen auf Piratenschiffen. Zwar ist darüber spekuliert worden, ob Bartholomew Roberts, der sensible, feinsinnige, Schnaps und „Tabaktrinken“ verabscheuende Kapitän der „Royal Fortune“, der sogar im Gefecht Damast, Atlas, Brokat und Seide trug, nicht in Wirklichkeit eine Frau oder ein Hermaphrodit gewesen ist, doch mit zwei Bräuten im Doppelpack segelte allein Rackham.
Anne Bonny und Mary Read, die zwei Femmes Fatales der Karibik
Mary Read, die ihr Geschlecht angeblich erst offenbarte, nachdem Anne Bonny ihr gegenüber zudringlich geworden war. Das Leben der beiden Frauen, das Daniel Defoe unter dem Pseudonym Kaptän Johnson in seiner "Allgemeinen Geschichte der Piraten" festgehalten hat, war selbst für damalige Verhältnisse fortgeschritten abenteuerlich. Ob Rackhams Name ohne die Zwei bis heute überliefert wäre, ist fraglich.
Auch sein Durst muss außergewöhnlich gewesen sein, was ihm letztlich den Hals brach. Nach dem Sieg über die Fregatte zog er sich im Herbst 1720 mit Resten seiner Crew an die Green Keys zurück, um dort ausgiebig zu feiern. Das Gelage währte eine Woche. Während die Piraten würfelten und tranken, rüsteten ein paar Großfirmen, denen die die Trübung der Handelbeziehungen mit Spanien ein Dorn im Auge war, eine Schaluppe unter Führung des ehemaligen Wogendreschers Barnet aus, die die Piraten stellen sollte.
Im Morgengrauen, als Barnets Slup plötzlich schwarz vor dem aufglühenden Osthimmel stand und wie aus dem Nichts über Calico Jack und seine verkaterte Crew hereinbrach, waren die Männer zu blau, um sich zu wehren. Nur Anne Bonny und Mary Read fochten, was das Zeug hielt.
Die Gefangenen wurden ins abgelegene St. Jago de la Vega verbracht. Nirgends sonst wagte man, sie vor Gericht zu stellen. Die Verhandlung dauerte zwei Tage, Mittwoch und Donnerstag, den 16. und 17. November 1720. Alle, bis auf einen gepressten Segelmacher, wurden zum Tode verurteilt. Bloß Anne Bonny und Mary Read entgingen dem Strick, weil sie „für ihren Bauch plädierten“. Beide waren schwanger. Bevor man Rackham zum Galgen führte, bat er, seine Geliebte Anne noch einmal sehen zu dürfen. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Die letzten Worte, die sie ihm auf den Weg gab, sind überliefert: Es täte ihr leid, ihn so zu sehen, aber hätte er gekämpft wie ein Mann, bräuchte er nicht zu hängen wie ein Hund.

Anne Bonny glorifiziert als männerfressendes Busenwunder. Der Piratin wurde großer erotischer Appetit nachgesagt. Sie soll mit der halben Crew das Lager geteilt haben. Im Gegensatz zu Mary Read, die kurz nach der Gerichtsverhandlung im Gefängnis verstarb, ist über Anne Bonnys weiteres Schicksal nichts bekannt. 1721 verschwand sie. Möglicherweise kaufte ihr wohlhabender Vater, ein Anwalt, sie frei. Einige Quellen dichten ihr auch an, die Identität gewechselt zu haben und ihre Karriere als Bartholomew Roberts in der Karibik und entlang der Küste Westafrikas fortgesetzt zu haben. Doch das ist Mythos.
Calico Jack ist fast ein Nachzügler, einer der letzten Kapitäne, bei denen die Regeln der Bukaniers und Freibeuter noch galten. Die romantisierende Verklärung, die er posthum erfahren hat, dürfte sich in der Realität allerdings weit weniger grandios angefühlt haben.
Piraten waren eine Gemeinschaft von Außenseitern, Verlierern und Verlorenen, die oft unter erbärmlichsten Bedingungen ihr Dasein bestritten. Eines jedoch unterschied sie von ihren Zeitgenossen: Sie wollten ihr ohne fremden Zwang leben, achteten keinen Papst und keine Obrigkeit. An Bord waren alle gleich. Erfolglose Kapitäne konnte jederzeit abgewählt werden. Ehemalige Sklaven genossen dieselben Rechte wie Freie. Hautfarbe und Herkunft spielten keine Rolle. Lange vor Erstürmung der Bastille pflegten diese Männer die Ideale der französischen Revolution, und zwar radikaler (und weit unblutiger) als die Jakobiner. Und noch etwas: Sie wussten, dass ihre Chance alt zu werden eher gering war und lebten für den Augenblick.
Carpe diem war schon vorher eine gute Maxime, und obwohl man sich heute nicht mehr überall außerhalb des Gesetzes begeben muss, wenn man Demokratie üben will, gilt das Credo der Freibeuter noch immer. Für jeden, der schreibt. Immer wieder.
Darum findet sich Rackhams Signet hier. Als Gleichnis, und als Erinnerung daran, wie hoch die Latte liegt.